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Günter Schickert

Überfällig

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 1980 (CD-Reissue 1998, MI Records / Green Tree Records; Neuausgabe 2012, Bureau B)
Besonderheiten/Stil: Elektronische Musik; Krautrock
Label: Sky Records
Durchschnittswertung: 11/15 (2 Rezensionen)

Besetzung

Günter Schickert Gitarren, Stimme

Gastmusiker

Charles M. Heuer Schlagwerk, Stimme

Tracklist

Disc 1
1. Puls 14:39
2. In der Zeit 5:10
3. Apricot Brandy II 11:50
4. Wanderer 9:53
Gesamtlaufzeit41:32


Rezensionen


Von: Achim Breiling @ (Rezension 1 von 2)


Wenn man sich Cover und Titel der zweiten LP von Günter Schickert betrachtet, könnte man - auch wegen des Erscheinungsjahres - vermuten, dass es auf "Überfällig" irgendwelchen Deutschrock zu hören gibt. Mit dieser Einschätzung würde man allerdings ziemlich daneben liegen. Es gibt hier zwar einige Texte auf Deutsch, doch hallen diese meist gesprochenen Einlagen eher unauffällig im Hintergrund herum. Im Vordergrund steht krautig-elektronische Musik, die fest in der Tradition der Berliner Schule verwurzelt ist.

Schickert stammt aus dem Umfeld von Klaus Schulze, für den er Mitte der 70er als Roadie und Tontechniker tätig war. Schon vorher (1973) hatte er das Trio GAM (nach den Anfangsbuchstaben der Vornamen der drei Mitglieder: Günter Schickert, Axel Struck und Michael Aleska) gegründet, von dem aber erst posthum einige Aufnahmen auf Tonträger erschienen sind. 1974 nahm Schickert sein erstes, bis dato nicht auf CD erschienenes Album "Samtvogel" auf, mit dem er seinen auch auf "Überfällig" zu findenden Stil definierte. Auf beiden Alben ist eine Art von kosmisch-elektronischer Gitarrenmusik zu finden, in der Schickert unzählige E-Gitarrenlinien übereinander schichtet und diese als Grundlage für weitere, gedehnte, jaulende und hallende Gitarrenausflüge verwendet. Das Ganze erinnert an die "Echogitarrenmusik" der frühen Soloalben von Achim Reichel ("Echo", 1972), an Manuel Göttschings Gitarrensoloalbum "Inventions for electric guitar" oder gelegentlich auch an die gitarrenlastigeren Stücke von Heldon.

Im Vergleich zum ganz im Alleingang eingespielten "Samtvogel" ist die Musik auf "Überfällig" etwas härter und kerniger ausgefallen, fast maschinell ("Puls"), obwohl es auch einige sehr entspannte Tongemälde gibt ("In der Zeit", der Anfang von "Apricot Brandy II"). Zu den repetetiv dahinwabernden und fließenden Gitarrenklängen kommen zudem verschiedenste Tonbandeinspielungen (Wasserplätschern, Kinderstimmen, Meeresrauschen, Vogelgezwitscher etc.), das vorantreibende Schlagzeug von Charles M. Heuer und die oben schon erwähnten Vokaleinlagen. Dieselben sind meist mit viel Hall und Echo versehene Textrezitationen, bzw. eher unauffälliger Sprechgesang (in "In der Zeit"), die geschickt in das hallende, auf- und abschwellende Klanggefüge eingebunden sind.

"Überfällig" ist ein tolles Album mit sehr intensiver und abwechslungsreicher Musik, die auf gelungene Weise das Erbe der deutschen Krautelektroniker ins neue Jahrzehnt hinübertransportiert. Dazu kommt eine sehr druckvolle und glasklare Produktion. Wer die weiter oben aufgeführten Musiker und Gruppen schätzt, der sollte nicht ohne dieses Album sein!

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 4.6.2006
Letzte Änderung: 29.9.2008
Wertung: 11/15

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Von: Jochen Rindfrey @ (Rezension 2 von 2)


Ein faszinierendes Album, das elektronisch klingt, ohne dass elektronische Instrumente verwendet wurden. Ähnlich wie Achim Reichel auf seiner Grünen Reise schichtet Günter Schickert zahlreiche Gitarrenspuren übereinander, meist in Form repetitiver Patterns. Dazu kommen, quasi als melodischer Überbau, weitere Gitarrenlinien, die mittels Effektbearbeitung langgezogene Klangschleifen bilden, die maßgeblich für den elektronischen Charakter der Musik verantwortlich sind. Ergänzt wird das Ganze noch um etwas Schlagzeug, ein paar Umgebungsgeräusche sowie hin und wieder gesprochenen Text. Besonders gelungen ist das einleitende Puls, das sich aus einem einfachen rhythmischen Pattern entwickelt, über das nach und nach weitere Schichten gelegt werden, bis sich ein dynamisch vorwärts treibendes Geflecht aus Rhythmen entwickelt, das von sägenden und jaulenden Melodiefragmenten gekrönt wird. Stark, und sicher eine Inspiration für manche heutige Postrock-Band!

Danach geht es ruhiger zur Sache, und während mir das akustisch gezupfte In der Zeit etwas zu schlicht geraten ist, knüpfen die beiden folgenden Stücke wieder an die Technik von Puls, zeigen sich aber eher von meditativem Charakter. Etwas kurios wirkt der - ebenfalls gelegentlich verfremdete - gesprochene Text, der oft klingt, als sei er unter Einfluss bewusstseinsverändernder Substanzen entstanden, und der wohl schon damals wie aus einer anderen Zeit anmutete. Ansonsten ist dies ein zeitloses Album, dass wieder einmal den Einfluss des Krautrock auf spätere musikalische Entwicklungen zeigt.

Überfällig wurde Mitte 2012 von Bureau B auf CD und LP sowie als Download neu veröffentlicht. Bonustitel sind zwar keine enthalten, dafür kommt die CD im schmucken Digipak mit den Original-Linernotes sowie einem erläuternden Text von Asmus Tietchens. Besitzern der LP-Ausgabe bietet sich die Möglichkeit, den Rat Günter Schickerts zu befolgen und "für besonderen Hörgenuss" die Geschwindigkeitsfeinregulierung des Plattenspielers zu benutzen (sofern heutige Geräte das erlauben).

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 2.7.2012
Letzte Änderung: 2.7.2012
Wertung: 11/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Günter Schickert

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1975 Samtvogel 12.00 1
1995 Somnambul 10.00 1

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