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Paul Hegarty/Martin Halliwell

Beyond and Before: Progressive Rock since the 1960s



Beyond and Before: Progressive Rock since the 1960s

Informationen

Erscheinungsjahr: 2011
ISBN: 978-0826423320
Verlag: Continuum
Verlagsort: New York/London


Rezensionen


Von: Nik Brückner


Endlich bin ich durch! "Beyond and Before: Progressive Rock Since the 1960s" von Martin Halliwell und Paul Hegarty. Ich lese ja wirklich viel über Progressive Rock, allein rezensiert habe 112 Bücher, aber das hier hat mich wirklich Zeit gekostet.

Nicht weil's so schlecht ist. Im Gegenteil, Prof. Martin Halliwell, Spezialist in amerikanischer Kultur-, Literatur- und Geistesgeschichte, und Paul Hegarty, Dozent am University College Cork, Autor und Musiker, haben in ihren 300seiter so ziemlich alles gepackt, was sie über den Prog wissen. Und das ist eine ganze Menge.

Zunächst ist es wichtig, zu wissen, dass die beiden eine in der Progliteratur ziemlich einzigartige Perspektive einnehmen: Die der Kulturwissenschaften. Sie betrachten den Prog nicht als Musikrichtung, nicht einmal primär als Musikrichtung, sondern als kulturelles Phänomen. Dementsprechend gibt es hier recht wenig über Musik zu lesen: Von den musikalischen Mitteln (strukturellen, harmonischen, melodischen, rhythmischen und stilistischen) mit denen der Progressive Rock versucht, Komplexität zu erzeugen, selbstreferenzielle Verweise und/oder intertextuelle Bezüge zu anderen Musikrichtungen herzustellen, Überraschungseffekte zu erzielen oder seine für populäre Musik ungewöhnliche Intellektualität zu konstruieren, ist zwar die Rede, analysiert werden diese Mittel aber nicht. Stattdessen stehen kulturelle Aspekte aller Art im Vordergrund: Das Ausdehnen formaler, kompositorischer, inhaltlicher und performativer Grenzen, das Verhältnis des Progs zu Mythos und Moderne, Natur und Maschine, die Bezüge zu anderen Musikrichtungen, aber auch zu Literatur, Malerei, Psychologie, die Politik, das Geschlechterverhältnis - hier werden unzählige Aspekte abgedeckt. Dabei gehen die Autoren grob chronologisch vor, beginnend mit den Wurzeln des Progs in Rock, Jazz und klassischer Musik, und seinem Wunsch, die Grenzen konventioneller Popmusik zu sprengen, und endend mit dem Progmetal und seinen Anverwandten.

Pommesgabelige Leser haben dem Buch in den letzten Jahren oft vorgeworfen, seinen Forschungsgegenstand zu überintellektualisieren. Während ich verstehen kann, welche Aspekte des Buchs damit kritisiert werden, kann ich der Kritik inhaltlich nicht folgen. Jeder Bereich menschlichen Lebens und menschlicher Kultur ist es wert, darüber scharfsinnig nachzudenken. Allerdings finden sich an vielen Stellen tatsächlich Über- und Fehlinterpretationen. Oder glaubt irgendjemand tatsächlich, dass der Text von King Crimsons "Ladies of the Road" ernst gemeint ist? King Crimson als Machoband?!?

Das Tolle an dem Buch ist, dass es den Progressive Rock nicht als ein Phänomen der 1970er Jahre betrachtet, das einen mehr oder weniger generischen, epigonalen und daher vernachlässigbaren Nachklapp in unsere Gegenwart hinein hinterlassen hat. Halliwell und Hegarty haben verstanden, dass der Prog nicht um 1980 zu Grabe getragen wurde, sie sehen völlig richtig, dass es heute mehr Progressive Rock gibt, als zu jeder anderen Zeit in der Menschheitsgeschichte - die 1970er eingeschlossen -, und sie beschreiben ihn auch so: Die aktuellen Bands erhalten genauso viel Raum wie die Klassiker von damals.

Das große Problem des Buches ist, dass die Autoren es nicht hinbekommen, sich auf einige wichtige Aspekte und einige wenige für diese exemplarische Bands zu beschränken. Stattdessen werden buchstäblich hunderte von Bands nacheinander durchgehechelt und deren jeweils wichtigste Alben im Hinblick auf das im jeweiligen Kapitel zu verhandelnde Thema analysiert. Das ist zunächst spannend, weil dabei auf die Songtexte und ihre kulturellen Bezüge eingegangen wird, wird aber schnell ermüdend, weil mechanisch, und verführt irgendwann zum Querlesen. Zwar ist es schön, immer wieder auf selten besprochene Bands zu stoßen; der Zug zum Tor, zu der einen These, die gestützt oder belegt werden soll, fehlt jedoch, sowohl den einzelnen Kapiteln, als auch dem Buch insgesamt. Und so ist "Beyond and Before" ein zwar sehr anregender Les, aber auch ein anstrengender, und damit vermutlich für die meisten eher ein episodischer.

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