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24893 Rezensionen zu 17064 Alben von 6650 Bands.
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The Enid

The Bridge

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2015
Besonderheiten/Stil: Klassischer Prog; Moderne Klassik
Label: Operation Seraphim
Durchschnittswertung: 13/15 (2 Rezensionen)

Besetzung

Joe Payne vocals
Robert John Godfrey Piano, Orchestration
Max Read Choir, Programming
Jason Ducker Guitar

Tracklist

Disc 1
1. Earthborn 4:19
2. 'til We're Old 1:59
3. Dark Corner of the Sky 4:47
4. Bad Men 3:47
5. My Gravity 7:08
6. Wings 5:02
7. First Light 4:51
8. Autumn 4:33
9. Silence   (Hidden track) 1:56
Gesamtlaufzeit38:22


Rezensionen


Von: Nik Brückner @ (Rezension 1 von 2)


Im Sommer 2013 hat Robert John Godfrey, Gründer, Leader und Hauptkomponist der ultimativen Symphonic-Rock-Band The Enid, bekanntgegeben, dass er an Alzheimer erkrankt ist. Godfrey registriere bereits erste Anzeichen der Krankheit, werde aber nicht akzeptieren, dass durch den über kurz oder lang notwendig werdenden Rückzug aus der Band das Ende von The Enid besiegelt sei.

Ist es nicht toll, wenn sich mal ein Musiker nicht so wichtig nimmt? Vielleicht sollten wir Fans, die wir gern bestimmte Lineups für sakrosankt erklären, uns daran mal ein Beispiel nehmen.

Godfrey wolle nun versuchen, einen Nachfolger für sich selbst zu finden. Also wenn sich einer von Euch berufen fühlt: Gesucht sind Musiker mit einem klassisch-romantischen Hintergrund, technischem Verständnis und der Fähigkeit, einen guten Song zu schreiben. Zu einer weiteren Bedingung komme ich gleich.

Die meisten anderen in der Band sind junge Leute. Da ist sie also wieder: Die äußerst spannende Idee von der Generationenband, erstmals in den frühen 90ern ausgerechnet von Yes aufgebracht – ironisch, wenn man von heute aus auf diese Zeit und eine Band zurückblickt, deren Fans bestimmte Musiker für derart sakrosankt erklärt haben, dass sie sich noch nicht einmal dann zurückziehen dürfen, wenn sie hörbar schlecht spielen. Und so wird diese faszinierende Idee nun ausgerechnet von The Enid umgesetzt. Das zeigt, wie innovativ Bands aus der Frühzeit des Progressive Rock auch im hohen Alter noch sein können - vorausgesetzt, sie haben ihren Pioniergeist nicht versoffen, und vorausgesetzt, sie setzen die Musik und nicht die Musiker an die erste Stelle.

Natürlich sind Musikeraustäusche immer ein Problem, das will ich gar nicht abstreiten. Das liegt aber weniger an den Musikern selbst, sondern daran, dass wir Fans über die Jahre eine emotionale Bindung zu ihnen aufbauen. Nun kann man ein Zyniker sein wie ich und sagen: Wenn Dir Robert John Godfrey wichtiger ist als dass er gut spielt, dann freunde dich halt mit ihm an. Das Problem: Godfrey ist der Hauptsongwriter bei The Enid. Und wer von uns könnte sich The Enid ohne ihren Komponisten vorstellen?

Nun, Robert John Godfrey. Und das reicht offenbar.

Trotzdem: Den auszuwechseln dürfte sich im Stil bemerkbar machen. Denken wir an Spock's Beard, da haben die Fans zwar krampfhaft versucht, den Ausstieg des Hauptsongwriters nicht zu bemerken, zu hören war er trotzdem. Also was tun? Lebenselixier saufen?

Die Idee der Generationenband setzt voraus, dass die Fans das mittragen. Wir müssen lernen, uns von überkommenen Authentizitätsvorstellungen zu lösen, und der guten alten Überzeugung zu folgen, dass ein Besen, dessen Bürste man nach man nach Jahren auswechselt, und dessen Stiel noch ein paar Jahre später, immer noch der gleiche Besen sein kann. Mir kommt es aber manchmal so vor, als hätten wir es lieber, wenn eine Urbesetzung solange beisammen bleibt bis sie auseinanderstirbt (die Spätphase mit den miesen Songs und den peinlichen Oldiefestivals eingeschlossen), als wenn Bands Musiker (spätestens) dann auswechseln, wenn diese es möchten (!), oder sich die Gelegenheit bietet, einen gleichguten oder besseren zu finden, der die Arbeit des Vorgängers fortsetzt und so die Band zu verdauern – wer weiß, für wie viele Musikergenerationen. Ist das nicht, nüchtern betrachtet, eine seltsame Haltung? Ich meine, wollen wir einen Star anhimmeln oder gute Musik hören? Wenn wir das so machen, wenn wir behaupten, The Enid seien ohne Godfrey nicht The Enid, dann verdammen wir die Band doch dazu, aufzuhören (oder doch zumindest damit aufzuhören, The Enid zu sein), sobald er nicht mehr dabei ist. Wollen wir das wirklich? Ist das gut? Für wen? Für die Band? Sicher nicht. Für Godfrey? Sicher nicht. Für die Musik? Mal gar nicht. Für die Fans? Erst recht nicht!

Mir persönlich ist es vollkommen egal, wer auf der Bühne steht und Platten macht, solange die was draufhaben und gute Alben machen. Stellt Euch nur mal vor, Yes hätten rechtzeitig ihre Musiker ausgewechselt, wie viele katastrophale Alben wären uns erspart geblieben! Sie könnten heute Alben von der Qualität von "The Bridge" machen…

Ich meine, auch wenn uns das nicht gesagt wird (damit wir eine emotionale Bindung zur Band aufbauen und auch ihre schlechten Platten noch kaufen), im Grunde sind Bands doch Wirtschaftsunternehmen. Das Austauschen eines Musikers ist einfach das Austauschen eines Mitarbeiters. Oder? Na, so einfach ist es nicht. Aber eine Generationenband müsste wohl durch etwas anderes als durch bestimmte Musiker zusammengehalten werden. Vielleicht eher durch eine gemeinsame Ideologie. Wie ich das meine? Na, die können ja jetzt schlecht RJG gegen einen Reggae-Musiker austauschen. Und genau deshalb gibt es bei der Suche nach einem Nachfolger noch eine weitere Bedingung: The Enid suchen ganz ausdrücklich jemanden, der auch die Werte und die Ideologie der Band vertritt. Wenn wir also The Enid nicht auf eine Person festnageln, sondern auf eine Ideologie, dann kann The Enid im Grunde ewig exisitieren. Und ehrlich gesagt, mir fällt kein einziger Grund ein, warum wir Fans nicht wollen sollten, dass unsere Lieblingsbands ewig existieren. Wichtig ist doch, dass der Geist, die Idee, die Seele der Band und vor allem: ihre Musik weiterlebt - und nicht ihr Schlagzeuger, Bassist oder Keyboarder. Bei James Bond klappt es doch auch.

Ich jedenfalls finde die Idee einer Generationenband faszinierend. Es wäre der dritte Weg zwischen dem sakrosankten Band-Lineup und der Coverband. Wenn wir Fans lernen, uns nicht allzusehr an den Rockzipfel bestimmter Besetzungen zu klammern, dann liegen spannende Jahrzehnte vor uns.

Na, noch ist es nicht so weit. Robert John Godfrey ist noch da, und er geht stark, wie man so sagt. "All music composed by Robert John Godfrey, except "First Light" (Max Read)".

Und so bekommen wir ein weiteres typisches Enid-Album vorgesetzt: hemmungslos romantisch, orchestral, süß – hier allerdings meist bittersüß-, traurig, und sentimental. Kennt man Godfreys Kompositionen, seinen Stil (er ist der letzte englische Spätromantiker), dann wird es nicht überraschen, dass Nostalgie, Sentimentalität und Drama, aber auch echter, tief empfundener Abschiedsschmerz das Album dominieren. Die dynamischen Momente, die leichten fröhlichen Passagen, der Pop treten zurück – kein Wunder bei dem Hintergrund. Sachen wie "Dark Hydraulic" gibt es hier nicht zu hören, und Jason Ducker hat nun wirklich nicht viel zu tun. Kein Wunder auch, dass die Texte sich sehr mit dem Altwerden und letztlich mit dem Abschied beschäftigen. Bei Godfrey ist es ein tragischer Abschied, tragisch, weil er ihn im Voraus angekündigt bekam. Dennoch: Die Band hat "The Bridge" als Beginn einer neuen Trilogie angekündigt (obwohl wir mit "Journey's End" und "Invicta" eigentlich noch mitten in einer ganz anderen stecken) - also wer weiß? Godfrey zieht sich sicherlich nicht von heut auf morgen zurück.

Das Ganze wird von Joe Payne kongenial vorgetragen, mit viel Gefühl – und gebührender Dramatik. Das passt ganz hervorragend zu den Stücken, die zwischen herrlich altmodischen Chansons (wunderbar: "Wings"), Operette, Melodram (groß: "My gravity") und frühem Musical schwanken (herrlich: "Bad Men", in dem Payne wunderbar verschiedene Rollen spielt/singt, die des naiven, gutgläubigen Jungen ebenso wie des warnenden Erzählers). The Enid pflegen damit wieder hemmungslos ihr Image als anachronistischer, antiquierter Fremdkörper innerhalb einer Progszene, die seit der Revolution des Progmetals Jahr für Jahr darum kämpft, wieder modern zu werden. The Enid ist derlei vollkommen gleichgültig, und genau das ist ihr großer Kunstgriff. TPE hin, Rock-Concerti her, The Enid wird immer die ultimative Pseudoklassik-Band bleiben. Hemmungsloser Symphonic Rock in Reinkultur.

Und dann? Wer soll Godfrey wirklich ersetzen können? Der Typ, der The Psychedelic Ensemble ist? Oder, ich wage kaum, es zu denken, Jordan Rud-…. Nein! Solange es geht, will ich mehr von dem hier. Mehr Schmalz. Mehr Robert John Godfrey.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit: den popfernen Enid Alben, The Psychedelic Ensemble, Nick May, Secret Green, und einigen Pseudoklassik-Alben von Prog-Keyboardern
Veröffentlicht am: 17.4.2015
Letzte Änderung: 20.4.2016
Wertung: 13/15
Eins der großen Enid-Alben - und noch dazu der Beginn einer neuen Trilogie! Wer sagt's denn!

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Von: Jürgen Wissing @ (Rezension 2 von 2)


Wer erwartet hatte, dass „The Bridge“ die Runderneuerung Enidscher Musiktraditionen in Komposition und Darbietung als Band sein würde, der wundert sich wahrscheinlich, wenn sich beim Hören herausstellt, dass hier im Prinzip nur Joe Payne und Robert Godfrey als Protagonisten auftreten. Alle anderen (Standardschlagzeuger Dave Storey ist erst gar nicht mit von der Partie) sind nur Statisten, auch wenn Max Read mit „Chören“ unterstützt. Mittelschwere Irritation erwartet den Hörer mit dem Track „Bad Men“, bei dem sich eine Schauspielsprechübung und kaum erträgliches Kindersopran–Lalala mit einer grandiosen Refrainmelodie abwechseln – da liegen Licht und Schatten ganz eng beieinander.

Eines ist klar: es handelt sich vorliegend nicht um Prog, auch nicht im erweiterten Sinne, den man bei The Enids Stil ja sowieso schon in Ansatz bringen muss, und rockig ist das Album ebenfalls nicht ansatzweise. Bei „The Bridge“ handelt es sich schlichtweg um eine Personalityshow von Joe Payne. Seine Sangeskunst ist allerdings bestechend und erfreut sicher insbesondere Hörer, deren Hauptaugenmerk generell auf englische Liedkunst mit starker Anlehnung an klassische Musik im Stile von Elgar usw. gilt. Payne entfernt sich hier gesanglich deutlich von Vergleichen mit Freddy Mercury, legt den Schwerpunkt seiner zumeist romantischen bis melancholischen Darbietungen zeitlich eindeutig auf den Bereich des frühen 20. Jahrhunderts.

Neben der Begleitung durch Piano werden andere unterstützende Instrumente nur am Rande oder gar nicht wahrgenommen. Dadurch entsteht eine große Intimität zwischen den Vortragenden und dem Hörer, einem Liederabend gleich. Und wenn es mal zwischendurch etwas lauter wird, gewisse dramatische Höhepunkte in einzelnen Liedern erklommen werden, dann liegt das instrumental allein an Godfrey, der die typischen orchestralen Breitwände mit „Bläsern“ durch seine Keyboards generiert.

Mit Ausnahme des Titels „Wings“ (von „First Light“) – hier in einer nochmals gesangstechnisch verbesserten Version zu hören – und „Dark Corner of the Sky“, welches auf das frühere „Evensong“ zurückgreift, sind alle Songs neu, allerdings ist das Album relativ kurz ausgefallen. Andererseits genügt die Spielzeit vollkommen, um die erhoffte Relax-Wirkung nach grauem Alltag zu bekommen. Seltsam ist, dass auf dem von Bandmitglied Tofield geschaffenen Cover nur 8 statt der tatsächlich vorhandenen 9 Lieder gelistet sind und sich auch der Text des – recht kurzen - letzten Tracks mit dem Titel „Silence“ nicht finden lässt.

Kurzum: „The Bridge“ ist insgesamt ein schönes und aufgrund seiner Eigenart konkurrenzloses Album geworden. Es benötigt nun aber einen würdigen Nachfolger, der wieder The Enid als Band in den Mittelpunkt stellt und das Prädikat „Klassik – Prog“ wieder verdient. Ob „Dust“ dies wird leisten können, werden wir im Herbst wissen.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 18.4.2015
Letzte Änderung: 18.4.2015
Wertung: keine gemäß "no Prog-Regel" ;-), außer Konkurrenz 11

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von The Enid

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1976 In The Region Of The Summer Stars 10.00 2
1978 Aerie Faerie Nonsense 9.00 3
1979 Touch Me 12.00 1
1980 Six Pieces 10.00 1
1983 Something Wicked This Way Comes 9.00 1
1983 Live at Hammersmith 12.00 2
1984 The Spell 9.50 2
1985 Salome 12.00 1
1986 The Liverpool Album - 2
1988 The Seed and the Sower 6.00 1
1994 Tripping The Light Fantastic 7.00 1
1995 Sundialer 7.00 1
1998 White Goddess 9.00 1
2010 Live At Town Hall, Birmingham 11.00 1
2010 Journey's End Orchestrations 11.00 1
2010 Journey's End 11.00 2
2012 Invicta 11.00 1
2012 Live At Loreley 11.00 1
2014 First Light 12.00 1
2015 The Bridge Show - Live At Union Chapel 12.00 1
2016 Dust 11.00 1
2017 The Music Of William Arkle and Other Recordings 9.00 1

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