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Wobbler

Hinterland

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2005
Besonderheiten/Stil: RetroProg
Label: Laser's Edge
Durchschnittswertung: 8.71/15 (7 Rezensionen)

Besetzung

Lars Fredrik Frøislie Hammond C3 with Leslie 122, Minimoog Model D, Mellotron M400 S, Petrof Grand Piano, Berggren Og Engzon Reed Organ and Glockenspiel, Wurlitzer A 200, Rhodes Mark II Stage Piano, Hohner Clavinet D6, Zuckerman Harpsichord, ARP Pro Soloist, ARP Axxe, Sol
Martin Nordrum Kneppe Ludwig Special Drums and Percussion
Kristian Karl Hultgren Bass and Saxophones
Morten Andreas Eriksen Electric and Acoustic Guitars
Tony Johannessen Lead vocals

Gastmusiker

Ketil Vestrum Einarsen Flutes and Backing Vocals
Ulrik Gaston Larsen Theorbe and Baroque Guitar
Pauliina Fred Recorder
Aage Moltke Schou Percussion

Tracklist

Disc 1
1. Serenade For 1652 0:41
2. Hinterland 27:47
3. Rubato Industry 12:45
4. Clair Obscur 15:37
Gesamtlaufzeit56:50


Rezensionen


Von: Udo Gerhards @ (Rezension 1 von 7)


"Wobbler": dieser Name klingt gleichzeitig etwas albern (mehr zu anderen Albernheiten später), ebenso wie er durchaus programmatisch ist, ob bewusst oder nicht. Ein Wobbler ist eine beim Angeln verwendete Köderart, die einem Fisch nachgebildet ist (und taumelnde Bewegungen ausführt, eben "wobbles"). Und so wie ein Wobbler einen Beutefisch simuliert, eifern die Wobbler großen Namen nach. Die Frage ist: gelingt es damit, den Hörer an den Haken zu bekommen?

Die kurze Antwort: jein.

Die längere:

Von Retro-Retro-Bands, Egosäuen, die keine sind, 10 deplatzierten Mikros, davon, warum 250 Zeichen weniger sind als gedacht, und anderen Albernheiten
oder
Vade retro, Satanis

Dem ein oder anderen ist vielleicht aufgefallen, dass die Instrumentenauflistung oben bei Keyboarder Lars Fredrik Frøislie mitten im Wort abbricht. Das ist deshalb der Fall, weil ich versucht habe, sein ausuferndes Instrumentarium komplett aus dem Booklet abzutippen. Offensichtlich reichen dafür 250 Zeichen nicht. Und ich werde den Teufel tun, die fehlenden Angaben in irgendeiner Form zu ergänzen. Denn wer als Hörer eine solche alberne (da simma wieda) Liste wirklich braucht, der ist womöglich noch bekloppter als der Musiker, der sie in sein Booklet packt, und verdient es nicht anders.

Frøislies Bookleteintrag ist in mehrerer Hinsicht vielsagend.

Hammond, Minimoog, Mellotron, Piano, E-Piano etc. etc. etc., dies macht mehr als deutlich: Retro-Prog-Sound herrscht vor. Während des Hörens von "Hinterland" gibt es ständig Aha-Momente: "Oh, Premiata Forneria Marconi. Oh, Genesis. Oh, Emerson, Lake & Palmer. Oh, Yes. Oh, Gentle Giant. Oh, King Crimson. Oh, Rick Wakeman solo." Musik aus der - man verzeihe mir das schlechte Wortspiel, ich konnte nicht widerstehen - Retrote eben. Diese Abfolge von Namen zeigt auch: gerade im Titelstück gibt's Stückwerk. Hier werden dutzende Parts in verschiedenen Stilistiken hintereinander gereiht, ohne dass die Gruppe dabei wirklich aus den Puschen kommt. Zwar hält der durchgängige Grundsound das Ganze geradeso zusammen, aber die kürzeren - und immer noch satt langen - "Rubato Industry" und "Clair Obscur" funktionieren wesentlich schlüssiger und flüssiger.

Im Vergleich zum "Retro"-Prog will ich sogar noch einen Schritt weitergehen: "Wobbler" sind der erste Höhepunkt dessen, was man - wenn er nicht so hässlich wäre - mit dem Begriff "Retro-Retro-Prog" umschreiben müsste: sie klauen nicht nur bei den großen alten Bands des Genres, sondern auch bei großen jungen. Zwar gab es sowohl für Änglagård als auch für Anekdoten bereits Epigonen - etwa Sinkadus und Book of Hours -, aber diese waren zeitlich zu nahe an den Veröffentlichungen der Originale dran. Inzwischen sind seit den besten - und leider teils einzigen - Alben dieser beiden Gruppen gut 10 Jahre vergangen, so dass sie schon fast selbst als Oldies und Klassiker gelten können. Und von beiden sind Wobbler deutlich, deutlich inspiriert. NB: ein Änglagård-Klon, so wie es die beiden Wobbler-Demos fast vermuten ließen, sind sie nicht; dafür scheinen viel zu viele andere Vorbilder durch. Änglagård hört man vor allem in den elegischeren, ruhigeren Stellen durch. Anekdoten stehen Pate für Passagen mit jaulenden Gitarrenarpeggios, scharrendem Bass und Mellotronteppich (allerdings ist dies auf dem Umweg über Schweden wieder auf King Crimson zurückzuführen).

Was der Booklet-Eintrag auch klar macht: "Hinterland" ist ein stark keyboardlastiges Album. Zwar wird auch gesungen - durchaus gut und angenehm übrigens und weit entfernt von dem Hardrock-Geshoute, das den Würzburger Auftritt Wobblers im Jahr 2004 so unschön prägte -, gebasst, geschlagzeugt usw. Aber die omnipräsenten Keyboards in allen möglichen analogen Variationen drücken der Musik hauptsächlich den Stempel auf. Vor allem die Gitarre leidet darunter: Zwar spielt Morten Andreas Eriksen viel und auch sehr kompetent, aber wirkliche Akzente setzt die Gitarre nur, wenn es an ganz ruhige, akustische Passagen geht. Und dann kommt ausgerechnet auch noch stellenweise Gastgitarrist Ulrik Gaston Larsen zum Zug. Damit möchte ich aber nicht andeuten, dass Frøislie sich egoistisch in Szene setzt: ellenlange selbstverliebte Keyboard-Soli oder Ähnliches sucht man etwa vergeblich, auch die testosterontriefende Tastendominanz wie bei Emerson und ELP gibt es nicht.

Der einzige, der im Begleitheft übrigens ebenfalls mit der Marke seines Instruments gelistet ist, ist Schlagzeuger Martin Nordrum Kneppe an den "Ludwig Special Drums". Und hier liegt der Fall genau andersrum. Das - ebenfalls kompetent gespielte - Schlagzeug klingt auch retro, und hier ist ein bedingungsloses "leider" angebracht. Dünn, drucklos (vor allem die Snaredrum), ohne Wucht und den entscheidenden Kick in den Momenten, in denen ein echter perkussiver Ausbruch den intendierten Bombast der Kompositionen und Arrangements unterstützen müsste. Das ist jedenfalls ein Punkt, den sich Wobbler besser bei Änglagård abgeguckt hätten. Laut ihrer Website haben Wobbler die Orgel mit 12(!) Mikrophonen aufgenommen. Vielleicht hätten für die Hammond auch zwei gereicht, und man hätte dem Schlagzeug ein paar mehr spendieren können?

Kollege Achim hat bei anderer Gelegenheit "Hinterland" als "albern" bezeichnet. "Albern" dabei nicht im Sinne von kichernd komisch gemeint, sondern: "eigentlich ist es albern, Passagen aus 10 Siebziger Jahre Platten zu klauen und hintereinander zu hängen". Ja, damit hat er recht. Trotzdem macht mir das Album Spaß. Ja, mein ganzes Gemecker hält mich nicht davon ab, "Hinterland" zu geniessen; insbesondere ab dem zweiten, dritten Hördurchlauf, als ich mich an den bescheidenen Schlagzeugsound gewöhnt und entdeckt hatte, dass die beiden "kürzeren" Stücke die deutlich stärkeren sind, obwohl natürlich ein Monsterlongtrack zum Beginn (vom kurzen Mellotronintro "Serenade For 1652" mal abgesehen) den ersten Eindruck des Albums stark prägt. Aber: Wenn Wobbler das Schlagzeugsound-Problem in den Griff bekommen und ihren anfürsich sehr edlen analogen Retro-Grundklang mit weniger offensichtlich durch von bestimmten einzelnen Vorbildern inspirierten, sprich eigenständigeren Kompositionen verbinden: Dann würd's noch mehr Spaß machen.

P.S. Das Album erscheint zwar offiziell erst am 6.9.2005, kann aber bis zum 8.7. in Vorbereitung des kommenden Nearfest-Autritts Wobblers direkt beim Label Laser's Edge bestellt werden und wird auch ausgeliefert. Nach dem Nearfest verschwindet "Hinterland" wieder bis zum September.

Anspieltipp(s): Rubato Industry
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 28.6.2005
Letzte Änderung: 29.6.2005
Wertung: 9/15

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Von: Fix Sadler (Rezension 2 von 7)


Wobbler? Klingt wie eine norwegische Alternative zum Yeti oder so... Nun gut, Udo hat zur Namenserklärung beigetragen.

Vor etwa anderthalb Jahren konnte man erstmals zwei Stücke dieser jungen Skandinavien-Progger von deren Homepage laden (kann man übrigens immer noch, was ich sehr empfehle). Es bahnte sich eine Erfolgsstory an. Einladung zum Freakshow Festival 2004, Veröffentlichung eines Tracks auf einem Eclipsed Sampler, Deal mit Laser's Edge mit anschließendem Auftritt auf dem Nearfest 2005 - das sind die Geschichten aus denen Proggerträume geschnitzt sind.

Den ersten Schönheitsfehler musste man allerdings zur Freakshow zur Kenntnis nehmen: Wobbler verkamen von einem "Änglagård-wannabe" zu einer 70ies Hardrock-Combo... - der Auftritt hinterließ einige Fragezeichen.

Ein Jahr später hat sich die Truppe mit ihrem Debüt Hinterland gefangen. Es gibt wieder eindeutig "Retro-Prog" in perfekter Form zu hören... Das ist so "retro", dass es schon als klassisch durchgeht. Allerdings hat die Band bei aller "Heldenverehrung" vergessen gute Songs zu schreiben. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass Lars Fredrik Frøislie dem "Egomanen-Konzept" frönt. Analoge Keyboards bis zum Abwinken, Kompositionen bei denen ich abwinke... - Schade!

Ich versuche seit Tagen, mich in die Platte einzufinden, ich will verdammt noch mal diesen perfekten Retro-Sound geniessen - ich kann es nicht. Jammerschade, denn die Band hat mit den Demos so viel versprochen, was sie schlussendlich nicht halten kann. Es fehlt der "Kick", es fehlt die Inspiration, es fehlt einfach alles, was die Welt gebrauchen könnte...

Und gerade weil Wobbler bereits gezeigt haben, wie gut sie sein können, ist es um so ärgerlicher, dass sie es nun nicht mehr sind. Führt es auf meine Erwartungshaltung zurück, nennt mich einen Ahnungslosen, ärgert Euch über meinen persönlichen Anspruch - die Platte ist ziemlich belanglos...

Schade um die tendenzielle Ausrichtung der Band, schade um den grandiosen (und viel zu seltenen) Gesang von Tony Johannessen, schade um die astreine "back to the roots" Produktion (Udos Einwand wegen der Drums ist in meinen Ohren überzogen, wenn auch nicht ganz von der Hand zu weisen), schade um die wunderbaren Demos, die diese Scheibe um Längen schlagen - Wobbler ist einfach nur "irgendeine Retro-Combo" und nicht etwa der kommende Deal in solchen Sounds (oder gar der Nachfolger von Änglagård). Neeee, das ist bestenfalls solide und leider total langweilig - schade, schade, schade...

Schön, wenn die Kollegen einem passende Worte in den Mund legen. Ich zitiere tolle und imho zutreffende Aussagen von ThomK (guckst Du unten):

- Dabei sind die Tastenklänge einfach "so da" und werden noch nicht mal durch besonders auffällige Soli besonders betont. Sie sind einfach die Musik. Alles andere ist weitgehend Beiwerk

- Diese Aneinanderreihung von sozusagen Prog-Klischees kann man auch als ziemlich nervig (oder eben albern) empfinden. Dies wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass die Band ziemlich gehemmt wirkt und selten einfach wirklich frisch, fromm, fröhlich, frei losrockt

- Vielleicht platzt der Knoten jetzt, nachdem der Anfang einmal gemacht ist, und dann kann das schon noch was werden

Ja, so ist es! Und ja, so hoffe ich es! Keinesfalls gebe ich die Band auf, aber hoffe auf jeden Fall auf eine erhebliche Steigerung!

Anspieltipp(s): noch am besten: Rubato Industry
Vergleichbar mit: Retro-Sound an sich (aber leider auch nur das)
Veröffentlicht am: 29.6.2005
Letzte Änderung: 4.7.2005
Wertung: 6/15

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Von: Thomas Kohlruß @ (Rezension 3 von 7)


Die Norweger Wobbler sitzen offensichtlich in einer selbstgemachten Falle: Als völlig unbekannte Band haben die Jungs zwei Demos auf ihrer Website veröffentlicht, die damals in kürzester Zeit für Furore sorgten. Seitdem lastet auf der Band eine Erwartungshaltung, die anscheinend lähmend wirkt. Und dazu noch bei den Fans immer wieder zu Frusterlebnissen führt. Vom eher missglückten Auftritt beim "Freakshow-Festival 2004" war ja schon die Rede... und nun liegt mit "Hinterland" das zwischen Hoffen und Bangen erwartete Debütalbum der Band vor.

Ich will nicht allzuviel wiederkäuen: Wobbler haben sich auf ihrem Debütalbum, wie auch bei ihren Demos, vollkommen dem RetroProg verschrieben. Sicherlich könnte diese Musik so auch in den goldenen 70er Jahren 'unserer' Musik entstanden sein. Dominant sind dabei analoge Tastensounds in jedweder Couleur, Mellotron-Alarm aller Orten. Dabei sind die Tastenklänge einfach "so da" und werden noch nicht mal durch besonders auffällige Soli besonders betont. Sie sind einfach die Musik. Alles andere ist weitgehend Beiwerk. Auch wenn die Gitarre in einigen Momenten mal schön bratzeln darf und in anderen Momenten schöne, barocke Zwischenspiele liefert. Auch wenn der Bass immer mal wieder scharrt und rumpelt. Auch wenn das Schlagzeug durchaus mit Verve gespielt wird. Es ist ein Keyboard-Album.

Dabei ist es selbst für mich, der sich von den alten Klassikern ein Stück weit entfernt hat, kaum möglich die vielen Anspielungen, "Inspirationen" und Versatzstücke zu ignorieren, welche Wobbler von den Klassikern in ihre Musik integriert haben. Dies führt gerade im titelgebenden Longtrack zu einem ziemlich zerrissenen Eindruck. Und in der Tat: Diese Aneinanderreihung von sozusagen Prog-Klischees kann man auch als ziemlich nervig (oder eben albern) empfinden. Dies wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass die Band ziemlich gehemmt wirkt und selten einfach wirklich frisch, fromm, fröhlich, frei losrockt. In diesen seltenen Momenten allerdings, z.B. zu Beginn von "Hinterland" (so knapp die ersten 2 Minuten) und dann wieder am Schluss (so ab Min. 23 etwa), zeigen sie das Gesicht, welches von den Demos bekannt ist und können begeistern. Wirklich schön sind auch die elegant ins Klangbild integrierten Flötentöne.

Viel besser gelingt Wobbler der Spagat zwischen lyrischen Parts, die Spannung aufbauen, und bombastischen Tastenorgien in den beiden "kürzeren" Tracks. Von denen kann "Rubato Industry" sogar richtig begeistern. Aber auch "Clair Obscur" hat viele mitreissende Momente und klingt vielleicht sogar ein bisschen moderner, also zumindest mehr nach Anekdoten und Co. als nach 70er Jahre.

Sänger Johannessen hat wenige, aber dafür gute Einsätze. Gesang irgendwie Marke "Anekdoten", aber wesentlich ausdrucksstärker und tonsicherer. Kaum zu glauben, dass das derselbe Sänger sein soll, der auf der Freakshow dieses eher peinliche HardRock-Shouting und -Gepose abgeliefert hat. Aber dem Bild im Booklet nach zu urteilen, muss ich das wohl glauben.

Mir macht dieses Album trotz aller Schwächen zunehmend Spass... und den Longtrack kann man immer noch als Suchspiel "Finde alle Tastensounds" nutzen. Wenn auch dieses Debütalbum wieder ein ganzes Stück hinter den Erwartungen zurückbleibt und man sich sicher ärgern kann, dass es Wobbler anscheinend nicht gelingt ihr Potential wirklich auszuschöpfen, sollte man die Band noch nicht abschreiben. Vielleicht platzt der Knoten jetzt, nachdem der Anfang einmal gemacht ist, und dann kann das schon noch 'was werden. Bis dahin sollten zumindest ausgewiesene Retro- und Tastenklänge-Fans durchaus Spass mit "Hinterland" haben.

Ach ja, wer eines der Wobbler-Demos in brilliantem Soundgewand geniessen will (und vielleicht lange Download-Zeiten scheut): Besorgt Euch den Progday-Support-Sampler! Dort gibt es neben Wobbler noch einiges weitere an guter Musik und ihr tut ein gutes Werk, in dem ihr eines der raren Prog-Festivals unterstützt...

Anspieltipp(s): Rubato Industry
Vergleichbar mit: den 70er Jahren des Prog
Veröffentlicht am: 3.7.2005
Letzte Änderung: 3.7.2005
Wertung: 10/15
...knapp und mit etwas wohlwollen ;-)

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Von: Christian Rode @ (Rezension 4 von 7)


Der Wobbler-Hype ist ziemlich schnell in sich zusammengefallen. Und das ist gut so. Denn so hat die Band jetzt jenseits überhöhter Erwartungen die Chance, die Musik vorzustellen, die ihr ganz offensichtlich am Herzen liegt. Die Verunsicherung der Hörer, die Wobbler schon länger kennen – obwohl es sich ja bei Hinterland um das Debut der Band handelt! – rührt daher, dass sie zunächst stark mit Änglagard identifiziert wurden, dann aber auf dem Artrockfestival 2004 einen ungeheuer kraftvollen psychedelischen Hardrock spielten. Da gab es natürlich lange Gesichter im Publikum, wenngleich mir als altem Psychedelic-Fan diese Seite von Wobbler schon sehr sympathisch war. In Zukunft hoffentlich mehr davon... (Man sieht mal wieder, wie unterschiedlich die gleichen Ereignisse empfunden werden können...)

Nun aber wird es mit Hinterland deutlich klassisch-proggig, ganz in anglo-europäischer Tradition. Sogar sehr deutlich wie es Udo in aller Klarheit beschrieben hat. Dabei dominiert vom Feeling her die Sorte Prog, die ihre psychedelischen Wurzeln noch nicht vergessen hat und hauptsächlich mit den frühen King Crimson und Yes identifizert werden kann; Emerson Lake & Palmer sind aber auch immer wieder mit dabei. Doch es fällt häufig schwer, die Anleihe oder Hommage deutlich festzumachen. Wobei es natürlich immer wieder Stellen gibt, die so unverschämt nah am Original sind, dass man nicht mehr von Hommage sprechen kann, sondern es Kopie (oder freundlicher: Zitat) nennen muss. Eine reine Zitatensammlung ist Hinterland aber keinesfalls geworden.

Dass ein Album, das sich in einem solchen Umfeld präsentiert, stark keyboardlastig ist, muss nicht wundern. Schließlich war die Keyboarddominanz eins der zentralen Kennzeichen des klassischen Progressive Rock gegenüber der stärker e-gitarrenlastigen Psychedelic. Ziemlich häufig ist der Sound stimmungsvoll mit einem dichten Mellotron-Teppich unterlegt. Aber auch die Gitarre – Elektro- wie Akustik – kommt häufig zum Zuge und fügt sich sehr organisch ins Gesamtbild ein. Die Kritik an den Drums kann ich nicht teilen; auch die Drums passen sich vorzüglich in den verspielten Gesamtsound ein.

Ein weiteres Kennzeichen klassischen Progs sind die ausladenden Instrumentalteile, die den normalen Songzusammenhang sprengen. Dieses Moment kommt gerade beim sehr langen Titelsong zum Tragen. Und so muss es ja auch sein. Daraus einen Vorwurf zu gestalten mag in anderen musikalischen Kontexten durchaus sinnvoll sein, nicht jedoch im verschärften Retro-Prog – oder „Retro-Retro-Prog“ - wie Wobbler ihn ziemlich perfekt kreieren. Und wenn man Wobbler mit anderen Retro-Prog-Kapellen vergleicht, dann fällt auf, dass es Wobbler gelingt, ihren Sound vollkommen unpeinlich und – bei allen pastoralen Momenten - überhaupt nicht sülzig rüberzubringen.

Wie wirkt das Album nun stimmungsmäßig insgesamt? Natürlich werden einfach wohlige Erinnerungen geweckt, die nur gelegentlich, wenn Wobbler es etwas übertreiben, kurz übel aufstoßen können. Der starke Mellotron-Einsatz lässt etwas Wehmut aufkommen. Aber melancholisch kann der Wobbler-Sound beileibe nicht genannt werden. Da sind schon die quirligen Orgel- und Synthiesounds vor. Besondere Klang- und Qualitätsunterschiede zwischen den Songs kann ich übrigens nicht wirklich behaupten. Wobbler halten mit Hinterland einfach einen in sich stimmigen, rundum mit viel Geschick entworfenen Spaß für jeden Retro-Progger bereit!

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit: allerhand...
Veröffentlicht am: 10.9.2005
Letzte Änderung: 10.9.2005
Wertung: 11/15

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Von: Ralf J. Günther @ (Rezension 5 von 7)


Diese Rezension schreibe ich, um die Wobbler-CD noch einmal kurz in den Blickpunkt zu rücken - und die Rezensionen meiner Vorschreiber gleich mit. Mir scheint nämlich, dass sowohl Platte als auch Rezis mehr als in anderen Fällen zu einer Frage beitragen, um die es auf diesen Seiten immer wieder geht: Ist das Objekt unserer Begierde - Prog - wirklich noch lebendig? Oder betreiben wir Mumienkult?

In dieser Hinsicht haben sich Wobbler an einem neuralgischen Punkt angesiedelt, denn sie präsentieren Retro-Exzesse in einem Moment, in dem einem die Masse der Retro-Veröffentlichungen wahrhaftig zum Halse heraushängt. Gefeierte Helden wie Stolt und Co. haben sich längst ausgepowert und bedienen nur noch einen Markt, anstatt frische Musik zum Leben zu erwecken. Unzählige Bands tun so, als sei nie etwas gewesen, und erfinden Woche für Woche sämtliche Progklischees neu, weil sie entweder selbst an Amnesie leiden oder auf die Amnesie ihrer Hörer rechnen.

Da kommen Wobbler mit einem Album, das wie kaum ein anderes den Proghörer da zu packen versucht, wo er es braucht. Hier gibt es jedenfalls alles, wonach man zu lechzen glaubte: In den Rezensionen meiner Kollegen ist das detailliert beschrieben. Der interessanteste Satz stammt dabei von Fix: "ich will verdammt noch mal diesen perfekten Retro-Sound geniessen".

Denn so siehts aus: Wobbler haben sich raffiniert aufgebretzelt mit allem, was einem gefällt - aber erleben die Ohren dabei auch wirklich eine gewaltige Erektion?

Wie das so ist, kann die Frage nur jeder für sich selbst beantworten. Aber ich kenne kaum eine Platte, die sich dermaßen für den Prog-Selbsttest eignet. Als solchen würde ich das Album jedermann warm empfehlen. Die Tastenklänge "sind einfach die Musik", wie Thomas zutreffend schreibt - und sie sind überwältigend schön. Die Klangwelt der Platte insgesamt ist beeindruckend (das etwas in den Hintergrund geratene Schlagzeug stört mich ebensowenig wie Fix, obwohl Udos Kritik nicht unberechtigt ist). Diese Klangwelt ist allerdings alt. Ist sie auch verbraucht? Ist die Klangwelt eines Symphonieorchesters verbraucht? Oder behält sie eine einmal erworbene Gültigkeit?

Ob die Wobbler-CD wohlige oder übel aufstoßende Erinnerungen wachruft, wie es bei Christian heißt, ob sie vielleicht sogar "albern" ist, wie Achim findet - der Eindruck ändert sich während des Hörens immer wieder. Denn wer so in die Retrokiste greift, der ist bei aller Klangmeierei letztlich doch von der Qualität der Kompositionen abhängig. Im zusammengebosselten Track 2, der beim Hörer deutlich das Gefühl auslöst "das ist gar kein wirklicher Longtrack", sind die Zweifel groß, ob man hier nicht an einen Fall besonders dreister Musik-Prostitution geraten ist. Natürlich kann einen auch das scharf machen. Aber in den Tracks 3 und 4, die besser funktionieren, ists nicht mehr der reine Fetischismus, der da auf einen eindringt, nicht nur Kunstfertigkeit sondern auch künstlerische Fertigkeit. Und dabei fühlt man sich besser.

Ich bin sehr gespannt auf das nächste Wobbler-Album. Dieses hier habe ich schon sehr oft gehört.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 17.10.2005
Letzte Änderung: 18.10.2005
Wertung: 10/15

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Von: Marion Schoger @ (Rezension 6 von 7)


Über dieses Album ist schon so viel treffendes geschrieben worden. Danke Udo, Fix, Thomas, Christian und Ralf für eure passenden Beschreibungen.

Daher nur noch eine kleine Ergänzung von mir:

Diese Platte durchzuhören, und das auch noch mehrmals, war wirklich ein hartes Stück Arbeit. Schließlich musste ich mich ständig daran hindern, meinem wohlverdienten Schlaf nachzugehen. Besonders bei Hinterland sind mir immer wieder die Augen zugefallen und das bestimmt nicht, um so besser die Musik genießen zu können. Nach einigen vergeblichen Anläufen, bei denen ich die Musik nicht einmal mehr wahrgenommen habe, hat mir dann freundlicherweise immerhin das Booklet geholfen, denn hier konnte ich meinen Blick auf die Buchstaben fixieren und somit vermeiden, bald friedlich schlummernd dazuliegen.

Schade eigentlich. Die Platte ist eigentlich keineswegs schlecht, nur hat man das bei etlichen anderen 70er-Proggern schon besser und auch zusammenhängender gehört. Was wirklich neues wird hier leider nicht mehr geboten.

Dennoch lasse ich mir die Hoffnung auf ein gutes neues Werk Wobblers nicht so schnell nehmen. Mit mehr Eigenständigkeit und Kreativität wird das schon noch was.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 5.12.2005
Letzte Änderung: 5.12.2005
Wertung: 6/15

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 7 von 7)


Eine Platte, deren Wirkung offensichtlich sehr unterschiedlich ist - obwohl sie für jeden dieselbe Musik enthält - hier sollten manche objektiv-subjektiv-Spezialisten ins Grübeln kommen. Marion (hallo Marion!) hat recht, wenn sie sich darüber beschwert, die Platte sei unzusammenhängend: Genau das ist sie. Nix Aufbau, nix Spannungsbogen zu oft nur Reihungen, und selbst die haben wir in den 70ern von Genesis besser gehört.

Aber man braucht sich nur vorzustellen, wie eine Platte klänge, die, sagen wir, John Wetton, Ian Anderson, Rick Wakeman, Steve Hackett, Flavio Premoli, Carl Palmer und Ian McDonald heute zusammenbekämen, und man hat, wie ich, viel Spaß mit diesem Album. Ganz so gruselig wie bei "The Watch" geht's hier nicht zu, aber wer hier seine Jugend wiederzufinden sucht, sei an die Originale verwiesen.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 6.12.2005
Letzte Änderung: 7.12.2005
Wertung: 9/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Wobbler

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