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23780 Rezensionen zu 16251 Alben von 6313 Bands.
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Genesis

Abacab

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 1981
Besonderheiten/Stil: Rock / Pop / Mainstream
Label: Virgin
Durchschnittswertung: 6.67/15 (6 Rezensionen)

Besetzung

Tony Banks Keyboards
Phil Collins Gesang, Schlagzeug
Mike Rutherford Gitarre, Bass

Tracklist

Disc 1
1. Abacab 6.56
2. No Reply At All 4.37
3. Me And Sarah Jane 5.58
4. Keep It Dark 4.29
5. Dodo/Lurker 7.27
6. Who Dunnit? 3.23
7. Man On The Corner 4.23
8. Like It Or Not 4.51
9. Another Record 4.20
Gesamtlaufzeit46:24


Rezensionen


Von: Thomas Thielen @ (Rezension 1 von 6)


Abacab gilt vielen als eines der besten Genesis-Alben, wie ich vorneweg sagen muß. Ich kann das leider nicht einmal im Ansatz nachvollziehen: Dünner Sound, dünnes Stimmchen von Collins, uninspirierte Kompositionen (Kompositionen?), kein System in der Zusammenstellung der Songs...

"Abacab" selbst ist ein Song wie eine endlose Jamsession, über die vielleicht jemand mal Lyrics geschrieben hat. Über ein lahm pumpendes Basspedal gibt es ein paar gähnende Gitarrenriffs (hey! Hier hört man den Rutherfurz mal!), Songstruktur konnte ich leider kaum erkennen, auch das Arrangement wird dadurch, daß es luftiger ist als vieles zuvor, nicht unbedingt besser - zu gewöhnlich sind die Sounds.

"No reply at all" kommt mit einem "Lamb lies down..."-mäßigen Keyboardriff, ein paar allzu spärlich eingesetzten Bläserfunken (wenn schon, denn schon), harmonischem Mittelmaß im Mainstream daher. Der langsame Mittelteil ist ja ganz nett, reicht aber nicht aus, um den Song vom Normalpop zu trennen. Nicht ärgerlich, nicht hervorstechend, aber allein das ist ja eigentlich schon ärgerlich.

"Me and Sarah Jane" ist Banks' Solostück auf dem Album (Jeder durfte einen Track selbst verbrechen, der Rest war als Gemeinschaftsproduktion geplant), und ein paar schräge Keyboards in der Strophe lassen über die Drummachine hinweghorchen, die damals vielleicht auch noch recht originell klang. Tatsächlich hat sich hier jemand über die Komposition Gedanken gemacht, und eigentlich ist das Liedchen auch ganz originell arrangiert... Ich mag es zwar nicht, aber man muß wohl zugeben, daß es Leute geben könnte, die das "mit Recht" anders sehen.

"Keep it dark" ist wohl aus einer (polyrhythmisch angehauchten) Rhythmusidee heraus geboren, die auch wirklich toll ist, aber leider nicht für ein gesamtes Stück ausreicht. Das ist wohl überhaupt das Problem der Platte: Man benutzt eine Idee aus Jamsessions einfach viel zu lang und eintönig. Wer Artrock macht, kommt um gewisse Konstruktionen nicht herum, und was Genesis hier liefern, ist der Beweis, daß man allein mit drei musikalisch hochbegabten Leuten, die drauflosspielen, kein Album bestreiten sollte.

"Dodo / Lurker" klingt wie nachgemachter Genesis-Prog. Hier ein paar Reggae-Floskeln, da ein paar leidlich druckvolle schräge Passagen, gequälte Vocals, Banks' doppelhändige Klavierriffs, die Gitarrenspuren sind wohl (wie auf fast dem gesamten Album) beim Mixen leider dem Bandsalat zum Opfer gefallen, fertig! Netter Versuch, meine Herren, aber vom Hocker reißt das wohl niemanden.

"Who dunnit?" - Ich sprach eben von "ärgerlich". Das hier IST ärgerlich. Sowas kommt bei Musikern immer raus, wenn sie uninspiriert und gelangweilt mit einem Keyboard eingesperrt werden. Das Stück hat wieder höchstens eine einzige Idee, die dann auch noch im Text steckt (das Who-dunnit?-Motiv), ist leerer phonetischer Käse, den Stefan Raab nicht toppen kann. Ein paar Detune-Effekte aus dem Casio und ein wirklich grottenschlechtes Schlagzeug über der Langeweilegrenze - hach, was sag ich? Allein DIESES Stück hätte ausgereicht, Genesis die Musizierlizenz zu entziehen!

"Man on the corner" ist Collins' Versuch, etwas Gutes beizusteuern. Mißlungen. (Ballädchen, oh wie einsam sind wir doch, blablabla, ihr wißt schon)

"Like it or not" bringt Rutherford ins Rampenlicht, und wer genau hinhört, kann auch im Hintergrund eine Gitarre als Rhythmusinstrument erkennen, jaja, genau, da unter dem Keyboard, daß genau dasselbe mitspielt, gaaaanz leise... Ansonsten gibt es wieder diesen typischen laid-back 12/8, den Rutherford anscheinend so mag, ein paar theatralische Akkorde und dasselbe Geleier wie zuvor. Trotzdem wirkt "Like it or not" etwas stimmiger in seinem Aufbau, seiner Instrumentierung usw usw.

"Another record" beginnt mit recht schönem E-Piano, das sich leider als total irrelevant für den Rest des Songs erweist - ein Intro am Stück vorbei, DIE Todsünde überhaupt (naja, neben Platten, die mit progressivem Wind und einer Totenglocke beginnen). Was folgt, ist dann wieder mal Dutzendzeug mit ganz passabelem Schlagzeug und wiedermal uninspirierter Komposition zwischen gewollt schräg und allzu mainstreamig. Langweilig.

Fazit: Nicht essentiell, höchstens für Leute, die unbedingt alle Genesisplatten haben wollen... Gegenüber dem Tiefpunkt Duke sicher noch etwas mehr auf der positiven Seite, aber nicht wirklich erträglich.

Anspieltipp(s): Me and Sarah Jane
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 10.6.2002
Letzte Änderung: 10.6.2002
Wertung: 4/15

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Von: Christian Rode @ (Rezension 2 von 6)


Auf ABACAB spielen Genesis ein bisschen mit den minimalisierten Keyboardsounds herum. Das gelingt mal ganz gut (Abacab, Dodo/Lurker), mal so mittelprächtig (Me and Sarah Jane, Keep it dark) und geht leider auch mal in die Hose (Who dunnit? ist einfach zu nervig). Und dann gibt's noch einen flotten Bläsersong (No reply at all mit Earth, Wind & Fire), einen Midtempo-Rocker (Another Record, das melodisch n bisschen von Turn it on again abgekupfert ist) sowie zwei Versionen einer Ballade, dazu noch unmittelbar aufeinander folgend (Man on the Corner, die Collins-Version mit gedämpft-blubbernden Percussion und einschmeichelnden keys, und Like it or not, die Rutherford-Variante mit rumsenden Drums). Das gibt Punktabzug wegen vorsätzlicher Langweilerei!

Insgesamt klingt der Sound des Albums ein bisschen wie aus dem Schuhkarton. Trotzdem sind ne Reihe netter Ideen dabei; es gelingt nur leider nicht, ein geschlossenes Bild zu vermitteln. Und: Es bleibt kaum eine Melodie hängen. Haben Genesis verlernt Melodien zu schreiben? Nun ja, das Nachfolgealbum GENESIS wird uns da eines Besseren belehren. Auf ABACAB war bei Genesis einfach n bisschen die Luft raus.

Anspieltipp(s): Abacab, Dodo
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 2.7.2002
Letzte Änderung: 3.3.2012
Wertung: 7/15

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Von: Michael Weinel @ (Rezension 3 von 6)


"Abacab" ist sicher eines der zwiespältigsten Alben von Genesis. Sicher, ich kann das Erstaunen (man würden hier vielleicht "Entsetzen" sagen) nachvollziehen, dass damals einen nichtsahnenden Genesis-Fan beim Erscheinen der Scheibe gepackt haben muss.

Das Album krankt vor allem an der schlechten Produktion. Alles klingt sehr dünn und nach Plastik-Fantastik - "gepagdhamed" trifft's schon ganz gut. :-))

Noch dazu nervt, dass viele Songs nicht so recht zu Ende gedacht sind und einfach irgendwann ausgeblendet werden (was bei mir unter "CAS-Krankheit" fungiert ;) ). Daher denke ich bei "Abacab" eher an die Live-Versionen, die um Klassen besser sind. (Man vergleiche z. B. die Live-Version von "Abacab" auf dem Turn It On Again-Sampler mit der Studioversion...)

Außerdem gibt's etwas ganz Feines im nicht ganz legalen Bereich: ein Bootleg namens "Abacab Complete". Man sollte die originale CD einmotten und stattdessen diese offiziell veröffentlichen...

Dabei handelt es sich um Aufnahmen, die irgendwie aus der "Farm" an die Öffentlichkeit gedrungen sind und die Abacab-Songs in einem schon sehr fertigem Stadium dokumentieren. Nur: die Klangqualität ist besser als auf der normalen CD! Alles klingt viel roher und direkter. Manche Songs sind gar ein wenig länger, und am Anfang eines Stückes Phil "1, 2, 3, 4" einzählen zu hören hat auch was. :)

Außerdem befinden sich darauf auch alle Non-Album-Tracks aus den Sessions, u. a. die legendäre "Abacab"-Suite, bestehend aus Dodo, Lurker, Submarine und Naminanu. Für alle Longtrackfans. ;)

So macht die CD viel mehr Spaß, schade, dass sie nicht offiziell so den Weg in die Plattenläden gefunden hat. Wäre eine klasse Doppel-LP geworden.

Bewertung: Abacab - offiziell 9 (Abzüge wegen Seite 2) Abacab Complete 11

Anspieltipp(s): Keep It Dark, Dodo, Submarine
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 3.6.2003
Letzte Änderung: 3.6.2003
Wertung: 10/15
kaputtproduziertes Schmankerl

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Von: Jörg Schumann @ (Rezension 4 von 6)


Im Grossen und Ganzen kann ich mich der Besprechung von Thomas anschliessen. Abacab ist ein unterdurchschnittliches und neben "...and then there were three" das wohl schlechteste Genesis-Album. Erwähnen möchte ich auch, dass dies kein Prog ist, sondern eine Poprock-Scheibe Marke "Genesis goes Collins". Im übrigen ist auch jede Mike and the Mechanics Platte schlicht Pop und müsste konsequenterweise vom Bannstrahl der BBS-Gralshüter getroffen werden ;-).

Neben absolut schlechten Stücken wie dem spastischen "Who dunnit?", der Collins-Sülz-Ballade "Man on the corner", dem lustlosen Gequake "Like it or not" und dem Schrumm-Schrumm-Mundharmonika-Quietsch-Gerumpel von "another record" finden sich Mittelmässiges wie "no reply at all" (typischer Collins 80er Jahre Pop mit Bläsern und einem groove, der mich an Morris Day aus dem Film Purple Rain erinnert) und "keep it dark" (auf Dauer nervt der immer gleiche Rhythmus und die monotonen Grundriffs, die sich zäh durch das ganze Stück ziehen).

Die stärksten Stücke der Platte sind Abacab (aus reiner live-Nostalgie, da "Genesis87" mein erstes grosses OpenAirKonzert war und Abacab gleich zu Anfang nach Mama gespielt wurde und gut Dampf machte), dann "Me and Sarah Jane" (stimmungsvoll und anders als der Rest der Platte, ein typisches Banks-Baby mit ein wenig mehr kompositorischem Tiefgang) und schliesslich das pulsierende, intensive Dodo/Lurker, welches noch am ehesten das Atribut "progressiv" verdient.

Diese Platte ist eine der schlechtesten im Schaffen von Genesis. Von Abacab bleibt praktisch nichts hängen. Nur für Hardcore-Fans.

P.S. Duke ist um Längen besser...

Anspieltipp(s): Who dunnit ? (dann ist man bedient)
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 16.6.2003
Letzte Änderung: 26.2.2014
Wertung: 5/15

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Von: Andreas Hofmann @ (Rezension 5 von 6)


Die hohe Verriss-Dichte bei diesem Album wundert mich persönlich sehr, aber vielleicht ist das auch einfach eine Frage des Blickwinkels bzw. mit der Gnade der späten Geburt zu erklären. Da mein musikalisches Erwachen auf dem Weg vom Kind zum Teenie in den frühen 80ern stattfand, lernte ich die Band nämlich zunächst in ihrer Dreierbesetzung kennen. War dies anfänglich (erste Berührung: "Mama" vom selbstbetitelten Album) noch interessant, wurde die Band im weiteren Verlauf ("Invisible Touch") altersbedingt und aufgrund der Tatsache, dass über den Tellerrand hinaus immer mehr Gutes und vor allem immer mehr Besseres zu finden war, zwar nicht unbedingt wirklich schlecht, aber dennoch zusehends weniger attraktiv, bis dann schließlich ("We Can't Dance") der Punkt erreicht war, an dem ich (diese) Genesis sogar peinlich fand. Selbstverständlich lässt sich diese Evolution nicht ohne die parallel verlaufende ähnliche Entwicklung von Phil Collins betrachten, die mit seinem Debütalbum und "In the air tonight" ja irgendwie auch ganz ordentlich begonnen hatte und alsbald in kitschiger Belanglosigkeit endete. Beim Blick zurück ist "Abacab" für mich auf jeden Fall nach wie vor das Genesis-Album von Banks/Collins/Rutherford, das ich auch heute noch am ehesten auflegen würde (und tatsächlich auch immer mal wieder tue).

Natürlich ist ein klebriger Phil Collins-Song wie "Man on the corner" oder auch Stücke wie "No reply at all" oder "Like it or not", die ebenfalls sehr nach Collins solo klingen, aus heutiger Sicht etwas albern, und überhaupt waren Songs wie diese für einen echten Genesis-Fan wohl schon immer ärgerlich, aber ich selbst kann da nicht aus meiner Haut - "Abacab" funktioniert bei mir auf jeden Fall (genau wie "Face Value") auch heute noch wunderbar, während das für "Genesis" und "Invisible Touch" definitiv nicht mehr gilt (für "Hello, I Must Be Going!" und "No Jacket Required" übrigens auch nicht). "And Then There Were Three" ist mir seit jeher zu zaghaft gewesen, und mit "Duke" konnte ich mich erstaunlicherweise nie so recht anfreunden, obwohl es sich dabei sicherlich nicht um eine schlechte Platte handelt; von daher bleibt für mich aus meiner "klassischen" Genesis-Besetzung nur noch "Abacab" übrig. Und mal Hand aufs Herz: der Titelsong, "Keep it dark", "Dodo/Lurker", das völlig bescheuerte "Whodunnit?" und sogar "Me and Sarah Jane" sind doch allesamt toll!?!

Wenig verständlich und sehr schade ist allerdings in der Tat, dass Genesis nicht das später als "Abacab Complete" ans Tageslicht geschwemmte Bootleg offiziell veröffentlicht haben, denn hier zeigt sich deutlich, dass da mehr drin gewesen wäre.

Anspieltipp(s): Abacab, Keep it dark, Dodo/Lurker, Me and Sarah Jane
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 24.10.2012
Letzte Änderung: 24.10.2012
Wertung: 9/15

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Von: Holger Grützner @ (Rezension 6 von 6)


Michael kann „das Entsetzen verstehen, dass einen nichts ahnenden Genesis-Fan befiel, wenn er…“

Ich bin Abi-Jahrgang ’79, ich bin so einer.

Im Soundtrack meiner Jugend nimmt Artrock eine besondere Stellung ein. Es ist die dauerhafteste Nische im ständigen Geschmackswandel. Man hört heute dies und morgen das. Manches legt man als irgendwie zu peinlich mit der Zeit ab. Yes, Genesis, SBB, Pink Floyd – so was geht jedoch immer.

Die „großen Sounds“ tränkten die Dachbalken meiner Jugendzimmermansarde. Da stand dieses schwere russische Spulentonband aufrecht auf dem Bücherschrank. 2 Bandgeschwindigkeiten. 9,5er Geschwindigkeit für Radioaufnahmen und 19 Umdrehungen für die seltenen Westplattenaufnahmen, denn diese Aufnahmen waren für die Ewigkeit gedacht.

1977 war „Trespass“ die erste West-LP-Aufnahme, kurze Zeit später „…and then there were three“ und noch ein Weilchen danach „Seconds out“. Die Bandgeschichte hatte sich auch im Osten herumgesprochen. Das Schulinternat, die abwesenden Eltern in den Pubi-Jahren; die Harten werden härter und die Sensiblen gehen kaputt – wenn sie nicht in die Musik und die Literatur flüchten können. Schulinternate sind damals wie heute Haftanstalten für Pubertierende. Hier wie dort schießen alle möglichen Gefühlslagen ins Kraut und wuchern sich zu Amokfantasien aus – siehe Gabriels Texte vom alles verschlingenden Gras, vom Musiktruhenalptraum, vom seelisch zerbrochenen Bilderstürmer, ... Wohl dem, der sie künstlerisch auslebt und nicht real zum Familientyrann, Chefkotzbrocken oder weinerlich-depressiven Wrack mutiert.

Kunst erwuchs aus Leid. Kunst heilt Leid.

Und somit galt auch anno 78/79 hinter der Mauer: Wenn dich der Schulfrust packt, dir die ideologische Holzhammeritis der Abi-Jahre stinkt, die erste Liebe flöten geht, die NVA-Zeit hereindroht, der weitere berufliche Werdegang immer drängender entschieden sein will, dann hast du plötzlich „many too many“ – von allem zu viel und fühlst dich von ein paar wildfremden musizierenden Engländern verstanden.

Die Vielfalt der Töne lenkt dich ab. Besonders Genesis-Musik haftet etwas religiös-erhabenes an. Yes-Musik lockt dich in den akustischen Märchenwald. Genesis bauen dir einen DOM.

Als ich im Frühjahr ’81 die Fahne, die Asche, den Trachtenverein befehlsgewaltiger Alkoholiker hinter mir hatte; noch dazu in einem extrem abgelegenen Teil der größten Republik der Welt, die je von einem Saarländer beherrscht wurde, und zurück in die Zivilisation trat, war ich musiktrendmäßig fast auf Null gefahren. (Die Radios in der Kaserne hatten mit Pflastern markierte Senderskalen, also war nur Ostrundfunk zugänglich. Feindsender hören war Diversion und somit ein politisches „Verbrechen“. Das ließ man also bleiben. Die wenigen Urlaube machten das nur sporadisch wett.) Schaltetest du 1981 also das Radio ein, machte die NDW von sich reden. Wunderbare Textbotschaften in aggressiver Verpackung, genau richtig für Armee-Heimkehrer: „Seuchen bringen Rache - wir geh’n durch Wände und lachen dabei noch! - Es ist mitten in der Nacht und draußen fliegen Steine! - Berlin, du kotzt mich an! - Es geht voran! - Dein Geweeeeehr hilft dir nicht meeeehr!“ Neue Kontakte spülen die eine oder andere LP zum Aufnehmen an. Dabei sind „Duke“, „Nyrsery Cryme“ und Gabriels Solo-Werke, artrockmäßig schien alles noch in Ordnung. Bis eines Tages dann dieser ganz „schmissige“ Track im Radio zu hören war. Oh, gut! Was Neues von REO Speedwagon? Journey? Prism eventuell? Dann der Moderator: „Genesis …. Ababcab….“

Waaaaaas?

Wie gerade beschrieben: Wäre der Song von irgendeiner dieser Mainstream-Bands eingespielt worden. Er wäre okay. Es ist’ne ganz hübsche Nummer. Aber ganz hübsch reicht nicht – für GEN-E-SIS!

Ein paar Tage später „No reply at all“ noch schlimmer! Bläser! Tutefix-Arschwackelanimäschn von – man glaubt es nicht: GEN-E-SIS!

Schlag Nr.3 war dann „in the air tonight“. DAS klang nach Genesis, war aber „nur“ Collins Solo. Dem Genesis Output also vorenthalten! Warum?

Hier ging ein Flagschiff gerade mit Pauken und Trompeten (im Wortsinn!) unter. Dies geschah ihnen zwar nicht allein: Queen schockten die Welt mit „Hot space“(Heißer Luft), wenigstens hatte Mercury seinen Humor nicht verloren; Bowie beklaute die Rubettes, Iggy Pop und the Chic „Let’s dance“, Steve Howe und Carl Palmer wilderten als Asia im Terrain von Foreigner… aber Genesis? MEINE Genesis? DIE Schöpfer! Die zwei wichtige Abgänge doch so gut gemeistert hatten?

Einst hatten sie einen Dom gebaut. Nun schissen sie vor den Altar. Es war ein wirklicher musikalischer Schock. Kurze Zeit später gab es die LP im Intershop zu kaufen und irgendjemand schleppte sie an. Ich nahm die zunächst sogar auf. Nicht für lange… Der Bandplatz wurde bald für besseres gebraucht.

Abacab hing noch einige Zeit im „Shop“ und wurde von so Leuten gekauft, die sich auch Modern Talking oder Alphaville aus Ungarn oder Bulgarien mitbrachten. „Das ist gut gemachte deutsche Pop-Musik.“ Jaja. Käufer dieser Art gab es also genug. Andererseits avancierte die „Abacab“ auf allen Flohmärkten, auf die es mich verschlug, als Ladenhüter in den Kisten der Platten-Haie, denn die wollten richtig Geld sehen:

„Jede LP für 120! Außer die Abacab, die kannste für 80 haben, oder ooch für 60…“

Oder: „Ey haste was von Genesis?“

„Jau! Die Abacab.“

„Ach je. Tschüß.“

Auch die Pinnwände in den Fluren der Studentenwohnheime lockten den Besucher: Verkaufe Genesis. Zimmer 304. Machtest du dich auf den Weg, war’s mit ziemlicher Sicherheit: Abacab. „Garantiert nur einmal gelaufen.“

Collins sitzt heute vereinsamt in der Schweiz; wie man durch Markus Kavkas Musik-Doku Reihe „Number one!“ unlängst erfuhr. Voller Selbstzweifel surft er im Internet herum und ist frustriert über die vielen Forenbeiträge der Art „… der Mann der Genesis kaputt gemacht hat“. Niemand lässt sich blicken, der ihn mal von alten Zeiten erzählen lässt. Da packt mich Mitgefühl und nachträgliches Verständnis für die 1981er Entscheidung, kommerzieller werden zu wollen, um sich und den seinen die Zukunft finanziell abzusichern. Die „Abacab“ wertet dieses Wissen letztlich nicht auf. „Put another record on!” Genau.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 2.3.2014
Letzte Änderung: 2.3.2014
Wertung: 5/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Genesis

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1969 From Genesis to Revelation 3.75 4
1970 Trespass 11.20 5
1971 Nursery Cryme 12.17 6
1972 Foxtrot 14.13 8
1973 Genesis Live 10.00 3
1973 Selling England by the Pound 12.71 7
1974 The Lamb lies down on Broadway 11.50 4
1976 A Trick Of The Tail 10.75 4
1976 Wind And Wuthering 11.25 4
1977 Spot The Pigeon (EP) 7.00 2
1977 Seconds Out 11.00 3
1978 And Then There Were Three 8.25 8
1980 Duke 7.57 7
1982 3X3 4.00 2
1982 Three Sides Live (VHS) - 1
1983 Genesis 7.50 4
1984 Three Sides Live 9.75 4
1985 The MAMA Tour (VHS) - 1
1986 Invisible Touch 7.67 3
1986 Rock Theatre - 1
1987 Visible Touch (VHS) - 1
1988 Invisible Touch Tour (VHS) - 1
1988 Videos Volume I (VHS) - 1
1988 Videos Volume II (VHS) - 1
1991 We Can't Dance 6.67 3
1991 Turn It On Again - Best Of '81-'83 - 1
1992 The Way We Walk Vol.1 - The Shorts (Live) 5.67 3
1993 The Way We Walk Vol.2 - The Longs (Live) 8.33 3
1994 The Way We Walk (VHS) - 1
1996 The Royal Philharmonic Orchestra plays the music of Genesis 2.00 1
1997 Congo (Maxi-CD) - 1
1997 Shipwrecked (Maxi) - 2
1997 Calling All Stations 6.50 4
1998 Archive I - 1967-1975 12.50 5
1998 Not About Us (Maxi) - 1
1999 Turn It On Again - The Hits - 2
2000 Archive II - 1976-1992 11.00 1
2000 The Genesis Songbook (DVD) 12.00 1
2001 The Way We Walk (2DVD) - 1
2003 Live At Wembley Stadium (DVD) - 1
2004 Genesis Live (DVD) 5.00 1
2004 Platinum Collection - 1
2004 The Video Show (DVD) 7.00 2
2004 Inside Genesis 1975-1980 - An Independent Critical Review (DVD) - 1
2006 The Genesis of Genesis - 1
2007 Box Set 1976 - 1982 12.00 1
2007 Live - Helsinki, Fi, 11-06-07 9.00 1
2007 Live Over Europe 2007 11.33 3
2008 Box Set 1970 - 1975 13.50 2
2009 Box Set 1973-2007 Live 12.00 1
2014 Three Sides Live (DVD) - 1
2014 Sum of the Parts (DVD) - 1

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