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Leitfaden: Retroprog
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23049 Rezensionen zu 15740 Alben von 6101 Bands.
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Leitfaden:

Retroprog



Während sich in den 80er Jahren der Neoprog etabliert hatte, erblühte im Jahrzehnt darauf aus den Wurzeln des 70er-Jahre-Progrocks der sogenannte „Retroprog“. Der Begriff findet immer mehr Verbreitung, auch wenn man in der anglo-amerikanischen Welt Bands wie Spocks Beard, Echolyn oder die Flower Kings meist noch unter die Kategorie "Symphonic Prog" fasst (so zum Beispiel in den Progarchives). Der Ausdruck "Retroprog" ist gut geeignet, um die Unterschiede zum Nu Prog und zum New Artrock deutlich zu machen, die sich dem Progressive Rock seit den 90ern eher vom Indie- bzw. Postrock aus genähert haben.

Das Progrevival der 90er Jahre nahm seinen Anfang in Schweden – mit Bands wie Pär Lindh Project, Änglagard, Anekdoten, Landberk, später den Flower Kings und Ritual. Auch in den USA, die weder in den 70ern noch in den 80ern eine Prog-Hochburg gewesen waren, entwickelte sich jetzt eine starke Szene, geprägt von Gruppen wie Spock's Beard, Echolyn, Discipline, IZZ und Salem Hill. Insbesondere Spock's Beard begründeten eine neue Prog-Euphorie. Einige alte Helden wie Yes, ELP oder King Crimson dürften durch ihre Wiederkehr in der ersten Hälfte der 90er den neuen Bands zusätzliche Aufmerksamkeit verschafft haben.

Progressive Rock beruht auf einem Gefüge umfassender musikalischer und kultureller Bezüge: Schon in seinen frühesten Ausprägungen etwa bei The Nice, King Crimson oder den Moody Blues hat er neben den Rockbestandteilen auch Elemente aus Jazz und Klassik in sich aufgenommen, Progforscher sagen daher, er sei intertextuell und eklektisch (schmökere auch hier und unter: Postmoderne). Retroprog könnte man dabei als die Spielart bezeichnen, in der der Prog in besonderer Weise Bezug auf sich selbst nimmt. Das dürfte von den meisten Musikern auch bewusst beabsichtigt sein, etwa weil sie selbst Fans des klassischen Progs sind und/oder beim Zuhörer nostalgische Gefühle auslösen möchten. Auch marktstrategische Überlegungen von Bands, ihren Managern und ihren Plattenfirmen sollte man natürlich nicht außer Acht lassen.

Auffällig am Retroprog ist die geringe Orientierung am Neoprog der 80er Jahre und dessen Auseinandersetzung mit Punk und Wave. Darüber hinaus fallen gewisse herkunftsspezifische Unterschiede auf: Die Schweden neigen zum Beispiel dazu, skandinavisch-folkloristische Elemente in eine stark von King Crimson geprägte, mellotrongetränkte Musik einfließen zu lassen. US-Bands pflegen neben dezidierten, manchmal nahezu klonartigen Nachahmungen von Bands wie Yes oder Gentle Giant oft eine typisch amerikanische Bodenständigkeit, die gerne in griffigen Melodien zum Ausdruck kommt. Gemeinsam ist allen Retroproggern die Vorliebe für das klassische Prog-Instrumentarium der 70er Jahre, eine Vorliebe, die von Retro-Bands der zweiten Generation (wie etwa Wobbler) programmatisch auf die Spitze getrieben wurde.

Dem Leser soll im folgenden Leitfaden die Vielfalt des Retroprog von den 90er Jahren bis heute nahe gebracht werden.

Die Hauptliste

Anekdoten (Schweden)


Vemod, 1993
Anekdoten: Vemod

Anekdoten starteten 1990 unter dem Namen "King Edward" als King Crimson-Coverband. Schon bald begannen die Musiker jedoch, auch eigene Stücke zu komponieren. Nach Einbeziehung der Cellistin und Mellotronistin Anna Sofi Dahlberg wurde der Bandname in „Anekdoten" geändert. 1993 erschien das Debütalbum "Vemod". Wenig überraschend orientiert es sich stilistisch an den King Crimson der "Red"-Phase und schwelgt in einem steten Wechsel aus mellotrongetränkten und schräg-krachenden Passagen, die sich aus der nordischen Melancholie mit dynamischer Wucht hervorheben. Die Kompositionen grenzen sich mit ihrer oft spröden Zerbrechlichkeit entschieden vom symphonischen Wohlklang vieler Veröffentlichungen der 1990er Jahre ab. Mit "Nucleus" und "From within" erschienen noch zwei weitere Platten ähnlichen Kalibers, ehe die Band mehr zum Alternative Rock überging.

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Änglagård (Schweden)


Hybris, 1992
Änglagård: Hybris

“Hybris” aus dem Jahr 1992 bildete einen der ersten Höhepunkte des Retroprog. Das Änglagard-Debüt war weit entfernt von den harmonischen Wohlfühlkompositionen allzu leichtgewichtiger Neoprogbands. Es stellte knackige, kantige und kernige Musik in den Vordergrund, die in ein Soundgewand aus historischen Klängen gekleidet wurde. Ausladende Stücke reihten Änglagard aus kurzen Motiven aneinander. Anstelle der Geschlossenheit und Folgerichtigkeit vieler klassischer 70er-Jahre-Longtracks, an die Bands wie Spock’s Beard anknüpften, herrschte dadurch eine Art getriebener Unruhe. Das machte die Band zunächst unverwechselbar, bis Gruppen wie Maxwell's Demon oder Sky Architect auf den Plan traten und dasselbe versuchten. Änglagard legten im gleichen Stil noch zwei weitere Alben vor, die dem Debüt in nichts nachstanden.

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Beardfish (Schweden)


Destined Solitaire, 2009
Beardfish: Destined Solitaire

Die junge Nachwuchsband legte bereits 2003 ihr Debütalbum vor, just als auch die Flower Kings und The Tangent mit Alben auf den Plan traten, die den Retroprog mit Canterbury-Elementen und Zappa-Anleihen anfrischten. Und Beardfish gingen den ganzen Weg mit Hammond-Orgeln, Mellotronstreichern, Konzeptalben und integriertem Jazz, um dann über die Vorbilder hinaus auch noch Hardrock- und Metal-Anteile in ihren Sound einzubauen. Besonders überzeugend gelang ihnen das in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts, und es ist schwierig, ein Album besonders hervorzuheben. Deshalb sei hier stellvertretend für drei, vier Alben auf „Destined Solitaire“ verwiesen, das zwar keinen Wendepunkt in der Bandgeschichte markieren mag wie spätere, mehr am Metal orientierte Scheiben, aber den Sound der Band doch am besten auf den Punkt bringt.

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Big Big Train (Großbritannien)


The underfall yard, 2009
Big Big Train: The underfall yard

Big Big Train starteten ihre Karriere Anfang der 1990er Jahre nicht als Retroprogger, sondern als eher durchschnittliche Neoprog-Band. Dies sollte auch so bleiben, bis die Gruppe im neuen Jahrtausend modernere Elemente aus dem New Artrock sowie Retro-Klänge zu integrieren begann. 2007 kulminierte das in einem ersten, damals ziemlich überraschenden Highlight: "The Difference Machine", das neben Genesis-Einflüssen auch die Härte von King Crimson und die Düsternis von Van der Graaf Generator aufwies.

Ihr Meisterstück lieferte die Band zwei Jahre später mit "The Underfall Yard" ab. Umbesetzungen hatten den Multiinstrumentalisten und begnadeten Sänger David Longdon (der als Phil Collins-Ersatz bei Genesis im Gespräch gewesen war) ans Mikrofon gebracht, während Nick D'Virgilio (früher Spock's Beard) die Drums übernahm. Das Album setzte wieder mehr auf den klassischen Genesis/Yes-Sound, bewies aber auch andere Stärken. Konzeptionell ist es ein Loblied auf die viktorianische Ingenieursbaukunst des 19. Jahrhunderts, was die Musik insbesondere durch die Hinzunahme eines Mini-Orchesters mit geschmackvollem Bläserensemble und Cello zu spiegeln versucht. Der brillante Chorgesang sowie Sympho-Overkill-Ausbrüche tun ein Übriges dazu, Big Big Train zum Maß der Dinge im Retroprog der Gegenwart zu machen. Diesen Status unterstrichen sie anschließend mit der EP "Far Skies Deep Time".

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Discipline. (USA)


Unfolded like Staircase, 1997
Discipline.: Unfolded like Staircase

Die Amerikaner „Discipline.“ – der Punkt gehört zum Namen – legten 1993 mit „Push & Profit“ eine Art Missing Link zwischen Neo- und Retroprog vor. Trotz aller vom Neoprog gewohnten Genesis-Anleihen blitzte darauf bereits eine neue Eigenständigkeit auf. Zur vollen Blüte gelangte der Sound der Gruppe aber erst 1997 auf „Unfolded like Staircase“, wo außerdem deutliche Van der Graaf-Einflüsse hörbar wurden. Klanglich vielleicht eine der „britischsten“ unter den US-Bands sind „Discipline.“ trotzdem auch von amerikanisch-knackiger Frische und Dynamik geprägt.

An den Sound von „Unfolded like Staircase“ schloss 2011 das Comeback-Album „To shatter all Accord“ an. Zuvor hatte Lead-Sänger und Multi-Instrumentalist Matthew Parmenter die Fans mit zwei Solo-Platten erfreut. Hier folgte er zunehmend den Spuren Peter Hammills und verband den Retroprog mit dem Singer/Songwriter-Genre.

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Echolyn (USA)


As the World, 1995
Echolyn: As the World

Mei, 2002
Echolyn: Mei

Echolyn gehören zu den dienstältesten Retroproggern aus den USA. Bereits Ende der 80er traten drei der Musiker zusammen in einer Coverband auf, die statt Prog allerdings noch Rocksongs der 60er und 70er Jahre spielte. Noch ehe in Schweden der Retroprog „erfunden“ worden war, erschien 1991 dann das Debütalbum „Echolyn“. Es wies über den 80er-Jahre-Neoprog bereits hinaus, ohne schon zu einem voll entwickelten Retrostil zu finden. Die Markenzeichen des US-Retroprogs – Melodieorientierung und fett rockender Groove – wurden von der Band aber zunehmend eigenständig entfaltet und so der Geist des Progs in die 90er Jahre transferiert. Drei Jahre nach „Suffocating the Bloom“ (1992) perfektionierte „As the World“ den Echolyn-Sound mit gut ins Ohr gehenden, aber keinesfalls flachen Melodien, mit verschachtelten Strukturen von gleichwohl meist übersichtlicher Länge und mit fließenden Übergängen. Mehrstimmiger Gesang, druckvoll groovendes Schlagzeug und die am klassischen Prog orientierten Keyboards kamen hinzu. Trotz Problemen mit ihrer Plattenfirma und einer zeitweiligen Auflösung haben Echolyn bis heute einige der beliebtesten Retro-Alben veröffentlicht.

Ihr ambitioniertestes Werk „Mei“ stammt von 2002. Es demonstriert in knapp 50 Minuten in einem einzigen gewaltigen Longtrack ohne Unterbrechung die vielen Facetten ihres Könnens.

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Glass Hammer (USA)


Chronometree, 2000
Glass Hammer: Chronometree

Glass Hammer spielen virtuos mit den Versatzstücken von Neo- und Retroprog und tendieren mit ihren Alben mal mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung. Besonders gelungene Ausschläge in Richtung des Retroprogs bieten das Konzeptalbum "Chronometree" aus dem Jahr 2000 sowie das zwei Jahre später veröffentlichte "Lex Rex".

Tom, der Protagonist von "Chronometree", hört im Jahre 1979 seine erste Prog-Platte und ist sofort angefixt. Doch während alle anderen nur Moogs und Mellotrone vernehmen, erklingen für ihn sogar Stimmen aus dem Weltall: Außerirdische versuchen per Prog Kontakt zu ihm aufzunehmen! Sie beauftragen ihn, eine Zeitmaschine zu bauen – Chronometree. In einem Genre, das mit seinem Streben nach möglichst edlen und perfekten Produkten oft ziemlich ernst rüberkommt, wirken die Selbstironie der Band und das Augenzwinkern gegenüber Genre-Klischees umso erfrischender. Vor allem, weil zugleich so meisterlich gespielt wird, dass Liebhaber von Hammond- und Moogklängen regelrecht schwelgen dürfen.

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IZZ (USA)


I Move, 2002
IZZ: I Move

The Darkened Room, 2009
IZZ: The Darkened Room

Die USA zählen neben Schweden zu den Hochburgen des Retroprog. IZZ haben sich zu einer jener US-Bands gemausert, die kontinuierlich hochwertige und hochgeschätzte Alben produzieren. Aufgrund ihres Debüts „Sliver of a Sun“ (1998) wurden sie bereits als „neue Spock's Beard“ gefeiert, lieferten sie doch ähnlich dynamischen Prog wie ihre berühmteren Kollegen. „I move“ irritierte im Jahr 2002 dann kurzfristig die Szene - im positiven Sinne. Das Album klang eher technisch und modern, steigerte aber noch das Songwriting-Niveau des Debüts. Die folgenden Platten erwiesen die Abkehr vom Retrostil als vorübergehende Phase. Auf „My River flows“ (2005), „The Darkened Room“ (2009) und „Crush of Night“ (2012) präsentierten sich IZZ erneut als Meister des verspielten, druckvollen US-Retroprog mit offenbar unerschöpflichem Ideenvorrat.

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Nemo (Frankreich)


Si Partie I, 2006
Nemo: Si Partie I

Si Partie II - L'Homme Idéal, 2007
Nemo: Si Partie II - L'Homme Idéal

1999 gründete der Gitarrist und Sänger Jean-Pierre Louveton zusammen mit dem Keyboarder Guillaume Fontaine und dem Schlagzeuger Pascal Bertrand die Band Nemo. Zunächst eher dem Neoprog und futuristischen Themen à la Jules Verne verpflichtet, setzten die Franzosen später mehr auf erdige Rock-Klänge und symphonische Retroklänge, versetzt mit chansonartigen Elementen. Das führte immer wieder zu Vergleichen mit der französischen “Über-Prog-Vater-Band” Ange. Allerdings ist der Gesang bei Nemo weniger exaltiert, dafür hardrockiger, wobei Louveton stimmlich immer stärker wird. Textlich zog bei Nemo zunehmend Kritik an zeitgenössischen Zuständen wie am Umgang mit der Gentechnik ein. Um letztere dreht sich auch das Quasi-Doppelalbum “Si Partie I” und “Si Partie II – L’homme ideal”, das 2006 und 2007 in zwei Teilen erschien.

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Spock’s Beard (USA)


The Light, 1995
Spock’s Beard: The Light

V, 2000
Spock’s Beard: V

Der erfolglose Sänger, Songwriter und Multiinstrumentalist Neal Morse besann sich 1992 auf das, woran sein Herz hing. Er gründete Spock’s Beard, begann Progressive Rock zu spielen - und hatte prompt Erfolg damit. Schon das Debütalbum „The Light“ wurde 1995 zum Achtungserfolg. Mit dem Titelstück enthielt es den ersten Longtrack der Band, auch wenn der noch ein wenig zusammengeschraubt wirkte. Dafür ließ schon Track 2 „Go the way you go“ die Fähigkeit erkennen, große Spannungsbögen ebenso folgerichtig zu schlagen wie die Vorbilder aus den 70er Jahren. Spock’s Beard verarbeiteten vor allem Yes und Genesis, demonstrierten in Form meist kurzer Satzgesänge aber auch ihre Liebe für Gentle Giant. Zusätzlich nahmen sie vielfältige weitere musikalische Einflüsse auf, am auffälligsten vielleicht aus Latin und Pop. In der Tat stach die Band durch höchst eingängige Melodien hervor.

Einen unbestreitbaren Höhepunkt bildete das Album „V“ aus dem Jahr 2000, das alle Stärken der Gruppe ein letztes Mal auf den Punkt brachte: Folgerichtige Epen mit Zug zum Tor, griffige Melodien, frickelige Passagen, pathetische Momente, ferner Satzgesang à la Gentle Giant, geradliniger Hardrock und gefühlvolle Balladen. Hinzu trat eine Spielfreude wie bei wenigen anderen Retroproggern. Als Morse die Band kurz danach verließ, tat sie sich schwer, wieder auf die Beine zu kommen, während ihr bisheriges Mastermind von Erfolg zu Erfolg schritt. Im Rahmen seiner Solokarriere veröffentlichte Morse regelmäßig CDs im Spock’s Beard-Stil (erwähnenswert etwa „One“, 2004), zugleich war er als Mitglied der Retro-Supergroup Transatlantic erfolgreich. Hier spielte er neben Flower King Roine Stolt, Mike Portnoy von Dream Theater und Marillions Pete Trewavas, wobei er stilprägend wirkte, indem er die Hauptarbeit beim Songwriting übernahm. Transatlantics im gleichen Jahr wie „V“ veröffentlichtes Debüt „SMPTe“ erschien, als Morse noch Mitglied von Spock’s Beard war. Es darf als das vielseitigste Album der Gruppe gelten. Neben einem klassischen Longtrack enthält es eine Morse-typische Ballade, einen spocksbeardigen Rocker, eine Procol-Harum-Coverversion sowie mit „My new World“ ein zentrales Epos des Retroprogs.

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The Flower Kings (Schweden)


Stardust We Are, 1997
The Flower Kings: Stardust We Are

Unfold the Future, 2002
The Flower Kings: Unfold the Future

Nachdem Roine Stolt mit seinem Solo-Album “The Flower King” von 1994 auf unerwartete Resonanz gestoßen war, gründete er mit den Musikern, die ihn unterstützt hatten, kurzerhand eine Band namens "The Flower Kings". Sie entwickelte von Beginn an einen ganz eigenen Mix aus Symphoprog mit großer Geste, kürzeren poppigen Stücken und gelegentlichen frickeligen Ausbrüchen. Den ersten Höhepunkt bildete das dritte Album „Stardust we are“, das Flower-Kings-Klassiker wie „In The Eyes Of The World“ und „Church Of Your Heart“ enthält. Der 25-minütige Titeltrack ist ein Retroprog-Meilenstein mit einem ideenreichen, wenn auch ein wenig inhomogenen Beginn. Zum Ende hin entwickelt sich eine melodiebetonte Hymne, wie sie viele Fans des Genres lieben.

2002 folgte mit „Unfold the Future“ das für viele bislang beste Album der Band. Wie „Stardust we are“ ist es eine Doppel-CD, die musikalisch jedoch aus einer stärker jazzigen Ecke kommt. Sogar Einflüsse von Frank Zappa sind zu hören. Dennoch handelt es sich unverkennbar um Retroprog: Das 30minütige „The Truth Will Set You Free“ dürfte sogar einer der gelungensten Longtracks des Genres sein. Mit „The Devils Danceschool“ gibt es überdies das vorerst letzte Beispiel für das Fusion-Gefrickel, das die Flower Kings eben auch draufhatten.

„Unfold the Future“ war immens einflussreich. Bands wie The Tangent, Beardfish oder District 97 entwickelten den jazzigen Retroprog des Albums weiter. Die Flower Kings selbst verlegten sich hingegen wieder auf bewährten Symphoprog, was die Fans von „Unfold the Future“ Album für Album enttäuschte, von Freunden gemäßigter Klänge aber als Rückkehr zu alten Tugenden begrüßt wurde.

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The Tangent (Großbritannien)


A Place In The Queue, 2006
The Tangent: A Place In The Queue

The Tangent wurde 2003 von Andy Tillison als All-Star-Projekt gegründet. Beteiligt waren Mitglieder von Parallel Or 90 Degrees, den Flower Kings und Van Der Graaf Generator. Die Kooperation entwickelte sich über die Jahre hinweg zu einer echten Band, die trotz haarsträubend häufiger Umbesetzungen stilistisch stets bemerkenswert einheitlich klang. Man folgte dem jazzigem Retropfad, den die Flower Kings mit „Unfold the Future“ gewiesen hatten und der nicht zu Unrecht mit dem klassischen Canterbury-Sound verglichen worden ist. Einen ersten Höhepunkt bildete das Album „A Place In The Queue“, das die genannten Einflüsse mit eingängigen Melodien und ausgefallenen Themen verknüpfte, aber nie die Leichtigkeit vergaß, die solcherart Jazz benötigt – und die dem oft allzu ernsthaften Retroprog gut tut.

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Wobbler (Norwegen)


Afterglow, 2009
Wobbler: Afterglow

Im Jahr 2003 veröffentlichte die bis dahin unbekannte norwegische Band Wobbler auf ihrer Homepage zwei längere Demosongs, die bei vielen die Hoffnung auf eine legitime Änglagård-Nachfolge weckten. Nach einem mit Spannung erwarteten, aber eher durchwachsenen Auftritt bei der Freakshow in Würzburg 2004 kam im Jahr darauf das Debüt "Hinterland" heraus. Es enthielt komplett neues Material, blieb bei aller Kunstfertigkeit aber eher Stückwerk und war zu stark an den Größen der 70er Jahre orientiert.

2009 erschien dann "Afterglow" mitsamt den beiden alten Demosongs, die jedoch unter anderen Titeln klanglich opulent, frisch und ungestüm neu aufgenommen worden waren. Wobbler wurden damit zum Aushängeschild der "zweiten Welle des Retroprog". Komplett auf 70er-Jahre-Originalinstrumentarium eingespielt, das im Booklet seitenlang liebevoll aufgelistet wird, bezieht sich das Album nicht mehr nur auf die großen Zeiten von Yes, Genesis, ELP etc., sondern auch auf neue Klassiker wie Änglagård oder Anekdoten. Man könnte also im positiven Sinn von "Retro-Retroprog" sprechen.

Zwei Jahre später festigte die Gruppe ihre Stellung mit dem locker-schwelgerischen Album "Rites at Dawn".

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Tipps abseits der Hauptliste

Areknamés (Italien)


Love Hate Round Trip, 2006


Auch die dunkle Seite des Prog, zumeist mit Van der Graaf Generator in Verbindung gebracht, hat so manchen Retroprogger interessiert. Michele Epifani, Mastermind von Areknamés, ließ sich dabei außer von der düsteren Stimmung auch vom Organisten Hugh Banton inspirieren. Versetzt mit einem gehörigen Schuss Hardrock á la Atomic Rooster und einer Prise jazziger Verspieltheit im Stile der Canterbury-Legende Dave Stewart von Hatfield and the North entstand so das selbstbetitelte Debüt der Italiener.

War der Erstling noch dadurch limitiert, dass Epifani sowohl Tasten als auch Saiten bedienen musste, so konnte er nach der Hinzunahme eines Fulltime-Gitarristen auf "Love Hate Round Trip" seiner Kreativität freien Lauf lassen. In wahren Tastenorgien schichtete er hier ein unglaubliches Gebirge aus analogen Keyboardklängen auf - von der Orgel über das Piano bis hin zum unvermeidlichen Mellotron. Die Gitarre schlug wie eine Elektro-Axt die Täler in diese Retrosound-Orgie im Doom-Gewand.

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Cerebus Effect (USA)


Acts Of Deception, 2005


Der Amerikaner Dan Britton ist seit 2005 mit nicht weniger als vier Retroprojekten in Erscheinung getreten, die unterschiedliche Aspekte des klassischen Progs auszuleuchten versuchen. Während Birds And Buildings diesen klassischen Prog mit jazzrockigem Touch serviert, orientiert sich Deluge Grander an Genesis und Yes, gewürzt mit einer Prise Canterbury. All Over Everywhere bewegt sich in Anlehnung an die ersten King-Crimson-Alben irgendwo zwischen Prog, Folk und Klassik, wohingegen Cerebus Effect sich eher an Fusion orientiert. Es erinnert daran, dass der 70er-Jahre-Prog nicht nur wohlfeilen, epischen Wohlklang bot, sondern etwa bei ELP oder Magma auch voller Intensität und Aggression stecken konnte. Britton geht mit Cerebus Effect so weit, dass man bisweilen einer jener japanischen Bands zu lauschen vermeint, die so gerne alles bis auf die äußerste Spitze treiben – und darüber hinaus.

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Finisterre (Italien)


In Limine, 1996


Bassist und Komponist Fabio Zuffanti ist gewissermaßen schon fast sein eigenes Genre. Musikalisch seit 1994 aktiv realisiert er seine Vorstellungen auf Soloalben ebenso wie in einer Vielzahl von Bandprojekten (Finisterre, Höstsonaten, La Maschera Di Cera, Aries, Quadriphonic, laZona, Rohmer). Zeit fand er auch noch für spezielle „Nebenprojekte“ wie für die Rock-Oper “Merlin” oder für “L’ombre della serra”, eine Hommage an italienische Horrorfilm-Soundtracks und Goblin.

Viele von Zuffantis Arbeiten beschwören die Historie des klassischen Italoprogs herauf und knüpfen als moderne Fortsetzung daran an. Seine erste, 1994 gegründete Band „Finisterre“ aus Genua zählte sogleich zu den wichtigsten Akteuren des italienischen Retroprogs. Sie pflegte einen stilistischen Eklektizismus mit Inspirationen nicht nur aus dem klassischen Progrock, sondern auch aus Jazz, Folk, Avantgarde und sogar elektronischer Musik. Das zweite Album der Gruppe erschien 1996 unter dem Titel "In Limine“ und gilt als ihr bestes Werk. Die Platte arbeitet mit einer kammermusikalisch orientierten Besetzung, bei der neben dem Rockinstrumentarium auch Flöte, Klarinette, Violine und Trompete zum Einsatz kommen. Sie vermengt mühelos klassischen Progressive Rock britischer und italienischer Prägung mit Einflüssen aus Klassik, Jazz, Ambient sowie mit avantgardistischen Einsprengseln.

Beachtenswert sind außerdem die beiden Bands Höstsonaten und La Maschera Di Cera. Bei der ersteren legt Zuffanti den Fokus auf die Verschmelzung folkiger Elemente mit klassisch-symphonischem Progressive Rock, mit der zweiten taucht er noch tiefer in die Welt des Italo-Progs ein.

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Phideaux (USA)


Doomsday Afternoon, 2007


Phideaux Xavier als Retro-Progger zu bezeichnen, wird ihm eigentlich nicht gerecht. Er hat die Musik der 1970er Jahre sehr genau studiert, auch abseits des Progs. Seine ersten Platten waren – absolut non-retro – Kollaborationen über das Internet, beeinflusst von Artpop, Folk, Wave, Glam-Rock und klassischem Prog. Auf jedem Album wurde ein anderer Stil in den Vordergrund gerückt, bis dann im Jahr 2007 "Doomsday Afternoon" erschien, eine so reinrassige sinfonische Retroprog-Platte, wie sie vermutlich niemand erwartet hatte. Natürlich handelte es sich um ein Konzeptalbum, unterteilt in zwei Akte, angereichert mit einem Orchester und unterstützt von namhaften Gastmusikern. Bei bei aller Vielschichtigkeit wandelte Phideaux hier leichtfüßig und den Kitsch vermeidend auf den Spuren der Szenegrößen, als habe er sein Leben lang nie andere Musik gemacht.

Das Folgealbum bot wieder kürzere Nummern mit leicht psychedelischem Ansatz, ehe Phideaux mit "Snowtorch" einmal mehr reinen Retroprog im Stile von "Doomsday Afternoon" ablieferte.

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Salem Hill (USA)


The Robbery Of Murder, 1998


Be, 2003


Salem Hill gehören nicht zum Olymp der hundert besten Progbands. Sie haben es trotz einiger hochkarätiger Alben hier nur in die Nebenliste geschafft, wo sie aber stellvertretend für all die anderen ungenannten Retrogruppen wie Cairo, Metaphor, Syrinx oder The Underground Railroad stehen sollen. Die vom Sound her sehr amerikanische Band ist mit ihrer melodisch-kraftvollen Musik am ehesten mit Spock's Beard oder Echolyn zu vergleichen. Breitere Retro-Hörerschichten erschloss sie sich nach einem Auftritt beim ProgFest 1997 mit ihrem Referenzalbum „The Robbery of Murder“. Auf „Not everybody’s Gold” variierte sie ihren Sound etwas, um sich auf „Be“ (2003) ideenreich an kürzeren, mehr am Song orientierten, gleichwohl aber sehr proggigen Formaten zu versuchen. Diesen Weg setzte die Gruppe nach dem elegischen Monumentalwerk „Mimi's Magic Moment“ (2005) auf „Pennies in the Karma Jar“ (2010) mit verstärkt poppigen Melodien fort.

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