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Monophonist

Über die Freiheit der praktischen Unvernunft

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2018
Besonderheiten/Stil: Independent / Alternative; Jazz; Jazzrock / Fusion; Mathrock; Moderne Electronica; RIO / Avant
Label: Artist Station Records
Durchschnittswertung: 12/15 (1 Rezension)

Besetzung

Thomas Sauerborn Schlagzeug, Gesang
Kenn Hartwig Bass, Kontrabass
Daniel Hölscher Gitarre
Jonathan Jonophon Gesang, Saxofon, Synthesizer

Tracklist

Disc 1
1. [Vorstellung] 0:59
2. Hauptstrom 3:09
3. Der Preis der Freiheit 4:56
4. Geronticus Eremita 3:16
5. [Was genau soll daran übertrieben sein?] 1:16
6. Der Grenzstein ist kein schöner Anblick 4:19
7. Des Trebers Abschied 3:28
8. Abriss 2:49
9. [Das hast Du leider falsch verstanden, mein Freund] 1:04
10. Freischuss 4:04
11. Schiffsrumpf 3:45
12. [Nettigkeit] 1:58
13. Brian Grover 4:01
14. Hand 5:59
15. Spar Dir Dein Lächeln 4:41
Gesamtlaufzeit49:44


Rezensionen


Von: Gunnar Claußen @


Der diesjährige "Film des Sommers", ein regelrechter "Hype" (Quelle: Meine Schwester), soll der Streifen "303" des Österreichers Hans Weingartner gewesen sein. Ich habe mir dieses Werk angesehen und bin, gelinde gesagt, ernüchtert. Abgesehen von der überaus banalen, total abgeschmackten Handlung - zwei Studenten fahren aus melodramatischen Motiven in einem Wohnmobil auf die iberische Halbinsel und finden sich dabei kitschigerweise selber und natürlich auch gegenseitig - umgab den Inhalt vor allem ein gewisser Ungeist: Die beiden Protagonisten kloppen sich Diskurse um das Wesen des Menschen und seines Zusammenlebens um die Ohren, das aber mitnichten aus Interesse an der Sache, sondern vor allem aus Selbstvergewisserung bzw. -stilisierung und Rechthaberei. Dazu passen viele weitere Ungereimtheiten in der Gestaltung und Anlage dieser Figuren ebenso wie die schale musikalische Untermalung mit Singer-Songwriter-Pop, aber genug davon, das hier soll ja keine Filmkritik werden.

Stattdessen geht es um "Über die Freiheit der praktischen Unvernunft", das derzeit erschienene Drittwerk und Zweitalbum der Kölner Monophonist. Was das nun mit "303" zu tun hat? Vielleicht doch eine ganze Menge: Denn dessen Texte treffen ziemlich genau ins Schwarze und wirken wie das, was in "303" eigentlich zu sagen gewesen wäre, hätte es sich dabei um einen ernstlichen Versuch, mit der Gegenwart (und auch der Situation von Menschen am Anfang der karrieristischen Verwertungskette) abrechnen zu wollen gehandelt statt um eine Feelgood-Romanze. Die zentrale Aussage hierzu findet sich in "Der Preis der Freiheit": "Es sind", so heißt es da, "die Menschen und nicht das System", aber die "große Theorie", offenbar die vom wölfischen, entmenschten Kapitalismus, sei nun einmal bequemer als das Eingeständnis, selber etwas, zumal an sich selbst, ändern zu müssen. Sowas schneidet doch ganz schön tief ins Fleisch dieses selbstgerechten, "weltgewandten" Hedonismus der Auslandserfahrung-Generation, dem "303" wiederum eben genau entspricht.

So, nun aber endlich zur Musik, denn hier haben sich Monophonist dankenswerterweise ebenfalls weiterentwickelt. Die ganz krassen Ausfälle in Richtung Elektronik und Jazz, die es auf dem Debüt "Bilanz 2010" noch zuhauf zu hören gab, wurden an den Rand geschoben. Stattdessen präsentiert man sich nach "Personalunion" nochmals etwas zugänglicher und verquickt in griffigen Nummern wie "Brian Grover", "Hand", "Der Grenzstein ist kein schöner Anblick" (...aber er bleibt stehen) oder "Schiffsrumpf" geradlinigen Alternative-Rock mit Einflüssen aus Rockabilly, Crimso-Riffs und gediegener Voivod-Psychedelik, wobei hier aber trotzdem noch oft genug Widerhaken in die Strophenmelodien geschlagen werden, Bridge und Refrain die Musik jeweils ungleich hysterischer inszenieren (so wird der Refrain des ansonsten melancholisch-schweren "Schiffsrumpf" beispielsweise Latin-artig rhythmisiert, und "Brian Grover" freakt an dieser Stelle jeweils völlig aus) und somit weiterhin Platz für die genannten Einschübe ist. Der Clou ist dabei aber, dass diese gegensätzlichen Komponenten bei Monophonist mittlerweile wie selbstverständlich ineinander greifen - eine homgene Heterogenität, oder umgekehrt.

Zudem sind die anderen Nummern ja noch krasser ausgefallen. Bereits "Hauptstrom" stellt den aggressiven Gesang in der Strophe neben Chanson-artige Mehrstimmigkeit im Refrain, "Der Preis der Freiheit" kombiniert ein Krummtakt-Thema auf Bass, Saxofon und Synthesizer neben TripHop-Sounds, eine jazzige Stimmung und einzelne geradlinige Zeilen im Refrain, und "Geronticus Eremita" erinnert mit Bebop-artigem Krummtakt-Riff (der Jazz-Terminus, nicht der aus dem Rock) auf dem Saxofon, krawalliger Sprunghaftigkeit und zugleich weiteren Crimso-Einsprengseln auch an Franko-RIO à la Chromb! oder Theusz Amstrad. Später wiederum erweitert etwa "Des Trebers Abschied", ansonsten zappeliger Mathrock, das klangliche Spektrum um Rockabilly, "Freischuss" verblüfft wieder mit Slide- oder Floyd-Rose-Spielereien, einem über das Saxofon aufgezogenes Riff (diesmal wieder im Rocksinn), mehrstimmigem Gesang, und "Abriss" nimmt, ganz seinem Namen entsprechend, zwischenzeitlich richtig Tempo auf, nur um zwischendrin mit absoluten Ruhepausen zu verwundern.

In dieser Hinsicht treffen Monophonist also auch klanglich den Nerv: Der Schockeffekt, auf den damals "Bilanz 2010" bauen konnte, hat sich abgenutzt, und das weiß das Quartett aus der Domstadt auch. Stattdessen agiert man nun eben abgeklärter und überlegter, wobei die gewonnene Routine natürlich mehr als nur hilfreich ist. Die schon angesprochenen Texte formuliert man dabei aber umso schärfer und mit raffinierteren Sprachbildern, sodass unterm Strich vom aufgeschlossenen Hörer das annähernd gleiche Denk-Pensum verlangt wird. Was bleibt, ist somit ein von Anfang bis Ende vollgestopftes und forderndes Album, das den geneigten Interessenten zum Ende dieses Sommers, der pünktlich zum Beginn des Septembers schon keiner mehr ist, daran erinnert, dass die Welt nicht so einfach, aber auch nicht unmöglich zu erklären ist. Und man sich bei allem Lamento erst mal an die eigene Nase fassen sollte.

Anspieltipp(s): Brian Grover, Geronticus Eremita, Der Preis der Freiheit [!]
Vergleichbar mit: als würde man "Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück" vertonen
Veröffentlicht am: 8.9.2018
Letzte Änderung: 8.9.2018
Wertung: 12/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Monophonist

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
2012 Bilanz 2010 10.00 3
2014 Personalunion 11.00 1

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