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Michael Paul Koss

From Prog to Pop: Progressive Rock Elements in the Pop-Rock Music of Genesis, 1978-91

über: Genesis



Informationen

Erscheinungsjahr: 2011 (Dissertation an der University of Arizona, Tucson, Arizona)
ISBN:
Verlag:
Verlagsort: Tucson


Rezensionen


Von: Nik Brückner


Genesis!

Das verbreitete Narrativ lautet doch so: Als Peter Gabriel die Band verließ, war das Schicksal der Band als Progband besiegelt. Dann stieg auch noch Steve Hackett aus, und die Band mutierte zur glatten Poprock-Band, angeführt wie dominiert von Phil Collins.

Richtig?

Aber schon wenn es darum geht, das Album zu benennen, mit dem Genesis ihren Wandel zum Mainstream vollzogen, wird es schwierig. Keiner wird ernsthaft "A Trick of the Tail" oder "Wind & Wuthering" als Kandidaten vorschlagen wollen! Dann schon eher "… And Then There Were Three …". Simple Songs? Defi. Aber ist dann "Duke" ein Poprockalbum? Ist nicht vielleicht "Abacab" das erste echte?

Es ist offenbar schwerer, als man glaubt. Ein vollkommen unsinniger Satz aus der deutschen Wikipedia kann das perfekt belegen: "Während sie auf 'And Then There Were Three' bemüht waren, kürzere und prägnantere Lieder zu schreiben, stellte 'Duke' den eigentlichen Übergang Genesis’ vom Progressive Rock in Richtung des massenkompatiblen und überaus erfolgreichen Poprock der 1980er Jahre dar."

"Duke" also? Wer weiterliest, merkt schnell, dass die Wikipedia-Autoren dem weitverbreiteten Irrtum aufsitzen, Prog sei ein Sound gewesen: "Ihr progressiver Sound blieb nur noch in marginalen Ansätzen vorhanden". Prog ist aber, anders als etwa Metal oder Folk, eben keine Musik, die über den Sound definiert werden könnte. Schon die allerersten Progbands, nehmen wir Yes, King Crimson, Renaissance und Henry Cow, haben soundmäßig praktisch nichts gemeinsam. Nicht mal die King-Crimson-Alben untereinander haben soundmäßig besonders viel gemeinsam - auch nicht Robert Fripps Gitarre. Nein, einen Progsound gibt es nicht.

Klar hatten Genesis mit "Duke" ihren traditionellen 70er-Sound hinter sich gelassen. Aber die Progbands der 70er wollten doch nicht wie 70er-Bands klingen, sie wollten modern klingen! Und genau das taten Genesis auf diesem Album, sie klangen modern - und taten damit letztlich nur das, was sie schon immer getan hatten. Prog war immer am Puls der Zeit, was die Technik, was die Sounds anging.

Der Wechsel des Sounds macht also noch keinen Wechsel der Musik. Genesis machen auf "Duke" im Grunde auch nichts anderes als auf "Trick of the Tail" oder "Wind and Wuthering": Sie mischen Proggiges mit einfachen Songs und Balladen.

Es gibt einen Unterschied zwischen Musik und Sound! Wer die Musik verstehen will, muss hinter den Sound hören. Und das ist es, was Michael Paul Koss in seiner Dissertation versucht hat. Er geht darin der spannenden Frage nach, wie scharf die Grenze zwischen der Progphase und der Poprockphase bei Genesis eigentlich wirklich ist. Zu diesem Zweck untersucht er die Prog-Elemente im Poprock der Phase von 1978 bis 1991.

Untersuchungsobjekt sind 34 Songs von den sechs Alben, die zwischen 1978 und 1991 erschienen sind. Koss analysiert die Songs im Hinblick auf Songlängen und Form (Struktur), Harmonie und Rhythmus bzw. Metrum – und Überraschung: der Sound spielt dabei keine Rolle. Trotzdem ignoriert Koss ihn nicht: Zu jedem Song gibt er die Instrumentierung an, unterschiedliche Keyboardsounds eingeschlossen, und an ausgewählten Stellen diskutiert er die Klanggestalt eines Songs sogar recht ausführlich.

Nach einer kurzen Einführung in die Geschichte der Band und in die bereits vorhandene Literatur zum Thema identifiziert Koss die Charakteristika des Progressive Rock in den genannten Bereichen. Sodann geht er anhand des Beispiels "Invisible Touch" auf Genesis' Poprock-Stil ein, um die beiden Stile kontrastieren zu können.

Kernstück seiner Arbeit sind dann drei Großkapitel, nämlich zu Form, Harmonie und Rhythmus. Dabei steigt er tief ein: Den Unterschied zwischen Chorus und Refrain macht nicht jeder, dazu kommen im Bereich Form Elemente wie Introduction, Verse, Bridge, Prechorus, Interverse, Interlude, Transition und Coda. Diese Unterscheidungen sind notwendig, um die Funktionen der jeweiligen Elemente genau beschreiben und die Komplexität der Stücke aufzeigen zu können. Um sich aber nicht dem Vorwurf auszusetzen, er mache die Musik komplizierter als sie ist, greift er gleichzeitig auch auf etablierte Beschreibungskategorien zurück.

Das Kapitel über Rhythmus und Metrum ist kürzer: Nur sechs Songs stehen nicht im 4/4-Takt: "Anything she does", "Keep it dark", "Misunderstanding", "SInce I lost you", "Way of the World" und "Turn it on again". Dafür steigt er bei der Harmonik wieder tiefer ein: Wie in den 70ern ist die bei den späteren Genesis deutlich aufwändiger, als das in der Popmusik üblich ist.

In diesen Kapiteln werden immer wieder unterschiedliche Songs herangezogen, um die jeweiligen Aspekte zu beleuchten. Nur drei Songs werden in einem eigenen Kapitel exemplarisch vollständig analysiert: Die offensichtlichen "Illegal Alien" und "Driving the last Spike", sowie das weniger offensichtliche "Tonight, Tonight, Tonight" (die Albumversion). Den Abschluss der Arbeit bilden Schautafeln zu allen 34 Songs, von "Abacab" bis "Way of the World".

Koss ist Wissenschaftler. Man darf nicht erwarten, dass er einem die untersuchten Songs zu Progsongs umschreibt oder gar schönredet. Er macht nicht mehr, als er ankündigt: Er untersucht die Prog-Elemente im Poprock der Phase von 1978 bis 1991. Wenn er z. B. zeigt, dass es in "Misunderstanding" nur eine Strophe gibt, dass Strophe und Refrain über dem gleichen musikalischen Material gesungen werden, die Segmente sämtlich aus ungeraden Taktanzahlen bestehen und der Song über weite Strecken zwischen C Dur und D Moll ambig ist, dann behauptet er damit nicht, dass es sich hier um Progressive Rock handelt. Auf der anderen Seite machen gerade Takte in "Behind the Lines" den Song nicht zu Poprock: Die gesamte erste Hälfte ist ein Intro, noch dazu in Form eines fünfteiligen Rondos, einschließlich eines Interludiums, die einzelnen Segmente bestehen aus sehr untypischen Mengen von Takten (u. A. 15, 10, 35), und die Harmonik wandert im B-Teil zwischen C Dur und E Dur hin und her.

Es gibt einige offensichtliche Kandidaten, die immer wieder auftauchen: "Illegal Alien" zum Beispiel, mit seiner haarsträubenden Akkordfolge in den Strophen, "Abacab" oder "The Brazilian". Bei anderen Songs aber wundert man sich etwas, warum die angesprochenen Charakteristika nun ausgerechnet Progelemente sein sollen. Tauchen durchgehende Ostinati nicht auch in vielen vielen anderen Popsongs auf, ohne dass dadurch gleich ein Bezug zum Progressive Rock entsteht? Gibt es harmonische Ambiguität nicht auch anderswo im Pop? An solchen Stellen wäre ein Ausblick auf Popstilistik jenseits von Genesis hilfreich gewesen.

Trotzdem: Koss zeigt sehr überzeugend, dass der Übergang Genesis’ vom Progressive Rock in Richtung des massenkompatiblen Poprock weitaus weniger abrupt und vollständig war, als es den Anschein hat, wenn man bei Musik zu sehr auf den Sound achtet. "From Prog to Pop" ist eine ausgezeichnete Arbeit, und eine, die jeder mal lesen sollte, der nur die "Progphase" der Band mag – oder nur die "Popphase". Und jeder, der glaubt, dass man die so leicht unterscheiden kann, womöglich sogar über jenes ominöse etwas, das wir so leichtfertig "Sound" nennen…

Die 280seitige Arbeit ist kostenlos im Internet zu finden. Einfach oben auf den Namen des Autors klicken!

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