SUCHE
Erweiterte Suche
NEUE REZENSIONEN
15.7.2018
Ragnar Grippe - Sand
Klaus Schulze - Silhouettes
Malaavia - Frammenti Compiuti
14.7.2018
Pixie Ninja - Ultrasound
Jonathan - Jonathan
12.7.2018
Robert Reed - Sanctuary III
42DE - EP
Manfred Mann's Earth Band - Watch
11.7.2018
Hollowscene - Hollowscene
Seasons Of Time - Welcome To The Unknown
10.7.2018
Robert Reed - Sanctuary III
Space Debris - Mountain Ultimate
9.7.2018
3RDegree - Ones & Zeros : Volume 0
8.7.2018
Teru's Symphonia - Symphonia
Ship Of Fools - Out There Somewhere
7.7.2018
Christian Fiesel - The Dark Orb
Molesome - Dial
Ship Of Fools - Close Your Eyes (Forget The World)
ARCHIV
STATISTIK
24776 Rezensionen zu 16963 Alben von 6608 Bands.
SITE MAP
STARTSEITE

Eric T. Smialek

Rethinking Metal Aesthetics: Complexity, Authenticity and Audience in Meshuggah's I and Catch Thirtythr33

über: Meshuggah



Informationen

Erscheinungsjahr: 2008 (Masterarbeit, eingereicht an der Schulich School of Music, McGill University, Montréal, QC, Canada)
ISBN:
Verlag:
Verlagsort:


Rezensionen


Von: Nik Brückner


Auch wenn der Titel es nicht vermuten lässt: Mit seiner Masterarbeit über Meshuggah legt Eric Smialek einen Text vor, der weit mehr ist als nur das: "Rethinking Metal Aesthetics" ist eigentlich eine Fallstudie zum Thema 'Ästhetische Werte und Werturteile und ihre Kommunikation in der populären Musik'. Denn Smialek räumt einerseits gründlich auf mit den naiven Vorstellungen von Authentizität und Ehrlichkeit im Musikgeschäft, andererseits legt er offen, zu welchen ästhetischen Urteilen Fantum und oberflächliches Hören, aber auch Fantum und analytisches Hören führen (können), und wie Künstler, Musikindustrie und Musikjournalismus damit umgehen.

Doch von vorn: Smialek dienen die kontroversen Scheiben "I" und "Catch Thirtythr33" als Ausgangspunkt für die Frage, wie (Prog-)Metal-Hörer die ungewöhnlich komplexe Musik der Schweden wahrnehmen und wie sie darauf reagieren. Dazu räumt er zunächst längst überholte Vorstellungen von Metal und Metalfans beiseite: die Einfachheit der Musik, die Homogenität des Genres, die Nähe von Metal und Arbeiterklasse. Dann stellt er Widersprüche zwischen den zahlreichen öffentlichen Äußerungen der Band und ihren stilistischen Charakteristika fest: Während Meshuggah immer wieder betonen, ihr kreativer Prozess sei chaotisch, planlos und spontan, hat ihre Musik doch weit mehr mit Progressive Rock gemeinsam als mit dem Klischee vom einfach gestrickten Rabauken, der Metal nur deshalb spielt, weil ihm nicht anderes aggressiv genug ist. Eine genauere Analyse vor allem der Anfänge von "I" und von "In death – is life" fördert dann zutage, dass Meshuggahs Stücke in derart krassem Widerspruch zu dem selbstgemachten Image von der faulen, spontan und planlos agierenden Band stehen, dass diese Stücke Äußerungen wie die, man hätte keine Ahnung, was Math Metal sei und verachte das Komponieren, lügen strafen. Der Anfang von "In death – is life" basiert derart eindeutig auf Griffbrettsymmetrien der linken Hand des Gitarrenparts, dass es selbst für einen Laien klar zutage liegt, dass dahinter nicht nur ein Plan steht, sondern eine exakte und wohlüberlegte Kalkulation dessen, was die Band ihren Fans als schlichtes Drauflosdreschen verkaufen will. Smialek spricht es offen aus: wenn Hagström oder Haake behaupten, ihre Musik klänge lediglich so, als wäre sie kompliziert und bestehe eigentlich nur aus 4/4-Takten, ist das schlicht Unsinn.

Interessant wird es nun, wenn Smialek versucht, zu zeigen, warum das so ist und wie Fans und Musikjournalisten darauf reagieren: Da gibt es zwei Fraktionen, zum einen diejenigen Fans, die die Songs von Meshuggah Note für Note auseinandernehmen und ihre Analysen und Diagramme mit Gleichgesinnten heiß diskutieren, zum anderen diejenigen, die diese Herangehensweise als "pseudo-intellektuell" ablehnen, oft unter Bezugnahme auf die oben erwähnten Äußerungen der Musiker. Zu ihnen gesellt sich dann auch (exemplarisch) der Musikjournalist Jerry Ewing (Metal Hammer), der sich, in ähnlicher Weise wie manche Fans, nicht nur über diese ihm offenbar wesensfremde Herangehensweise amüsiert, sondern offen über sie herzieht.

Smialek hält dabei deutlich erkennbar Grenzen ein. Er beurteilt nicht, er kritisiert nicht, er beschreibt. Und so hält er ein, lange bevor er Fragen stellen muss wie die, warum ausgerechnet diese Gruppe von der anderen lächerlich gemacht wird (und nicht umgekehrt), wie viel Ewing, wie viel ein Musikjournalist überhaupt eigentlich von Musik versteht oder verstehen muss, oder wie jemand, der sich über eine genauere Analyse von populärer Musik lustig macht, eigentlich überhaupt zu dem Urteil gelangen kann, die in Frage stehende Musik sei kompliziert oder doch zumindest ungewöhnlich strukturiert.

Und es ist gut, dass er diese Fragen nicht stellt, würden sie ihn doch auf das Glatteis der Spekulation führen. Stattdessen wendet sich Smialek im letzten Teil seiner Arbeit der Frage zu, wie die Kommunikation im musikjournalistischen Interview funktioniert, und das allein ist das Lesen seiner Arbeit in Gold wert: Smialek hebt hervor, dass das Interview eine stark verregelte Form der Kommunikation ist, deren wichtigste Regel darin besteht, den Leser ebendies nicht merken zu lassen. Daraus erwächst ein Aspekt von Performance, der einem Künstler natürlich entgegenkommt, und den vor allem Mårten Hagström perfekt beherrscht, nämlich die Darstellung der Figur des interviewten Musikers. Natürlich wissen sowohl Hagström als auch Ewing, wie ein Interview funktioniert, und wie man es dem Leser verkauft: Unabhängig davon, wie viel die beiden tatsächlich von Musik verstehen, dem Leser einen tieferen Einblick in die Musik zu gewähren (und dabei gezwungenermaßen tiefer in musikalische Analyse oder gar Terminologie einzusteigen) wäre tödlich, besonders in einem Genre wie Heavy Metal. Jeder Eindruck von Elitarismus muss vermieden werden, weil er das Image des Authentischen, Ehrlichen, Direkten zerstören würde. Auf diese Weise ist es z. B. Ewing möglich, sich über die Naivität derjenigen Fans lustig zu machen, deren online veröffentlichte Analysen "border on the ridiculous in a pseudo intellectual", nur um unmittelbar im Anschluss zu urteilen: "On the evidence of "Nothing", Meshuggah stands alone" – ohne dass der Widerspruch thematisiert oder auch nur bemerkt werden müsste. Denn tatsächlich könnte allenfalls eine genaue Analyse zu der Erkenntnis führen, das Album "Nothing" stünde (in welcher Hinsicht auch immer) alleine. Es bringt gerade das Joch der im Rock geforderten Authentizität mit sich, dass eine starke Aussage wie diese umso glaubwürdiger ist, je weniger sie auf Analyse beruht.

Smialeks Arbeit ist damit sehr viel mehr als nur eine weitere Analyse eines weiteren Prog(-Metal)-Stücks, sie spannt die Musik ein in ein komplexes Geflecht aus kommunikativen Forme(l)n, das zwischen Musikern, Plattenfirmen, Musikjournalisten und Fans gespannt ist und das selbst bei Bands wie Meshuggah, die ohnehin nicht von der Musik leben können, die sie machen, von den Mythen der Rockmusik abhängig ist. Dass Smialek nicht benennt, warum und zu welchem Zweck diese Abhängigkeit besteht (drei mal raten), ist das einzige Manko seiner Arbeit.

"Rethinking Metal Aesthetics" steht kostenlos zum Download bereit: http://digitool.library.mcgill.ca/webclient/StreamGate?folder_id=0&dvs=1306165240713~350

Zum Seitenanfang

© 1999-2018; Das Copyright aller Texte liegt bei den jeweiligen Autoren; Datenschutzerklärung - Haftungsausschluss
Site Map - Startseite - FAQ - Reviews - Leitfaden - Lesestoff - Kontakt - Links
RSS | Impressum