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Finn Jacobsen

Berührungspunkte des Progressive Rock mit artifizieller Musik in den Sechziger und Siebziger Jahren



Berührungspunkte des Progressive Rock mit artifizieller Musik in den Sechziger und Siebziger Jahren

Informationen

Erscheinungsjahr: 1999 (Magisterarbeit, Universität zu Köln, Wintersemester 1998/99.)
ISBN: 9783738015614
Verlag:
Verlagsort:


Rezensionen


Von: Nik Brückner


In den Siebziger Jahren gab es ein kleines Häufchen deutscher Musikwissenschaftler, die versuchten, neben Bach, Beethoven und Brahms auch über die Beatles, Barclay James Harvest und Bill Bruford zu schreiben. Dieses Projekt wurde schnell eingestellt – warum, davon mag ein Blick in die vielen (ab)wertenden Äußerungen der Autoren zeugen. Von einem echten wissenschaftlich-neutralen Ansatz war man weit entfernt.

Es dauerte lange, bis man hierzulande den Blick wieder auf die Schmuddelmusik richten konnte. Finn Jacobsens 90seitige Magisterarbeit von 1999, die es hier zu besprechen gilt, dürfte seinerzeit noch ein recht mutiges Unterfangen gewesen sein. Jacobsen ist denn auch um einen etwas neutraleren Blick auf sein Thema bemüht – was ihm allein deshalb schon nicht gelingen konnte, weil er sich weitgehend auf jene Literatur stützen musste, die ihm aus den 70er und 80er Jahren zur Verfügung stand. Die amerikanische Forschungsliteratur zum Progressive Rock war zur Jahrtausendwende gerade erst im Aufblühen begriffen.

Jacobsen rahmt die Untersuchung mehrerer Stücke mit vorbereitenden und einleitenden Einschätzungen und einem abschließenden Fazit. Untersucht werden, nach einem kurzen Blick auf "Yesterday" von den Beatles (kein Prog, aber wichtig), "Exposition" und das "Concerto for Group and Orchestra" von Deep Purple, "A whiter Shade of Pale" von Procol Harum sowie "Knife Edge" und "Tarkus" von ELP.

Schon die Auswahl lässt aufhorchen. Denn mit Ausnahme von "Exposition" sind das genau die Stücke, die immer untersucht werden, bei Halbscheffel, Herold, Macan, und wie sie alle heißen. Dennoch: Jacobsens Betrachtungen sind sehr lesenwert und eröffnen auch dem belesenen Leser noch einige neue Gesichtspunkte. Wer noch nie etwas über diese Stücke gelesen hat, dem sei Jacobsens Arbeit sogar ausdrücklich ans Herz gelegt, denn die Analysen sind prägnant, überschaubar und (er)kenntnisreich. Angelehnt unter anderem an Ansätze von Tibor Kneif und Zofia Lissa betrachtet er diese Stücke als Vertreter verschiedener Formen von Entlehnung: Collage, Adaption und Synthese.

Auffällig ist dabei, dass der Ausdruck "Intertextualität" nicht fällt. Kann er auch nicht, denn Kneifs Überlegungen stammen aus den 70ern, Lissas theoretische Arbeiten sind sogar noch älter. Trotzdem dreht sich Jacobsens Arbeit um genau das, schon in seiner Einleitung beschreibt er Intertextualität in Kompositionen von Hindemith, Strawinsky, Liebermann, Gershwin oder Bernstein, Reinhardt, Goodman oder Loussier. Und obwohl er in dem entsprechenden Absatz zeigt, dass die Auflösung der (immer schon lediglich herbeigeredeten) Grenze zwischen Kunst- und Unterhaltungsmusik nicht auf dem Mist der Progrocker gewachsen ist, und Musiken immer schon Prätexte für andere Musiken waren (die Lösung also eigentlich schon dasteht), lesen sich die umliegenden Absätze doch ein wenig zu sehr wie Paraphrasen der alten, abgestandenen Vorurteile: Rock sei Tanzmusik für weniger Gebildete, Rock sei von den drei Faktoren "Jugendlichkeit, Vitalität und Provokation" geprägt, und so weiter. Folgerichtig wird dann auch das Urteil älterer wissenschaftisierender Betrachtungen, die Übernahme von Elementen aus der Kunstmusik in den Rock sei entweder Provokation oder Ironie, aufgegriffen. Solche Urteile aus den 70ern zeigen in erster Linie die Phantasie- und Verständnislosigkeit ihrer Autoren, und sollten besser nicht länger weitertransportiert werden. Finn Jacobsen zieht denn auch eher ein Fazit dieser Auffassungen. Er zitiert dann die Protagonisten dieser Strömung mit Sätzen wie "Why not try something like this with a rock band?" – Sätzen in denen weder Provokation noch Ironie, sondern vielmehr pure Experimentierfreudigkeit zum Ausdruck kommt.

Das Problem: Da Jacobsen sich auf die Einflüsse der Kunstmusik allein beschränkt, und solche aus dem weitaus zeitgenössischeren Jazz (z. B. Bebop schon in "21st Century Schizoid Man"), dem Folkrock (z. B. bei Renaissance) oder ernster Musik des 20. Jahrhunderts (z. B. bei Magma oder Henry Cow) ausblendet, sich zudem auf genau die Stücke beschränkt, die schon seine Vorredner als Beispiele für die ach so stümperhaften Versuche überheblicher Rockmusiker ausgemacht hatten, die aus lauter(en) ideologischen Gründen auch und gerade durch die Musikwissenschaft aufrechtzuerhaltenden Grenzen zwischen E- und U-Musik "niederzureißen", gerät sein Fazit auch folgerichtig zu einer self fulfilling prophecy:

"Ein grundlegendes Problem, an dem der Progressive Rock offenbar krankt, ist seine Orientierung auf musikalische Gestaltungsmittel vergangener Musikepochen, die sich entgegen der vermeintlichen Progressivität als eher restaurativ erweist."

Ja logisch! Wenn ich den Prog im Hinblick auf seine Verwendung von Gestaltungsmitteln vergangener Musikepochen untersuche, finde ich natürlich auch nur Gestaltungsmittel vergangener Musikepochen. Das grundlegende Problem, an dem der Progressive Rock wirklich krankt, ist, dass er seit mindestens einem Vierteljahrhundert auf Knien darum fleht, endlich als das angesehen zu werden, was er ist: Als die postmoderne Erscheinung innerhalb der populären Musik schlechthin, die folgerichtig auch nur mit den Mitteln postmoderner Theorie richtig erkannt, beschrieben und eingeordnet werden kann. Eine postmoderne Erscheinung muss sich zwangsläufig "als eher restaurativ" erweisen, wenn sie mit ungeeigneten Mitteln beurteilt wird, nämlich ausgehend von genau derjenigen Kulturauffassung, die die Postmoderne zu überwinden sucht. Das ist weniger eine Kritik an Jacobsen als vielmehr an weiten Teilen der wissenschaftlichen Progliteratur, die ihm zur Verfügung stand. Das eindimensionale und totalitäre Innovationsstreben der Moderne ist eben längst überholt, wenn sich der Progressive Rock als eine Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehender musikalischer Perspektiven formiert, die ihm eine prinzipielle Offenheit gegenüber einer Vielzahl von Einflüssen egal aus welcher Epoche oder Musikrichtung ermöglicht.

Es ergibt keinen Sinn, ihn vom Standpunkt eines zentralen Prinzips, einer Leitidee oder einer anderen Musikrichtung aus zu betrachten, vielmehr findet er, wie Jacobsen mit den entsprechenden Zitaten durchaus zu zeigen in der Lage ist, gerade in der Experimentierfreude seiner ebenso zahlreichen wie unterschiedlich interessierten Vertreter seinen Ausdruck: nämlich in den zahlreichen scheinbaren Genrebrüchen seiner Werke.

Scheinbar, denn es gibt in der Postmoderne keinen Konsens mehr, auch nicht über Rock hier und Klassik dort, der gebrochen werden könnte, sondern stattdessen eine Vielzahl von nicht miteinander zu vereinbarenden Wahrheits-, Kultur- und Kunstbegriffen. Das fordert den Musikwissenschaftler dazu heraus, die Unvereinbarkeit dieser Vielfalt also solche zu (ertragen und zu) beschreiben.

In der postmodernen Musikrichtung Progressive Rock steht gerade nicht die Innovation im Mittelpunkt des (künstlerischen) Interesses, sondern eine Neukombination bereits vorhandener Ideen. Somit kann er auch gar nicht restaurativ sein. Er ist vielmehr geprägt durch seine Verachtung musikalischer Dogmen, den spielerischen Umgang mit Traditionen, die entsprechenden Grenzüberschreitungen, Eklektizismus, Zitate, Ironie, Fragmentarisierung, Diskontinuität, und Vieldeutigkeit. Und so ist er am Ende kein restaurativer Stil, er ist gar kein Stil, vielmehr eine Art Metastil, ein Stil über Stile - eben die prototypische postmoderne Ausprägung der populären Musik. Endlich als solcher beschrieben zu werden, das steht ihm noch bevor.

Dennoch: Als Zusammenfassung und Fazit bis dato gültiger Auffassungen über den Einfluss der Kunstmusik auf den Progressive Rock ist Jacobsens Arbeit bis heute lesens- und bedenkenswert. Umso beeindruckender, als dieser 90seiter eine Magisterarbeit und keine Dissertation war! Ob Jacobsen wohl noch einmal nachlegt?

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