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The Tangent

The Slow Rust Of Forgotten Machinery

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2017
Besonderheiten/Stil: Canterbury; Jazzrock / Fusion; RetroProg
Label: InsideOut Music
Durchschnittswertung: 12/15 (2 Rezensionen)

Besetzung

Andy Tillison vocals, keyboards, drums
Luke Machin guitar, vocals, producer
Marie-Eve de Gaultier keyboards, vocals
Theo Travis saxes, flutes
Jonas Reingold bass

Gastmusiker

Boff Whalley vocals (5)
Matt Farrow Decks, Beats, Loops (6)

Tracklist

Disc 1
1. Two Rope Swings 6:32
2. Dr. Livingstone (I Presume) 11:58
3. Slow Rust 22:31
4. The Sad Story Of Lead and Astatine 16:00
5. A Few Steps Down The Wrong Road 17:31
6. Basildonxit   (Bonus track) 5:21
Gesamtlaufzeit79:53


Rezensionen


Von: Nik Brückner @ (Rezension 1 von 2)


In den letzten Jahren sind - viel zu - viele große Progheroen für immer von der Bühne gegangen, und offensichtlich können wir froh sein, dass Andy Tillison nicht unter ihnen war. Kaum war das letzte Album "A Spark In The Aether" erschienen, erlitt er einen Herzinfarkt – und offenbar keinen leichten. Er überstand ihn, zum Glück, doch als er nach dem Krankenhausaufenthalt wieder nach Hause kam, war ihm sein Sinn für Musik abhanden gekommen. Weg, einfach weg. Er hörte nicht mal mehr Musik. Dann wurde er gebeten, ein Stück für ein Charity-Projekt zu schreiben. Dieser Bitte wollte er gern nachkommen, und als es gelang, wieder zu komponieren, erwachte auch die Prog-Muse wieder. Nur: worüber schreiben?

Dann stimmte Großbritannien über den Brexit ab. Und Tillison ist bekanntlich ein sehr politischer Mensch. Ein Thema war also gefunden. Doch es ist seltsam: Marillion, Roger Waters, The Tangent – viele haben in den letzten Monaten politische Alben aufgenommen, über die man in England auch entsprechend diskutierte. Hierzulande dagegen freut man sich darüber, dass die Marillion-Stücke jetzt noch länger sind, Waters immer noch so klingt wie zu Zeiten von "The Final Cut", über die Texte wird aber weniger gesprochen. Dabei sind die deutlich prägnanter als die Musik auf diesen Alben. Das ist bei "The Slow Rust Of Forgotten Machinery" zwar nicht so (auch wenn hier und da der seichte Jazz aufscheint, der für The Tangent typisch ist), ich will trotzdem ein wenig stärker auf die Texte eingehen, als ich das normalerweise tue.

Also: Der Brexit war für Tillison ein Stein des Anstoßes. Und für ihn bestand der Schwachsinn nicht einmal primär darin, aus der EU auszutreten (und damit, nebenbei bemerkt, politische Gestaltungskräfte über Jahre hinaus unnötig an ein Riesenwerk zu binden, die man ansonsten für ganz andere Dinge hätte einsetzen können). Immerhin dürfte der Brexit seine doch recht internationale Band ganz konkret betreffen. Der Schwachsinn bestand vielmehr, wie Tillison richtig schreibt, darin, zu glauben, es sei sinnvoll, oder auch nur möglich, ein derart komplexes Thema in eine schlichte Ja/Nein-Frage zu kondensieren. Und er (der Schwachsinn) bestand auf der anderen Seite darin, dass ganz normale Menschen glaubten, in der Lage zu sein, diese Frage beantworten zu können. Ich weiß noch, wie mir vor Jahren mal vor die Frage gestellt wurde, ob in einer Stadt, in der ich nicht mal wohne, ein neuer Bahnhof gebaut werden sollte. Eine unendlich weniger komplexe Frage, vermutlich. Aber kaum hatte ich mich einige Tage lang mit dem südwestdeutschen Verkehrsnetz beschäftigt, und mit dem Gips unterhalb von Stuttgart, war mir klar, dass ich, trotz dem (sic) nicht geringen Bildungsstand, den mir angedeihen zu lassen sich meine Eltern, meine Lehrer und Dozenten den Arsch aufgerissen haben, nicht in der Lage sein würde, auch nur eine halbwegs kompetente Antwort auf diese Frage zu geben. Darüber, über die eigene Kompetenz, sollte man nachdenken, bevor man abstimmt. Oder Abstimmungen fordert.

Tillison bringt das Problem in "Slow Rust" auf den Punkt: Das Problem sei die Wahl zwischen lediglich zwei Optionen: Leave/Stay, links/rechts, Stadt/Land, progressiv/konservativ, like/dislike, Mann/Frau, homo/hetero, Christ/Muslim, Microsoft/Apple, Prog/Nonprog. Und er hat Recht: Die meisten, praktisch alle Dinge im Universum, sind derart kompliziert, dass simple Ja/Nein-Entscheidungen ihnen in absurdem Maße unangemessen sind. Clinton/Trump, Leave/Stay, wir alle haben gesehen, welche Ergebnisse einfache Entscheidungen über komplexe Themen produzieren. Und täglich können wir sehen, dass wir nicht alle die Kompetenz haben, über all diese schwierigen Fragen kompetent entscheiden zu können.

Also: Wenn es stimmt, was man sagt, und wir alle die Politiker, die Diskurse, das Fernsehen, die Künstler, die Musiker kriegen, die wir verdienen - dann sollten wir differenzierte Politiker, gut begründete Meinungen, Qualitätsfernsehen, herausfordernde Kunst, anspruchsvolle Musik einfordern, die den großartigen Fähigkeiten des menschlichen Gehirns gerecht werden, und diese nicht in einem fort beleidigen, indem sie gar so simpel und eingängig sind.

Agit-Prog also, Protestprog, sauer, polemisch, und doch auch konstruktiv und versöhnlich. Löst die Musik dieses anspruchsvolle textliche Programm ein? Weitaus stärker jedenfalls als Marillions Versuch "F*** Everyone And Run (F. E. A. R.)", das zwar textlich ein Protestalbum war, dessen musikalischer Gehalt aber aus lauter edel produzierten Melancho-Balladen bestand, die jeglichen Protest vermissen ließen. Das ließ damals eine seltsame Lücke zwischen Text und Musik klaffen, die selbst der engagierteste Fan nicht wegerklären konnte. Im Gegensatz dazu ist die Musik auf "The Slow Rust Of Forgotten Machinery" geradezu aggressiv!

Für Tangent-Verhältnisse jedenfalls. In "Dr. Livingstone (I Presume)" gibt es sogar hart rockende, schwergewichtige Riffs – so etwas hörte man von dieser Band doch eher selten. Vor allem im Vergleich zu dem über weite Passagen zu leichtgewichtig, zu seicht, zu harmlos geratenen Vorgängeralbum "A Spark in the Aether" ist "The Slow Rust Of Forgotten Machinery" viel rauher, kraftvoller, sperriger, und eben aggressiver – so dass die Musik hier nun eben auch zu den Texten passt. Wie perfekt es gelingen kann, wenn man Text und Musik aufeinander abstimmt, zeigt der Longtrack "A Few Steps Down The Wrong Road": Ein Konzeptwerk in Gestalt einer Jazzrock-Suite, in dem, zwischen Spoken-Word- und Gesangspassagen wechselnd, die Geschichte eines Volkes erzählt wird (übrigens von Chumbawambas Boff Whalley), das auf den falschen Weg geraten ist. Auch das Kernstück "Slow Rust" funktioniert so. Weil es aber weniger hörspielhaft ist als "A Few Steps Down The Wrong Road", ist es musikalisch geschlossener, reagiert nicht auf jeden Szenenwechsel im Text.

Also ein Protestalbum sowohl in textlicher als auch in musikalischer Hinsicht. Ja, es gibt aber natürlich immer noch auch jenen soften Jazz und jene von den Mittsiebziger-Yes inspirierten, wohlklingenden Keyboardpassagen, die wir alle von dieser Band kennen. Schließlich ist das The Tangent, und nicht Andy Tillisons Hardrock-Nebenprojekt. Das Ganze ist aber deutlich spannungsreicher als auf "A Spark in the Aether". Ein Wegdriften, wie noch 2015, unterlief mir beim neuen Album nicht. Es ist beides vorhanden: der Protest, gespeist aus Tillisons Vergangenheit als Punk, und der ihm genauso wichtige versöhnliche Aspekt, gespeist aus Tillisons Vergangenheit als Progfan. Immerhin hat der Mann innerhalb eines Monats sowohl die Sex Pistols als auch Yes live gesehen. Das muss man erstmal zusammenbringen können.

Wenn die Musik den textlichen Gehalt derart deutlich reflektiert, dann ist mit einem recht einheitlichen Album zu rechnen. Genau das ist "The Slow Rust Of Forgotten Machinery" auch. Dazu trägt neben Tillison auch das Ensemble bei, das er diesmal um sich versammelt hat: Morgan Agren ist raus, das Schlagzeug bedient der Chef selbst, neu dabei ist Marie-Eve de Gaultier von Maschine, die Keyboards und Gesang beisteuert. Luke Machine gefällt mir, wieder einmal, hier besser als bei seiner eigenen Band: Seine Soli sind superb, seine Produktion, hier herzinfarktbedingt erstmals nicht von Tillison selbst übrigens auch. Die Band, und Machines Produktion, sorgen für ein stilistisch sehr einheitliches Tangent-Album, das einerseits den Stil der Band perfekt auf den Punkt bringt, und andererseits dem (Haupt-)Thema des Albums gerecht wird. Erst "A Few Steps Down The Wrong Road" ist dann ein Stück, das mit den Erwartungen des Hörer spielt, und am Schluss mit einer überraschenden und erschreckenden Wendung aufwartet. Ich mag nicht zuviel verraten, nur so viel, dass es zeigt, dass man Nazis nicht an der Frisur erkennt, und nicht daran, dass sie "Weltkrieg" und "Holocaust" in ihre Wahlprogramme schreiben. Das haben sie noch nie, das tun sie heute nicht – und man kann sie trotzdem erkennen. The Tangents tolles neues Album kann dabei helfen, den Blick zu schärfen.

Oh, und das Cover wurde von dem bekannten DC/Marvel-Comiczeichner Mark Buckingham ("The Sandman", "Hellblazer") gestaltet – herrje, dazu sag' ich jetzt aber nicht auch noch was….

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 18.8.2017
Letzte Änderung: 18.8.2017
Wertung: 12/15
Engagierter Agit-Prog.

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Von: Marc Colling @ (Rezension 2 von 2)


Andy Tillison ist gesundheitlich wieder fit. Das habe ich live miterleben dürfen in Veruno, wo er als Karmakanic/Tangent aufgetreten ist. Mit all seinen Mitstreitern wie Luke Machin, Jonas Reingold und Theo Travis. Es war der Höhepunkt des Festivals für mich und nicht mal der unablässige Regen konnte daran etwas ändern. Dass er seinen alten Biss wieder gefunden hat, war mir bereits beim ersten anhören dieses Albums klar. Textlich wieder einmal grandios, politisch motiviert und den Spiegel vorhaltend an die Unverbesserlichen dieser Welt. Vor allem die fehlende tiefgehende Kommunikation vermisst er unter den Menschen, bedingt durch eine gefährliche Vereinfachung von komplexen Themen wie Brexit oder Krieg und Flüchtlinge durch soziale Medien und einfältige Politiker. Indirekt greift er seine eigenen Politiker an, die den einfachen Bürgern auf der Straße die Verantwortung über England und Europa einfach in einer simplistischen Ja/Nein-Frage überlassen.

Doch auch musikalisch trifft er wieder nach seinem eher einfacher gehaltenen Album „A Spark in the Aether“. Das gar nicht mal schlecht war, doch vom Aufbau her doch wesentlich unkomplizierter als das restliche Schaffen von Tillison. Hier vereint er wieder all seine alten Qualitäten von Canterbury über jazzige Passagen und sogar einige metallische Riffs die von Luke Machin beigesteuert werden. Machin produzierte auch erstmals ein Werk von The Tangent, was man an einigen härteren Stellen merkt. Dazu auch mal weibliche Vocals von Marie-Eve de Gaultier, ebenfalls bei Maschine wie Luke, die dem Album einen positiven Anstrich geben. Wobei Tillison zu keinem Moment den Zeigefinger erhebt wie andere Künstler mit (manchmal nur erhofften) politischen Veränderungen wie U2 oder eben Marillion auf ihrem letzten Album. Da hat Nik schon Recht. Tillison bemitleidet sich nicht selbst in Melancholie, sondern geht zornig nach vorne. Mit Wut im Bauch, und das hört man seiner kraftvollen und lebendigen Musik an.

Das Album ist stringent und überzeugt in jedem Moment durch seine Komplexität und dennoch guten Hörbarkeit. Dass die alten Recken wie Reingold, Tillison und Travis neben einem Jungspund wie Luke Machin zu Höchstform auflaufen und ihr bestes Werk, egal in welchem ihrer Bandprojekte, abliefern ist für die Progwelt ein gutes Zeichen.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 22.9.2017
Letzte Änderung: 22.9.2017
Wertung: 12/15
obwohl bester Prog besticht das Album durch einen fabelhaften „Flow“, da gibt es keinen Bruch. Das ist bei guten Progalben nicht immer der Fall

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von The Tangent

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
2003 The Music That Died Alone 10.80 5
2004 ii: The World That We Drive Through 9.14 8
2005 ii(.v) :pyramids and stars. an official live bootleg from aschaffenburg colos-saal 3/11/04 7.67 3
2006 A Place In The Queue 11.25 7
2007 Going Off On One 11.00 2
2008 Not as good as the Book 10.75 4
2009 Down And Out In Paris And London 10.00 2
2010 A Place On The Shelf 12.00 1
2011 Going Off On Two 11.00 2
2011 COMM 10.00 1
2013 Le Sacre Du Travail 13.00 1
2013 L'Étagère Du Travail 10.00 2
2015 A Spark In The Aether - The Music That Died Alone - Volume Two 10.33 3

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