SUCHE
Erweiterte Suche
NEUE REZENSIONEN
16.12.2017
Heartfield - Follow
Lynhood - Septembre
15.12.2017
Mind Enemies - Revenge
Ringhausen - Lumen
Kaipa - In the Wake of Evolution
White Mountain - The Delta Sessions
Status Minor - Three Faces of Antoine
Trinity Xperiment - Anaesthesia
14.12.2017
Isproject - The Archinauts
Isildurs Bane - Off the Radar
PuzzleWood - Gates of Loki
13.12.2017
World Trade - Unify
Squartet - Adplicatio Minima
12.12.2017
Acqua Fragile - A New Chant
Spock's Beard - Snow Live
Opeth - Opeth/Enslaved Split EP
11.12.2017
Syd Barrett - The Madcap Laughs
The Perc Meets The Hidden Gentleman & The Lavender Orchestra - Praha
ARCHIV
STATISTIK
24184 Rezensionen zu 16531 Alben von 6439 Bands.
SITE MAP
STARTSEITE

Pink Floyd

The Endless River

(Archiv-Tipp 11/2014)
Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2014
Besonderheiten/Stil: Melodic Rock / AOR; Rock / Pop / Mainstream
Label: Parlophone
Durchschnittswertung: 10/15 (5 Rezensionen)

Besetzung

David Gilmour guitars, vocals, keyboards, bass guitar
Nick Mason drums, percussion
Richard Wright Hammond organ, piano, keyboards, synthesiser, pipe organ

Gastmusiker

Guy Pratt bass guitar
Bob Ezrin bass guitar
John Carin keyboards
Damon Iddins keyboards
Gilad Atzmon tenor saxophone, clarinet
Chantal Leverton viola
Victoria Lyon violin
Helen Nash cello
Honor Watson violin
Durga McBroom backing vocals
Louise Marshal backing vocals
Sarah Brown backing vocals
Stephen Hawking voice samples

Tracklist

Disc 1
1. Things Left Unsaid 4:27
2. It`s What We Do 6:17
3. Ebb And Flow 1:55
4. Sum 4:48
5. Skins 2:37
6. Unsung 1:07
7. Anisina 3:17
8. Lost Art Of Conversation 1:43
9. On Noodle Street 1:42
10. Night Light 1:42
11. Allons-Y 1:57
12. Autumn `68 1:35
13. Allons-Y (Part 2) 1:32
14. Talkin`Hawkin` 3:29
15. Calling 3:38
16. Eyes To Pears 1:51
17. Surfacing 2:46
18. Louder Than Words 6:37
Gesamtlaufzeit53:00
Disc 2
1. Anisina   (DVD/Blu-Ray (Deluxe 2-Disc Set))
2. Untitled
3. Evrika (a)
4. Nervana
5. Allons-y
6. Evrika (b)
7. TBS9
8. TBS14
9. Nervana
10. The Endless River in 5.1 Surround and Stereo


Rezensionen


Von: Jörg Schumann @ (Rezension 1 von 5)


David Gilmour antwortete seit The Division Bell Jahr um Jahr auf die Frage, ob es je wieder ein Pink Floyd Album geben werde, stets: "absolutely, definitely not". Und als am 15.September 2008 Keyboarder Richard Wright an Krebs starb, mussten auch die letzten Optimisten ihre Hoffnungen auf ein weiteres Werk der Band endgültig begraben.

Umso überraschender war es deshalb, als im Sommer 2014 Gerüchte durchsickerten, es sei ein neues Album in der Mache und würde gegen Ende des Jahres veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Im Jahre 2012 fielen David Gilmour während der Arbeit an anderem Material die vielen unveröffentlichten und unfertigen Kompositionen der "Division Bell Sessions" wieder ein. Damals waren Ideen zu insgesamt 40 möglichen Titeln zusammengetragen worden. Darunter fanden sich in erster Linie Improvisationen von Gilmour & Wright aber auch von allen drei Bandmitgliedern. Es war damals sogar kurz darüber diskutiert worden, ob man nicht ein Doppelalbum veröffentlichen sollte, eine CD mit Songs/Vocals, die andere mit Instrumentals. Schließlich entschied man sich dagegen und das übrige Material wanderte ins Archiv.

Anno 2012 holte Gilmour dieses Material wieder aus dem Keller seines Hausbootes, gab es seinem Freund Phil Manzanera (Roxy Music) und sagte, "hör` Dir das mal an und sag mir, was Du davon hältst". Manzanera hörte sich also durch gut 20 Stunden "Division Bell Sessions"-Schnippets und bastelte daraus, behutsam und ohne viel zu ändern, vier Tracks à 14 Minuten Spielzeit, die er Gilmour zurückgab.

Dann lagen diese Bänder erst einmal neun Monate bei Gilmour rum, bis er sie schliesslich einem weiteren Freund aus früheren Bandtagen, Ex-Killing Joke Bassist Martin Glover, vorspielte. Der war begeistert ("Das ist ja Pink Floyd"!) und nahm sich der Bänder an, rearrangierte vieles, wobei ihm die moderne Computertechnik, mit der er die analogen Aufnahmen beliebig verändern und anders wieder zusammenbasteln konnte, half, und machte daraus plusminus die vorliegenden Titel, zu denen dann ergänzendes Material eingespielt wurde.

Zum einzigen Lied mit Gesang, "Louder than words", schrieb Gilmours Frau Polly Samson die Lyrics, dazu gabs floydtypische R&B-backing vocals. Das Stück erinnert sehr an "Keep Talking" von Division Bell.

"The Endless River" ist ein Wright-Tribute-Album. Es ist ein Album, das weniger aus einzelnen Song, als vielmehr aus einem konstanten Fluss aus Melodien, Harmonien und Stimmungen besteht. Und es ist somit nichts für die heutige iPod-Generation, die Musik mit der Shuffle-Taste zusammenstellt. Denn das würde den Fluss unterbrechen. Nein. Es ist für uns alte Säcke, die wir in den 70ern und 80ern mit Musik gross wurden.

Das Album braucht Zeit, es braucht Aufmerksamkeit, braucht Ruhe. Einzelne Titel herauszupicken wird der Musik nicht gerecht. Es gibt bis auf das abschliessende "Louder than words" eigentlich keinen Titel, der zur Single taugt.

"The Endless River" ist stilistisch ein zweites Division Bell, quasi die B-Seite des Vorgängers. Es finden sich aber immer wieder auch Referenzen an frühere Alben und Titel. So ist "It`s what we do" eine Homage an Shine on you Crazy Diamond, gleiches Tempo, gleicher Groove, gleiche Harmonien, "Ebb and Flow" und "Skins" erinnern an Echoes, "Skins" aber auch an A Saucerful Of Secrets. In "Sum" wird man an One of these Days erinnert und schliesslich muss Us and Them als Vorlage für "Anisina" herhalten.

So ist "The Endless River" eine Reise durch vertrautes Terrain, eine Wohlfühloase für alle, die gerne in Erinnerungen schwelgen. Das Album bietet stilistisch nichts Neues. Aber die zwanzig Jahre, die zwischen "Division Bell" und "The Endless River" liegen, und die Überraschung, dass es wider alle Erwartungen doch noch ein weiteres Pink Floyd Album gibt, werden dafür sorgen, dass es mit offenen Armen empfangen wird. "The Endless River" wird weggehen wie warme Semmeln. Es wird DER Kassenschlager der Weihnachtszeit werden. Es wird unter Tannenbäumen liegen und man wird in eine warme Decke gehüllt, Glühwein trinkend, auf dem Sofa sitzen, in die schneebedeckte Landschaft hinausblicken, und bei sich denken: "dass ich das noch erleben darf."

Den Schluss macht David Gilmour. "I think we have successfully commandeered the best of what there is. I suspect this is it."

Geniesst also dieses definitiv letzte Album einer grossen Band.

Anspieltipp(s): siehe Text
Vergleichbar mit: v.a. Division Bell
Veröffentlicht am: 8.11.2014
Letzte Änderung: 9.11.2014
Wertung: keine irgendwie ausser Konkurrenz, fürs Lebenswerk eine unzweifelhafte 15

Zum Seitenanfang

Von: Nik Brückner @ (Rezension 2 von 5)


Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch' ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl' ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.

Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage,
Und manche liebe Schatten steigen auf;
Gleich einer alten, halbverklungnen Sage
Kommt erste Lieb' und Freundschaft mit herauf;
Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,
Und nennt die Guten, die, um schöne Stunden
Vom Glück getäuscht, vor mir hinweggeschwunden.

Sie hören nicht die folgenden Gesänge,
Die Seelen, denen ich die ersten sang;
Zerstoben ist das freundliche Gedränge,
Verklungen, ach! der erste Widerklang.
Mein Lied ertönt der unbekannten Menge,
Ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang,
Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen
Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,
Es schwebet nun in unbestimmten Tönen
Mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich,
Ein Schauer faßt mich, Träne folgt den Tränen,
Das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich;
Was ich besitze, seh' ich wie im Weiten,
Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.


"There's certainly an unspoken understanding" – zu Beginn des neuen Pink-Floyd-Werks richtet Rick Wright diese Worte an uns. Es sind die letzten, die seine Fans von ihm hören. Rick Wright verstarb am 15. September 2008.

Vergänglichkeit, Verlust durchwehen dieses Album. Der Lauf der Dinge: Werden, Altern, Vergehen. Ich reagiere äußerst allergisch, wenn gesagt wird, man könne von Alten nicht mehr viel erwarten, und solle froh sein, wenn die überhaupt noch etwas zustande brächten. Neulich war ich mit Abstand der Jüngste auf der Höfats. Und auch Pink Floyd scheinen derlei nicht für gegeben hinzunehmen. Hier ist ein neues Album, von einem Achtundsechzigjährigen, einem Siebzigjährigen – und einem, dessen Tod die beiden anderen nicht daran hindern konnte, mit ihm zusammen noch einmal jene Musik zu machen.

Offen gestanden, ich habe nicht verstanden, wie dieses Album entstanden ist. Ich habe mich eingelesen, klar, aber wer da in welcher Hexenküche was, und vor allem wann eingespielt hat, ist mir ebenso ein Rätsel geblieben, wie die letztendliche Entstehung des Ergebnisses. Was hier gespielt wurde, was bloß geloopt, was technisch wie verändert, ich weiß es nicht – und ich glaube, das es sehr, sehr wichtig fürs Beurteilen von Musik ist, um ihre Entstehung zu wissen.

Aber dann werden wir in jenen warmen, flüssigen Klang getaucht: Pink Floyd. Fast physische, plastische Gestalt nehmen die ersten Akkorde des Albums an. Nicht einmal eine Minute ist vergangen, und aller hier sagt uns: Alles ist gut. Sei nur ruhig. Es ist gut. Und es beginnt "The endless River". Ein Werden und Vergehen von Themen, von Musik, von Themen, aus einem endlosen Strom von Klang. Es ist Pink Floyd.

Die Gestalt der Musik ist von einem tiefen Verständnis und großem Respekt vor jenem großen Etwas geprägt, dessen Teil Gilmour, Mason und Wright einst waren. "The Endless River" ist, was es ist, aber es weist auch über sich hinaus. Es ist ein Pink-Floyd-Album, aber es ist auch ein Album über Pink Floyd. Es verweist auf die Band, die es hervorbrachte. Es zeigt, ein allerletztes Mal, wer jene größte Band nach den Beatles war. Und so ist "The endless River" "The endless River", aber es ist auch ein Pastiche zahlloser Reminiszenzen an die großen Vergangenheiten. Ist das nicht der Gitarrenakkord aus "Welcome to the Machine"? Sind das nicht die Glocken aus "High Hopes"? "It's what we do" - eine deutliche Anspielung an "Shine on you crazy diamond", "Sum" atmet den Space Rock von "One of these days", "Skins" blickt zurück auf "A Saucerful of Secrets" und "Anisina" kreuzt den Rhythmus von "Us and them" mit Keyboardarpeggios aus "Comfortably Numb".

"The endless River" ist ein Verneigen Pink Floyds vor Pink Floyd, vor allem aber ist "The endless River" eine Verneigung vor Rick Wright. Nicht nur eröffnet er das Album, es ist auch ein sein Orgelspiel aus der Royal Albert Hall vom Juni 1969 zu hören, ein Ausschnitt nur, aber er genügt.

"The endless River" ist ein Instrumentalwerk. Und dann sagt Stephen Hawking: "Mankind's greatest achievements/ Have come about by talking/ And its greatest failures by not talking". Bittersüße Ironie von einer Band, die durch ihre Musik zu so vielen Menschen kommunizierte, es untereinander aber nicht konnte. Und dann kommt das letzte Album dieser sprachlos sprechenden Band in seinem letzten Stück zur Sprache: "These times together/ Rain or shine or stormy weather/ This thing we do/ It's louder than words".

Welch eine Idee. Ein letztes, großes Statement. Ein Abschied. Ein Schluss, anstelle jener quälenden Phase des Auströpfelns, Sich-Lächerlichmachens. Wieviel Würde steckt darin. Wieviel Selbstachtung. Wieviel Größe.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit: anderen gelungenen Spätwerken von Bands und Künstlern wie Magma, Renaissance, Ian Anderson, VdGG, Rush, Don Airey, The Enid, Trevor Rabin, Robert Fripp, Peter Hammill, Robert John Godfrey - und dann wieder mit Pink Floyd
Veröffentlicht am: 9.11.2014
Letzte Änderung: 11.11.2014
Wertung: keine Ob es gut ist? Das ist mir egal. Es ist auch nicht wichtig.

Zum Seitenanfang

Von: Malte Krosse @ (Rezension 3 von 5)


Meinen Vorrednern kann ich nur zustimmen! Mir fällt es sehr schwer ein solches Album – kann man es überhaupt als Album bezeichnen? – zu bewerten. Für eine einigermaßen angemessene, objektive Bewertung steckt doch in dieser Musik zuviel Bandgeschichte und vor allem zuviel persönliche Bindung des Hörers zu dieser Band. Zwar begann meine Pink-Floyd-Geschichte, da ich doch eher zu den Jünglingen unter den Floyd-Jüngern gehöre, erst vor etwa 12 Jahren mit „Careful with that axe, Eugene“ – aber auch das kann prägen. Dennoch, ich will es versuchen, da mich The Endless River doch die letzten Tage zu sehr beschäftigt hat, denn eines Vorweg: Nein, bei aller Skepsis vorab, schlecht ist das wahrlich nicht!

Ich denke, man muss The Endless River unter den Bedingungen bewerten, unter denen es entstanden ist. Und das Album ist eben alles andere als ein herkömmliches Album mit von vornherein durchdachten Kompositionen – das schließt die Entstehung aus Schnipseln früherer Sessions aus. Daher in diesen 53 Minuten Pink Floyd nach besonderer Innovation, nach Kreativität und Virtuosität in den einzelnen Stücken zu suchen, wäre hier, meines Erachtens, unangemessen. Was hier stattdessen zählt, ist die Montage, die Anordnung der Schnipsel, die Überleitungen, kurzum die Komposition aus bereits vorhandenen Teilkompositionen. Und die scheint mir recht gelungen in Anbetracht dessen, was The Endless River sein möchte: ein Rückblick und Abschied.

Man hat sich bezüglich der Montage dazu entschieden, aus all dem Material vier zusammenhängende Songs zu basteln. Und die versuchen, ich finde das ist klar zu hören, in sich Spannung aufzubauen, seicht anzufangen, sich aufzubauen und wieder seicht ein Ende zu finden. Natürlich funktioniert das nicht so gut wie bei „Shine on you crazy diamond“ oder „Echoes“, wer hat denn auch solche Gewalten auf diesem Album erwartet? Aber immerhin hat man die Möglichkeiten, die blieben, gut genutzt. So ist es z.B. sehr gelungen, dass man die musikalische Idee von „Allons-Y“ zweimal aufgreift und dazwischen – das wohl schönste Andenken an Richard Wright – den Orgelchoral „Autumn '68“ schiebt. Es fügt sich wunderbar zusammen, lässt die Idee von „Allons-Y“ nicht langweilig werden und bildet im Zusammenhang mit den anderen Teilen des dritten Songs ein für mich logisches Zentrum. Auch der aus „Sum“, „Skins“, „Unsung“ und „Anisina“ bestehende zweite Teil des Albums wirkt im Zusammenhang sehr gut: Die an die späten 60er und frühen 70er erinnernden Titel „Sum“ und „Skins“ bauen Spannungen auf, „Unsung“, alleinstehend eher belanglos, leitet hier aber gekonnt auf die Auflösung wirklicher aller Dissonanzen, „Anisina“, hin. Zugegeben, „Anisina“ ist wirklich sehr kitschig und Kitsch hat man, so ich gelesen habe, auch gerne schon The Endless River vorgeworfen. Aber Kitsch muss ja nicht immer schlecht sein und an rechter Stelle eingesetzt schon gar nicht. Ist es nicht gerade die geheime Freude eines jeden Progfans, die kitschigen Passagen der Longtracks – und davon gibt es unzählige – zu genießen? Auch das The Endless River abschließende „Louder Than Words“ ist auf seine spezifische Division Bell-Art kitschig. Aber als Ende dieses Albums und, man darf es nicht vergessen, irgendwie auch als Ende einer Bandgeschichte, kann der Song sogar sehr gut gefallen. So scheint es mir gar so, als ob The Endless River analog zur musikalischen Laufbahn Pink Floyds, eine Entwicklung hin zum soliden und letztendlich gar nicht so schlechten Popsong nachvollziehen möchte – doch das ist vielleicht zuviel der Interpretation.

Natürlich kann man den alten Herrschaften vorwerfen, sie hätten aus diesen zahlreichen Fetzen von Ideen noch gute, in sich geschlossene Songs basteln können. Aber dazu hätte es vermutlich unzählige Gastmusiker gebraucht, die letztendlich nicht mehr viel vom Ursprung dieser Aufnahmen stehen gelassen hätten: Wirklich Pink Floyd wäre das wohl nicht mehr gewesen. Insofern ist es ehrlicher, ein Montagewerk zu produzieren und Pink Floyd Pink Floyd bleiben zu lassen. Aber musste man es dann groß als Album ankündigen und auf den Markt bringen? Ja, das ist eine gute und berechtigte Frage. Doch so wie es jetzt erschienen ist, als Mosaik einst halbfertiger b-Seiten, ist es doch besser als eine lieblose, vielleicht zum Vergessen verurteilte „Reste-CD“, als Bonus angehängt an irgendeine Box. Und für die Jünglinge unter den Floyd-Freunden, wie ich es einer bin, ist es doch jetzt ein schönes Erlebnis, die Veröffentlichung eines neuen Pink-Floyd-Albums mitzuerleben (und damit den väterlichen Jugendgeschichten, „ich habe es damals noch selbst miterlebt, als Atom Heart Mother erstmals in den Plattenläden stand“, etwas an Kraft zu nehmen).

Fazit und Wertung: Im Vergleich zu früheren Werken Pink Floyds hat The Endless River wohl kaum mehr als 7 Punkte verdient. Doch kann und darf man dieses Werk mit den früheren Alben vergleichen? Wohl eher nicht, denn in Konkurrenz mit der Bandgeschichte will The Endless River wahrlich nicht treten. Es ist also sinnvoller The Endless River als das, was es ist, zu betrachten, als gut komponiertes Mosaik – und dafür gibt es eine klare 9. Und wenn dazu noch eine persönliche Bindung zur Band und die daraus resultierenden Emotionen beim Hören von The Endless River gerechnet werden dürfen, dann käme ich auf 11 Punkte. Doch das würde wohl dem Versuch einer möglichst objektiven Wertung widersprechen.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 12.11.2014
Letzte Änderung: 12.11.2014
Wertung: 9/15
Wirklich schlecht ist eigentlich nur das Cover

Zum Seitenanfang

Von: Siggy Zielinski @ (Rezension 4 von 5)


Zu der Entstehung des wahrscheinlich letzten neuen Albums mit "Pink Floyd" auf dem Cover (ich schreibe bewusst nicht "Pink Floyd-Albums") ist schon von meinen Vorrednern einiges geschrieben worden. Wäre das Album nicht als eine Huldigung an ein verstorbenes Bandmitglied gedacht worden, würden einige Musikfreunde wahrscheinlich die Tatsache eher kritisch betrachten, dass das Album weitgehend eine gesangsfreie Resteverwertung darstellt. Oft wirken die Instrumentals auf mich, als könnten sie noch einen Gesangspart gut vertragen. Die hier gebotene entspannte Pink Floyd-Musik ohne Gesang kann durchaus manchmal an einen Soundtrack zu einem Liebesfilm erinnern. Nichts gegen Liebesfilme, aber mir wären die Geschichten über Mauern und rebellierende Schüler eigentlich lieber. Wie Nick Mason neulich in einem Interview angedeutet hat, würden Pink Floyd ohne die verrückten Kerle Barrett und Waters möglicherweise nur Banales generieren.

Wegen der Umstände der Entstehung wirft der gemeine Progfan aber seine übliche Skepsis über Bord, lässt sich von der Nostalgie forttragen und macht sich in den oft nachdenklich wirkenden Stücken auf die Suche nach Bezügen zu den früheren Pink Floyd-Werken. Und einige Momente von "Skins" können sogar an die fast vergessenen Zeiten Ende der 60er erinnern, als Nick Masons Schlagzeugspiel noch beachtenswerte Kreativität aufwies. Neben dem ganzen himmlischen Wohlklang von "The Endless River" schleichen sich in "Calling" erfreulicherweise einige experimentell und dissonant anmutende Akzente ein.

Bei alledem sollte die Tatsache nicht verschwiegen werden, dass es von "The Endless River" auch eine 2-Disc-Deluxe-Edition gibt, wahlweise mit DVD, oder Blu-ray. Auf der DVD/Blu-ray finden sich neun teilweise auf der CD nicht vorhandene Stücke, davon sechs als Videoclips und drei ohne bewegte Bilder. Die meisten Videos zeigen die Musiker 1993 bei den Jam-Sessions. Zudem beinhaltet die Deluxe-Edition 3 farbige Postkarten, davon eine in 3D-Design.

Natürlich gibt es dann auch noch die Surround-Abmischungen: auf der DVD als 48kHz/24bit (Stereo PCM, 5.1 Dolby Digital und 5.1 DTS) und auf Blu-ray als 96kHz/24bit (Stereo PCM, 5.1 DTS Master und 5.1 PCM). Die höhere Datenmenge könnte eigentlich für die Blu-ray-Scheibe sprechen.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Pink Floyd so ein Abschiedswerk unbedingt nötig gehabt hätten, bei dem ein ehemals wichtiges und noch lebendes Bandmitglied keine Rolle spielte. Welche Art von Vergleichen man zwischen "The Endless River" und den gelungenen Spätwerken anderer Bands anstellen könnte, erschließt sich mir leider gar nicht.

Zu "Louder Than Words" wurde kürzlich ein Videoclip im Internet veröffentlicht, das die Umweltkatastrophe am Aralsee zeigt.

Mit "The Endless River" sollte der Fan ein überraschendes Abschiedsgeschenk bekommen. Urteilt man nach meisten Fanreaktionen, hat die Scheibe ihre Rolle ganz gut erfüllt

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 15.11.2014
Letzte Änderung: 15.11.2014
Wertung: 8/15

Zum Seitenanfang

Von: Jürgen Gallitz-Duckar @ (Rezension 5 von 5)


Heut gabs was Besonderes für mich, dem ich mich erst langsam nähern musste. Floyd geht mir nahe, hat mein musikalisches Hörerleben von Anfang an geprägt, hat mir einst klargemacht, Musik kann mehr als ein Drei-Minuten Song mit einem schönen Refrain sein.

Grade also dieses Album das erste Mal gehört (gekauft irgendwann letztes Jahr). Nach so vielen schlechten Vorabmeinungen und Hinterhermeinungen und einem eigenen unguten Gefühl, musste ich mir da sehr viel Zeit lassen um da ranzugehen. Das Cover hat seines dazu beigetragen, dass das Bedürfnis die hören zu wollen weiter ausgebremst wurde.

Heut war sie dran. Fazit zuerst? Okay. Ein wunderschöner Abschluss der Bandgeschichte von Pink Floyd. Erst wenn man die Platte mal am Stück ganz gehört hat und zwar mit den Ohren und dem Herzen und nicht mit den Ohren und dem Kopf wie es Kritiker meist leider tun, dann versteht man was Gilmour und Mason hier wollten.

Es ging hier wohl nie darum ein neues Album im eigentlichen Sinn vorzulegen. Es ging darum zurückzublicken. Sie haben einen Freund verloren, sich mit einem anderen Kollegen inzwischen ausgesöhnt, sind alt geworden und spürten, das wars mit der Band Pink Floyd, jetzt ists gut. Hätten sie so einen Rückblick adäquat mit einem Album voll neuer Songs hinbekommen? Neue Songs in welchen weder Wright noch Waters dabeigewesen wären? Nein, natürlich nicht.

Und so muss die Idee wohl gekommen sein, wir nehmen was da ist an Sessionmaterial auf dem Rick Wright zu hören war und spielen dazu drumrum allerlei Dinge die auf sehr geschickte, augenzwinkernde Art Selbstzitate am laufenden Band sind. Wer den Floyd-Backkatalog sehr gut kennt kommt da aus dem seligen Grinsen nimmer raus. Dauernd hat man das Gefühl, das kennt man doch. Aber eben doch nie 1:1 sondern ähnlich. Man ahnt, und manchmal weiß mans, auf welchen Song, auf welche Stelle die beiden Herren grad anspielen und schon isses wieder vorbei und bald kommt ein anderes Zitat. Dazu gibts drumrum ein bisserl was neues eingespielt um das alles in einen Rahmen zu packen.

Die Unterteilung der CD in vier Teile die dann "Side 1", "Side 2" usw. benannt sind unterstreichts nur nochmal. Wir gucken zurück in Kapiteln auf unser musikalisches Leben. Natürlich wurden diese "Side" benannt, denn Floyd waren immer eine LP-Band. Keine i-pod-Häppchen Band für die Shuffle-Einstellung. Das geht nur am Stück um zu verstehen was gemeint ist.

Einmal gehört nun und schon Hunger drauf die wieder und wieder zu hören um diesen Musikfluss zu genießen und nach und nach, und dann auch mal mit dem Kopf, zu versuchen zuzuordnen wo sie sich wie zitieren.

Und dann kommt der einzige Song am Schluss. Musikalisch klar ein Track aus der "Division Bell" Zeit und der steht da richtig, denn das war das letzte gemeinsame echte Pink Floyd Album, also kommt logischerweise am Ende des Endless Rivers das Zitat zu diesem Album. Musikalisch wär der Song nicht so bedeutungsvoll, aber da ist der Text von Polly Samson, Gilmours Schriftsteller-Ehefrau. Und der bringt in wunderschön versöhnlichen Worten alles zum Ende. "We bitch and we fight, diss each other on sight, but this thing that we do is louder than words". Und ich hab Tränen in den Augen.

Am Ende ist Frieden. Mit allem. Wünschen wir uns das nicht alle, wenns für uns persönlich mal Zeit ist zurückzublicken?

Das Album ist ein einziges „Weißt du noch?-Spiel“, wie man es selber auch kennt wenn man sich mit Leuten unterhält mit denen man schon einiges erlebt hat, dass aber doch lang zurückliegt. Die Erinnerungen sind natürlich nicht exakt und jeder erinnert sich an was anders, aber das ist auch ganz egal, es macht Spaß und es erzeugt ein Gemeinsamkeitsgefühl, ein wohliges Wir.

Ein wunderbar warmes Wir-Album ist das also. Wir die Band und Wir die Fans. Ohne diesen Zusammenschluss hätte es dieses Wir nie gegeben. Wir die Band erinnern uns, ihr die Fans tut es ebenso. Ein Album, das einen ganz besonderen Platz in der Floyd-Diskographie für mich hat.

Nur das Cover und das muss ich loswerden, gerade weil’s ein so schönes Album geworden ist. Das ist blödsinniger Computer-Kitsch. Die Idee dahinter ist toll. Auf dem endlosen Fluss des Lebens und der dahintreibenden Wolken rudern wir in das, was kommen mag. Rick Wright ist schon unterwegs dahin. Tolle, berührende und nachvollziehbare Idee.

Aber dann bitte auch floydgemäß umsetzen. Sie erwähnen natürlich im Booklet kurz auch Storm Thorgerson. Thorgerson und Floyd, das gehört zusammen. Ohne seine ikonographischen Cover wäre Floyd nicht über Musikkreise hinaus bekannt geworden. Also entweder hätten sie eine übriggebliebene Thorgerson Arbeit genommen oder, was mir am liebsten gewesen wäre, sie hätten von seinen engsten Mitarbeitern ein Cover zu dem Thema mit der Idee erstellen lassen sollen, so wie es Thorgerson immer gemacht hat. Ein echtes Bild. Echt arrangiert mit einer echten Person, echten Trockeneis-Wolken in einem echten Setting, echt fotografiert. Das, genau DAS war es immer was Floyds-Cover, resp. Thorgersons Arbeiten ausgemacht hat. Er hat seine verrückten surrealen Ideen nie billig umgesetzt. Mein Gott, diese Kuh, die hätte man auch malen können, oder? Oder das Ohr auf der Meddle. Den brennenden Mann, das fliegende Schwein, die Betten am Strand, den Typ mit den Glühbirnen usw. all das, das hätte man auch malen können. Billiger und einfacher umzusetzen. Aber nicht halb so eindrucks- und wirkungsvoll wie es dann durch Thorgerson gemacht wurde.

Ich wünsche mir eine Endless River Neuveröffentlichung in ein paar Jahren mit einem derartigen echten Cover und würde sofort losziehen mir die zu holen.

Diesen billigen Schmonzetten-Computerkack, der genauso gut einen Liebesroman aus dem Knutsch-Mich-Verlag zieren könnte, das hat das Album nicht verdient, das ist was fürs i-pod Publikum, die eh kein Cover brauchen weil sie derartige Gedanken einer künstlerischen Einheit zwischen Artwork und musikalischem Inhalt sowieso nicht nachvollziehen können in ihrem rein oberflächlich praktisch orientiertem Denken.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 28.1.2015
Letzte Änderung: 29.1.2015
Wertung: 13/15
einen derartig gelungen Abschluss der eigenen Musikkarriere muss man erstmal hinbekommen

Zum Seitenanfang

Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Pink Floyd

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1967 The Piper at the Gates of Dawn 9.50 5
1968 A Saucerful Of Secrets 10.00 6
1969 More 9.75 4
1969 Ummagumma 11.33 4
1970 Atom Heart Mother 11.33 4
1971 Meddle 12.00 3
1971 Relics 9.00 2
1972 Obscured By Clouds 9.67 4
1973 The Dark Side of the Moon 12.29 7
1974 Masters Of Rock - 1
1975 Wish You Were Here 11.00 8
1977 Animals 13.00 6
1979 The Wall 8.40 7
1980 Is there anybody out there? - The Wall live 1980/81 7.00 1
1981 A Collection Of Great Dance Songs 12.00 1
1983 The Final Cut 8.75 8
1987 A Momentary Lapse of Reason 6.75 4
1988 Delicate Sound of Thunder 9.33 3
1989 Delicate Sound of Thunder (Video) 4.00 1
1994 The Division Bell 5.40 5
1995 P.U.L.S.E. 9.00 3
1995 London '66-'67 - 1
2003 Live at Pompeii (DVD) 12.00 4
2003 The Pink Floyd & Syd Barrett Story (DVD) 7.00 1
2005 London 1966/1967 (DVD) - 1
2006 P.U.L.S.E. (DVD) 10.00 2
2011 Discovery - 1

Zum Seitenanfang

© 1999-2017; Das Copyright aller Texte liegt bei den jeweiligen Autoren; Haftungsausschluss
Site Map - Startseite - FAQ - Reviews - Leitfaden - Lesestoff - Kontakt - Links
RSS | Impressum