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Steve Hogarth

The Invisible Man Diaries 1991 - 2014

über: Marillion



The Invisible Man Diaries 1991 - 2014

Informationen

Erscheinungsjahr: 2016 (First published June and October 2014)
ISBN: 978-1-908630-79-7
Verlag: Miwk Publishing Ltd.
Verlagsort: Reigate


Rezensionen


Von: Günter Schote


Gerade als ich mich etwas darüber ärgerte, dass ich die zwei Bände von Steve Hogarths Tagebüchern „damals“ nicht gekauft hatte, wurden beide Ausgaben Ende 2016, zusammengefasst als „The Invisible Man Diaries 1991–2014 – The Complete Edition“, zu einem vernünftigen Preis neu aufgelegt.

Also, Hogarth besuchte Mitte der 90er seine Eltern. Sein Daddy griff nach einer Tasse Tee und fragte seinen Filius, was er denn jüngst so getrieben habe. Steve erzählte, dass er in Island aus einem Hubschrauber auf einen Gletscher sprang. Da nahm sein Vater seine Hand, sah ihm tief in die Augen und sprach: „Sohn, versprich mir, ein Tagebuch darüber zu führen, was du so erlebst. Wer in Eiswüsten aus Flugmaschinen springt, führt nämlich kein gewöhnliches Leben.“ Der Marillionsänger beherzigte die Worte seines Papas, so dass der interessierte Fan nun den (Tour-)Alltag Hogarths auf rund 650 Seiten nachlesen kann.

650 Seiten. Puh. Da reicht ein Wochenende auf der Couch nicht aus. Aber inhaltlich lauert da sicherlich rock‘n’rolligster (Spreng-)Stoff auf den Leser, so dass man die Seiten nur so verschlingen wird. Sex, Drugs, Prog’n’Roll!

Klar, ist natürlich nicht so.

Über folgende Dinge erfährt man nichts: wie Marillion komponieren und wie die Band funktioniert. Was Hogarth so über die neuen Stücke denkt und wie er zu dem einen oder anderen Songtext inspiriert wurde. Man erfährt auf 650 Seiten in keinen 15 Sätzen etwas zum Sozialleben innerhalb der Band. Einmal, ja, ganz zu Beginn seiner Karriere mit Marillion, ging er mit seinem Verhalten Ian Mosley mal so auf den Zeiger, dass dieser ihm fast eine gelangt hätte. Aber sonst: nada, niente. „The Invisible Man“ ist ein Steve Hogarth Buch und Rothery, Trewavas, Kelly & Mosely spielen darin eine Nebenrolle…

…außer natürlich, wenn es um die Konzerte geht. Hier berichtet er recht detailliert, wie er vor den Konzerten immer wieder ein Schläfchen hält, wie prachtvoll oder schrecklich die Locations sind und ob es Sandwiches oder nur Bier vom Catering gab. Aber again, was Bandinterna angeht, auch hier Fehlanzeige.

Wer jedoch wissen möchte, welches die besten Sockengeschäfte weltweit sind (Paris scheint ein Mekka zu sein) oder wie er seine Obsession für unnützen Firlefanz in den Griff zu bekommen versucht, erfährt hier eine Menge. Eine Lampe in Brasilien, einen Bettvorleger in Bolivien, Hogarth verbringt seine freie Zeit während der Tourneen irgendwie so gar nicht rock’n’rollig. Er läuft einsam durch die Straßen von Budapest, Krakau oder Amsterdam, findet den Bandbus in Industriegebieten (oder auch nicht), trifft in netten oder hässlichen Cafés zufällig auf Steve R oder ein Crewmitglied und trinkt viel Kaffee. Steve Hogarth hat seinen Koffer noch nicht gepackt, wenn das Auto bereits vor seiner Haustüre steht, um ihn mal wieder nach Heathrow zu chauffieren und Steve Hogarth hat, last, not least, mal wieder seinen Pass/Schlüssel/Laptop in irgendeinem Hotel/Café/Park liegen lassen.

Nicht wirklich intensiv, aber stets präsent, ist das Thema Familie/Frau/Kinder. Klar, dass er darunter leidet, wochenlang immer wieder von seinen Kindern getrennt zu sein und ein Eheleben ist auch nicht endlos belastbar. Ich erinnere mich, an ein Konzert Mitte der 90er, das bis heute als das schlechteste Marillionkonzert ever bei mir in Erinnerung geblieben ist. Nun weiß ich warum: 3 Stunden vor dem Gig hat ihm seine Frau mitgeteilt, dass sie sich scheiden lassen möchte. Doch Steve konnte in den darauffolgenden Tagen die Beziehung wohl genügend kitten, um wenige Tage später eine Show abzuliefern, die mir bis heute als eines der besten Marillionkonzerte ever in Erinnerung geblieben ist. Lustig ist das Zigeunerleben.

Zudem gibt es zahlreiche Anekdoten: Mittagessen mit Neil Armstrong, die Beerdigung von Donald Campell („Out of this World“), Eieromelett hier, Rückenschmerzen da. Wie interessant das für dich, lieber Leser, ist, ist die Frage. Ich habe das Buch gerne gelesen; mein Leben kam mir danach nicht mehr ganz so bürgerlich vor. Viel weniger Rock’n’Roll als Hogarths beinhaltet es jedenfalls nicht.

Was bleibt nach der Lektüre? Steve Hogarth ist ein Charakter, ein Künstler. Steve Hogarth trägt ab und zu keine Unterhose. Er hat keine saubere zur Hand, er hat vergessen, Unterhosen einzupacken (aber in Prag gibt es diesen tollen, kleinen Laden…) oder ihm ist einfach nicht danach, eine zu tragen. Hogarth ist ein sympathischer Kerl, einer, der seinen Willen und seinen Kopf nicht des lieben Friedens willen verbiegen und verdrehen lässt. Dies macht ihn sicher nicht zu einem einfachen Zeitgenossen, aber eben zu dem Künstler, der er ist. Steve Hogarth war der Glücksgriff für Marillion.

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