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Steven Wilson

Hand.Cannot.Erase.

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2015
Besonderheiten/Stil: Klassischer Prog; New Artrock; Rock / Pop / Mainstream; RetroProg
Label: Kscope Music
Durchschnittswertung: 11.43/15 (7 Rezensionen)

Besetzung

Steven Wilson lead vocals, mellotron, keyboards, guitars, bass, programming, hammered dulcimer
Guthrie Govan lead guitar
Nick Beggs bass, chapman stick, backing vocals
Adam Holzman keyboards, piano, programming, celeste
Marco Minnemann drums, percussion
Ninet Tayeb vocals, backing vocals

Gastmusiker

Theo Travis flute, saxophones
Dave Gregory guitar
Katherine Jenkins voice ("Perfect Life")
Chad Wackerman drums

Tracklist

Disc 1
1. First Regret 2:01
2. 3 Years Older 10:18
3. Hand Cannot Erase 4:13
4. Perfect Life 4:43
5. Routine 8:58
6. Home Invasion 6:24
7. Regret #9 5:00
8. Transience 2:43
9. Ancestral 13:30
10. Happy Returns 6:00
11. Ascendant Here On... 1:54
Gesamtlaufzeit65:44


Rezensionen


Von: Thorsten Gürntke @ (Rezension 1 von 7)


Das, was man bisher zu „Hand.Cannot.Erase.“ liest, klingt etwa so: „Highlight, Klassiker, Album des Jahres, Album für die Ewigkeit...“ usw. Früher habe ich das auch gemacht, wenn ein Album meiner Lieblingsbands heraus kam. Einige Zeit später waren diese vermeintlichen „Highlights“ dann vergessen und im Regal verstaubt oder gar „leer gehört“. Deshalb bin ich vorsichtig geworden, mit solchen Superlativen. Und es hilft, nicht unbedingt Fanboy zu sein, um Dinge mit Abstand zu betrachten.

Bleiben wir mal bei den Fakten: Wilson hat nicht mehr und nicht weniger erreicht, als den Progressive Rock wieder salonfähig zu machen. Mit „The Raven That Refused To Sing“ hat er ein durchaus schön anzuhörendes Potpourri aus bereits bekannten Zutaten kreiert, das sowohl den sich tiefer hinein hörenden Prog-Hörer als auch den eher oberflächlichen Mainstream anspricht. Wenn Wilson eines kann so ist es, genau diese Mischung zu gestalten. Darin verborgen liegt eine Chance und eine Gefahr. Die Gefahr, oberflächlich zu werden oder die Chance, Musik mit Anspruch wieder im Bewusstsein einer größeren Hörerschaft zu etablieren. Einen Erfolg zu schaffen, mag vielleicht einfach sein. Ihn zu wiederholen, dürfte die weit schwerere Aufgabe sein. Vor diesem Problem dürfte auch Wilson vor der Veröffentlichung von „Hand.Cannot.Erase.“ gestanden haben.

Wilson schert sich einen Dreck um diese Probleme und veröffentlicht mal eben ein am Markt schwerer zu etablierendes Konzeptalbum. Wilson weiß aber andererseits genau, mit welchen Zutaten er dieses Problem angehen soll. Mit langen und ausschweifenden Kompositionen spricht er die erste Zielgruppe an und gleichzeitig weiß er von seiner Fähigkeit, Songs Hitpotential zu verleihen und wirft kurze und eingängige Songs dazwischen; für den anderen Teil der Hörerschaft. Der Spagat dabei ist, Kunst und Kommerz zu vereinen. Wilson ist genau da geschult. Er hat in den vergangenen Jahren die Ingredienzen erfolgreichen Progressive Rocks im Rahmen seiner Produzententätigkeit aufgesaugt. Er kann Sounds auf den Punkt produzieren, ihm gelingt es, aus vermeintlich angestaubten Klischees ein transparentes Bollwerk auf modernstem Niveau zu schaffen. Auch dieses Wissen wird mit einfließen, wenn Wilson komponiert. Er wird Vorstellungen vom Gesamtklang haben. Ob das alles so ist, kann ich hier beim Hören seines neuesten Machwerks nur vermuten. Aber: Das klingt alles sehr berechnend.

Und wie klingt nun „Hand.Cannot.Erase.“? Genau, wie beschrieben. Wilson zaubert ein modernes, druckvolles Klangmonster, das bereits mit einem Longtrack anfängt. Nach kurzem Intro startet „3 Years Older“ wie zu besten Rush-Zeiten (Cygnus-X lässt grüßen). Schade, dass er bisher noch kein Rush Album produziert hat, fällt mir dazu ein. Krumme Takte, mit beeindruckender Präzision von Marco Minnemann getrommelt, dazu harte, kühle Klänge. Der Opener bestimmt ein Album. Hier nimmt er dich mit. Rein ins Album. Das indes geht dann ausgesprochen sanft weiter. Der Titelsong ist ein moderner Rocksong im Radioformat. Mit „Perfect Life“ wird es sehr emotional. Moderne Beats und weiblicher Sprechgesang erzählen ähnlich eines Soundtracks eine Geschichte und lassen Bilder entstehen. Wilsons Gesang im Refrain ist sehr auf Harmonie bedacht und durchaus als Kitschig zu bezeichnen. Mit „Routine“ geht es ähnlich weiter. Sanftes Piano, dazu säuselnder Gesang von Wilson, ergänzt mit weiblicher Stimme. Die Orchestration im ersten Drittel erinnert mich an Chris Squires Soloalbum „Fish Out Of Water“, bevor der Song dann mit Hackett-Gitarren den frühen Genesis huldigt. Klingt sehr routiniert.

Mit „Home Invasion“ und „Regret #9“ folgt dann ein Doppeltrack, in dem sich die Band ein wenig austobt. Beide sind untrennbar vereint. Während der erste den harten Wilson, mit trockenen Bässen, kernigen Gitarren und verfremdeter Schweineorgel raushängen lässt, zeigt sich der zweite als instrumentaler Sololaufsteg. Nach dem kurzen Akustik/Gesang-Intermezzo „Transience“ folgt mit „Ancestral“ der längste Song des Albums. Computerbeats, feinfühliger Gesang, getragene, orchestrale Flächen – es baut sich so etwas wie Spannung auf. Wilson schwelgt in Melodien und Emotionen. Überhaupt ist das Album ziemlich mit (eher traurigen) Emotionen zugekleistert. Das ist natürlich der Story geschuldet, die sich um eine gut sozial integrierte Frau dreht, die erst drei Jahre nach ihrem Ableben in ihrer Wohnung gefunden wird. Niemand schien sie in dieser Zeit vermisst zu haben. Zurück zum Song: Ab dem zweiten Drittel versucht man durch hektische und harte Gitarren Dramatik zu erzielen. Mit „Happy Returns“ und „Ascendent Here On ...“ klingt das Album ruhig und eher traurig aus. Natürlich nicht, ohne die gehörige Portion Pathos und orchestralem Kitsch, der hier aber irgendwie hin passt.

Wilson wird mit dem Album genau seine Zielgruppe erreichen, die er sich mit „The Raven...“ geschaffen hat. Das Album wird überschwänglich gefeiert, wohin man schaut. Und es sollte auch tatsächlich klar sein, dass aufgrund der sich überschlagenden Presse, dem Marketingkonzept und ausufernder Werbekampagnen am Ende des Jahres wieder Wilson die Jahres-Polls anführt. Berechtigt oder unberechtigt? Wie ich finde, hat das Album seine Daseinsberechtigung. Es lässt sich gut hören, kann prima nebenbei laufen, man darf sich aber auch länger und intensiver damit beschäftigen. Alles, was ich oben anführte, scheint Wilson berücksichtigt zu haben. Mir persönlich ist der eingesetzte Pathos zeitweise zu überbordend kitschig. Als Gesamtwerk betrachtet, lässt sich das aber erklären und passt ins Konzept. Natürlich gibt es das Teil als Album, Vinyl, als Special Edition und Blu-Ray. Jede Variante hält diverse Bonustracks bereit. Der Wilson-Kenner wird sich sicherlich daher sowieso mit allen Varianten eindecken. Mir reicht es indes, das Album einmal zu besitzen. So, wie die ganzen anderen Klassiker in meinem Regal...

Anspieltipp(s): 3 Years Older
Vergleichbar mit: Wilson und allem, was Wilson bisher produziert hat ;)
Veröffentlicht am: 21.2.2015
Letzte Änderung: 21.2.2015
Wertung: 11/15

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 2 von 7)


Steven Wilsons "Hand.Cannot.Erase." ist ein Konzeptalbum. Es beruht auf dem Doku-Drama "Dreams of a Life" von Carol Morley, das den bestürzenden Fall von Joyce Carole Vincent nacherzählt: Die Frau starb in ihrer Londoner Wohnung beim Einpacken von Weihnachtsgeschenken für Familie und Freunde, von denen sie sich in den Jahren zuvor mehr und mehr zurückgezogen hatte. Joyce Carole Vincent lag drei Jahre lang tot in ihrer Wohnung, bevor man sie gefunden hat.

Steven Wilson legt dazu ein weiteres seiner trübsinnigen Edel-Indie-Alben vor. Und wieder geht das Gezerre los: Genie oder Meister am Reißbrett? Musiker oder Klangdesigner? Prog oder New Artrock? Wie die meisten unserer Diskussionen ist auch diese mittlerweile langweilig geworden, weil persönliche Vorlieben den nüchternen, differenzierten Blick meist zunichte oder doch zumindest unmöglich machen ("Fan" oder "Hasser" - Polarisierung ist das neue Glück), weil der Unterschied zwischen Komponist/Musik und Produzent/Sound nicht klar genug gemacht wird, oder weil am Ende nur die übrigbleiben, die eh immer einer Meinung sind. Solange wir so diskutieren, brauchen wir uns über Vereinsamung keine ernsthaften Sorgen zu machen, da reichen bloße Betroffenheitsbekenntnisse vollkommen aus.

Wilson weiß schon, warum er sich dieses Themas angenommen hat. Bewusstheit ist gefragt.

Was haben wir da also vor uns, abgesehen von dem Album, das am Ende des Jahres auf Platz eins der Prog-Polls stehen wird? (Gähn) Erst einmal bin ich (wieder) überrascht, wie wenig proggig ein Platz-Eins-Prog-Album doch sein kann. Gut, "3 Years Older" könnte ohne weiteres auf der Bonusscheibe eines Neal-Morse-Albums sein. Etwas anders arrangiert und mit quietschigeren Keyboardsounds natürlich. Wilson mag keinen Retroprog? Fast glaub ich's...! Den Kern des 10minüters bildet ein recht konventioneller Song, dessen Akkordfolge im Refrain dem Werk der Beatles entlehnt ist. Wilson trägt ihn mit gewohnt ausdrucksloser Stimme vor, was ihm vermutlich einmal mehr als melancholisch ausgelegt werden wird. Der Rest des Stückes besteht aus unterschiedlichen Instrumentalpassagen, die nicht wirklich etwas miteinander zu tun haben. Erstmals aufregend wird das Album dann, wenn nach etwa siebeneinhalb Minuten Keyboard und Gitarre über ein kraftvolles 7/8-10/8-Ostinato solieren. Aber wie das im New Artrock eben so ist, wird das gleich wieder von etwas Langweiligerem davongespült.

"Hand Cannot Erase" und "Perfect Life" sind dann aber, trotz einiger krummer Takte, sehr poprockige Stücke. Kein Prog hier vom Erneuerer des Progressive Rock. Überhaupt klingt das Album, trotz seines ernsten Sujets, nicht mehr so düster und sperrig wie noch "Raven". Sehr hörbar, melodiös - und stellenweise eben poppig. "Perfect Life" ist sogar richtig doof, viel zu lang wird das immer Gleiche wiederholt. Aber genau das ist gemeint, oder? Mit dem Titel "Perfect Life"? Und dann stelle ich mir zwischendurch immer wieder mal die Frage, wo eigentlich in stilistischer Hinsicht der Unterschied zwischen "Hand.Cannot.Erase" und "Brave" ist. Die so genannten "Wilson-Hasser" glauben ja immer, Wilson dadurch bloßstellen zu können, dass sie ihm "nachweisen", dass er Bands aus den 70ern zitiert (was immer daran schlecht sein soll) und führen bei "Hand.Cannot.Erase." gern Rush an. Wieso ausgerechnet Rush? Sie sollten mal Marillion hören, oder Riverside...

"Routine" ist dann so ein new-artrock-typischer pathetisch-emotiver Schwellklang-Melancho-Bombaster, in einem 5er-Takt, 3+2, damit es schön walzt. Der Song ist ein kleines Konzeptwerk in sich und dürfte seine Wirkung nicht verfehlen.

"Home Invasion" beginnt mit einem Staccatoriff, das in einem Progmetalstück gut aufgehoben wäre, wenn es Progmetal wäre. Nicht dass es irgendwie rhythmisch komplex wäre oder so. Ist das die Stelle, die die so genannten "Wilson-Hasser" meinen, wenn sie behaupten, Wilson klaue bei Meshuggah?!? Lächerlich. Aber es ist endlich mal Prog. Es schließt sich ein funkiger Part an, bevor in der zweiten Hälfte dann gesungen wird. Das ist wieder so ein Song, wie man ihn auf der Bonusscheibe eines Neal-Morse-Albums finden könnte. Gefällt mir ganz gut, auch wenn die beiden Teile nur sehr lose zusammenhängen.

"Regret #9" ist ein tolles Instrumentalstück, mit einem Keyboardsolo in der ersten Hälfte, das mittsiebziger-floydig klingt (aber technisch versierter ist) und einem nicht weniger floydigen, aber moderner klingenden Gitarrensolo in der zweiten.

"Ancestral" ist super. Hart, abweisend, dissonant. Da ist sie endlich, die Vereinzelung, die Vereinsamung in Guthrie Govans großem Gitarrensolo, im harten, inkonsistenten Riffing die orientierungslose Wut, ziellos (besser so, denn ein Feindbild ist mit großer Wahrscheinlichkeit das falsche Feindbild). Endlich wird mal Tiefe mit musikalischen Mitteln erzeugt und nicht mit technischen. Sehr sehr geil. Hier kann man sehen, was Retroprog sein kann, wenn er modern ist. Würde Wilson nur immer solche Musik machen, dann hätte er einen undifferenzierten und unkritischen Fan mehr (und am anderen Ende wahrscheinlich eine ganze Menge weniger). Ein ganzes Album in diesem Stil, wie geil wäre das! Leider verliert das Album danach mit "Happy Returns" sofort wieder sein musikalisches Niveau, der Song ist (vordergründig?) happy, flach und macht die ganze mühe- wie erfolgreich aufgebaute düstere Atmosphäre zunichte. Also ich weiß nicht.

Ich glaub', man muss die Deluxe-Box kaufen. Die scheint richtig toll zu sein. Und für diejenigen, die ganz immergieren wollen, gibt es die interessante und wirklich nachdenkenswerte Website http://handcannoterase.com/. Nachdenklich, nachdenkenswert und zum Nachdenken anregend.

Und ich glaub', man muss - das muss man übrigens immer - differenzieren. Hier ist viel Nonprog zu hören, viel Produktion, viel Atmo. Aber ist hier auch Prog, Musik, profunder Ausdruck? Klar, man kann sich in dem Album baden, genau dafür ist es gedacht, genau zu diesem Zweck wurde es so produziert, wie es produziert wurde. Aber man kann auch Song für Song, Abschnitt für Abschnitt, Solo für Solo, Gesangspart für Gesangspart hören und sich ein differenzierteres Bild machen. Bewusstheit ist gefragt.



A propos Bewusstheit: Ein Wort noch zu dem Werbetext, der zur Zeit überall zu lesen ist. Er lautet: "Eine junge, attraktive, beliebte Frau, die drei Jahre lang tot in ihrer Londoner Wohnung lag, bevor man sie vermisst hat. Die wahre Geschichte von Vincent, so makaber sie auch sein mag, ist exemplarisch dafür wie sehr Vereinsamung und Anonymität in Großstädten zum Problem geworden sind."

"Eine junge, attraktive, beliebte Frau"?!? Welche Rolle spielt das?

Machen wir die Gegenprobe, um das herauszukriegen: In Somalia bekämpfen sich die Al-Shabaab-Miliz und das Militär. Schon mal davon gehört? 100.000 Zivilisten sind in dem Konflikt getötet worden, liest man. 100.000 Zivilisten! Welche Rolle spielt das? Als sei es schlimmer, wenn ein Zivilist stirbt, als wenn ein Soldat stirbt. 500.000 Tote seit Kriegsbeginn! Aber mal ehrlich, wen interessiert schon Somalia, oder? Wenn schließlich Vereinsamung und Anonymität in unseren Großstädten zu einem derart großen Problem geworden sind? Wo liegt Somalia überhaupt?

Mal ehrlich. Wer kennt schon Somalier! Eine Londonerin, ja, mit der können wir uns identifizieren, klar. Schließlich kennt jeder irgendeinen Engländer.

Jeder ist betroffen von Vincents Fall. Aber keiner kannte sie.

Oder irgendeinen Somalier.

Und wenn uns das betroffen macht, 500.000 Tote in Somalia aber nicht, heißt das nicht im Umkehrschluss, dass uns ein Leben wichtiger ist als das von 500.000? Wenn, ja wenn – wenn welche Voraussetzung genau erfüllt ist? Wenn die Person 'nen Namen hat? Sie eine von "uns" ist? Sie beim Einwickeln von Weihnachtsgeschenken gestorben ist? Oder sie - wie alle, wirklich ausnahmslos alle betonen, die über dieses Album schreiben - jung, attraktiv und erfolgreich war? Attraktiv und erfolgreich?!?

Ich könnt kotzen.

Die Somalier auch.

Das tut der Wahl des Sujets keinen Abbruch. Kein Zweifel, der Fall der Joyce Carole Vincent ist bestürzend. Aber nicht, weil er exemplarisch dafür ist, wie sehr Vereinsamung und Anonymität in Großstädten zum Problem geworden sind, oder weil er für überhaupt irgendetwas exemplarisch ist. Und der Fall ist schon gar nicht bestürzend, weil die Frau erfolgreich oder schön war. Der Fall ist bestürzend, weil ein Mensch gestorben ist. Ganz schlicht. Ein Mensch, der nicht hätte sterben müssen. Und das ist genauso bestürzend, wie wenn irgendein anderer Mensch stirbt, der nicht hätte sterben müssen. Weil nämlich keiner mehr wert ist als irgendein anderer.

Oder weniger.

Wenn 500.000 sterben, ist es genau 500.000 mal schlimmer, als wenn einer stirbt.

Und der Fall ist bestürzend, weil er zeigt, dass wir mit Wörtern wie "exemplarisch", "repräsentativ" und "typisch" echt vorsichtig umgehen müssen. Wie oft passiert so etwas schon? Und wofür genau ist es dann wie exemplarisch? Und warum? Aufmerksamkeit ist etwas ganz anderes als Bewusstheit. Sie ist ein Medienphänomen, eine Illusion. Es ist nicht bestürzender, dass eine Frau drei Jahre lang unbemerkt tot in ihrer Wohnung liegt, als dass 500.000 Somalier unbemerkt tot in ihrer Wüste liegen.

Und wenn unter diesen 500.000 toten Somaliern ein paar unattraktiv und erfolglos waren, dann relativiert es das kein bisschen.

Sorry Leute, aber bei solchen Werbetexten geht mir einfach der Hut hoch.

Anspieltipp(s): "Perfect Life", und als Gegenstück "Ancestral", das im Progsinne mit Abstand der beste Song ist.
Vergleichbar mit: Marillion, Riverside, Lazuli, Cynic, den üblichen Verdächtigen halt
Veröffentlicht am: 26.2.2015
Letzte Änderung: 25.3.2015
Wertung: 9/15
Trübsinnrock vom Feinsten. Diesmal ist genug Normalrock drauf, dass es klappen könnt', mit dem Grammy.

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Von: Günter Schote @ (Rezension 3 von 7)


Die. Neue. Steven. Wilson. Hand. Cannot. Erase. Hm. Ok. Sehr. Gutes. Album. Besser. Als. The. Raven. That. Refused. To. Sing. Warum? Persönliche Vorlieben plus eine größere stilistische Vielfalt gegenüber seinem Vorgänger.

Wilson tobt auch 2015 quer durch die Jahrzehnte und bedient sich beim Besten der 70er, 80er, 90er, 00er bis heute. Im Feuilleton progferner Medien wird man Wilson als Erneuerer des sog. „Progressive Rock“ erwähnen und bald wieder vergessen. Drei Jahre wird er dann in irgendwelchen Schubladen liegen…bis evtl. zum nächsten Album. Falls der sog. „Progressive Rock“ in progfernen Medien dann noch en vogue sein sollte. Wenn nicht, wird sich irgendwann irgendwer über den Geruch aus dem Rollcontainer wundern und den Hausmeister rufen, der das Schloss aufbricht und den dann vergessenen Feuilletonliebling ordnungsgemäß entsorgt.

No Man is an Island Except the Isle of Man, behauptete Wilson noch vor schlabbrigen 28 Jahren. Da gab es noch kein Facebook und kein Instagram, keine Selfies und kein E-Mobbing. Doch die Zeiten haben sich geändert. Das Internet wurde etabliert, so dass Sascha Lobo auch etwas zu tun hat und endlich hält Wilson den Menschen im Zeitalter der Sozialen Netzwerke sehr wohl für eine Insel. Die gute Nachricht ist: An „Wer-kennt-wen“ erinnert sich heute schon kein Mensch mehr!

Aber zur Musik: Wilson steht für Qualität. Ein mieses Album kann niemand ernsthaft von ihm erwarten. Und genau so ist es: sein viertes Soloalbum ist ein tolles Album. Es ist nicht originell, aber es ist sehr hörenswert.

Die erste Hälfte von „3 Years Older“ ist teilweise eine unüberhörbare Hommage an Rush. „2112“ und „Cygnus X-1“ werden angespielt und man fragt sich, warum die drei Kanadier den Briten eigentlich nicht ihr Œuvre remixen lassen. Auch Genesis‘ „Cinema Show“ tanzt mir beim Hören durch den Kopf. Starkes Stück, gelungener Auftakt!

Aber nicht nur alte Helden werden zitiert. Auch eines meiner Lieblings-non-Prog-Alben der 90er, nämlich Placebos „Without You I’m Nothing“, schimmert (ggf. ungewollt?) durch. Und diese Portion Alternative ist es, die mir „H.C.E.“ gegenüber „The Raven“ etwas genehmer macht. Das gradlinige Titelstück oder auch „Perfect Life“, mit seinem gefälligen Groove, machen Wilson 2015 griffiger. In einem der vielen Instant-Reviews habe ich gelesen, das Album sei „poppig“… da rolle ich natürlich mit den Augen und denke, welch kurzsichtiger Gedanke.

„Kommerziell“, um ein heute verschüttet gegangenes Schmähwort der Rezensenten des 20 Jahrhunderts zu bemühen, wird Wilson noch lange nicht. Irgendwie komme ich nicht zum Punkt, oder!? Noch ein Versuch: Hackett-inspirierte Gitarrensoli, die mich bereits beim ersten Hören zu anerkennenden Kopfnicken bewegten, Synthiepassagen, wie ersonnen von der „IG Tasten-Prog“. Dazu die inzwischen obligatorischen aggressiven Riffs plus moderne Beats und komplexes Schlagzeugspiel…jeder bekommt seine Vorlieben aufgetischt. Beggs, Minnemann, Govan – Wilson umgibt sich natürlich auch mit brillanten Musikern, die wissen, wie man gefällt.

„Routine“ oder „Home Invasion/Regret #9“ – völlig egal, welche Titel man sich rauspickt, es ist Musik, die durchaus begeistert. In „Ancestral“ nimmt der Härtegrad dann nochmal zu. Für meinen Geschmack klingt dies allerdings etwas zu aufgesetzt, was dem Gesamtvergnügen aber nur einen kleinen Abbruch bereitet.

In einer Welt, in der jeder Drops gelutscht wurde, ist auch Wilson kein Visionär. Er ist ein ausgesprochen talentierter, fleißiger und ehrgeiziger Musiker mit einem prima Geschmack. Doch letztendlich gibt es keinen Song auf „Hand. Cannot. Erase.“, der nicht auch in ähnlicher Form auf ein neueres IQ-Album gepasst hätte. Ins Feuilleton großer deutscher Tageszeitungen werden die es aber wohl nicht mehr schaffen.

Anspieltipp(s): 3 Years Older, Perfect Life
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 27.2.2015
Letzte Änderung: 2.3.2015
Wertung: 12/15
Traurig, aber gut!

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Von: Christian Rode @ (Rezension 4 von 7)


Steven Wilson, „Mastermind der Neoprog-Pioniere Porcupine Tree“ (Rolling Stone), zeigt sich noch stärker denn zuvor als musikalischer Patchworker. Da sind aus den Bereichen des klassischen Prog, des Metal, des Indie-Rock und des Pop zahlreiche Bezüge herstellbar und alles total ausgewogen: retro steht neben modern, sanft neben hart, laut neben leise, akustisch neben elektronisch usw. Der eine hört eher die Who heraus und XTC und King Crimson und Dream Theater, der andere eher Rush, Yo la Tengo, Traffic und Meshuggah... Und wahrscheinlich jeder zurecht!

Viele Bezüge erschließen sich vermutlich auch nicht jedem Hörer, denn Wilson ist jemand, der einfach alles in sich aufsaugt, verarbeitet und neu arrangiert, sodass am Ende etwas ganz Eigenes in perfekter Harmonie heraus kommt. Natürlich ist das Flickwerk. Aber was für eines! Alles, was da an Gegensätzlichem zusammen montiert wird, passt bis ins Detail. Wilson ist ein kompositorisches Genie im Wortsinne. Der Mann, der am liebsten Architekt geworden wäre, schafft eine musikalische Architektur allererster Güte und trifft mit seiner wundervoll harmonieseligen, melancholischen Melange den Nerv des Proggies, wie anscheinend auch zunehmend den breiterer Hörerschichten.

Bereits das letzte Porcupine Tree-Album „The Incident“ war nach ähnlichem Muster als kunstvoller Flickenteppich mit einem eher losen „Konzept“ zusammen gebaut. Mit „Hand. Cannot. Erase.“ perfektioniert Wilson diesen Ansatz. Und versieht ihn außerdem mit einem deutlich zeitkritischeren Konzept, das diesen Namen zurecht trägt. Viel ist bereits zum Konzept des Albums geschrieben worden. Das Grundthema ist nicht neu: die Vereinsamung in der Gesellschaft. Neu ist aber, dass dies innerhalb der bunten, glitzernden Welt der sozialen Netzwerke geschieht und diese die Vereinsamung sogar fördern. Zur Anonymität der Großstadt kommt die Anonymität des Internet hinzu. Wilson als bekennender Gegner dieser Form der reduzierten Kommunikation hat mit „Hand. Cannot. Erase.“ den Opfern dieser seelischen Verelendung quasi ein Denkmal gesetzt.

So modern das Thema in dieser speziellen Form ist, ist hier vielleicht etwas Kritik an der musikalischen Umsetzung angebracht. Wilson geht zwar schon in der Einbeziehung neuer musikalischer Klänge einen Schritt weiter als noch bei „The Raven“, aber er hätte für meinen Geschmack noch etwas entschiedener ausfallen können. Diese Kritik mag im Rahmen einer Progseite ungewöhnlich sein, aber sie würde dem Charakter des Albums noch besser Rechnung tragen. Tatsächlich aber stehen Retroklänge und Zeitgemäßes in einer außerordentlichen Balance zueinander. Und vermutlich ist es genau diese absolut stimmige Verbindung verschiedener Stile der Rock- und Popmusik, die das Album wie Öl runter gehen lässt.

Anspieltipp(s): 3 Years older, Perfect Life, Routine
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 11.3.2015
Letzte Änderung: 11.3.2015
Wertung: 13/15

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Von: Jürgen Wissing @ (Rezension 5 von 7)


Für eine Musik-Nische wie das Genre des Progressive Rock ist es ein Glücksfall, einen Protagonisten wie Steven Wilson in seinen Reihen zu wissen. Auch oder vielmehr gerade deshalb, weil er spätestens mit seinem neuen Werk „Hand.Cannot.Erase“ gleichermaßen Maßstäbe setzt und erfolgreich sein wird.

Da gibt es nichts zu deuteln oder abzuwiegeln: dieses Album hat es absolut verdient, seinem Schöpfer neben Lob und Anerkennung auch einen gewissen finanziellen Ertrag einzubringen. Es ist ein Beispiel moderner „Rockmusik mit Empathie“ und insoweit richtungsweisend progressiv, obwohl es eben auch einige Wurzeln in musikalischen Traditionen des Genres hat.

Dabei schafft Wilson mit seinen Kompositionen spielend den Brückenschlag zwischen Songdienlichkeit und Progressivität, auch thematisch. Das Album schlägt den Hörer somit gleich in mehrfacher Hinsicht in seinen Bann: das Konzept und die dazu passenden Worte vereint mit der musikalischen Umsetzung, die abwechslungsreicher und pointierter kaum sein kann, bilden eine unschlagbare Einheit, die berührt und den Hörer mitnimmt.

Die einzelnen Stationen im Leben der Protagonistin, deren bildhafte Beschreibungen in Wort und Ton, sind großartig miteinander verknüpft, abwechslungsreich, nuanciert und gründlich erdacht. Emotionale und damit auch musikalische Höhepunkte sind sicher die längeren Stücke.

Einzelne Songs hervor zu heben wäre aber unpassend, sich über einzelne hervorragende musikalische Leistungen der Bandmitglieder auszulassen ist obsolet; das Gesamtpaket ist äußerst gelungen. Erst recht, wenn man sich für eine erweiterte Albumversion mit DVD, zu einem übrigens sehr kundenfreundlichen Preis, entscheidet.

Und obwohl alles letzten Endes eine Geschmacksfrage ist: diese Platte muss man einfach besitzen, wenn man für künstlerisch wertvolle Musik zu haben ist. Brillante Scheibe, egal ob einem das Thema des Konzeptalbums nun wichtig oder nicht ganz so wichtig ist: es geht um die Töne!

Anspieltipp(s): ganz hören (und sehen!)
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 20.3.2015
Letzte Änderung: 27.5.2015
Wertung: 15/15
Spitzenklasse!

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Von: Thomas Kohlruß (Rezension 6 von 7)


Hätten wir eigentlich ohne das Feuer beim Zappa-Konzert in Montreux auf „Smoke on the Water“ verzichten müssen? Gäbe es kein „The Incident“, wenn Steven Wilson nicht auf dem Heimweg von London einen Unfall beobachtet hätte? Was wäre mit „Hand.Cannot.Erase“, wenn Wilson das Doku-Drama "Dreams of a Life" nicht gesehen hätte? Müssten wir auf das alles verzichten?

Es ist schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem... daher 'muss' ich mich auch noch zu „Hand.Cannot.Erase“ äußern. Noch ganz unter dem Eindruck des – für mich – formidablen und lohnenswerten Konzerts am 02.04.2015 in München. Wie schon auf dem Album wirken die Songs von "H.C.E" nur im Verbund recht gut, für sich alleine wirken sie oftmals etwas verloren. Am ehesten können noch „Routine“, „Happy Returns“ und ausgerechnet das etwas umstrittene „Perfect Life“ für sich bestehen.

Aber erstmal zu etwas anderem: Die opulente Buch-Ausgabe von „Hand.Cannot.Erase“ enthält neben DVD und BluRay, auf denen sich das Album im Surround- oder in hochauflösendem Stereo-Sound genießen lässt, auch eine CD mit Demos, die als Grundlage für die Album-Stücke dienten. Nicht von allen Stücken gibt es Demos und manche der Demos sind wiederum nicht auf dem Album verwendet worden. Interessant ist in jedem Fall welche Entwicklung die Stück vom Demo bis zu Albumversion noch genommen haben. „Ancestral“ wirkt noch richtig brav, der knallige Jazzrock ist erst mit den 'richtigen' Musikern zum Leben erweckt worden. Die Demos hat Wilson mit ein bisschen Unterstützung von Minnemann, Holzmann und Travis weitgehend alleine eingespielt. Die sterbensschöne Melodie von „Routine“ ist im Demo nur zu erahnen, dafür fällt auch der 'zerstörerische' Instrumentalausbruch sanfter aus. Auffällig ist, dass die ganze Demo-CD deutlich retro-mäßiger, viel mehr nach „The Raven...“ klingt, als das spätere Album. Wilson hat sich hier anscheinend besonnen und der Versuchung widerstanden ein „The Raven II“ aufzunehmen. Er hat sich moderneren Klängen zugewandt und andere Einflüsse, auch aus seiner eigenen musikalischen Vergangenheit, zugelassen. Ein interessanter Fakt, der für mich für die Integrität des Künstlers spricht, der eben sein Ding macht, so wie er es gerade machen will. So ist diese Demo-CD mindestens für die Fans ein interessanter Einblick ins Schaffen von Steven Wilson.

„Hand.Cannot.Erase“ hat es schwer als Nachfolger des Monumental-Werks „The Raven...“. So gesehen ist es umso besser, dass es musikalisch ganz anders geworden ist. Als Ganzes kann das Album, insbesondere im Zusammenspiel mit der 'Buch-Edition', die akribisch künstlerisches Beiwerk zu den einzelnen Stücken bereithält, überzeugen. Für sich alleine tun sich die Songs teilweise – wie schon angemerkt – schwer. Seltsamerweise wirkt gerade das wuchtige „Ancestral“ alleine etwas verloren. Im Album-Kontext passt das schon recht, äh, eigenwillige „Perfect Life“ als anderer Farbtupfer recht gut. Die Passage „Home Invasion“ / „Regret #9“ ist mitreißend und für die Ewigkeit gemacht. „Routine“ ist der vielleicht schönste Song mit einer unsterblichen Melodie, die dann durch den regelrecht aggressiven Instrumentalausbruch förmlich zerfetzt wird. Ein Fest für den Prog-Hörer und ein Monument dafür, wie aus der Leichtigkeit des Lebens sich die Katastrophe entwickelt.

Musikalisch wildert Steven Wilson in allen Ecken von Jazzrock bis Pop und Porcupine Tree und beweist sein Talent als großartiger Klangmaler und Arrangeur. Ach doch, „Hand.Cannot.Erase“ ist in seiner Gesamtheit schon ein schönes Ding geworden.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 4.4.2015
Letzte Änderung: 4.4.2015
Wertung: 12/15

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Von: Piotre Walter @ (Rezension 7 von 7)


Ehrlich gesagt, ich bin nicht so beeindruckt. „Hand.Cannot.Erase.“ ist inhaltlich ein ordentliches Konzeptalbum geworden - musikalisch aber eine typische Wilson-Reißbrettarbeit. Er wird immer mehr zum Soundbastler. Ob man das jetzt Patchworken oder recyceln eigener Ideen und Ressourcen nennt. Im Grunde passiert bei Steven Wilson seit „Deadwing“ nichts neues mehr. D.h. nicht, dass ich „Deadwing“ oder „Fear of a blank Planet“ nicht sehr schätze. Seit „The Incident“ verblasst jedoch seine Wirkung auf mich zusehends.

Während alte Porcupine Tree Alben (frühere Band von Wilson) noch etwas warmes, handgemachtes hatten sowie Ecken und Kanten; schmeichelt sich „Hand.Cannot.Erase.“ wohlkalkuliert, kühl, sehr melodisch und ziemlich gleichförmig ins Ohr. Es gab früher die Einschätzung einiger Hörer „Porcupine Tree“ wäre eine Alternative Rock Band und kein Prog. Warum jetzt seine Soloalben so viel progressiver sein sollen, erschließt sich mir nicht. Etwas besonderes waren die frühen psychedelischen Songs. Diese sind heute melancholischen Balladen gewichen.

Nehmen wir den Song: „Home Invasion“ der mit dem seit „In Absentia“ typischen Gitarren-Staccato beginnt und dann mit einem leidlich interessanten Keyboard Motiv aufwartet. Dieses Motiv wird aber kaum nennenswert variiert, sondern endlos wiederholt, bis es fast nervt. Dann wieder ein wenig Gitarren-Staccato und ein Wechsel hin zu einem einfachen Bluesrock-Song, dieser mit ein paar fetten Gitarrenriffs garniert und dem schon erwähnten Keyboard-Motiv sowie noch etwas blubbernde Ballade am Ende - schon ist der Song fertig und wir haben diverse P.T.-Elemente lose aneinandergereiht vorgefunden. Spannend ist dies nicht so über die Maßen. Bei vielen Songs verlässt mich vor dem Ende der Spieldauer das Interesse.

Ausnahme ist das solistisch sehr schöne „Regret#9“, ob am Keyboard oder der Gitarre, hier passiert mal was anderes. Gelungen sind auch die Gesangslinien und Refrains auf „Transience“ und dem Titelsong. "Perfect Life" ist dagegen extrem gefällig und geht schon deutlich an die Schmerzgrenze mit seiner ambienthaften Leichtigkeit.

Inhaltlich geht das Album eher an mir vorbei. Da interessieren andere Themen im Moment. Man könnte auch sagen: „Wenn du einsam bist, geh halt in einen Sportverein.“ Wohlstandssorgen einer gesättigten Gesellschaft, die sich in wirklich wichtigen Dingen nicht mehr oder kaum engagiert. Das ist alles schon in Ordnung, aber Superlativen kann ich „Hand.Cannot.Erase.“ nicht zu Teil werden lassen. Das Album ist etwas für Fans, aber nicht essentiell.

Einen Kommentar noch zu: „Steven Wilson hat den Progressive Rock wieder salonfähig gemacht“. Und was haben wir davon? Etwa einen Artikel über das Album, der im Spiegel Online zu lesen war, in welchem der Author in einem (!) Satz schreibt, die Musik sei wirklich gut gemacht. Und sich dann diverse Absätze lang über den Inhalt oder die gesellschaftliche Relevanz der Geschichte des Konzeptalbums auslässt. Vermutlich ein Journalist der über Musik schreiben muss, die er nicht mag oder versteht oder ihn interessiert, sondern nur weil der Musiker gerade angesagt ist. Hhm. Da kann Steven Wilson natürlich nichts dafür, aber das ist keinen echter Mehrwert...

Anspieltipp(s): Regret#9, Transience
Vergleichbar mit: Porcupine Tree: The Incident
Veröffentlicht am: 19.6.2015
Letzte Änderung: 21.9.2016
Wertung: 8/15
Steven Wilson goes Mainstream

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Steven Wilson

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
2004 Unreleased Electronic Music 10.00 1
2009 Insurgentes 10.20 5
2009 NSRGNTS RMXS - 1
2011 Grace For Drowning 11.67 6
2012 Get All You Deserve 13.67 3
2013 Drive Home 13.00 2
2013 The Raven That Refused To Sing And Other Stories 11.44 10
2014 Cover Version 10.00 1
2015 Transience - 1
2016 4 1/2 9.33 3
2017 To the Bone 8.67 3

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