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Emerson, Lake & Palmer

Trilogy

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Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 1972
Besonderheiten/Stil: Klassischer Prog
Label: Island
Durchschnittswertung: 12/15 (4 Rezensionen)

Besetzung

Keith Emerson Organ, Synthesizer, Piano, Keyboards
Greg Lake Bass, Guitars, Vocals
Carl Palmer Percussion, Drums

Tracklist

Disc 1
1. The Endless Enigma (Part One) 6:37
2. Fugue 1:57
3. The Endless Enigma (Part Two) 2:00
4. From The Beginning 4:14
5. The Sheriff 3:22
6. Hoedown 3:48
7. Trilogy 8:54
8. Living Sin 3:11
9. Abaddon's Bolero 8:13
Gesamtlaufzeit42:16


Rezensionen


Von: Udo Gerhards (Rezension 1 von 4)


Das vierte ELP-Album geht leider immer wieder etwas unter, wenn es um die klassischen ELP-Alben geht. Dabei gehört sie sicherlich zu den konsistentesten Platten, die das Trio veröffentlicht hat; die Stimmung der Platte wirkt auf mich etwas zurückhaltender und weniger agressiv pompös, als es sonst öfter bei ELP der Fall ist, was der Musik aber sehr gut bekommt.

"Trilogy" beginnt mit der "Endless Enigma"-Suite; der erste Satz startet geheimnisvoll mit entfernten Synthie- und Zoukra-Sounds, fällt dann aber in einen kraftvoll hymnischen Hammond-Teil mit gutem Gesang von Lake und Emersons einmalig druckvoller Orgel. Der zweite Satz ist eine Klavier-Kadenz plus moderne bewegte Fuge für Klavier und Bass, während der dritte Satz zum Material des zweiten zurückkehrt, das Instrumentarium dabei aber durch fette Synthies erweitert. Insgesamt wirkt "Endless Enigma" sehr geschlossen und konzise, das ganze bei durchaus ansprechenden Grundideen: schön. "From The Beginning" ist dann die Lake-Ballade, ein bisschen gestrickt wie "Lucky Man" mit viel akustischer Gitarre, dezenter Percussion und einem piepsigem Moog-Solo, aber das ganze ist gut anzuhören und im Gegensatz zu späteren Lake-Nummern vollkommen unpeinlich. "The Sheriff" gibt dann den "Comic Relief"-Song, ist aber kein Ärgernis - vor allem dank Emersons Orgel-Sound. Als nächstes die Klassik-Bearbeitung: "Hoedown", ein Ausschnitt aus Aaron Copelands "Rodeo", eine kleine Hauruck-Nummer, die genau so klingt, wie sie heisst und nicht gerade klassisch wirkt. Für mich der am ehesten verzichtbare Titel auf "Trilogy". Der Titelsong marktiert den nächsten Longtrack (knapp 9 Minuten): sanfter Anfang mit Klavier und Gesang, ausgedehnte Klavierkadenz (fast wie bei einem Klavier-Konzert, danach eine ausgedehnte stampfend-dissonante Synthie-Attacke, nach der perkussive Orgel und zerrissene Begleitlinien fast "Tarkus"-Feeling aufkommen lassen. "Living Sin" ist ein kleiner Hammond-Rocker, dessen kantige Linien fast wie ein Gegenstück zu Bernsteins "Cool" klingen, auch wenn natürlich eine ganz andere Stimmung beschworen wird. Der Bezugspunkt von "Abbadon's Bolero" ist klar: wie im berühmten Ravel-Stück wird hier über einem Bolero-Rhythmus gradweise Spannung und Intensität gesteigert, bloss halt nicht mit einem Orchester, sondern mit Emersons Synthie-Orchester-Arsenal in etlichen parallelen Stimmen/Spuren.

"Trilogy" leidet eigentlich nur darunter, dass keine so herausragende Hammer-Nummer wie die "Tarkus"-Suite oder "Karn Evil 9" dabei ist; ansonsten bewegt sie sich auf durchgehend hohem Niveau, das den meisten Prog-Fans Freude bereiten sollte und enthält ausserdem einige der geschmackvollsten und einfallsreichsten Arbeit von Emerson mit dem Moog-Synthie (insbesondere in "Bolero").

Anspieltipp(s): The Endless Enigma, Part Two
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 24.4.2002
Letzte Änderung: 24.4.2002
Wertung: 11/15

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Von: Günter Schote @ (Rezension 2 von 4)


Man prügelt sich ja gerne mal in den Abendstunden mit zugereisten Jugendlichen um die Antwort auf die Frage nach dem besten ELP-Song! Geht mir nicht anders, geht mir nicht anders. "The Endless Enigma" muss hierauf selbstverständlich die Antwort lauten, etwas anderes kann ich nicht gelten lassen. Tarkus? Karn Evil? Nasenbluten! *

"Trilogy" ist eine total geile Platte. Irgendwie wird sie aber nicht richtig gewürdigt in dieser sich immer schneller drehenden Welt. Immer heißt es nur Close to the Edge und Foxtrot, Foxtrot! Ich meine, he, man muss sich das mal auf der Zunge und/oder im Ohr zergehen lassen: I've sent this letter hoping it will reach your hand, And if it does I hope that you will understand that I must leave in a while and though I smile you know the smile is only there to hide what I'm really feeling deep inside... Und selbst daraus wird noch ein Supersong! Wenn mir nun wegen des leicht ironischen Untertons beim Zitieren jemand kommt und sagt, mach's doch besser...gerne, gerne! Doch dann folgt der zweite Teil des Titelsongs. Wow, genau das sind Sternstunden, naja, Sternminuten in der Existenz von ELP. Was das Trio hier abliefert gehört in jede Prog-Sammlung, die was auf sich hält. Und jede Prog-Sammlung sollte etwas auf sich halten.

"The Endless Enigma" und das Titelstück sind fett. Der Rest ist auch überdurchschnittlich. Insgesamt ein wirklich wunderbares Album, was mich aber nicht davon abhält Verwunderung darüber zu äußern, dass ELP zu Beginn der 70er so populär waren. Die Musiker und die Musik waren arschig bourgeoise und eitel dazu! Waren die frühen 70ern etwa eine Brutstätte dieser Attribute? Nein, eben. Und trotzdem! Paul Stumps Antwort auf diese Frage ist übrigens ebenfalls widersprüchlich.

* Die "9" habe ich des Leseflusses wegen mal weggelassen.

Anspieltipp(s): The Endless Enigma
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 7.7.2011
Letzte Änderung: 26.3.2013
Wertung: 11/15

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Von: Horst Straske @ (Rezension 3 von 4)


Auf "Trilogy" konnten ELP ihren tastenlastigen Sound ohne große Abnutzungserscheinungen fortsetzen und verstanden es, die auf den Vorgängeralben dargebotenen Stilelemente noch zu verfeinern. Greg Lakes Gesang klang nie klarer, volumnöser und pathetischer als auf "The Endless Enigma", einer zweigeteilten Nummer mit zu Beginn geheimnisvoll sirrenden Moogeinsätzen im hypnotischen Zusammenspiel mit gemäßigt dissonanten Tastenfolgen am Piano. Im weiteren Verlauf dürfen natürlich die für Keith Emerson so typischen Moogfanfaren nicht fehlen. Das Trio hat es hier pefekt verstanden, seinen typischen Stil ohne allzu große Extravaganz auf einen Punkt zu bringen.

Mit „From The Beginning" wird im intimen Singer-Songwriter-Sound mit akustischer Gitarre wiederum der typische, songorientierte Gegenpol zum üblichen Keyboardbombast eingeleitet. Wenn im Schlusspart auch der Moog ein wenig "quieken" kann, fühlt sich der Hörer an "Lucky Man" erinnert, wobei im vorliegenden Fall doch der positive Ohrwurmcharakter fehlt. Nach ein wenig Honkey-Tonk im Fall von "The Sheriff" bietet "Hoedown" den so typischen Tastenüberschwang, indem sich röhrender Hammondsound und für die damalige Zeit futuristisch anmutender Moogeinsatz in frenetischer Manier regelrecht duellieren. Eine schon etwas kindlich anmutende Spielfreude zeichnet diese Adaption aus und wirkt somit eine Prise zu überschwänglich sowie plakativ dargeboten.

Mit dem Titelsong "Trilogy" und "Abaddon's Bolero" zeigt die Kurve aber wieder steil nach oben und entlädt sich in einem fein gesponnenen Geflecht aus mannigfaltigen Tastensounds, welche von einer hypnotischen Dynamik erfüllt sind. Hier wird trotz aller für ELP so typischen Extravaganz nicht so sehr auf vordergründige Synthieeffekte gesetzt, sondern im Sinne einer wohl dosierten Intensität ein monotoner Bolero-Rhythmus perfekt in den Klangkosmos der Briten integriert.

PS: Der aufmerksame BBS-Leser Julian wies auf eine tolle ethnisch orientierte Version von "Abaddon's Bolero" der spanischen Band Amarok hin, welche auf dem Album Sol De Medianoche zu finden ist. Danke!
Anspieltipp(s): The Endless Enigma
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 1.12.2011
Letzte Änderung: 3.12.2011
Wertung: 11/15

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 4 von 4)


"Trilogy" ist ein vielschichtiger Albumtitel. 3 Bandmitglieder, das dritte Studioalbum, der Songtitel "Trilogy" und gleich mehrere Songs, die den mittlerweile für Keith Emersons Kompositionsweise typischen dreiteiligen Aufbau aufweisen. Dazu kommt der Einstieg mit "The Endless Enigma", Titel eines ebenso vielschichtigen wie gewollt altklugen Bildes von Salvador Dalí, der eigentlich auch das Albumcover hätte beisteuern sollen. (Da der Mann sich als zu teuer erwies (Surprise, Surprise), beschäftigte man die Firma Hipgnosis, die prompt eines der miesesten Cover ihrer Karriere lieferte. Aber schlechte Cover waren ELP ja schon gewohnt und so kam es (mal wieder) mehr auf den Inhalt als auf die Verpackung an.)

Und der kann sich hören lassen. Emerson und Palmer hatten ihr Instrumentenarsenal erheblich ausbauen können, dazu hatte sich die Studiotechnik einmal mehr verbessert und ELP legten die Latte erneut höher als beim letzten Album: Die Kompositionen waren erneut anspruchsvoller strukturiert, die Klassikbezüge wurden ausgebaut und subtiler ins SOngwriting der Band integriert und ELP erweiterten ihre SOundpalette. Der Moog-Synthesizer, auf "Emerson, Lake & Palmer" und "Tarkus" nur punktuell, als klanglicher Farbtupfer eingesetzt, übernahm jetzt eigenständig längere Passagen. Auf "Brain Salad Surgery" sollte sich diese Verselbständigung dann fortsetzen. ELP bleiben mit "Trilogy" also weiter an vorderster Front der musikalischen Entwicklung.

Das Album beginnt passend mit der dreiteiligen Suite "The endless Enigma", benannt nach besagtem Gemälde Dalís, auf dem nichts ist, was es scheint – oder besser: alles gleichzeitig auch noch etwas anderes ist. "Are you confused?", "can't you see you're wrong?". Die dreiteilige Form des Stückes setzt eine lose Reihe fort, die auf ELPs Debüt mit "The three Fates" begonnen hatte.

"Part one" besteht aus vier Teilen: Einer Art Vorspiel, einer Toccata, einer gesungenen Hymne und einer Überleitung zu Präludium und Fuge, die dann den zweiten Teil der Suite bilden. Das Vorspiel beginnt mit einem Herzschlagmotiv Palmers, zu dem einige atonale Moogsounds erklingen, abwechselnd mit Klaviereruptionen und kurzen Bongofiguren. Passend zum Songtitel erzeugen ELP so eine rätselhafte und unbehagliche Stimmung, aus der man dann von einigen virtuosen Keyboardläufen abgeholt wird. Spätestens wenn Lake und Palmer einsteigen, stabilisiert sich der Song: man einigt sich auf einen Rhythmus und eine Tonart und "The endless Enigma" rockt einem Motiv von aufsteigenden, harmonisch beziehungslosen Akkorden entgegen, die zu der von Lake gesungenen Hymne überleiten. Dieser Songteil ist einfacher strukturiert, Emerson wertet ihn jedoch dadurch auf, dass er ihn die verschiedensten Tonarten durchlaufen lässt und mit metrischen Zweideutigkeiten spielt (3/2 oder 4/4?). Nach einer Rückkehr des Toccata-Motivs leitet eine offenbar weitgehend improvisierte Passage zu Track Nr. 2, "Fugue", über, die eigentlich ein Präludium mit einer Fuge ist. Dieses Präludium stellt das Thema der Fuge vor, das nach nicht ganz einer Minute zunächst von der rechten Hand, dann von der linken und schließlich vom Bass übernommen wird. In raffinierter kontrapunktischer Kompositionsweise überlagert Emerson diesem dichten Gespinst dann das Thema der "Enigma"-Hymne, bis Klavier und Bass einzelne Passagen der Dux weiterspinnen und die Fuge schließlich zu ihrem Ende gelangt. Emerson zeigt sich hier als weitaus souveräner im Umgang mit dieser Form als noch einige Jahre zuvor, als er für The Nice seine "High Level Fugue" geschrieben hatte. Wer so etwas heute könnte? Ganz ehrlich: Mir fällt niemand ein.

Durch das Labyrinth einiger metrischer und harmonischer Verstrickungen bricht sich in "Part two" das Hymnenthema wieder Bahn, diesmal dichter orchestriert und mit jenem Hammond-Fauchen versehen, das noch einige Stellen auf dem Album so sehr prägen wird (leider nur auf diesem - Emerson sollte in Zukunft den Anteil der Hammond-Orgel am SOund ELPs immer weiter zurückschrauben). Die Suite endet schließlich in den aufsteigenden Akkorden, die schon in "Part one" zu hören waren.

"The endless Enigma" ist ein eindrucksvoller Start in das Album, zeigt aber die Schwächen, die Emerson als Komponist zu dieser Zeit oft noch umtrieben: Während die einzelnen Teile (insbesondere die Hymne und die Fuge) für sich genommen äußerst überzeugende kompositorische Leistungen darstellen, hapert es ein wenig am Gesamtzusammenhang der Suite: Warum genau gehören diese Teile zusammen? Hier bleibt Emerson die Antwort auf diese Frage schuldig (ein Enigma?) – mit dem zweiten Longtrack des Albums sollte er die entsprechende Frage schon deutlich einleuchtender beantworten.

Zunächst folgt jedoch "From the Beginning", eine Art Bossa Nova im Soundgewand der Lakeschen Gitarrenballade. Und prompt funktioniert mal ein Solospot Lakes: Es sind die Jazzelemente des Songs, die die Brücke zu Emersons Beiträgen schlagen. Zudem ist "From the Beginning" für mich immer die Entschuldigung für "Lucky Man" gewesen: Lake lässt Emerson im Gegensatz zu dieser ersten aller Lake-Balladen ein wohldurchdachtes und sehr gelungenes Keyboardsolo spielen, das viel zur Atmosphäre des Songs beiträgt.

Zwei weitere kurze Stücke schließen die erste Albumseite ab: "The Sheriff" gehört in eine Reihe mit "Jeremy Bender" und "Benny The Bouncer" und ist mit Abstand der beste dieser Songs. Das hat zwei Gründe: Emerson spielt ihn auf der Hammondorgel und bindet ihn damit soundmäßig viel besser in die Klanggestalt des Albums ein. Zudem sind die Einleitung und ein instrumentaler Mittelteil, der mit 4/4- und 6/8-Takten spielt, dem Music-Hall-Stil wesensfremd, was den Song bis kurz vor seinem Ende viel mehr im Prog-Kontext als im Country-&-Western-Kontext verortet. Durch den Gegensatz, den sie kreieren, sind der verstolperte Einstieg Palmers (er ruft "shit!") und der Teil mit dem verstimmten Piano am Ende umso witziger. Schade, dass Emerson das später nicht wieder hinbekommen hat.

"Hoedown" ist die erste Klassikadaption des Albums. ELP spielen ein Stück aus dem Ballett "Rodeo" von Aaron Copland, das wiederum auf einem traditionellen Fiddle-Tune aus den Appalachen basiert. Wie Copland selbst gehen ELP mit der Vorlage recht frei um: Hammondorgel und Moog teilen sich die Parts von Fiddle und Banjo, der Rhythmus wird, zum Rockkontext passend, gestrafft, Emerson entfernt sich nach und nach immer mehr von Coplands Vorlage, baut kleine Zitate aus zwei anderen amerikanischen Volksliedern ein und steuert später sogar eigenes Material bei, das sich, obwohl weitgehend atonal, überraschend gut in den Kontext des Stückes einfügt. "Hoedown" mag, weil allzu oft gehört, keinem von uns mehr besonders auffallen, frisch gehört kann man aber nicht umhin, anzuerkennen, wie souverän ELP Coplands Vorlage zu einem schweißtreibenden Rocker umfunktionieren.

Die zweite Seite des Album eröffnet mit "Trilogy", dem gelungensten Longtrack des Albums. Auch dieser Song ist dreiteilig und die drei Teile könnten verschiedener nicht sein. Emerson verklammert sie jedoch, indem er sich auf ganz wenig musikalisches Material beschränkt und dieses in den acht Minuten kontinuierlich ausfaltet und variiert: klanglich, rhythmisch, melodisch und harmonisch. Das Hauptthema wird gleich zu Beginn von einer Moog-Geige vorgestellt. Das Piano übernimmt es dann und bald erscheint es auch in Lakes Gesang. Nach nicht einmal einer Minute haben wir es also bereits in drei verschiedenen Transformationen gehört. Noch dazu zeigt sich die Band in den ersten Minuten von einer völlig neuen Seite: Fern jeglicher Aggression ist die Musik elegant und lyrisch. Folgerichtig sind die Einflüsse, die hier eine Rolle spielen, auch weit eher die des Kunstliedes des 19. Jahrhunderts als die der englischen Romantiker, der Komponisten des 20. Jahrhunderts oder des Jazz. Lake singt diesen Part von "Trilogy" entsprechend eher wie ein Kunstlied Schuberts oder Schumanns. Erst mit "Memoirs Of An Officer And A Gentleman" werden ELP wieder zu dieser Art Musik zurückkehren.

Am Ende dieses Liedteils rückt Emersons Piano wieder in den Vordergrund, wird agiler und dynamischer und erste disharmonische Klänge schleichen sich ein. Immer wieder versucht das einleitende Hauptthema, sich dagegen durchzusetzen, doch am Ende geht es in den immer aufgeregteren Passagen unter: Grandios, wie Emerson hier nur mit Hilfe der Musik eine kleine Geschichte erzählt. Nun bricht ein 10/8-Ostinato los, das zum intensivsten gehört, was ELP zu dieser Zeit hervorgebracht haben. Emerson greift das Hauptmotiv mit dem Moog wieder auf, bringt es aber mit seinem gequält-schreienden Sound zu einer Art perverser Klimax. Während einer funkigen Passage, die mit der typischen Ambiguität eines 6/4-Rhythmus spielt, singt Lake einige kurze Phrasen, auch diese sind wieder vom Hauptthema abgeleitet. Dann startet Emerson in ein Moogsolo, das sich derart weit vom thematischen Material des Songs löst, dass man das Gefühl hat, dass der Song für einige Zeit seinen Fokus verliert. Wenn aber dann das funkige 6/4-Motiv wiederkehrt und Lake das Hauptthema von "Trilogy" in einer erneut variierten Gestalt wieder aufgreift, verliert sich dieser Eindruck und der Song steuert zielsicher seinem Ende entgegen, das in einer seltsam verfremdeten Bluesfigur besteht.

"Trilogy" weist all die Stärken auf, die heutigen Retroprog-Bands abgehen: Die Fähigkeit, sich auf nur wenig thematisches Material zu beschränken, dieses aber in allen möglichen rhythmischen, tonalen, harmonischen und soundmäßigen Zusammenhängen zu variieren und zu transformieren. Ich kenne keine, keine einzige Retroprog-Band, die auch nur annähernd über das Tonartenvokabular oder die rhythmische Finesse verfügte, das Keith Emerson zu Gebote steht. Das ist das Stück, das sich die Flower Kings dieser Welt anhören sollten, bevor sie ins Studio gehen.

Der vorletzte Song, "Living Sin", ist eine Art Blues from Hell, ein kurzer, extrem aggressiver Song, der in der Tradition von "A Time and a place" oder "Bitches Crystal" steht. Emersons Hammond steuert ein Riff bei, wie man es in seiner Seltsamkeit eher von Jethro Tull kennt (hat mal jemand nur auf das Gitarrenriff von "Aqualung" geachtet?). Dieses Riff wird allerdings nicht einfach wiederholt, Emerson variiert es vielmehr ununterbrochen und verleiht dem Song damit eine seltsam instabile Atmosphäre, die durch einige metrische Eigenwilligkeiten ebenso verstärkt wird wie durch die Tatsache, dass Lake seinen Text in einem ziemlich sinistren Bass vorträgt. Großartig.

"Trilogy" schließt mit einem Bolero, der, im Rock-Kontext, erneut from Hell zu kommen scheint. "Abaddon's Bolero" ist folgerichtig nach Abaddon, dem „Engel des Abgrunds“ benannt, einer zweideutigen Figur aus dem Alten Testament. ELP übernehmen die Struktur des Boleros, namentlich des berühmten Boleros von Ravel, übersetzen sie jedoch in ihre eigene Sprache: Das Stück steht im 4/4-Takt und nicht wie traditionell im 3/4-Takt, und die Schichten, die sie bei jeder Wiederholung ihres 34 Takte umfassenden Motivs übereinanderlegen, sind selbstverständlich Klänge von Bass, Schlagzeug, Orgel und Moog-Synthesizer. Man mag über das Resultat streiten können – die unablässige Verdichtung, die ungebrochene Steigerung von Intensität und Spannung gelingt ELP meisterlich – allerdings nur durch die Anwendung von allerlei Studiotricks und damit auf Kosten der Umsetzbarkeit auf der Bühne. Live war das trotz aller Anstrengungen mit den damaligen Mitteln kaum zu reproduzieren.

Womit wir bei der Frage wären, warum "Trilogy" bis heute das übersehene Album ELPs ist. Die Antwort ist ebenso simpel wie einleuchtend: Kaum jemand hat je Material von diesem Album live gehört, mit der Ausnahme von "Hoedown". Die intensive Inanspruchnahme der technischen Möglichkeiten, vor allem was Overdubs angeht, machte es ELP praktisch unmöglich, mehr als ein, zwei Songs von "Trilogy" live überzeugend darzubieten. Und so bleibt bis heute das vielleicht beste Album ELPs ein wohlgehütetes Geheimnis…

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 25.6.2012
Letzte Änderung: 28.6.2012
Wertung: 15/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Emerson, Lake & Palmer

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1970 Emerson, Lake & Palmer 11.60 6
1971 Tarkus 10.75 5
1971 Pictures at an Exhibition 12.00 5
1973 Brain Salad Surgery 12.00 4
1974 Welcome Back My Friends To The Show That Never Ends 12.50 2
1977 Works, Volume 1 7.25 4
1977 Works, Volume 2 4.63 8
1978 Love Beach 6.43 7
1979 In Concert 6.00 1
1992 The Atlantic Years 12.00 1
1992 Black moon 4.50 4
1993 Works Live 10.00 1
1993 The Return of the Manticore 12.00 3
1993 Live At The Royal Albert Hall 10.50 2
1994 In The Hot Seat 1.60 5
1997 Live in Poland 8.00 1
1999 Pictures at an Exhibition. Collectors Edition (DVD) 12.67 3
2001 The Original Bootleg Series From The Manticore Vaults Vol.Two 12.00 1
2001 The Original Bootleg Series From The Manticore Vaults Vol.One 11.00 1
2002 Re-Works 7.00 1
2002 Best of the Bootlegs 9.00 1
2002 The Original Bootleg Series From The Manticore Vaults Vol.Three 8.00 1
2002 Works Orchestral Tour, Olympic Stadium, Montreal 1977 / The Manticore Special (DVD) 10.00 1
2002 Live at the Isle Of Wight Festival 1970 7.00 2
2004 Inside Emerson Lake & Palmer. 1970 - 1995. An independent critical review (DVD) 10.00 1
2004 Welcome Back (DVD) 9.00 1
2004 Masters From The Vaults (DVD) 10.00 1
2005 Beyond The Beginning (DVD) - 1
2005 Live at Montreux 1997 (DVD) 6.00 1
2006 The Birth Of A Band - Isle of Wight Festival Sat August 29th 1970 (DVD) 10.00 1
2006 The Original Bootleg Series From The Manticore Vaults Vol.Four 5.00 1
2007 From the Beginning - 1
2009 Works Deluxe Edition - 1
2010 High Voltage - 1
2010 Live High Voltage 10.00 1
2011 Live At The Mar Y Sol Festival '72 12.00 1
2011 Live At Nassau Coliseum '78 11.00 1
2011 ...welcome back my friends High Voltage Festival 2010 40th Anniversary 9.00 1
2013 Live in Montreal 1977 8.00 1

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