SUCHE
Erweiterte Suche
NEUE REZENSIONEN
22.9.2017
Violent Attitude If Noticed - Ourselves and Otherwise
The Tangent - The Slow Rust Of Forgotten Machinery
21.9.2017
7C - Compartment C
The Great Discord - The Rabbit Hole
White Moth Black Butterfly - Atone
20.9.2017
Panther & C. - Il Giusto Equilibrio
19.9.2017
Mastermind - Until Eternity
Hällas - Hällas
Pere Ubu - The Pere Ubu Moon Unit
Arabs in Aspic - Victim of Your Father´s Agony
17.9.2017
VagusNerve - Lo Pan
Guerilla Toss - Gay Disco
Igorrr - Hallelujah
Zanov - Moebius 256 301
Zelinka - Zelinka
Arabs in Aspic - Syndenes Magi
16.9.2017
Papir - V
Filter-Kaffee - 100
ARCHIV
STATISTIK
23877 Rezensionen zu 16315 Alben von 6338 Bands.
SITE MAP
STARTSEITE

Steven Wilson

Grace For Drowning

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2011
Besonderheiten/Stil: Independent / Alternative; Postrock; RetroProg
Label: kscope
Durchschnittswertung: 11.67/15 (6 Rezensionen)

Besetzung

Steven Wilson vocals, guitars, keyboards, autoharp, bass guitars, gong, piano, harmonium, percussion

Gastmusiker

Theo Travis soprano sax, flute, clarinet
Ben Castle clarinet
Tony Levin bass guitar
Nick Beggs stick, bass guitar
Nic France drums
Pat Mastelotto acoustic and electric drums
Markus Reuter guitar
Trey Gunn guitar, bass guitar
London Session Orchestra strings
Steve Hackett guitars
Synergy Vocals choir
Dave Stewart string and choir arrangement
Mike Outram guitar
Sand Snowman acoustic guitar
Dave Kerzner sound design
Jordan Rudess piano

Tracklist

Disc 1
1. Grace For Drowning 2:05
2. Sectarian 7:41
3. Deform To Form A Star 7:50
4. No Part Of Me 5:44
5. Postcard 4:27
6. Raider Prelude 2:23
7. Remainder The Black Dog 9:27
Gesamtlaufzeit39:37
Disc 2
1. Belle De Jour 2:59
2. Index 4:48
3. Track One 4:15
4. Raider II 23:21
5. Like Dust I Have Cleared From My Eye 8:01
Gesamtlaufzeit43:24


Rezensionen


Von: Markus Peltner @ (Rezension 1 von 6)


"Grace for drowning" bezeichnet Steven Wilson als sein bisher "größtes Projekt". Und weiter schreibt er auf seiner Homepage: "Das Album "Insurgentes" war ein wichtiger Schritt für mich, hin zu etwas Neuem. Diese Platte nimmt dies als Ausgangspunkt, aber sie ist experimenteller und vielseitiger. Für mich war die goldene Periode der Musik die späten Sechziger und frühen Siebziger, als das Album die wichtigste, künstlerische Ausdrucksmöglichkeit wurde, als sich die Musiker vom 3-Minuten-Popsong-Format befreiten und begannen Jazz und klassische Musik einfließen zu lassen, um diese mit dem psychedelischen Spirit zu kombinieren und eine Soundreise zu kreieren. Ohne retro zu sein, ist mein Album eine Art Hommage an diesen Geist. Es gibt alles, von Ennio-Morricone-artiger Filmmusik über Chöre, Piano Balladen, bis hin zu einem 23 minütigen, vom progressiven Jazz inspiriertem Stück. Tatsächlich habe ich dieses Mal mit ein paar Jazzmusikern zusammengearbeitet, die Idee dazu stammt von meiner Arbeit an den Remixen der King-Crimson-Alben."

Nun, bei solchen Aussagen steigt der Puls eines Prog-Fans ganz automatisch. Die Frage ist nun, ob diese Ankündigung auch der Veröffentlichung standhält.

CD1 wird eröffnet mit dem Titelstück "Grace for drowning". Der Track ist eine ganz ruhige und mit 2:06 Minuten Länge auch sehr kurze Nummer. Vorgetragen wird der Song durch Jordan Rudess am Piano, hauchzart ergänzt durch Wilsons Keyboardspiel. Ansonsten bleibt zu erwähnen, dass Steven Wilson für den Lalala- und Leileilei-Gesangspart vierzig Gesangsspuren übereinander gelegt und so eine Art Chorgesang kreiert hat. Nicht schlecht, aber auch nichts Besonderes.

Die zweite Nummer, "Sectarian", ist nun deutlich "lauter", abwechslungsreicher und mit knapp siebeneinhalb Minuten auch sehr viel länger als der erste Track. Und bei diesem Stück erreichen wir auch gleich Proggefilde, die zum Teil jazzig angehaucht sind. Schräge Riffs und Keyboardläufe sind da zu hören, genauso wie bombastische Abschnitte und ein Mittelteil, der fast schon an eine Jazzimprovisation erinnert. Das Instrumentalstück fängt langsam mit der Akustikgitarre an, um dann immer mehr an Fahrt aufzunehmen. Und immer wieder gibt es überraschende Tempo- und Rhythmuswechsel. Mich erinnert dieses Lied in Ansätzen an die King-Crimson-Veröffentlichungen Mitte der 70er Jahre - ohne diese zu kopieren.

"Deform to form a star" heißt die dritte Nummer auf CD1. Dieses Lied ist wieder deutlich ruhiger als sein Vorgänger ausgefallen und sehr melodiös. Das Lied klingt wie ein Porcupine-Tree-Song, der von seiner Stimmung und Machart her auch gut auf "Lightbulb Sun" gepasst hätte. Ein richtig schönes Stück Musik.

Elektronisch wird es dann zunächst bei "No part of me". Das Grundthema wird laufend wiederholt und nur die Begleitung variiert ein wenig, bis Steven Wilson dann bei 1:40 mit dem Gesang einsetzt. Schließlich wird das Stück sogar richtig orchestral, wenn die Streicher sich dazugesellen. Aber noch eine weitere Steigerung wartet auf den Zuhörer. Bei 3:20 wird es schließlich richtig rockig. Klasse hier auch das Saxophon, welches den Sound und die Stimmung perfekt abrundet.

Mit "Postcard" beweist Steven Wilson dann einmal mehr, dass er einfach ein Gespür für wunderschöne Melodien hat, die er im Laufe eines Liedes sich auch noch weiterentwickeln lässt. Ein ganz tolles, melancholisches Stück ist diese Nummer, die mit Streichern und Chor perfekt instrumentiert wurde. Ein Lied zum Tagträumen!

Es folgt "Raider prelude", ein kurzer, sehr düsterer und ruhiger Track, der hauptsächlich von seiner Chororchestrierung lebt und damit Stimmung schafft. Aufgeteilt nach Männern und Frauen, werden hier die "Ooohs" tieftraurig und schwebend in die Welt hinausgehaucht. Mich erinnert diese Nummer immer wieder ein klein wenig an "Warszawa" von David Bowie.

Das letzte Stück auf CD1 - "Remainder the black dog" - konnte man sich bereits seit längerem auf diversen Videoportalen und auch auf der Homepage Steven Wilsons anhören, beziehungsweise ansehen. Diese Nummer geht schon alleine durch den etwas schrägen Pianolauf sofort ins Ohr und wirkt zunächst erneut ziemlich düster bis dunkel. Der Keyboardlauf nach etwa einem Drittel des Tracks erinnert wieder an die frühen 70er Jahre. Und wenn dann das Saxophon einsetzt, sind Vergleiche mit King Crimson erneut gar nicht mehr so abwegig. "Remainder the black dog" lebt von seiner Abwechslung, denn in dem Stück hört man Heavy-Metal-Gitarren neben leisen Pianoabschnitten, neben wiederum sphärisch schwebenden Passagen - und alles passt klasse zusammen.

CD2 wird durch "Belle de jour" eröffnet. Und wenn Steven Wilson im Interview von Filmmusik à la Ennio Morricone spricht, dann hat er bei dieser Aussage bestimmt diesen Song im Kopf gehabt. Und wirklich, bei diesem Stück kann man sich wahrlich eine traurige oder sentimentale Szene in einem Western vorstellen, die durch diese Musik unterstrichen und noch intensiver wird.

Es folgt "Index". Ein Stück, welches zunächst sehr leise beginnt - so flüstert Steven Wilson fast schon seinen Gesangspart. Eine wunderbare Spannung wird bei diesem Lied aufgebaut, die schließlich in einen orchestralen Part mit Streichern mündet. Klasse hier auch die Hintergrundgeräusche, die an das Knarren der Takelage eines Segelschiffes erinnern. Auch der Gesang selbst trägt bei diesem Stück zur Abwechslung bei, da man ihn zum Teil klar und rein, jedoch auch verzerrt hören kann.

"Track One" konnte man sich ebenfalls bereits seit einiger Zeit samt Video im Internet anhören beziehungsweise ansehen. Ganz zart und zerbrechlich kommt dieses Stück zunächst daher, von der Stimmung am ehesten mit den beiden Porcupine Tree Songs "Heartattack in a layby" Und "How is your life today?" zu vergleichen. Aber schon kurze Zeit, nachdem man in dieses melancholische Klanggebilde eingetaucht ist, folgt ein ganz und gar verstörender Teil, der einen aus jedem Tagtraum herausreißt. Schließlich klingt das Lied in einem Duett aus akustischer und elektrischer Gitarre langsam aus. Ein richtig guter Song.

Und dann kommt es, "Raider II", das mit 23 Minuten und 21 Sekunden mit Abstand längste Stück auf dieser Doppel-CD. Es beginnt ganz langsam und ruhig mit Klarinette und Piano, die beide mehr einzelne Töne, als eine zusammenhängende Melodie spielen. Schließlich setzt Wilsons zerbrechlich wirkender Gesang ein und unterstreicht die sentimentale Stimmung. Bei 2:50 explodiert der Song dann aber mit schweren Gitarren, Schlagzeug und Chorgesang. Es folgt ein Part mit einem schrägen Querflötensolo, der dann wieder von einem leiseren Teil abgelöst wird. Das ganze Stück wirkt hier sehr verspielt, fast schon improvisiert bis es schließlich wieder in einen sehr melodiösen Teil übergeht. Die Nummer lebt im weiteren Verlauf von den Gegensätzen "laut und leise", "schräg und melodiös" und wird dabei nie langweilig. Zur Mitte wird das Stück dann sphärisch und schwebend und entwickelt sich schließlich, bis zum fast schon bombastischen Finale weiter, ehe es leise und erneut sphärisch ausklingt.

"Like dust I have cleared from my eye" heißt schließlich das letzte Stück auf dem Album. Ein ruhiges Lied, mit einer tragenden Gesangsmelodie, welches zur Mitte hin fast schon bluesig wird. Nach etwas über vier Minuten ist dann allerdings Schluss und das Stück wird über die nächsten vier Minuten sphärisch ausgeblendet. Wenn es auf dieser CD ein Stück gibt, was nicht so recht zünden und begeistern kann, dann am ehesten dieses hier.

Fazit: Ein sehr, sehr abwechslungsreiches Album hat Herr Wilson hier vorgelegt, welches mich persönlich sehr viel mehr packt, als der Vorgänger "Insurgentes". Wunderschöne Melodien und schräge Parts wechseln sich hier ständig ab und bringen immer wieder Abwechslung. Die CD weiß sehr gut zu unterhalten und es befinden sich, bis auf die letzte Nummer, keine Ausreißer nach unten auf dem Album. Für mich ein ganz klarer Kauftipp.

Anspieltipp(s): Deform to form a star, No part of me, Postcard, Remainder the black dog, Track One, Raider II
Vergleichbar mit: Teilweise mit Porcupine Tree, einzelne Stellen erinnern mich an King Crimson
Veröffentlicht am: 6.10.2011
Letzte Änderung: 3.3.2012
Wertung: 12/15
Viel Abwechslung in vielen tollen Songs

Zum Seitenanfang

Von: Thomas Kohlruß (Rezension 2 von 6)


Da steht er im Licht der aufgehenden Sonne und fiebert einem neuen Tag entgegen. Oder ist es der Sonnenuntergang und Steven Wilson genießt die einsetzende Entspannung nach einem gelungenen Tagwerk? Das Cover von "Grace for Drowning" stimmt jedenfalls gut auf das folgende vielschichtige Werk ein.

Steven Wilsons zweites Solowerk hat mich von Anfang an ganz anders gepackt, wie seinerzeit der erste Versuch "Insurgentes". "Grace for Drowning" ist ein gewaltiges Werk, selbst für die Verhältnisse eines ziemlich genialen Workaholics, der sich in vielen musikalischen Ecken bewegt, geworden. Nur dies in Worte zu fassen, ist nicht wirklich leicht, denn das Album ist weder besonders zugänglich, noch gar anbiedernd und schon gar nicht wird der Hörer mit offenen Armen empfangen. Vor dem Genuss ist gewissermaßen die Mitarbeit des Hörers, sich bewusst mit der Musik auseinander zu setzen erforderlich. Aber sowas hat ja eigentlich noch nie geschadet.

"Grace for Drowning" ist retro und modern zu gleich. Steven Wilson hat sicherlich die Arbeit mit den King Crimson-Remasters als Inspiration tief in sich aufgesogen. Auch die Erkenntnis, dass Jazzer formidable Rockmusik spielen können, hat sein Klanguniversum erweitert. All dies fließt nun in "Grace for Drowning" ein, aber eben auch die Persönlichkeit des Steven Wilson selbst. Hier steht das Mellotron neben sanften elektronischen Effekten, kratzige Gitarre neben perlendem Piano, düstere Abgründe neben lichten Höhen, Porcupine Tree, no-man, Blackfield verbinden sich mit King Crimson und Filmmusik.

So entstehen lyrische Momente, brachiale Ausbrüche, schräge Riffs, intensive Chorpassagen, vokal, wie auch stürmische Mellotron-Einsätze, jazzige Momente mit kreischendem Saxophon und delirirender Flöte. Aber es gibt auch Passagen schierer trauriger Schönheit, die einem Schauer über den Rücken jagen. Wilsons charakteristischer Gesang legt sich sanft und betörend über das Geschehen.

Das Album lässt sich Zeit, alles entwickelt sich bedächtig, fast unsicher tastend, nur um sich letztlich umso intensiver in den Synapsen des Hörers festzusetzen. Dabei sind es eher Stimmungen und Atmosphäre, die sich einprägen, weniger konkrete, packende Songs - von der Ausnahme "remainder the black dog" mal abgesehen. Ist die erste CD - betitelt "Deform to form a star" - vielleicht etwas eingängiger, so wartet die zweite CD - "Like dust I have cleared from my eye" - neben dem wunderschönen "Index" vor allem mit dem über 23minütigen Epos "Raider II" auf. Unschuldig beginnt es mit dunklen Piano-Akkorden, aber dann gibt es die ganz große Achterbahnfahrt zwischen Retroprog, Jazz, moderner Electronica, Artpop und was man sich sonst noch so vorstellen kann. Dabei wird es bei Wilson niemals wirklich schräg, eher wäre hier intensiv das richtige Wort.

Steven Wilson hat an "Grace for Drowning" so lange wie nie an einem Projekt gearbeitet. Gut investierte Zeit (wobei man sich schon fragt, wie er das bei all seinen sonstigen Aktivitäten so macht), denn hier sitzt wirklich jeder Ton am richtigen Ort und die ausgefeilten Arrangements geben von Durchlauf zu Durchlauf mehr Details, Gimmicks, neue Aspekte und Entdeckungen preis. Nicht zuletzt tragen natürlich die hervorragenden Musiker, die Wilson um sich geschart hat - unter denen besonders die gelungenen Beiträge von Theo Travis herausragen -, zur perfekten Umsetzung der Musik bei.

"Grace for Drowning" ist eher ruhig, die lauten Momente sind wohl gesetzt, aber die Spannung, die innere Dynamik lässt den Hörer nicht los. Steven Wilson setzt die Gegensätze laut / leise geschickt ein. Trotz der durchweg dunklen und düsteren Stimmung ist das Album nicht depressiv. Auch die Zweiteilung macht Sinn, denn es ist in der Tat nicht einfach, sich intensiv über mehr als 40, 50 Minuten mit dieser Musik auseinanderzusetzen. So macht die Zäsur Sinn, zumal eben auch die 'Stimmungen' der beiden CDs etwas unterschiedlich sind. Ausfälle habe ich noch keine ausgemacht.

Ein großes Werk, dereinst vermutlich ein Klassiker, heute eines der besten Alben, die 2011 an die Ohren der Fans drängen.

Selbstredend kommt das Ganze auch optisch ansprechend ins Haus. Ich habe die Ausgabe mit den 2 CDs in einem fetten Digipak mit einem dicken, eingearbeiteten Booklet, sehr elegant. Darüberhinaus gibt es natürlich auch noch luxuriösere Ausgaben mit BluRay-Discs, Surround-Mixen etc., etc.. Wer nur die Musik haben will, der kann sich auch mit sehr günstigen Jewel-Case-Ausgaben mit einfacherem Booklet versorgen.

Anspieltipp(s): ...bei so einem Werk?
Vergleichbar mit: "Lizard" trifft auf "Thrak" veredelt mit Artpop
Veröffentlicht am: 9.10.2011
Letzte Änderung: 18.3.2012
Wertung: 13/15

Zum Seitenanfang

Von: Christian Rode @ (Rezension 3 von 6)


Es sind eher Stimmungen und Atmosphäre, die sich einprägen, weniger konkrete, packende Songs. So ähnlich und sehr treffend hat es ein anderer Rezensent letzthin formuliert. Steven Wilson, der sich in einem Interview einmal vor allem als Produzent bezeichnet hat, versteht es einfach, Stimmungen und Atmosphäre zu erzeugen. Dass er in der Lage ist, auch Songs, die mit Anspruch ins Ohr gehen, zu fabrizieren, hat er mit Porcupine Tree oft genug bewiesen. Darauf kommt es ihm auf diesem Solo-Album (daher?) wohl gar nicht so sehr an. Für mich hat dies allerdings den Effekt, dass ich das Album insgesamt als eher blass empfinde. Schon der zweite Teil von Insurgentes verwies in diese Richtung. Wilson geht diesen Weg auf diesem überlangen Album nun konsequent weiter.

Natürlich gibt es auch auf Grace for Drowning einige wundervolle Songs zu hören und nicht nur "Stimmung", aber es hätte einfach mehr sein können. So bietet das Album viel perfekt produzierten melancholisch-wehmütigen Wohlklang, der mich aber nicht wirklich packt. Songs vom Kaliber Sectarian oder Remainder the Black Dog sind zu rar gesät. Die bieten auch jede Menge Stimmungen und Atmosphäre, verstehen es aber im Gegensatz zu vielem anderen auf dieser Doppel-CD mich mitzureißen. Eine Ausnahme bietet hier vielleicht noch der Longtrack Raider II, wobei der schon wieder zu sehr frühe-70er-crimso-mäßig-retro (plus diese grottig-synthetischen Chöre) klingt. Sicher, es ist eine Verbeugung vor der verehrten Band, deren Oeuvre er lange bearbeitet hat, aber mehr ist es dann eben auch nicht. Nicht zuletzt Theo Travis trägt mit Klarinette und Querflöte zu diesem Eindruck bei.

Wahrscheinlich ist das, was auf Grace for Drowning zu hören ist, aber einfach die Art, wie Steven Wilson solo Musik machen möchte. Er hat ja für jede Facette seines Musikgeschmacks ein Projekt (Porcupine Tree, Bass Communion, I.E.M., Blackfield, No-Man und jetzt eben auch Steven Wilson solo). Hatte ich nach Insurgentes noch auf eine Steigerung gehofft, so erwarte ich jetzt nichts anderes mehr von Steven Wilson solo als das, was er auf seinen beiden vorzüglich produzierten und angenehm hörbaren Solo-Alben bietet. Etwas nervig und zu nahe am Kitsch sind allerdings die immer wiederkehrenden "Chöre". Wunderschön gemacht ist hingegen wieder einmal das Booklet der Limited Edition mit diesen depressionsfördernden Fotografien.

Grace for Drowning ist vor allem ein Triumph des Klangs und der Produktion. Steven Wilson sollte sich als Nächstes mal an Filmmusik versuchen! Er hätte wirklich ein Händchen dafür.

Anspieltipp(s): Sectarian, Index
Vergleichbar mit: King Crimson, Valium
Veröffentlicht am: 10.10.2011
Letzte Änderung: 4.12.2012
Wertung: 10/15

Zum Seitenanfang

Von: Michael Hirle @ (Rezension 4 von 6)


Schön das man nach den ersten Takten schon weiß, welches Haus man betreten hat.

Es gibt Melodien-Musiker und Sound-Musiker. Zu Letzteren gehört für mich Steven Wilson. Klar, immer wieder mischen sich auch unwiderstehliche Melodien zwischen die Soundtürme, aber das Hauptaugenmerk liegt auf Klang und Stimmungen, die ebenso beschwörend wie eine einfache Melodie sein können. Und es geht um Ästhetik, die und da hab ich das mulmige Gefühl, jetzt gegenüber den Empfindungen und ihrem Ausdruck, die Oberhand gewonnen hat. Die Melodien sind inzwischen ein Gefühlsbausteinchen, Werkzeug, böse gesagt, Mittel zum Zweck. Längst steht die umschmeichelnde Melodie nicht mehr in der Mitte, längst ist sie nicht mehr so zwingend wie zu Stupid Dream Zeiten. Sie ist Baustein und das raubt ihr die Einzigartigkeit. Nicht aber das Herz. Das schlägt noch. Und verbreitet die ganz eigene Steven Wilson Wohlfühl-Herbst-Wärme. Egal ob bei Porcupine Tree, Blackfield, No-Man...oder bei seinen Solo-Werken...das eine, große Herz schlägt und pumpt sein Blut durch viele verschiedene Körper. Manchmal tropft etwas daneben und infiziert andere Bands...nicht Wenige sind es bis heute, die den Wilsonschen Geist in sich und damit weiter tragen.

Wilson hätte den Songs auf "grace for drowning" keine Namen geben müssen, keine Nummern, es ist die eine, immer wiederkehrende Stimmung die seit seinen ersten Platten begeistert oder eben auch langweilt. Manche Rezensenten schießen sich auf die Ein-(drei)fältigkeit des Herrn Neal Morse ein und bemerken nicht, das der momentane Crimson-King, nichts anderes macht: er schreibt an einer riesigen, sich windenden Melodie. Wo Morse mit weißem Kleidchen und emporgehobenen Armen gen Himmel blickt, ist Wilson sein dunkler Konterpart, in schwarzem Mantel, zu Boden blickend und mit den Füssen im Laub raschelnd.

Warum ich der Platte trotzdem 8 Punkte gebe? Weil mich die Stimmungen, wie bei Morse, immer wieder rühren, obwohl ich sie wahrscheinlich, in variierter Form, schon zum tausendsten Mal höre. Warum das so ist? Ich weiß es nicht. Aber das ist wohl das große Mysterium von Musik, die aus dem Herzen und nicht aus dem Geldbeutel dringt.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit: Steven Wilson in all seinen Ausdrucksformen
Veröffentlicht am: 8.11.2011
Letzte Änderung: 7.11.2011
Wertung: 8/15

Zum Seitenanfang

Von: Thoralf Koss @ (Rezension 5 von 6)


Puhhh, da macht ein gewisser Mr. Wilson im Grunde alles Richtig und es gibt trotzdem was gehörig auf die Fresse! Nur das kann man einfach so nicht stehen lassen - und selbst wenn es hier zurecht Duktus ist, sich nicht unbedingt auf die Kritiken der BBS-Kollegen zu beziehen, lässt mir BBS-Hirle keine andere Möglichkeit.

Steven Wilson hat bewusst vor der Veröffentlichung dieses Albums betont, dass er durch das Remastern der King-Crimson-Alben auf eine völlig neue Art in deren Universum so tief eingetaucht ist, dass dies deutliche Spuren auf seinem "Grace For Drowning" hinterlassen hat. Allein der Titel mit der Bitte, dass man ihm "Gnade für's Ertrinken" (eben im KC-Gewässer) schenke, sagt doch im Grunde schon alles.

Doch Wilson ist clever und genial - denn ihm gelingt die unglaubliche Vereinigung von zwei Welten: der KC- und der Porcupine-Tree-Welt. Doch das reicht ihm nicht! Er entwickelt dazu auch noch eine komplett eigenständige, in dieser Art noch nie dagewesene optische Kunstwelt, die jeder, der sich für die BluRay-Ausgabe dieses Albums entscheidet, nur noch mit weit offenem Mund (vor Verblüffung) und noch weit offeneren Augen (vor Entzücken) bewundern kann. Tage kann man "opfern", um die komplette visuelle Umsetzung des Albums mit Videos, die einem unter die Haut gehen, mal zutiefst bedrücken oder absolut begeistern, zu genießen.

Sprachlosigkeit ist das, was am Ende bleibt über die Liebe zu jedem noch so kleinen Detail, das Steven Wilson musikalisch und optisch umsetzt und dann auch noch in ein gigantisches dolby-digitales-5.1-Gerüst kleidet.

Wo bitte gibt es hier auch nur einen Ansatzpunkt zu unserem Prog-Missionar MORSE??? Der Mann hat doch nur noch einen Himmel-Blick - während Wilson sich seinen Rundumblick nicht nur bewahrt, sondern diesen immer wieder erweitert - bis ins Grenzenlose!

Der Unterschied von Wilson und Morse ist so offensichtlich wie der Unterschied zwischen Mutter Teresa und Beate Uhse. Der/die Eine versucht seine/ihre Kunst als Mittel zur Missionierung zu nutzen (oder "missbrauchen"). Der/die Andere schafft göttliche Kunst, an die man, egal welcher (Nicht-)Konfession man auch unterliegt, wahrhaft glauben kann.

Zuordnen müsst ihr das jetzt alles selber ;-)

Anspieltipp(s): Unbedingt die BluRay-Ausgabe dieses Albums besorgen!
Vergleichbar mit: King Crimson
Veröffentlicht am: 8.11.2011
Letzte Änderung: 3.3.2012
Wertung: 14/15
Wortwörtlich ganz großes Kino!!!

Zum Seitenanfang

Von: Jürgen Wissing @ (Rezension 6 von 6)


Zugegeben, ich hätte nie gedacht, mal ein Album von Steven Wilson – egal ob Solo, mit PT oder in einem Nebenprojekt wie Blackfield – in meiner Auswahl zum Album des Jahres zu deklarieren.

Aber nun ist es soweit! Denn vor allem wegen seiner atmosphärischen Dichte mit einer riesigen Spannbreite an Stimmungen und Ausdruck ist "Grace for Drowning" ein äußerst abwechslungsreiches, interessantes und spannendes Album geworden, perfekt produziert und sehr clever aus vielen Stilrichtungen zusammengesetzt.

Niemand der Vorrezensenten erwähnte, dass Wilson dieses Album seinem kürzlich verstorbenen Vater gewidmet hat. Wer weiß, in welcher Hinsicht ihn gewisse Vorkommnisse und Gedanken in diesem Zusammenhang inspiriert haben mögen: möglicherweise ein zwar kleines, im Hinblick auf die zu hörenden Grundstimmungen aber gar nicht so unwesentliches Detail.

Denn während ich früher häufig, besonders bei PT, nur zwei Emotionsvarianten hörte – knallharte Wut oder tränenreiche Trauer – geht Wilsons Ausdruck diesmal endlich weg von der reinen Schwarz-Weiß-Malerei. Er hat sich weiter entwickelt, ohne Frage, setzt metallische Stilelemente weniger aufdringlich ein und verleiht den Kompositionen damit eine Vielschichtigkeit, die ich bisher manchmal arg vermisst habe.

Diese CD erschafft Bilder beim Hörer, sowohl in den gesungenen wie insbesondere auch in den instrumentalen Passagen. Auch in sentimental ausgerichteten Songs tauchen immer wieder geniale musikalische Momente auf, die z.B. statt Melancholie plötzlich Zuversicht fühlen lassen. Gefühlsschwankungen, die mich nicht zuletzt wegen des Einsatzes eines schon mal etwas schrägen Pianolaufes oder eines brachialen Saxofoneinsatzes unwillkürlich an Van der Graaf Generator bzw. Peter Hammill denken lassen, bei dem es mir regelmäßig ähnlich geht: es entsteht ein faszinierendes und aufwühlendes Wechselbad der Gefühle, mitreißend konzipiert und präsentiert.

Chapeau, Steven Wilson, dieses Werk wird ganz sicher ein Klassiker!

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 13.12.2011
Letzte Änderung: 27.7.2013
Wertung: 13/15

Zum Seitenanfang

Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Steven Wilson

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
2004 Unreleased Electronic Music 10.00 1
2009 Insurgentes 10.20 5
2009 NSRGNTS RMXS - 1
2012 Get All You Deserve 13.67 3
2013 Drive Home 13.00 2
2013 The Raven That Refused To Sing And Other Stories 11.44 10
2014 Cover Version 10.00 1
2015 Hand.Cannot.Erase. 11.43 7
2015 Transience - 1
2016 4 1/2 9.33 3
2017 To the Bone 8.67 3

Zum Seitenanfang

© 1999-2017; Das Copyright aller Texte liegt bei den jeweiligen Autoren; Haftungsausschluss
Site Map - Startseite - FAQ - Reviews - Leitfaden - Lesestoff - Kontakt - Links
RSS | Impressum