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Close to the Edge. How Yes's Masterpiece defined Prog Rock (20.11.2017)
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24094 Rezensionen zu 16465 Alben von 6401 Bands.
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Glass Hammer

IF

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2010
Besonderheiten/Stil: RetroProg
Label: Arion Records
Durchschnittswertung: 8.33/15 (6 Rezensionen)

Besetzung

Fred Schendel keyboards, steel guitar, mandolin, backing vocals
Steve Babb bass, keyboards, backing vocals
Jon Davison lead vocals
Alan Shikoh guitar

Gastmusiker

Randall Williams drums

Tracklist

Disc 1
1. Beyond, within 11:44
2. Behold, the ziddle 9:11
3. Grace the skies 4:29
4. At last we are 6:46
5. If the stars 10:25
6. If the sun 24:02
Gesamtlaufzeit66:37


Rezensionen


Von: Henning Mangold @ (Rezension 1 von 6)


Wenn ich jetzt wüsste, dass da wirklich Jon Anderson singt, dann wäre diese Rezension der reinste Enthüllungs-Journalismus. Aber was weiß denn schon ich? Außerdem klingt dieser Jon deutlich jünger, als es der prominentere Jon inzwischen ist.

Okay, die Story der Reihe nach: In Progfan-Kreisen wird ja gern gemeckert, wenn mehrere aufeinander folgende Alben einer Band ziemlich ähnlich klingen, wenn also der Eindruck entsteht, eine Band liefere uns das Gleiche gleich mehrfach. Bei Glass Hammer dürfte das nicht das Problem sein, denn mögen sich auch ein paar ihrer Alben ähneln, so haben sie uns doch schon so oft überrascht, dass man ihnen gerade nicht vorwerfen kann, sie setzten uns das gleiche Album immer wieder vor. Trotzdem wird auch über Glass Hammer gemeckert. Aber warum nur?

Ich muss es ja wissen, denn auch ich gehöre hier zu den berüchtigten Meckerern, soweit es diese Band betrifft. Aber warum nur? - Weil ich finde, sie sind nur sie selbst, wenn sie sich wiederholen (was gleichzeitig blöd ist). Und weil ich finde, sie überzeugen nicht im Geringsten, wenn sie Neues probieren (was nun aber auch wieder blöd ist). Denn welcher Folk-Fan hört schon das Mittelerde-Album von Glass Hammer, zum Beispiel? Und welcher Rock-Fan hört schon "Three Cheers for the Broken-Hearted", ebenfalls zum Beispiel? Und hören Fans von Alan Parsons etwa "Perelandra"? Etwa die Richtung wäre es ja. Oder stehen Wakeman-Fans auf das "Inconsolable Secret"? - Passt auch von der Richtung her.

Mit dem neuen Album "IF" überraschen uns Glass Hammer ein weiteres Mal auf eine Bauchschmerz erzeugende Weise. Diesmal wollen sie für ihre Prog-Fans alles richtig machen, nachdem ihr Schlicht-Rock-Album "Three Cheers for the Broken-Hearted" weitgehend durchgefallen ist. Und was machen sie? - Nehmen ein Yes-Album auf, noch bevor Yes ihr neues fertig haben. Das soll ihnen mal einer nachmachen! Das haben ja nicht mal Mystery geschafft, obwohl sie den Jon-Anderson-Imitator Benoit David haben.

Aber Jon ist eben noch überzeugender als Benoit! Deshalb heißt vielleicht der neue Sänger der Lead Vocals bei Glass Hammer auch Jon, nämlich Jon Davison. Und der Nachname "Davison" könnte uns doch irgendwie an "David" erinnern? Daher meine naive Anfangs-Vermutung, dass hier womöglich Jon Anderson singt, und zwar der echte. Immerhin war dieser auf "Culture of Ascent" bei Glass Hammer wirklich aufgetreten, wenn auch etwas im Hintergrund, aber immerhin: man kennt sich.

Aber nein, gleichzeitig bin ich auch wieder sicher, er ist es nicht. Wie gesagt, der neue klingt deutlich jünger. Und der Prog heutigen Tages bringt ja bekanntermaßen immer wieder so täuschend ähnliche Klon-Sänger hervor, dass man sich über nichts mehr wundern sollte.

Wundern muss ich mich allerdings trotzdem, wenn ich mir anhöre, wie Glass Hammer - vom Gesang ganz abgesehen - ihr Verständnis des Yes-Stils interpretieren. Und dann dieser kurze griffige Titel: Was heißt hier überhaupt "IF"? - 'IF we only were Yes'? Ich komme beim Hören nicht umhin, immer wieder mal an Starcastle zu denken, die auch eine amerikanische Yes-Klon-Band sind, aber ihre Absicht deutlich besser umsetzen als Glass Hammer. Das liegt m.E. vor allem am Songwriting und der Gefahr, sich darin zu verzetteln, wenn es noch so viele andere Elemente gibt, die bedacht werden wollen. So bemühen sich Glass Hammer redlich - und ähnlich wie Yes - ihre Instrumente gleichrangig einzusetzen, und sie spielen ebenfalls mit dem Kontrast aus Phasen harmonischer Symphonik und solchen aus spielerisch widerstreitender Kakophonie - aber mit so dünn-dürftigem melodischem Unterbau, dass gerade die gewollten Kontraste nicht entstehen können, weil ihnen jede nötige kompositorische Grundausstattung dafür fehlt. Wo Yes noch Kaskaden haben fallen lassen, erzeugen Glass Hammer nur unverbindliches Plätschern auf der Ebene: alles klingt wie alles andere, nirgendwo entsteht ein Spannungsbogen, der einen Track in ungeahnte Kanäle fließen ließe. Da kann mich auch der übliche Longtrack zum Schluss auf nichts mehr neugierig machen, denn ob das Immergleiche nun als Massiv-Block daherkommt oder zerhackt in vermeintliche Songs - es duldet an seiner Oberfläche keinerlei Tiefen, die sich auftun könnten. Ein paar Aufhorcher finden sich noch im Opener "Beyond, within", der zum Ende die für Yes so typischen hymnischen Passagen leicht nachmacht und den Hörer halbwegs geschickt in diese Gefilde führt. Oder "Behold, the ziddle", ein längerer Song, der die kantigeren Seiten des Prog hervorbrechen lässt - das kann man sich noch mit Interesse anhören, ebenfalls den Schluss von "If the stars", wenn die Gitarre in einem Howe-typischen Klangbogen den Song harmonisch enden lässt (man könnte da an den Schluss von "And you and I" oder "Turn of the Century" denken).

Der Rest hingegen ist für meinen Geschmack ein halbgarer Keyboard-Bombast-Brei, der gut gemeint sein mag, aber im Unterschied zu seinen Vorbildern keine Atmosphäre aufkommen lässt. Somit ist das Album aber leider auch wieder typisch Glass Hammer, deren Musik schon oft etwas oberflächlich geraten war - wenn das Vorbild auch nicht immer Yes geheißen hat.

Trotzdem kann ich nicht behaupten, dass ich das Album niemandem empfehlen kann: wer als Yes-Fan alles sammelt, was mit Yes zu tun hat - sei es personell oder stilistisch - für den ist "IF" fast schon ein Muss. Ebenfalls für den Proggy, der immer wieder gern über die neuesten Ideen von Glass Hammer schmunzelt (in die Kategorie falle ich). Aber wer sogar vom Prog unserer Tage erwartet, dass von der Musik etwas hängen bleibt, der sollte sich dieses Album nicht ohne vorherige peinliche Prüfung zumuten.

Anspieltipp(s): Ziemlich egal, alles ähnelt sich hier ungemein…
Vergleichbar mit: Yes, Starcastle (und sonst nicht viel mehr)
Veröffentlicht am: 27.9.2010
Letzte Änderung: 22.3.2012
Wertung: 6/15
Nur wegen der schwachen Komposition: Gegen die Qualität der Produktion lässt sich diesmal gar nichts sagen: wer die Quietsche-Keyboards prinzipiell erträgt, bekommt sie hier in perfektem Klangbild geboten.

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 2 von 6)


Hahaha! Großartig! Das ist wirklich klasse! Leute, dieses Album müsst Ihr kennen! Seit dem ersten Rutles-Album und "Sounds like Christmas" von den December People habe ich mich nicht mehr so köstlich beim Musikhören amüsiert! Glass Hammer mögen nicht die Herren des Longtracks sein, dazu gleich mehr, aber auf "IF" sind derart viele typische Yes-Charakteristika zu hören, dass man aus dem Grinsen nicht mehr herauskommt. Es ist, als wäre die "Tales"-Besetzung wieder auferstanden, um Neoprog zu spielen!

Jon Davison ist der beste Jon Anderson, den ich kenne, besser als Benoit David und, blasphemisch, ich weiß, besser als Jon Anderson selbst. Der Mann atmet ja an einigen Stellen sogar genauso wie sein Vorbild! Die Band hat Davison zudem an einigen Stellen Gesangslinien auf den Leib komponiert, die derart echt klingen, - da hat schon jemand genau notiert, welches Andersons Lieblingsintervalle sind. Außerdem trägt er höchst exaltiert den gleichen Schmus vor, den auch Anderson einem immer wieder von Yes-Alben heruntererzählt. Und das geht so weit, dass er auch vor einigen "Hep Yadda"s nicht zurückschreckt. Herrlich!

Das Album hat natürlich auch so seine Schwächen. Es genügt eben nicht, den Rickenbacker auszupacken, sich eine Gibson ES175 umzuschnallen, das Birotron einzuschalten und schlecht Schlagzeug zu spielen, um wie Yes zu klingen: Zum Beispiel war Yes niemals eine Band, die derartig im Keyboardguss festgeklebt hätte wie das gesamte "IF"-Album - und Glass Hammer an sich. Selbst der gelegentliche Hörer weiß, wie sehr bei Yes die Gitarre im Vordergrund steht. Hier ist sie teilweise über Minuten gar nicht zu hören – das hätte ein Steve Howe niemals auf sich sitzen lassen! Was den Stil angeht vermisst man in Schendels Spiel die Howe-typischen Country-Einflüsse; am ehesten blitzen sie noch auf "If the stars" durch. Beim Keyboard das Gleiche: auch das ist nicht gerade eins zu eins beim Vorbild kopiert. Und? Ist das schlimm?

Das Hauptproblem besteht darin, was mein Vorredner so treffend auf den Punkt formuliert hat wie ich es noch nie irgendwo gelesen habe; es ist das Grundproblem sämtlicher Yes-Klone: "weil ihnen jede nötige kompositorische Grundausstattung dafür fehlt". So ist es, und es ist darüber hinaus ein Problem, das auch für Legionen anderer Retro- und Neoprogbands ins Feld geführt werden kann. Wo wir grad bei Wakeman waren: Yes-Fans wissen, dass man es immer gemerkt hat, wenn Rick Wakeman mit von der Partie war. Ich spreche hier nicht von den quietschigen Sounds oder dem garantiert bluenotefreien Spiel, ich meine die Songstrukturen. Es lässt sich argumentieren, dass die Songs auf "Fragile", "Close to the Edge", "Going for the One" und "ABWH" besser gebaut sind als die meisten anderen auf Alben, an denen Wakeman nicht beteiligt war (ich spreche hier nicht von den Popsongs). Das liegt an seiner klassischen Ausbildung und daran, dass die Strukturierung der Songs in erster Linie seine Aufgabe war. Wakeman wusste (und weiß hoffentlich immer noch), wie man Material mehrfach einsetzt, es variiert, neu interpretiert, und er weiß, wie man einem Song einen Spannungsbogen verleiht, der, wenn es sein muss, auch über 20 Minuten hinweg trägt. Das ist etwas, das keine einzige angebliche Yes-Klonband kann, weder Moth Vellum noch Starcastle (die machten das von allen am schlechtesten), und auch Glass Hammer können das nicht. Dabei kann kaum etwas einem Song so viel Seele einhauchen wie ein gelungener Spannungsbogen, der die Geschichte eines Songs zu tragen in der Lage ist. Das fehlt hier und das macht die Songs auf "IF" so eintönig. So gesehen, ist "My new World" von Transatlantic der beste Yes-Klon, den ich kenne – auch wenn er überhaupt nicht nach Yes klingt. Aber das nur nebenbei.

Nun könnte man einwenden, dass "IF" vielleicht gar nicht nach "Fragile", "Close to the Edge", "Going for the One" und "ABWH" klingen sollte. Tatsächlich gibt es hier viele Charakteristika, die eher an späte Yes-Alben wie "Keys", "The Ladder" oder "Magnification" denken lassen, lauter Alben, an denen Rick Wakeman nicht oder nur ganz am Rande beteiligt war. Aber der "Tales"-Sound hier spricht nun einmal Bände: Hier wird die Kuh eines anderen gemolken, und zwar eine ganz bestimmte.

Soll man Glass Hammer nun wirklich vorwerfen, dass sie nicht genug nach Yes klingen? Dass sie es allenfalls an der Oberfläche tun? Aber was ist schon eine Band wert, die die Musik einer anderen Band macht? Also die Eigenständigkeit hervorheben? Bei einer solchen Platte? Das kann man nicht ernsthaft wollen. Letztlich kann ich nur das wiederholen, was ich oben schon gesagt habe: dass "IF", dieser äußerst kompetente und hochinteressante Yes-Klon, der beste ist, den ich kenne und ich einen Heidenspaß beim Hören habe. Aber wie gesagt: Was ist schon eine Band wert, die die Musik einer anderen macht...?

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit: "Tales from Topographic Oceans" von Yes, klanglich, aber vor allem mit anderen Glass-Hammer-Alben. Ob "IF" besser ist als das nächste Yes-Album, wird sich zeigen.
Veröffentlicht am: 29.9.2010
Letzte Änderung: 29.9.2010
Wertung: 7/15
Hol's Dir, Ralf!

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Von: Thomas Kohlruß (Rezension 3 von 6)


Ja, die lieben Kollegen, da vergessen sie glatt den Gitarristen bei der Besetzung zu erwähnen und das der Schlagzeuger eigentlich gar nicht zur Band gehört? kann man ihnen dann sonst glauben? Aber hallo! Voll und ganz!

"IF" ist natürlich irgendwie peinlich und "IF" ist tatsächlich das yessigste Album, welches nicht von Yes eingespielt wurde (nun, die aktuelle Yes-Cover-Band wird unter Regie von Trevor Horn allerdings im Herbst nachlegen). Schon das Cover ist je nach Betrachtungsweise ein unglaublicher Kitsch-Unfall oder eine geschickte Science Fiction-Ausgabe klassischer Roger Dean-Motive. Nun gut, Glass Hammer hatten schon immer einen Yes-Touch im Sound, aber hier ist es natürlich auf die Spitze getrieben. Den größten Fehler den Glass Hammer bei "IF" machen, ist vermutlich der Fakt, dass der Gitarrist immer wieder im Mix verschwindet, so dass diese Chance hier auch noch charakteristisch nach Yes zu klingen, glatt verschwendet wird (gut, vielleicht wurde der arme Mann auch deshalb bei der Besetzung zunächst vergessen). Und natürlich hat keiner der bisherigen Yes-Keyboarder derartig plastiline und quietschige Klänge verwendet, wie Fred Schendel das teilweise hier tut. Dafür steht Steve Babbs rumpelndes und drückendes Bass-Spiel auf der Haben-Seite. Die Kompositionen reihen sich für mein Dafürhalten im vorderen Drittel der Retroprog-Fraktion ein. Klassiker werden das nicht, aber gutes Futter für den Sympho-Fan mit Hang zu gelegentlichen Instrumentalgewittern bieten sie allemal (natürlich immer verpackt in den Glass Hammer'schen Wohlklang).

Wie auch immer, die Kollegen haben Recht, man fragt sich, was durchaus talentierte Musiker dazu treibt, sich derart an ein Vorbild anzulehnen, dass sie nahezu darin verschwinden. Keine Ahnung, muss der gleiche Antrieb wie bei The Watch sein. Glass Hammer haben sich wahrscheinlich, nach dem eher grusligen Versuch moderne Rockmusik zu machen, (das Vorgänger-Werk) gedacht, jetzt geben wir unseren Fans eben wieder die volle Kante und machen yes-lastigen Sympho-Prog bis zum Abwinken, was uns schon immer lobende Worte einbrachte (auf diversen Prog-Seiten kann man sehen, dass ausgerechnet "Shadowlands" das Album mit den besten Durchschnittswertungen ist).

Der Clou ist: Mir macht das Album richtig Spaß. Und nicht nur im Sinne von "sich gut amüsieren und Tränen lachen", ne, ich finde es richtig gut. Und ich würde mich tatsächlich Henning anschließen: Wer nicht allzu klon-avers ist und wer yes-lastige Musik in allen Schattierungen mag, der soll hier ruhig zuschlagen.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit: Yes?
Veröffentlicht am: 29.9.2010
Letzte Änderung: 10.5.2013
Wertung: 9/15
...wobei die Wertung eigentlich obsolet ist, hier gibt es nur lieben oder hassen...

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Von: Jörg Schumann @ (Rezension 4 von 6)


Mag sein, dass Glass Hammer wirklich das kompositorische Rüstzeug fehlt, um der Musik einen soliden Unterbau zu verpassen. Dass sie nicht wissen, wie man einen tragenden Spannungsbogen errichtet. Das möchte ich nicht beurteilen, da mir dazu selbst der musiktheoretische Unterbau fehlt. Aber wahrscheinlich können das im Progkosmos sowieso nicht viele von sich behaupten. Und wenn man sich, wie Schendel und Babb, stilistisch so nahe an ein Vorbild anlehnt, dann steht man natürlich ziemlich im Durchzug, wenn man dem unvermeidlichen Vergleich nicht ganz standhalten kann. Mich erstaunt dann allerdings, dass Henning Alben wie Children, Spektrum oder The Masquerade Overture so viel besser findet. Ich weiß, das sind keine Yes-Klons und ich mag die Bands bzw. Alben auch, aber eine Yes`sche Kompositionstiefe erreichen die auch nicht. Ein Roine Stolt kriegts ja in My New World auch hin (interessanter Vergleich, Nik). Muss die Frage erlaubt sein, ob es diese Kompositionstiefe denn überhaupt braucht? Egal. Wir sind ja hier nun bei Glass Hammer und ihrem neuesten Output.

Was ich bisher an Glass Hammer Alben geschätzt habe war, dass sie eben nicht nur nach Yes klangen, sondern auch eine Messerspitze ELP und eine Prise Genesis enthielten. Diese Zutaten wurden wohldosiert unter einen mittlerweile recht eigenständigen GH-Fond gezogen und handwerklich überzeugend dargeboten. Mit Culture of Ascent begann der Cocktail dann etwas einseitig und fade zu werden. Auf IF nun huldigen Glass Hammer voll und ganz einer Band. Ganz nach dem Motto: "Sag Ja zu YES" wird nicht nur ein Sänger ans Mikrophon geholt, der Jon Anderson sehr nahe kommt, sondern werden auch die Kompositionen noch mehr auf Yes getrimmt als zuletzt.

Mir gefällt die Musik auf IF besser als das meiste, was Yes in den letzten 20 Jahren gemacht hat. Es gefällt mir auch besser als der ziemlich geschmacksarme Porridge von "Culture of Ascent", den ich ziemlich eintönig fand. Aber Shadowlands und auch The Inconsolable Secret sind für mich doch eine Spur interessanter. Unterdessen macht sich bei mir aber auch ein gewisser Abnutzungseffekt bemerkbar, weshalb ich mit meiner Notengebung etwas tiefer liege als bei Letzterem. Vielleicht sollten die Herren jetzt mal im Stile von King Crimson oder Gentle Giant musizieren. Yes haben sie langsam ausgelutscht.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 1.3.2011
Letzte Änderung: 1.3.2011
Wertung: 8/15

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Von: Horst Straske @ (Rezension 5 von 6)


Glass Hammer haben es auf "If" wieder einmal vortrefflich vollbracht, das Verlangen nach einer schon längst abgeschlossenen musikalischen Epoche zu befriedigen. Der von einer tiefen Sehnsucht nach der artrockigen Glückseligkeit in der ersten Hälfte der 70er Jahre erfüllte Hörer wird bereits mit dem symphonisch-verspielten Opener "Beyond, Within" seine wahre Freude haben und in einer längst vergangenen Ära schwelgen. Wer das altersbedingt nicht bewusst miterleben konnte, wird denken, dass damals die Wände eines jeden Jugendzimmers Roger Dean-Cover geziert haben, ehe bei den diversen persönlichen Befragungen von Zeitzeugen Smokie, Suzi Quatro und Sweet als die wahren Helden der Jugend angegeben werden. In einem Anflug von Ernüchterung wird beim Ansehen der freitäglichen RTL-Nostalgie-Chartshows offenkundig, was die Jugend damals musikalisch wirklich so bewegt hat. In einem Anflug von Verwunderung erinnert man sich, doch gelesen zu haben, in welch großen Hallen Yes & Co. damals auch in Deutschland gespielt hatten, irgendwie war aber niemand dabei, den man so kennt. Seltsam, vielleicht war das Rhein-Main-Gebiet so etwas wie ein progfreier Raum in den 70er Jahren. Oder haben die positiven Glücksmomente beim eng umschlungenen Tanz mit der ersten Jugendliebe zu Smokie & Co. und die ersten dabei ausgetauschten Zärtlichkeiten die Erinnerung an den kopflastig-intellektuellen Kunstrock gar ausgelöscht? Sind die LPs, die man so für ein paar Euro auf diversen Flohmärkten ergattern kann, etwa die Platten der Leute, die gleich nach dem ersten Schäferstündchen einen Bausparvertrag abgeschlossen haben und beim örtlichen Standesamt das Aufgebot bestellt haben? Verschwanden die Platten dann im Keller der Eltern zwischen Freddy Quinn und Marschmusik? Das sind also vermutlich die ergrauten Herren, die heutzutage auf der Kirmes im Rahmen diverser Oldies-Abende mit ihrer Gattin so richtig abrocken!

Glass Hammer schwelgen auf "If" derart leidenschaftlich im Kielwasser von Yes als großes Flaggschiff des klassischen Progrocks, so dass man fast denken könnte, diese Stilrichtung wäre damals eine Massenbewegung im Sinne des zeitgleichen Glamrocks gewesen. Die Harmonien sind von einer sanftmütigen Eleganz erfüllt und erwecken im schöngeistigen Wohlklang eine nostalgische Wehmut, die in einschmeichelnden Melodien wie im Titel "At Last We Are" von einer symphonischen Euphorie erfüllt ist. "If The Stars" lässt sanfte Mellotronklänge mit ebensolchen Gesangslinien vor sich hin schmachten und Gitarrist Alan Shikoh bedient sich in den flirrenden Saiteneinsätzen fast noch deutlicher bei dem großen Vorbild Steve Howe als es sein Mitstreiter Jon Davison mit seinem glockenhellen Engelsgesang bei seinem Namensvetter Anderson tut.

Es können sicherlich schon ein wenig an den Haaren herbeigezogene Vermutungen darüber aufgestellt werden, wie sich die großen Vorbilder seinerzeit wohl weiterentwickelt hätten, wenn sie auf einem ebensolchen Schönklang gesetzt hätten wie ihre amerikanischen Nachahmer. Hat nicht "Tales From Topographic Oceans" womöglich viele damalige junge Fans in seiner vertrackten Komplexität nicht schon irgendwie wieder dazu bewogen, sich von diesen alle Aufmerksamkeit fordernden Klängen abzuwenden, um dann letztendlich doch den coolen und groovenden Glamrock zu hören? Mit "Sound Chaser" hat man wohl auch damals schon die Partygäste vergrault. Glass Hammer verdeutlichen dem Fan der symphonischen Rockmusik, dass man auch ohne die innovative Komplexität des großen Vorbildes genau wie dieses klingen kann und sich stattdessen in einem breitflächigen Wohlfühlsound weiden kann, den Yes zu keinem Zeitpunkt geboten haben. Diese Softversion eines großen Vorbildes kulminiert im abschließenden Longtrack "If The Sun" in wundervollen Melodien und ornamentreichen Soundtupfern, ohne dabei auch nur ansatzweise in mainstreamige Gefilde abzudriften. Das ist eine große Kunst! Auf diese Weise entwickelt der Sound von Glass Hammer trotz aller unüberhörbaren Inspiration ein elegant-schwelgendes Eigenleben.

Als Fazit wäre festzustellen, dass der Prog-Guru und gelegentliche BBS-Kollege Charly Heidenreich wohl der einzige Zeitzeuge ist, der damals zu "Gates Of Delirium" das Tanzbein geschwungen hat bzw. dies noch offen zugibt. Wüssten dies Glass Hammer, könnten sie demnächst trotz aller positiven Worte ruhig ein wenig an Komplexität zulegen.

Anspieltipp(s): Beyond, Within; If The Sun
Vergleichbar mit: einem eigenständigen Yes-Klon
Veröffentlicht am: 23.12.2011
Letzte Änderung: 23.12.2011
Wertung: 11/15

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Von: Marc Colling @ (Rezension 6 von 6)


Um Glass Hammer auf dieser Scheibe zu mögen, muss man vor allen Dingen mal Keyboards mögen. Gitarre ist bei weitem nicht so oft vertreten wie bei den oft zitierten Yes. Sie verschwindet oft im Hintergrund, was den Keys noch mehr Volumen verleiht. Dann muss man auch den Progstil der 70'er mögen. Längere Tracks mit vielen Soli, einigen immer wiederkehrenden Motiven, viel Text. Dazwischen auch mal kürzere Songs, die meist aber nicht besonders auffallen.

Musiker braucht man natürlich auch. Im Studio klingen mit den heutigen Mitteln alle Musiker technisch gut. Da kann man viele Unzulänglichkeiten verstecken und die Bewertung derselben bleibt schwer. Bleiben noch die kompositorischen Fähigkeiten, die ja in den anderen Rezis schon mehrfach erwähnt wurden. Ich erlaube mir da kein Urteil, da ich kein Musiker bin. Mir gefällt eine CD oder nicht. Das war aber bereits bei meinen früheren Idolen in den 70'ern so. Auch Yes haben in dieser Zeit mal Müll aufgenommen, wenn auch seltener als in späteren Jahrzehnten. Ich gebe Kollege Horst da Recht. Vieles wird im Abstand zur Zeit etwas verklärt dargestellt und übertrieben. So kenne auch ich nicht viele Leute die in den 70'ern Großkonzerte von Yes oder Genesis oder Pink Floyd gesehen hätte (außer mir selbst). Dafür aber jede Menge Leute die Barclay James Harvest oder Manfred Mann's Earthband sahen.

Was mir an dieser CD gefällt ist der unglaublich gute Gesang von Jon Davison. Anderson-Klon hin oder her, der Mann ist einfach Klasse. Dazu kommt das legendäre Bassspiel von Steve Babb. Da krieg ich Gänsehaut. Mit dem etwas schwächeren GRACE THE SKIES und dem langsamen und bedächtigen AT LAST WE ARE sind nur 2 kürzere Songs auf dem Album. Bereits der Opener BEYOND, WITHIN knackt fast die 12-Minutengrenze und bietet puren Prog, den ich gerne mal live erleben möchte (vielleicht Ende August in Veruno).

Höhepunkt des Albums ist aber der 24-Minüter IF THE SUN. Hier zeigen uns Glass Hammer, dass man tolle Melodien schreiben kann die nicht leichtgewichtig sein müssen. Und sie beherrschen auch die Kunst der Taktwechsel, der Harmoniewechsel und der richtigen Instrumentierung. Vor allem das oft verwendete Mellotron weckt Erinnerungen.

Klon-averse Hörer bleiben lieber weg, alle anderen hören das beste Album von Yes seit 25 Jahren.

Sicher nicht das beste Werk der Band, aber keinesfalls zu unterschätzen.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 31.1.2017
Letzte Änderung: 31.1.2017
Wertung: 9/15
YES we can

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Glass Hammer

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1993 Journey of the Dunadan 5.00 2
1995 Perelandra 7.67 3
1997 Live And Revived 5.50 2
1998 On To Evermore - The Story Of Ariana And The Sculptor 8.33 3
2000 Chronometree 12.00 4
2001 The Middle Earth Album - 3
2002 Lex Rex 11.67 3
2004 Lex Live (DVD) 7.00 1
2004 Live at NEARfest 11.75 4
2004 Shadowlands 9.75 4
2005 The Inconsolable Secret 8.50 4
2006 Live At Belmont (DVD) 7.00 2
2007 The Compilations 1996 - 2004 10.50 2
2007 Culture of Ascent 8.80 5
2008 Live At The Tivoli (DVD) 8.00 1
2009 Three Cheers For The Broken Hearted 4.00 2
2011 Cor Cordium 7.67 3
2012 Perilous 10.50 2
2014 Ode To Echo 11.00 2
2015 The Breaking Of The World 11.50 2
2015 Double Live 10.00 1
2016 Valkyrie 10.50 2
2017 Untold Tales 12.00 1

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