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Philipp Röttgers

Two eras of Genesis? The development of a rock band

über: Genesis



Two eras of Genesis? The development of a rock band

Informationen

Erscheinungsjahr: 2015
ISBN: 978-3-8288-3592-4
Verlag: Tectum
Verlagsort: Marburg


Rezensionen


Von: Nik Brückner


Und noch ein Buch über Genesis! Diesmal ist es Philipp Röttgers von der Uni Bonn, der in seiner Bachelor-Arbeit die Entwicklung der Gruppe beleuchtet. Auf Englisch, wohlgemerkt, das will ich hier gleich vorweg sagen.

Röttgers geht in seiner Arbeit der Genesis-Gretchenfrage nach: Hat Genesis unter Peter Gabriel und Phil Collins zwei völlig unterschiedliche Musikstile gepflegt? Gibt es den vielbeschworenen Bruch, mit dem man gemeinhin zwei verschiedene Äras im künstlerischen Schaffen der Band begründet?

Das verbreitete Narrativ lautet so: Als Peter Gabriel die Band verließ, war das Schicksal der Progband Genesis besiegelt. Als dann auch noch Steve Hackett ausstieg, mutierte sie zur glatten Poprock-Band, dominiert von Phil Collins. Dass es Schwierigkeiten macht, das Album zu benennen, mit dem dieser Bruch vollzogen worden sein soll, ist ein erster Hinweis darauf, dass es ihn vielleicht nie gegeben hat. Keiner wird ernsthaft "A Trick of the Tail" oder "Wind & Wuthering" als Kandidaten vorschlagen wollen. Dann schon eher "… And Then There Were Three …". Aber der Nachfolger "Duke" ist kein Poprockalbum, oder? Ist nicht vielleicht "Abacab" das erste echte? Das wäre dann das wievielte? Das fünfte Album nach dem Ausstieg Peter Gabriels. Nicht gerade das, was man einen Bruch zwischen zwei Äras nennen könnte. Und wer jemals ein Mike-and-the-Mechanics-Album gehört hat, weiß auch, dass Phil Collins ganz sicher nicht Schuld ist am seichten Pop von Genesis…

Röttgers fragt also zu Recht, ob es diesen Bruch wirklich gegeben hat. Zu diesem Zweck muss er zwei Dinge tun: Er muss einerseits Popmusik im Frühwerk der Band nachweisen, und andererseits Prog in ihrem Spätwerk. Er konzentriert sich vor allem auf letzteres, was sich dadurch zeigt, dass er zu Beginn eine Liste von Charakteristika des Progressive Rock vorstellt, aber keine Liste der Charakteristika von Popmusik. Das ist methodisch unausgewogen, allerdings dürfte es für den Nachweis von Kontinuität zwischen Früh- und Spätwerk Genesis' ausreichen, Prog im Spätwerk nachzuweisen.

Die Liste ist problematisch. Röttgers stützt sich auf zwei Autoren, von denen einer, Jerry Lucky (den er beharrlich Jerry Luck nennt), alles andere als einen guten Ruf hat. Der zweite ist John Sheinbaum, dem man sehr viel mehr zutrauen kann. Weiters ist die Liste problematisch, weil sie Kriterien enthält wie: "Songs predominantly on the longish side", vager geht's kaum. Klar, das Kriterium stammt von Lucky, und es ist falsch. Prog ist eine Musik doch nicht schon deshalb, weil sie lang ist?!? Oder das hier: "The use of Mellotron". Wieder Lucky. Aber selbstverständlich gibt es Prog ohne Mellotron! Was für ein Unsinn, den Prog darüber zu definieren, damit würde man ihn doch dazu verdammen, ein uraltes, längst überholtes, schwerfälliges und unzuverlässiges Instrument zu verwenden.

Aber auch Sheinbaum steuert nicht nur brauchbare Charakteristika bei: "Elaborate surrealistic Album Covers; elaborate stage shows". Na, wenn das mal nicht Michael Jackson zum Progstar macht. Und überhaupt: Wenn wir uns darauf einigen können, dass Progressive Rock ein Musikstil ist, dann hat der schmückende Aufdruck auf seiner Verpackung keinerlei Relevanz für den darin verpackten musikalischen Inhalt. Gleiches gilt für die Texte: so etwas wie proggische Texte gibt es nicht.

Nein, da hätte es weitaus weniger problematische Kriterien gegeben: Komplexität in Struktur, Harmonik und Melodik, Postmodernismus (v. a. durch Intertextualität und Selbstreferenzialität), Abkehr von den repetitiven Schemata der Popmusik und das dadurch bedingte analytische Hören. Noch besser wäre es gewesen, die Kriterien für die Beurteilung der Spätphase Genesis' der Frühphase selbst zu entnehmen, dann hätte sich Röttgers mit der leidigen Frage, was Prog nun eigentlich ist, gar nicht erst herumschlagen brauchen. Er hätte einfach nur zeigen müssen, dass die entsprechenden Elemente auch in der Musik der Spätphase zu finden sind. Man muss es sich ja nicht unnötig schwer machen.

In der Folge betrachtet Röttgers ausgewählte Songs, teils im Zusammenhang mit anderen Songs bzw. mit ihren Alben. Das sind: "The Musical Box", "Supper's ready", "I know what I like", "The lamb lies down on Broadway" (das Album), "Turn it on again", "Abacab", "Home by the sea/Second home by the sea", sowie die Alben "Invisible Touch" und "We can't dance". Weitere Stücke und Alben werden en passant besprochen. Wichtig dabei: Röttgers ist kein Musikwissenschaftler. Und er ist klug genug, das nicht zu verhehlen. Um nun aus dieser Not eine Tugend zu machen, zitiert er andere Autoren, wenn es um die Beschreibung der Songs geht. Dabei schießt er manchmal über das Ziel hinaus. Dass "Abacab" mit Schlagzeug beginnt, muss man nicht zitieren, dass darauf ein rockendes Keyboardriff folgt, auch nicht. Abgesehen davon, dass man derlei hört, und deshalb nicht zitieren muss, machen die vielen Literaturangaben das Lesen solcher Passagen recht mühsam. Dennoch ist es lobenswert, dass Röttgers nicht so tut, als sei er Musikwissenschaftler.

Womit wir beim gravierendsten Problem dieser Arbeit angelangt wären: Röttgers kennt die Dissertation des Musikwissenschaftlers Michael Paul Koss, "From Prog to Pop: Progressive Rock Elements in the Pop-Rock Music of Genesis, 1978-91", nicht. Koss hat sich bereits 2011 mit genau der gleichen Thematik beschäftigt, und ist dabei analytisch weitaus tiefer eingestiegen. Er untersuchte die Prog-Elemente in Genesis' Musik aus dem Jahren 1978 bis 1991 anhand von nicht weniger als 34 Songs von sechs Alben, im Hinblick auf Songlängen und Form (Struktur), Harmonie und Rhythmus bzw. Metrum. Hätte Röttgers diese Arbeit gekannt, hätte er sich viel Mühe erspart, und zudem seine Ergebnisse weitaus besser fundieren können. Es wäre dann auch nicht bei den üblichen Allgemeinplätzen geblieben: "The lamb lies down on Broadway" als Genesis' progressivstes Album? Na, da wird schon seit 40 Jahren das komplexe Konzept mit der Musik durcheinandergebracht. "…and then there were three…" "as progressive as genesis ever were"? Da wird mal wieder Sound mit Musik verwechselt.

Überhaupt der Sound! Röttgers zeigt: Es gibt keinen typischen Genesis-Sound. Es gibt ja auch keinen typischen Progsound. Schon die allerersten Progbands, nehmen wir Yes, King Crimson, Renaissance und Henry Cow, haben soundmäßig praktisch nichts gemeinsam. Nicht mal die King-Crimson-Alben untereinander haben soundmäßig besonders viel gemeinsam - auch nicht Robert Fripps Gitarre. "Progressive Rock" heißt diese Musik, weil die Bands damals fortschrittlich sein wollten: Die haben sich damals immer das neuste Equipment zugelegt. Genesis wollten 1975 selbstverständlich nicht wie eine Siebziger-Band klingen, sie wollten modern klingen! Und genau dasselbe wollten sie 1980 und genau dasselbe wollten sie 1991. Also auch soundmäßig kein Bruch, sondern Kontinuität – nämlich in der Entwicklung. Es sind genau solche Dinge, die Röttgers anspricht. Genesis klangen auf diesen späten Alben modern - und taten damit letztlich nur das, was sie schon immer getan hatten.

Auch wenn Röttgers Koss' Arbeit nicht kannte, das Ergebnis wird dennoch klar genug: es gibt im Werk der Band durchaus Kontinuitäten. Dass man die noch deutlicher hätte herausarbeiten können, ist klar, aber auch ohne Koss bringt Röttgers die wichtigen Beispiele und zieht aus ihnen die richtigen Schlüsse: "I know what I like" und zahlreiche Songs von "Lamb" als Beispiele für frühe Genesis-Popmusik, "Turn it on again", "Illegal Alien", "Driving the last Spike" und "The Brazilian" als Beispiele für späten Prog. Angesichts solcher schlagender Argumente kann man leicht darüber hinwegsehen, dass andere nicht wirklich tragen: Die Plattencover etwa, die Tatsache, dass es sowohl von "Abacab" als auch von "Watcher of the Skies" Singleversionen gab (na und?), oder "Misunderstanding", das einfach kein besonders gut geeignetes Beispiel ist, angesichts der Tatsache, dass dieser Song nur eine Strophe hat, dass Strophe und Refrains über dem gleichen musikalischen Material gesungen werden, die Segmente sämtlich aus ungeraden Taktanzahlen bestehen und der Song über weite Strecken zwischen C Dur und D Moll ambig ist.

Ach naja. Ist trotzdem 'n lauer Popsong. Und ich glaube, das ist ein Punkt, zu dem ich dann bei aller Kontinuität zwischen den beiden eben bloß scheinbaren Äras doch noch gern etwas gelesen hätte. Man kann Rock- und Popmusikhörern vorwerfen, sie würden zu sehr auf den Sound und zu wenig auf die Musik hören, und das stimmt ja auch. Aber diese – immerhin weithin vertretene – Auffassung mit den zwei Äras kommt doch nicht von ungefähr. Wie man Röttgers' Kapitel sechs entnehmen kann, sind es eben nur eine Handvoll Songs von den Alben nach "Duke", die noch Progelemente aufweisen. Es hat eine Verschiebung in der Gewichtung hin zu einfacheren Songs gegeben, das wird auch Röttgers schlecht abstreiten können. Darüber und über die Gründe dafür hätte ich gern noch etwas mehr gelesen. Es war schließlich nicht der Punk, der den Prog zerschlug, wie das auch in diesem Band immer mal wieder anklingt. Es war, um 1975 herum, als die großen Progbands (Floyd, Genesis, Yes, ELP) sämtlich gerade indisponiert waren, einerseits der anspruchsvolle, sophisticatete Pop von Bands wie Supertramp, 10CC oder Roxy Music, und andererseits der Stadionrock von Bands wie Queen, Saga, Journey, Styx, Kansas oder auch Rush. Die gruben dem Prog das Wasser ab, indem sie ihn nahmen, und anstatt sperriger Epen oder eskapistischer Fantasy-Konzeptalben damit druckvolle 5minüter machten, die man im Radio spielen konnte. Bands wie Yes oder Genesis haben sich diesem Trend dann angeschlossen, oder mussten es, einerseits, weil sie erfolgreich bleiben wollten, und andererseits - und das wird viel zu selten gesagt - auf Druck ihrer Plattenfirmen. Dieser ökonomisch-marktstrategische Aspekt kommt im Allgemeinen zu kurz, und er findet leider auch bei Röttgers keine Erwähnung.

Two Eras of Genesis? Philipp Röttgers' Antwort ist klar: Nope. Das Problem ist nicht der musikalische Wandel, das Problem ist die mehrheitliche, eingefahrene und unhinterfragte Sichtweise auf ihn. Es gab keine zwei Äras, es gab einfache Songs in der ersten und komplexe in der zweiten, es gab von einzelnen Mitgliedern geschriebene Songs in der ersten und Bandkompositionen in der zweiten. Genesis war eine Band, die immer schon beides machte. Die beiden "Äras" bestanden von Anfang an quasi nebeneinander, parallel, ineinander verschränkt. Was sich allerdings änderte, waren die Anteile einfacher und komplexer Kompositionen. Wenn man verschwurbelte Texte nicht mit ProgMUSIK verwechselt, wenn man den Sound, also das bloße Klanggewand einer Musik, nicht mit der Musik selbst verwechselt, dann kann man das auch hören. Röttgers' lohnendes Buch kann dazu - trotz einiger Schwächen - einen Beitrag leisten.

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