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Neal Morse

Testimony. The inspirational and spiritual journey of a prog musician

über: Neal Morse



Testimony. The inspirational and spiritual journey of a prog musician

Informationen

Erscheinungsjahr: 2011
ISBN: 978-1-61364-189-7
Verlag: Eigenverlag
Verlagsort:


Rezensionen


Von: Nik Brückner


Seit Neal Morse Mitte der 90er die Progbühne betreten hat, hat er die Gemeinde (Wortspiel beabsichtigt) mit einigen der eindrücklichsten Retroprog-Songs versorgt - aber auch mit bis heute nicht aufgebrauchtem Stoff für heiße Diskussionen. Vor allem ist es sein Weg zum Christentum und der damit verbundene Ausstieg bei der Band Spock's Beard, die immer wieder für Aufregung sorgten - und das wohl auch noch für eine ganze Weile tun werden. Vielleicht nicht angesichts seiner Popularität, aber sicherlich angesichts seiner Bedeutung für die Progszene der Gegenwart sind diese Entscheidungen in ihrer Kontroversität durchaus vergleichbar mit dem ähnlich motivierten Ausstieg von Kerry Livgren bei Kansas oder den seltsamen Entscheidungen Jon Andersons im Zusammenhang mit Yes.

In seinem passend "Testimony" betitelten Buch legt Morse nun Zeugnis ab von seinem langen Weg zum Christentum. Und wie zu erwarten war, wird das Buch nicht mehr leisten können, als all diejenigen, die die Antwort bereits kannten, mit einer Antwort auf ihre Fragen zu versorgen, und all diejenigen, die die Antwort noch nicht kannten (Morse würde vermutlich sagen: sie nicht akzeptieren wollten), ratlos zurückzulassen. Und Morse ist klug genug, das zu wissen, er sagt es selbst: So ist es nun einmal mit Antworten auf die Frage nach Gott. Man kann sie akzeptieren - verstehen kann man sie nicht.

Bleiben wir also auf der Ebene der Geschichte. Und die ist prompt aus dem Stoff gestrickt, aus dem die Träume eines Wiedergeborenen Christen sind: Da ist dieser Typ, der in den Sixties von Sixties-Eltern aufgezogen wurde, der mit zwölf seine erste Freundin hatte (und Morse meint Freundin!), der wusste, was man mit Cannabis macht und in einer Rockband spielte, wenn er mal nicht gerade von zuhause ausriss. Der gleiche Typ tat mit 30 in etwa dasselbe: Machte Musik - in Coverbands, als Country-Musiker, als Straßenmusiker -, soff, nahm Drogen und vertrieb sich die Zeit mit Frauen, die er dementsprechend als Zeitvertreib betrachtete.

Alkohol und Drogen - ist es ein Wunder, dass so einer anfängt, Stimmen zu hören? Eine Stimme, um genau zu sein? Es dürfte nicht überraschen, dass Morse dies nicht so sieht - allenfalls wird der Leser sich darüber wundern, das Morse den Gedanken, der ihm sicherlich irgendwann gekommen sein mag, im Buch nicht diskutiert. Morse, der gar nicht anders kann, als seine Geschichte von seinem Standpunkt aus zu erzählen, weiß heute natürlich, wessen Stimme er da immer wieder gehört hat, und entsprechend selektiv ausgewählt müssen dem Leser die Ereignisse auch vorkommen, die Morse aus seinem Leben berichtet: Wie dem jungen Ausreißer ein Lastwagenfahrer eine Bibel zusteckt, wie seine zukünftige Frau als Kind durch ein Wunder von Leukämie geheilt wurde, wie sich sein Leben plötzlich einrenkte, als er anfing, auf die Stimme zu hören. Selbstverständlich ergeben diese Ereignisse im Nachhinein, im Lichte jenes einen und einzigen Lebenssinns betrachtet, einen Sinn - aber könnten das alles nicht auch Zufälle gewesen sein?

Akzeptieren, nicht verstehen. Dennoch: Die Frage drängt sich auch deshalb auf, weil man oft den Eindruck hat, dass diese Autobiografie reichlich fragmentarisch erzählt ist. Was verbindet die einzelnen Stationen dieses Lebens? Nur Leere und Alkohol? Gott und Gebet? Nur der selektive Erzählwille Morses? Selbstverständlich darf der Autobiograph auswählen, muss der Autobiograph auswählen, vielleicht geht es sogar gar nicht anders, aber hier gibt es dann doch zu viele Stellen, an denen man das Gefühl hat, auch als Leser die christlich-selektive Brille aufgesetzt zu bekommen. So fragt sich Morse zum Beispiel an einer Stelle, welche politischen Implikationen es wohl hätte, wenn er der christlichen Gemeinde beiträte, der er mittlerweile angehört, eine Antwort bleibt er aber schuldig. Ist er nun, wie scheinbar jeder gute konservativ-christliche Amerikaner, für jeden Krieg, den man ihm als gerecht verkauft? Oder nicht?

Ach so: Morse ist ja auch Musiker. Leider erfährt man nur wenig über diese Seite seines Lebens. Sicher, Morse berichtet, wie er unter seiner jahrelangen Erfolglosigkeit litt, er erwähnt seine Liebe zum Prog, berichtet von der Gründung von Spock's Beard und seiner Beziehung zu Mike Portnoy, aber alldem fehlt es an Details. Songwriting, Aufnahmen, Tourleben kommen so gut wie gar nicht vor. Gut, das Buch berichtet von einer "inspirational and spiritual journey", nicht von einer musikalischen, das kann man ihm also schlecht vorwerfen. Andererseits: Morse ist nun einmal als Musiker und nicht als spiritual journeyman bekannt geworden.

Darüber hinaus aber wundert es den Leser gerade bei einem Menschen, der sich Gott zugewandt hat, dass er über seine Mitmenschen so wenig zu berichten hat. Der Mitmensch - nach christlicher Überzeugung doch wohl das einzige Wesen, in dem man Gott wirklich begegnen kann - kommt in diesem Buch seltsamerweise nur als Mitmusiker vor, als Familienmitglied, als Priester, als Ehefrau, als Gemeindemitglied - kaum je aber als Mensch. Nur an einer einzigen Stelle schimmert ein wenig von dem durch, was man als tieferen Blick in das Seelenleben des Anderen beschreiben könnte: In seiner spürbar vorsichtigen und rücksichtsvollen Wiedergabe des Gesprächs mit seinen Spock's-Beard-Kollegen, bei dem er ihnen seinen Ausstieg verkündete.

Nein, Antworten liefert das Buch nur wenige. An deren Stelle berichtet Morse lieber über Erfahrungen und Wunder. Man kann ihm dabei folgen oder nicht, wie das derart subjektive Betrachtungsweisen eben so an sich haben, aber als Buch bleibt das Buch am Ende unbefriedigend: Der Progfan erfährt kaum etwas über den Musiker Neal Morse, der Skeptiker erfährt lediglich, was Morse getan hat, das Warum aber muss ihm verschlossen bleiben, und selbst der Mitchrist dürfte angesichts der vielen kleinen und großen Wunder bestenfalls einen weiteren individuellen Weg zu Gott beschrieben bekommen, einen, der nicht seiner ist, nicht seiner sein kann und darum allenfalls nachempfunden, nicht aber nachvollzogen werden kann - darin unterscheidet sich Morses Buch fundamental von "Seeds of Change", der eher intellektuell angelegten Autobiographie seines eingangs erwähnten Mitchristen Kerry Livgren. Aber wie gesagt: So ist das eben mit derlei Dingen, sie sind letztlich unaussprechlich, und weil Morse eines ganz sicher nicht ist, nämlich dumm, dürfte er das auch sehr genau wissen. Ein Zeugnis ist eben mindestens genauso wichtig für denjenigen, der es ablegt.

Das Buch ist unter dem Titel "Mein Lebenszeugnis" auch in deutscher Sprache erhältlich.

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