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Leitfaden: Prog und Film
01. Magma
02. Popol Vuh
03. Goblin
04. Rick Wakeman
05. Tangerine Dream
06. Pink Floyd
07. Keith Emerson
08. Philip Glass
09. Rick Wakeman
10. Art Zoyd
11. Marillion
12. Vangelis
13. Keith Emerson
14. Colossus Projects
15. Major Parkinson
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24187 Rezensionen zu 16533 Alben von 6440 Bands.
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Leitfaden:

Prog und Film



Der Progressive Rock, so heißt es, sei ein besonders visuelles Musikgenre. Und zwar nicht nur wegen aufwändiger Bühnenshows und ambitioniertem Artwork: Bei manchen Stücken sehen viele Hörer offenbar Bilder und ganze Filme vor ihrem inneren Auge ablaufen. Beliebte Beispiele dafür sind Longtracks wie Yes' "Close to the Edge" oder Genesis' "Supper's ready". Und in vielen Stücken werden ja tatsächlich Geschichten erzählt, die man sich als richtigen Film vorstellen könnte. Konkreter wird's, wenn Bands (Dün, Motorpsycho oder Klockwerk Orange), Alben (ZED/Bernard Szajner: "Visions of Dune") oder Songs ("Blade Runner" von Volte Face oder "Duel" von Steve Hackett) sogar nach Filmen benannt sind. Darüber hinaus gibt es noch sehr viel handfestere Beziehungen zwischen Prog und Film. Beispiele für solche Beziehungen sind Thema dieses Leitfadens.

  • Zunächst fallen einem natürlich jene Progmusiker ein, die Filmsoundtracks gemacht haben: Keith Emerson, Rick Wakeman, Pink Floyd, Vangelis, Goblin, Popol Vuh. All diese Leute haben in verschiedenen Phasen ihrer Karrieren und aus ganz verschiedenen Gründen Progressive Rock zu (Kino-)Filmen beigesteuert - sei es, weil sie zum jeweiligen Zeitpunkt populär waren, sei es, weil sie es gerade nicht waren. In allen Fällen hat ein Regisseur um Musik für einen aktuell in der Produktion befindlichen Film nachgesucht, und es entstanden so veritable Prog-Soundtracks. Spannend sind natürlich auch die gescheiterten Projekte. Die sind teils sogar richtig berühmt geworden: Nicht nur Cineasten und Nerds wissen, dass Alejandro Jodorowskys den Plan hatte, Frank Herberts Roman "Dune" als zehnstündiges Mega-Epos zu verfilmen (mit niemand Geringerem als Salvador Dalí in der Rolle des Imperators) - die Filmmusik hätten Magma und Pink Floyd beisteuern sollen. Wirklich schade, dass wir das niemals zu sehen bekamen. Auch wenn wir solche nie verwirklichten Ideen naturgemäß nicht aufnehmen konnten, so bildet der Bereich Prog-Soundtracks doch den Kern der folgenden Liste.

Jedoch: Die Verbindungen zwischen Progressive Rock und Film sind vielgestaltig und unterschiedlich eng.

  • Es gibt zum Beispiel Prog-Alben, die verfilmt wurden - auch wenn das natürlich die Ausnahme ist. Am bekanntesten ist wohl Pink Floyds "The Wall", wobei es sich dementsprechend nicht gerade um das verstiegenste Album der Band handelt. Das Ganze ist ohnehin kein progtypisches Phänomen: Denkt man an Rockalben im Allgemeinen, dann fallen einem als übliche Verdächtige sicher gleich The Whos "Tommy" und "Quadrophenia" ein, ebenso Frank Zappas "200 Motels". Die Kandidaten aus dem Kernbereich des Progressive Rock dagegen sind dünn gesät, und man muss schon ein Weilchen überlegen, um über Marillions "Brave" oder IQs "Subterranea" hinaus auf weitere Beispiele zu kommen. Auch hier ist wieder eine Reihe von Projekten interessant, die zwar geplant waren, jedoch nie realisiert werden konnten. Am bekanntesten sind vielleicht Jethro Tulls "Warchild" und Genesis' "The Lamb Lies Down on Broadway". Aber auch über Verfilmungen von Jon Andersons "Olias of Sunhillow" und Dream Theaters "Astonishing" wurde mal geredet. Kaum jemand dürfte hingegen mitbekommen haben, dass Derek Shulman 2009 in einem Interview über einen Animationsfilm sprach, der auf Gentle Giants Album "The Power and the Glory" basieren sollte. Anderes ist zwar nicht gescheitert, aber noch nicht zu einem Film verarbeitet worden. Interessant ist zum Beispiel die Konzeptband Coheed and Cambria, die ihre Comicreihe "The Amory Wars" zu einem Kinofilm verarbeiten will, produziert von Mark Wahlberg und Stephen Levinson. Aber ob daraus jemals wirklich etwas wird?
  • Weniger eng sind die Verbindungen zwischen Prog und Film bei Alben, die sich auf Filme berufen, ohne dass die Musiker mit den Filmemachern in irgendeiner Verbindung gestanden hätten. Und hier ist nicht etwa Pink Floyds "Echoes" gemeint, das (angeblich) auf die Stargate-Sequenz aus Stanley Kubricks "2001: A Space Odyssey" passt. Vielmehr geht es um Musik, die von Filmen (oder von Filmgenres) inspiriert wurde. Recht bekannt ist etwa Jack Bruces Stück "Theme For An Imaginary Western". Aber man kann auch komplette Alben anführen, vor allem die des Colossus Projects, die sich häufig mit Filmen befassen - darunter "Star Wars" (auf "The Empire & The Rebellion"), "Die sieben Samurai" (auf "The 7 Samurai - The ultimate epic") oder der Italo-Western ganz allgemein (auf "The Spaghetti Epic"). Zu denken wäre auch an die italienische Band RanestRane, die (von ihr so bezeichnete) "Cineconcerti" produziert, Konzeptalben, die sich auf Filme stützen: 2006 erschien "Nosferatu Il Vampiro" (nach Werner Herzogs Nosferatu-Film), 2011 eine ähnliche Adaption von Stanley Kubricks "The Shining". Ein Kuriosum aus deutschen Landen ist das Album "The Neck Pillow" der Gruppe Inquire, auf dem es um Rosa von Praunheims skurrilen 70er-Jahre-Streifen "Die Bettwurst" geht.
  • Womit wir bei Progmusikern wären, die Stummfilme neu vertonen. Auch das gibt's. Am bekanntesten sind Art Zoyd, die auf ihren Alben "Faust", "Häxan", "Metropolis" oder "Nosferatu" Stummfilmklassiker vertont haben. Von Art-Zoyd-Kopf Thierry Zaboïtzeff gibt es sogar eine DVD, die den Film "The Cabinet of Dr. Caligari" mit eigens dafür komponierter Musik enthält.

Man sieht: Die Verbindungen zwischen Prog und Film sind vielfältig, und wir haben darauf geachtet, sie möglichst breit zu berücksichtigen. Dabei sollten auf unserer Liste möglichst verschiedenartige filmische Genres vertreten sein: So haben wir aufwändige Hollywoodproduktionen (Ridley Scotts "Blade Runner") ebenso aufgeführt wie experimentelle Kunstfilme (Yvan Lagranges "Tristan et Iseult"), eine Zeichentrickserie für Kinder ("Iron Man") oder eine Fußball-Doku ("G'olé").

Jede Liste muss allerdings irgendwann auch ein Ende haben, und so waren wir gezwungen, vieles wegzulassen - deutlich mehr, als wir aufnehmen konnten. Darunter bewusst ganze Genres:

  • Das betrifft in erster Linie Videoclips und Livemitschnitte, auch dann, wenn sie von namhaften Regisseuren in Szene gesetzt wurden. Berühmt ist zum Beispiel Yes' Konzertfilm "9012Live", den kein Geringerer als Steven Soderbergh (Regisseur von "Ocean's Eleven", "Solaris", "Erin Brokovich" usw.) gemacht hat. Auch Filme mit Livecharakter haben wir nicht aufgenommen, deshalb fehlt unter anderem Frank Zappas "Baby Snakes".
  • Ebenfalls nicht auf der Liste stehen die damit eng verwandten Tourdokus, z. B. ELPs "Manticore Special", Dream Theaters "Riding The Train Of Thought" oder Transatlantics "Whirld Tour 2010".
  • Making-ofs (z. B. "Rheingold" von Klaus Schulze & Lisa Gerrard, Opeths "The Making of Deliverance and Damnation" oder Spock's Beards "The Making of Snow") haben wir ebenfalls nicht gelistet.
  • Überhaupt haben wir Filme über Progressive Rock ausgeklammert. Dazu gehören Dokus über das Genre als Ganzes (oder eines seiner Subgenres) wie etwa "Prog Rock Britannia" und "Top Ten Progressive Rock" der BBC, oder die "Romantic Warriors"-Reihe, aber auch Dokus über einzelne Bands. Genesis' "The Genesis Songbook" und ELPs "Welcome Back" wären da zu nennen, oder Rushs "Beyond the lighted stage", und allein über Yes gibt es mit "Yes. Their definitive fully authorised Story", "YesYears", "YesSpeak" drei Stück. Dann gibt es noch die "Inside"-Reihe, Dokus über verschiedene Progbands, allerdings von eher mäßiger Qualität. Nicht dabei ist auch "The Life of Rock with Brian Pern", eine urkomische Prog-Satire der BBC.
  • Ebenfalls nur in dieser Einleitung erwähnen wir Filmmusiken, die von Progmusikern jenseits der Progszene (also z. B. nach ihrer Prog-Karriere oder in einem vollkommen anderen Genre) komponiert wurden. Der bekannteste Vertreter dieser Kategorie dürfte Trevor Rabin sein, der nach seinem Ausstieg bei Yes die Soundtracks unter anderem von "Con Air", "Armageddon", "Der Staatsfeind Nr. 1" oder "Snakes on a Plane" komponierte. Aber auch Karl Jenkins (ex-Soft Machine) hat Filmmusik komponiert, u. a. zu "River Queen" (2005). Wir achteten darauf, auf dieser Liste Musik zu versammeln, die, zumindest im weiteren Sinne, als Progressive Rock gelten kann.
  • Erspart haben wir es uns zu guter Letzt, nach den vielen einzelnen Progstücken zu suchen, die hier und da in Filmen genutzt wurden, seien es nun Klänge von Pink Floyd in unzähligen Weltraum-Dokus oder ganz konkret Yes' "I've seen all good people", das unter anderem in "Almost Famous" und in "Fringe", oder King Crimsons "In The Court Of The Crimson King", das in Alfonso Cuaróns "Children Of Men" erklungen ist. Dabei fiel leider auch King Crimsons "Larks' Tongues In Aspic, Part 2" aus der Liste, das - wie weithin bekannt und auf Youtube einsehbar - für den Softpornofilm "Emmanuelle" verwendet wurde. Illegal, was die Verantwortlichen eine Stange Geld gekostet hat…

Erwähnt seien jetzt nur noch, gewissermaßen aus der Trivia-Abteilung, die Filmauftritte von Progmusikern: Am Bekanntesten dürften die Rollen von Phil Collins sein: Er spielte unter anderem in "Miami Vice", "Buster" und "Hook". Auch Marillions Fish war in TV- und Kinofilmen zu sehen, 2005 zum Beispiel in "The Jacket" mit Adrien Brody und Keira Knightley. Fast spannender ist aber die Liste der Filme, in denen er nicht auftreten konnte, obwohl er kurz davor war. Darunter sind keine geringeren als "Highlander", "Braveheart" und der Bond-Film "Die Another Day". In "Chasing the Deer" schaffte er es dann allerdings wieder, das war ein Historienfilm, zu dem er gemeinsam mit Runrig und John Wetton auch die Filmmusik beisteuerte. Überhaupt ist das ein Weg, auf dem Musiker es immer wieder auch auf die Leinwand schaffen. Rick Wakeman zum Beispiel steuerte zu "Lisztomania" und "China Blue bei Tag und Nacht" ("Crimes of Passion") nicht nur die Filmmusik bei, er trat in beiden Streifen auch als Darsteller auf. Und nur kurz hinweisen können wir hier auf den bemerkenswerten Umstand, dass es eine deutsche Band - nämlich Guru Guru - sogar einmal zu einer Hauptrolle in einem ZDF-Fernsehfilm gebracht hat, der 1977 unter dem Titel "Notwehr" über die Mattscheiben flimmerte. Kaum einer dieser Musiker konnte allerdings je David Bowies Leinwandpräsenz erreichen. Mit "Der Mann, der vom Himmel fiel", "Die Reise ins Labyrinth", "Absolute Beginners", "Die letzte Versuchung Christi" oder "Twin Peaks" ist er vielleicht einer der profiliertesten Musiker/Schauspieler. Und wie das Beispiel Bowie zeigt, haben nicht nur Progger geschauspielert.

Und hier kommt sie, die Liste der unserer Meinung nach wichtigsten Repräsentanten einer Verbindung zwischen Progressive Rock und Film – in Cinemascope und Babyblauem 3D! Viel Spaß beim Lesen!

Die Hauptliste

01. Magma (Frankreich)


Ẃurdah Ïtah, 1974
01. Magma: Ẃurdah Ïtah

Yvan Lagrange - Tristan et Iseult

Dieser Film ist ein Mythos: "Tristan et Iseult" von Yvan Lagrange, mit der Musik von Magma. Kaum jemand hat ihn je gesehen, Spätgeborene kennen bis auf die Szenenfotos und einige Schnipsel, die im Netz zu finden sind, nichts davon.

Lagranges Verfilmung der tragischen Geschichte von Tristan und Isolde erschien 1972, zwei Jahre vor dem Album. Lagrange erzählt die Handlung nicht, vielmehr verbindet er zentrale Motive, archaische Bilder von Gewalt und Erotik, zu einer Art musikalisch-rhythmischer Assoziationsreihe. Der nackte Mythos wird über die anekdotisch-narrative Tradition gestellt. Wie die Geschichte, so sind auch die Figuren letztlich nur das: grotesk überzogene Zeichen, Symbole für Metaphysisches. Während Isolde die einzige Figur ist, die spricht, gehen die Männer, gekleidet in voluminöse Kostüme, geschützt von grotesk vergrößerten Helmen, die direkt den Autorenbildern der Manessischen Liederhandschrift entlehnt scheinen, mit überdimensionalen Schwertern aufeinander los. Auch das Setting ist symbolisch: Die gestenhaften Handlungen der Akteure finden in archaischen, archetypischen Settings statt: in Wäldern, an Küsten, im Eis, in der Wüste, in Vulkanlandschaften – in Kirchen ebenso wie im Schlachthaus. All das bloße Zeichen für Dinge, die unter der Oberfläche ablaufen.

Die passende Filmmusik liefert Christian Vander mit "Wurdah Ïtah", einem der zugänglichsten Frühwerke seiner Band, und doch intensiv, verstörend, orgiastisch. Zur atavistischen Atmosphäre des Films passt die Musik perfekt – auch wenn sie eigentlich eine Episode aus der Geschichte des Planeten Kobaïa erzählt…

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02. Popol Vuh (Deutschland)


Aguirre, der Zorn Gottes, 1972
02. Popol Vuh: Aguirre, der Zorn Gottes

Obwohl Werner Herzogs Weltkarriere als Regisseur weiter andauert, dürften die fünf von 1972 bis 1987 entstandenen Filme mit Klaus Kinski in der Hauptrolle doch seine bekanntesten sein. Ein fester Bestandteil dieser Werke, konkret: in vieren davon enthalten, ist die Musik von Florian Fricke und Daniel Fichelscher alias Popol Vuh. "Aguirre, der Zorn Gottes", die erste Zusammenarbeit von Herzog, Kinski und Popol Vuh, demonstriert hierbei ein besonderes Zusammenspiel von Bildern, Schauspiel und Musik: Herzogs naturalistischen Bildern des peruanischen Regenwaldes steht Kinskis geradezu manisches Spiel gegenüber. In der Figur des Konquistadors Lope de Aguirre, der im 16. Jahrhundert eine aussichtslose Expedition nach dem legendären Goldland anführt, brüllt er seine Gefolgschaft zusammen, stößt Pferde um, schmeißt mit Affen um sich und schmiedet in fiebrigen Selbstgesprächen utopisch-tyrannische Herrschaftspläne. Popol Vuhs polyphone, ruhig schwebende und von hallenden Klängen dominierte Musik fügt diesen beiden Elementen noch einen dritten, geradezu sakralen Aspekt hinzu. Die Vereinigung dieser Elemente macht "Aguirre, der Zorn Gottes" zu einem surrealen Erlebnis, das paradoxerweise dennoch realistisch, fast dokumentarisch erscheint.

Wie erwähnt trugen Popol Vuh auch zu weiteren Herzog-Kinski-Filmen die Musik bei. Namentlich waren dies "Nosferatu: Phantom der Nacht" (1978), "Fitzcarraldo" (1982) und "Cobra Verde" (1987). Etwas weniger bekannt, zumal ohne Kinski-Beteiligung, aber dennoch erwähnenswert sind die Soundtracks zu "Herz aus Glas" (1976) und dem Dokumentarfilm "Gasherbrum - Der Leuchtende Berg" (1984). Hier konnten Popol Vuh jeweils einen unverkennbaren eigenen Stil behaupten, der sich dennoch den Stimmungen der jeweiligen Bilder unterordnete.

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03. Goblin (Italien)


Profondo Rosso, 1975
03. Goblin: Profondo Rosso

Im italienischen Giallo-Genre wurden Kriminalgeschichten um psychologische und mysteriöse Aspekte erweitert und in filmisch sehr stilisierter, expressiver Form inszeniert, wobei drastische Gewaltdarstellungen Überschneidungen zum Horror- oder Splatter-Genre markieren. Exemplarisch für dieses Genre steht wohl "Profondo rosso" (deutscher Titel: "Rosso - Farbe des Todes") von Dario Argento aus dem Jahr 1975: Der britische Jazzpianist Marcus Daly (David Hemmings) wird in den Mordfall an einer Hellseherin verwickelt und gerät bei gemeinsamen Nachforschungen mit der Journalistin Gianna Brezzi (Daria Nicolodi) in einen Mahlstrom aus verwirrenden Spuren und unbewältigten Traumata. Der Film um diese eher überschaubare Handlung ist dabei visuell sehr ansprechend und lebt gemäß dem Titel von seiner Farbgestaltung; aber auch die Kamerafahrten von Luigi Kuveiller tragen viel zum Stil bei.

Der Soundtrack zu "Profondo rosso" stammte von Giorgio Gaslini und einer jungen Band namens Cherry Five, die sich eigens für diesen Film wesentlich klangvoller in Goblin umbenannte. Von deren treibender, teils hypnotischer Rockmusik mit Elektronik- und Jazz-Anklängen sind im Film hauptsächlich Szenen unterlegt, die den Täter betreffen: Morde, Verfolgungsjagden oder assoziative Bilderfolgen, die das Innenleben der Figur ausleuchten sollen. Hier bringen Goblin mit ihrer Musik ein ungeheuer verstörendes Moment hinein, das den Film nachhaltig prägt - und damit eben zu dessen Status als Genreklassiker beiträgt.

Die offenbar fruchtbare Zusammenarbeit von Goblin und Argento fand in den Folgejahren mit Filmen wie "Suspiria" (1977) und "Phenomena" (1985) ihre Fortsetzung (und umgekehrt arbeitete mit Keith Emerson auf "Inferno" auch andere Prog-Prominenz für Argento - siehe unten). Daneben wirkte die Band noch an anderen Filmen wie beispielsweise George A. Romeros "Dawn Of The Dead" (1978) mit, sodass Goblin bis heute in erster Linie mit dem Filmgeschäft assoziiert werden, auch wenn die Band (wenige) gänzlich "eigene" Studioalben aufnahm. Somit stehen Goblin wie kaum eine andere Band für den Brückenschlag zwischen Prog und Film.

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04. Rick Wakeman (Großbritannien)


Lisztomania, 1975
04. Rick Wakeman: Lisztomania

1975 hatte Ken Russell nicht nur bereits jahrelange Erfahrung mit spekulativ-assoziativen TV- und Kino-Biopics über Komponisten (Elgar, Strauß, Tschaikowski, Mahler), sondern soeben auch einen Kassenschlager mit der vielbeachteten Verfilmung von The Whos Konzeptalbum "Tommy" produziert, der die finanziellen Möglichkeiten des britischen Regisseurs schlagartig erweiterte. Folglich kam es zur Synthese: Russells nächster Film thematisierte zwar vordergründig den titelgebenden, beinahe popkulturellen Impact des von Who-Sänger Roger Daltrey dargestellten Franz Liszt, später hingegen schwenkte die bezüglich der Liszt-Biografie nur wenig faktentreue Handlung auf eine Darstellung der Beziehung zwischen dem ungarischen Komponisten und Richard Wagner um, wobei letzterer schließlich als Wegbereiter des Nationalsozialismus porträtiert wurde.

Der Weg zu diesem Finale ist bunt, überdreht, von Traumsequenzen und pikanten Details durchzogen - und mittendrin findet sich nicht nur Ringo Starr als Papst, sondern auch Yes-Keyboarder Rick Wakeman, der in einer kurzen Szene von Wagner (Paul Nicholas) als Homunculus in der Gestalt des Germanengottes Thor zum Leben erweckt wird. Selbstredend produzierte Wakeman auch den Soundtrack - auf "Lisztomania", anno 2002 in erweiterter Form als "The Real Lisztomania" wiederveröffentlicht, flicht Wakeman bekannte Liszt- und Wagner-Melodien in eigene Kompositionen ein. Die wohl zeittypischen Plastik-Sounds der verwendeten Synthesizer korrespondieren dabei überraschend gut mit Russells von Anachronismen und Camp geprägten Bildern und tragen auf der klanglichen Ebene - ebenso wie Versatzstücke aus Country, Jazz und Rock - wesentlich zum bizarren Charakter des Films bei.

Kommerziell war "Lisztomania" trotz seines nach heutigen Maßstäben kultigen Trash-Charakters ein Flop, sodass insbesondere Ken Russell in den Folgejahren zunächst wieder kleinere Brötchen backen und Auftragsarbeiten wie "Valentino" (1977) drehen musste. Wakemans weitere Spielfilm-Soundtracks beschränkten sich ebenfalls auf B-Produktionen, worunter bis Ende der 1980er Jahre beispielsweise der Horrorfilm "The Burning" ("Brennende Rache", 1981) und der SciFi-Film "She" (1984), nicht aber die erneute Zusammenarbeit mit Russell in "Crimes of Passion" ("China Blue bei Tag und Nacht", ebenfalls 1984) fallen. Anschließend allerdings wirkte Wakeman nur noch an TV-Produktionen oder gar an Videospielen ("Microcosm", 1994 - inklusive Roger-Dean-Artwork) mit. Bis dahin war aber eine gewisse Konstanz und Ausdauer im Fimmusikhandwerk definitiv vorhanden.

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05. Tangerine Dream (Deutschland)


Sorcerer, 1977
05. Tangerine Dream: Sorcerer

Nachdem Regisseur William Friedkin 1973 mit dem Exorzisten einen Riesenhit gelandet hatte (und damit nicht ganz unschuldig daran war, dass es Mike Oldfield zu Weltruhm schaffte), sollte sein nächstes Projekt in eine völlig andere Richtung gehen: ein Remake des französischen Abenteuer-Klassikers "Lohn der Angst". "Sorcerer" (zu deutsch "Atemlos vor Angst") versetzt die Handlung in den südamerikanischen Regenwald, wo vier gestrandete Glücksritter eine hochexplosive Ladung Nitroglyzerin auf zwei Trucks quer durch die grüne Hölle zu einer brennenden Ölquelle bringen müssen, um diese zu versiegeln.

Friedkin war ein großer Fan von Tangerine Dream und bot ihnen an, den Soundtrack zu dem Film zu machen. Damals noch in der klassischen Besetzung Franke/Froese/Baumann fertigte die Band anhand des Drehbuchs und ohne eine Sekunde des Films gesehen zu haben, eine 90-minütige Kassette an, die sie an Friedkin schickten, der noch mitten in den Dreharbeiten steckte. Daraus wurde schließlich der Soundtrack. Allerdings vertraute der Regisseur im fertigen Film dann doch mehr der Kraft seiner Bilder, denn der Film kommt über weite Teile ohne Musikuntermalung aus. Und wenn, dann wurden eher kurze Abschnitte aus den ursprünglich längeren Tracks herausgeschnitten. Regenwald und Berliner Schule - das will nicht so recht zusammenpassen.

Dies war der erste Film, zu dem die Tangs die Musik lieferten. Auch wenn sie selbst mit dem Ergebnis nicht so recht zufrieden waren, ebnete es ihnen den Weg in Hollywood. Im Laufe der Zeit brachten sie es schließlich auf über 50 Soundtracks für Spiel- und TV-Filme. Am bekanntesten dürften sein: "Der Feuerteufel", "Lockere Geschäfte", "Legende" (allerdings nur in der amerikanischen Fassung) sowie zwei Tatorte und Videospiele ("Grand Theft Auto V").

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06. Pink Floyd (Großbritannien)


The Wall, 1979
06. Pink Floyd: The Wall

"The Wall" war bei Veröffentlichung 1979 bei weitem nicht Pink Floyds erstes Konzeptalbum, wohl aber das bis dahin ambitionierteste. Das galt auch und vor allem für die Live-Darbietung der ein wenig paradoxen Story um die Kränkungen, Wahnvorstellungen und unbewältigten Traumata eines Rockstars, die über eine selbst für Floyd-Verhältnisse sehr starke visuelle Komponente verfügte: Abend für Abend wurde während der Konzerte eine meterhohe Mauer um die Musiker hochgezogen, als Projektionsfläche für Filme verwendet und zum Ende - logischerweise - eingerissen.

Angesichts des gewaltigen kommerziellen Erfolgs dieses Albums lag da eine Verfilmung des Stoffs nahe, und eine solche entstand 1982 unter der Regie von Alan Parker nach einem Drehbuch von Floyd-Bassist Roger Waters. "Pink Floyd - The Wall" wurde dabei ähnlich wie Ken Russells "Tommy"-Interpretation von 1975 als Musikfilm aufbereitet, in dem die Songs von "The Wall" die Struktur des Films bestimmten und in suggestiven Bildern, teils durch Trickfilm-Sequenzen von Gerald Scarfe erweitert, visualisiert wurden. Diese Struktur macht allerdings auch die Handlung teils schwer nachvollziehbar; ein Bob Geldof, der als tourender Rockmusiker Pink in seinem Hotelzimmer in Los Angeles seine Existenz- und Bindungsängste mit Drogen und Gewalt zu betäuben versucht, bildet nur den Rahmen für Rückblenden, Traumsequenzen oder Mischungen aus beiden. Ein audiovisuell beeindruckender Film ist "Pink Floyd - The Wall" aber dennoch - und somit ein gelungenes Exemplar der Königsdisziplin "Verfilmung eines Musikalbums".

Der Charakter von Pink Floyd als "filmischer" Band fand noch in weiteren Zusammenhängen Ausdruck. Bereits 1969 nahm die Band mit "More" einen Soundtrack für einen Experimentalfilm auf, was sich im Folgejahr mit der Mitwirkung an Michelangelo Antonionis ähnlich gelagertem "Zabriskie Point" wiederholte. 1971 wiederum drehte die Band selber unter dem Titel "Live At Pompeii" inmitten der weltberühmten Ruinen einen Konzertfilm ohne Publikum. Roger Waters schließlich komponierte 1986 die Musik zum vielbeachteten Antikriegsfilm "When The Wind Blows" - mit Unterstützung von Genesis und David Bowie.

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07. Keith Emerson (Großbritannien)


Inferno, 1980
07. Keith Emerson: Inferno

Als ELP Ende der 70er in die Knie ging, war Keith Emerson, stilprägend für die Rockmusik der 70er, nicht mehr gefragt. Viele Musiker seiner Generation waren in jenen Jahren mehr oder weniger gestrandet, einige sahen sich Forderungen nach Singlehits gegenüber, andere reagierten konfus, wieder andere gründeten Poprockbands. Keith Emerson wechselte zur Filmmusik. Die erste komponierte er für den Film "Inferno" des Horrorfilmregisseurs Dario Argento, weil dieser ihm künstlerisch freie Hand ließ.

Der Film von 1980 - Teil einer Trilogie, zu der auch Argentos Film "Suspiria" gehört, dessen Soundtrack von der italienischen Progrock-Band Goblin stammt - ist ein ziemlich platter Streifen über drei Hexen, deren Ziel es ist, die Herrschaft über die Erde zu erlangen. Er fiel vor allem durch seine Blut- und Mordorgien auf. Emerson hatte einfach keinen Sinn für cineastische Qualität, was seiner zweiten Karriere letztlich ein Bein stellen sollte. Sein Soundtrack allerdings war von exzellenter Qualität, es ist gleichzeitig sein bestes Solo-Album und eines der besten Alben seiner gesamten Karriere. Emerson adaptierte dafür verschiedenste Stile in seinen eigenen: Er wandte sich sehr entschieden von der Rockmusik ab und komponierte weitgehend moderne Klassik im Stile von Bartók, Ginastera und Ligeti, die von seinem alten ELP-Mitstreiter Godfrey Salmon orchestriert und dirigiert wurde. Emerson kombinierte dabei genregerecht Düsteres wie Expressionistisches, Dissonanzen und Tritoni, mit "Taxi Ride" gibt es allerdings auch jazzigen Latin-Pop im 5/8-Takt. Daneben erklingen seine charakteristisch brutalen Ostinati, viele chromatische Läufe, die das Auf- und Absteigen auf dunklen Treppen ausmalen, und sogar Musique concrète.

"Inferno" ist auf Augenhöhe mit ELPs "Karn Evil 9", und es gibt Weniges im Gesamtwerk Emersons, das an die Qualität von "Inferno" herankommt. Seine anderen Soundtracks sind durchweg schwächer, zu den besseren gehören allenfalls "Nighthawks" (1981), "Best Revenge" (1985) und "La Chiesa" (1989).

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08. Philip Glass (USA)


Koyaanisqatsi, 1983
08. Philip Glass: Koyaanisqatsi

"Koyaanisqatsi" - das kommt aus der Hopi-Sprache und bedeutet in etwa "Leben im Ungleichgewicht". In ihrem experimentellen Dokumentarfilm verzichten Regisseur Godfrey Reggio, Kameramann Ron Fricke und Komponist Philip Glass (unter Mitwirkung des früheren Tangerine-Dream-Musikers Michael Hoenig) komplett auf Texte und lassen die suggestive Kraft der Bilder in Verbindung mit der passgenau komponierten Musik für sich sprechen. Wird zu Beginn noch die unberührte Natur gezeigt, so fängt die Kamera schon bald ein, wo der Mensch seine Spuren hinterlassen hat. Sie folgt den Spuren hinein in die Zivilisation bis in die Innenstädte, um den hektischen Puls des Lebens einzufangen. Am Ende folgen wir minutenlang den Trümmern einer explodierten Weltraumrakete bei ihrer Trudelbewegung abwärts.

Auch wenn diese Zivilisationskritik etwas arg plakativ ist, so zieht die Bilderflut, die über den Zuschauer hereinbricht, dennoch unweigerlich in den Bann. Maßgeblich daran beteiligt ist der phänomenale Soundtrack von Philip Glass, seines Zeichens einer der Hauptvertreter der Minimal Music. Die Musik gibt den Takt vor, dem die Bilder - mal in Zeitlupe, mal im Zeitraffer - folgen. Seien es die schamanenhaft vorgetragenen Hopi-Prophezeihungen zu den Felsmalereien; seien es die ultrahektischen Synthie-Ostinati, wenn die Menschenmassen, die sich durch die U-Bahn-Rolltreppen quälen, gegen aus einer Wurstmaschine quellende Würste geschnitten werden.

Auch wenn die Musik natürlich kein Prog ist, so ist das Gesamterlebnis aus Bild und Ton im wahrsten Sinne progressiv zu nennen und sollte jedem aufgeschlossenen Hörer zusagen. Das Team Godfrey Reggio/Philip Glass drehte zu diesem Erfolg später zwei Fortsetzungen: "Powaqqatsi" und "Naqoyqatsi". Und so ganz nebenbei wurde mit diesem Film die Minimal Music populär und ebnete den Weg für die Soundtracks eines Michael Nyman oder Yann Tiersen ("Die fabelhafte Welt der Amélie").

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09. Rick Wakeman (Großbritannien)


G'olé!, 1983
09. Rick Wakeman: G'olé!

Sean Connery, Rick Wakeman und Paul Breitner zusammen auf einer DVD?

G'olé! war die offizielle Doku der 1982er Fußball-WM in Spanien. Der Hundertminüter fängt die pulsierende Agonie, die Ekstase und die Spannung des Fußballs ein… Na, aus heutiger Sicht ist der Film wohl eher langatmig. Seeeeehr langatmig. Sean Connery kommentiert mit lauwarmem Humor entscheidende Spiel- und vor allem Jubelszenen, dramatische Momente, aber auch die Feiern der Fans und Aufnahmen aus den Mannschaftskabinen. Dabei stehen notwendigerweise Italien und Deutschland, genauer Westdeutschland im Vordergrund, der Film fokussiert unter anderem aber auch auf Neuseeland und Kamerun, damals die Exoten.

G'olé! ist damit die einzige Doku auf unserer Liste (wenn man den Film-Essay "Koyaanisqatsi" nicht mitzählt). Rick Wakeman versorgt den Film mit der passenden, nur anfangs in den Vordergrund rückenden Musik: die meiste Zeit leistet sie das, was Filmmusik leisten soll, sie bleibt zurückhaltende Untermalung des Gezeigten. Konzentriert man sich auf die Musik, fällt zudem auf, wie sparsam sie eingesetzt wird. Dann aber untermalen melodiöse Pianostücke dramatische Momente, Keyboard-Fanfaren fußballerische Triumphe und flotte Latino-Etüden die Fanfeste der Brasilianer. Dementsprechend tragen die Stücke Titel wie "The Dove (opening ceremony)", "Latin Reel (Theme From G'olé)" oder "Frustration". Das alles kam damals sicherlich flott und energetisch daher, wirkt aber heute genau wie der Film, altbacken und langsam. Trotzdem: Progmusiker haben nicht oft Dokus mit ihrer Musik ausgestattet. Zu erwähnen wären etwa Wakemans "White Rock" (zu den olympischen Winterspielen in Innsbruck 1976), Vangelis' "Cosmos" (zu Carl Sagans gleichnamiger Dokureihe) oder die Verwendung von Stücken Tangerine Dreams oder Pink Floyds in zahlreichen Dokumentationen. Als offizieller FIFA-Film ist "G'olé!" aber sicherlich das herausragende Beispiel.

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10. Art Zoyd (Frankreich)


Nosferatu, 1989
10. Art Zoyd: Nosferatu

"Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens" wurde 1922 von dem deutschen Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau gedreht. Angelehnt an Bram Stokers Roman "Dracula" ist dies einer der ersten Horrorfilme. Er beeinflusste das Genre des Vampirfilms nachhaltig (wenn man mal von den blutleeren "Bis(s)..."-Schmonzetten absieht). Der Original-Score stammt von Hans Erdmann. Im Laufe der Jahrzehnte fühlten sich diverse Komponisten bemüßigt, eigene Versionen zu erstellen (u.a. gibt es auch eine Fassung der Goth-Rocker Type O Negative).

1988/89 komponierten die Franzosen Thierry Zaboitzeff und Gérard Hourbette ihre Version, die sie mit ihrem Avantgarde-Ensemble Art Zoyd diverse Male live und synchron mit dem Film aufführten. Zu diesem Zeitpunkt setzten Art Zoyd nicht mehr nur klassisches Instrumentarium ein, sondern verwendeten bereits immer mehr synthetische Klänge. Dabei verlassen sie jegliche Rockgefilde, so dass man das Ergebnis eher als zeitgenössische Ensemblemusik bezeichnen muss. Trotz dieser im Hinblick auf den Film anachronistischen Begleitung, passt das sehr gut. Die Musik ist teils von einer dramatischen, die Nackenhaare sträubenden Intensität, teils aber auch von einem eher verhaltenen, unterschwelligen Horror geprägt, dessen Essenz mehr in der Ahnung des Kommenden liegt. Die einzelnen Motive werden durch dramaturgische Wiederholung dabei nervenzerfetzend zugespitzt.

Für Art Zoyd war dies die erste Beschäftigung mit dem Medium Stummfilm. "Faust", "Häxan", "Metropolis" und "Eyecatcher" (basierend auf dem russischen Stummfilm "Der Mann mit der Kamera") sollten später als weitere Neuvertonungen hinzukommen. Ebenso hat sich Thierry Zaboitzeff auf solistischen Pfaden noch des Klassikers "Das Cabinet des Dr. Caligari" angenommen. Im Progbereich ist das aber nicht beispiellos: So haben Del Rey & The Sun Kings den russischen Klassiker "Battleship Potemkin" und die belgischen Postrocker We Stood Like Kings die beiden stummen Dokumentarfilme "Berlin - Lichter einer Großstadt" und "USSR" neu vertont.

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11. Marillion (Deutschland)


Brave, 1994
11. Marillion: Brave

Als Marillion 1992 nach Ideen für ein Konzeptalbum suchten, erinnerte sich Steve Hogarth an eine Radiomeldung über eine junge Frau, die völlig orientierungslos auf der Severn Bridge aufgegriffen worden war. Die Frau weigerte sich zu sprechen und ihre Identität blieb lange - auch ihr selbst - ein Rätsel.

Dieses Schicksal bot Hogarth die Inspiration für die Geschichte von "Brave", einem Konzeptalbum, zu dem ein Jahr später auch ein Film veröffentlicht wurde. Gemeinsam mit Regisseur Richard Stanley wob die Band auf Grundlage der wahren Begebenheit eine ganz eigene Geschichte über Einsamkeit, Gewalt, Missbrauch, Drogenkonsum, Angst und die daraus resultierenden psychischen Zustände. Den Rahmen der Handlung bilden dabei die Fragen des Psychiaters, in dessen Obhut sich die Frau nach dem Vorfall auf der Brücke befindet. Von dort aus wird man in Form von Rückblenden zu verschiedenen Stationen aus dem Leben der Frau mitgenommen. Dabei erscheinen immer wieder die Hollow Men, gesichtslose Männer mit weißen Masken. Erst am Ende wird aufgelöst, welche Geister die Frau plagen.

Die Bilder, die Richard Stanley findet, um das zunächst ja rein musikalische Konzept visuell umzusetzen, sind ausdrucksstark, offen genug, um einen Kunstanspruch stellen zu können – gleichzeitig aber auch sehr nahe am Musikvideo-Stil. Dennoch ist der Film in seinen besten Momenten gut gespielt, was zu seiner recht unmittelbaren Intensität sehr beiträgt. Es entsteht das stimmige Psychogramm einer völlig verstörten Person. Der Film gleicht dabei sogar einige Schwächen des Albums aus.

Film, CD und DoLP lassen die Geschichte übrigens jeweils unterschiedlich enden: Während die Geschichte auf der CD mit dem Stück "Made Again" hoffnungsvoll schließt, springt die junge Frau im Film letztlich doch von der Brücke. Die LP lässt den Schluss offen.

Für verfilmte Alben gibt es in der Rockmusik insgesamt zwar einige Beispiele, verfilmte Progalben sind aber selten. IQ schafften es mit "Subterranea" (2015), andere Projekte scheiterten jedoch meist kläglich. Darunter Jethro Tulls "Warchild", Genesis' "The Lamb Lies Down on Broadway", Jon Andersons "Olias of Sunhillow" und Dream Theaters "Astonishing".

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12. Vangelis (Griechenland)


Blade Runner, 1982
12. Vangelis: Blade Runner

Vangelis komponierte seine komplette Solo-Karriere hindurch immer wieder Musik für Filme. 1982 erhielt er für "Chariots of fire" sogar die höchste Ehrung: Als erster Elektronik-Künstler überhaupt bekam er den Oscar für den besten Soundtrack. Direkt im darauf folgenden Jahr begann er die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Ridley Scott, der zuvor mit "Alien" einen Klassiker des Science-Fiction-Horrors gedreht hatte. Das Projekt erhielt den Namen "Blade Runner" und bot dem gemeinen Progger sicherlich den interessantesten Film, für den Vangelis verantwortlich zeichnete - und das nicht nur, weil darin ein Einhorn vorkommt. Es wird ein dystopisches Bild vom Los Angeles des Jahres 2019 entworfen, in dem künstliche Menschen, sogenannte Replikanten, Amok laufen und Antworten auf die existentiellen Fragen suchen: Woher komme ich und wieviel Zeit bleibt mir? Der Blade Runner (gespielt von Harrison Ford) macht Jagd auf sie, begegnet seiner Femme fatale und muss sich am Ende selbst fragen, wer oder was er ist.

Bei Erscheinen war der Film nur mäßig erfolgreich, entwickelte sich aber im Laufe der Zeit zu einem echten Klassiker, dessen Einfluss auf die Pop-Kultur nicht unterschätzt werden sollte, gerade was das düstere Set Design betrifft. Vangelis' Musik unterstützt das noch durch entsprechende Synthie-Klänge, die immer wieder die Einflüsse anderer Kulturen verarbeiten, die im Multi-Kulti-Moloch L.A. aufeinander treffen. Mal romantisch, mal symphonisch, mal weltmusikalisch greift die Musik die Atmosphäre des Films perfekt auf. Veröffentlicht wurde der Soundtrack jedoch erst 12 Jahre später, nämlich 1994, ergänzt um einige Stück, die zur gleichen Zeit entstanden waren, jedoch im Film nicht verwendet wurden.

10 Jahre später arbeiteten Vangelis und Scott noch einmal zusammen. Der Soundtrack zum Film "1492: Conquest of Paradise" zählt wohl zu Vangelis' bekanntesten Werken - allerdings nicht wegen des Films, sondern weil der Boxer Henry Maske die Musik zu seiner Erkennungsmelodie machte.

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13. Keith Emerson (Großbritannien)


Iron Man Vol.1, 2002
13. Keith Emerson: Iron Man Vol.1

Nach dem "In the Hot Seat"-Fiasko suchte Keith Emerson nach neuen Betätigungsfeldern. Gleichzeitig plante Marvel eine neue Iron-Man-Zeichentrickserie, und so ergriff Emerson 1994 die Gelegenheit, ins Filmgeschäft zurückzukehren. Letzteres hatte allerdings nichts von seiner nervenaufreibenden Natur verloren: Wieder musste Emerson Fließbandarbeit abliefern, zudem biss sich das ambitionierte musikalische Konzept mit den banalen Geschichten - und so komponierte er am Ende nur zu 13 Folgen.

Die erst 2002 in limitierter Auflage erschienene CD enthält neben der Titelmelodie vier lange Kompositionen, die jeweils den Soundtrack zu einer ganzen Episode bildeten. Die Musik ist nicht durch eine innere musikalische Logik strukturiert, sondern durch die Handlung der jeweiligen Episode, wodurch sie auf CD einen ziemlich patchworkartigen Eindruck macht. Als akustische Illustration der Bilder funktioniert sie, für sich zu stehen, fällt ihr hingegen nicht so leicht.

"Iron Man - Main Title Theme" enthält die beiden musikalischen Themen, die das Album dominieren, weil sie leitmotivisch immer wieder erklingen: die heroischen Keyboardfanfaren des Iron-Man-Themas und das neobarocke, düstere Orgelthema des Mandarins. Dazu zieht Emerson viele seiner bekannten Inspirationsquellen heran: Die symphonische Neoklassik von "Inferno" scheint ebenso auf wie die neobarocke Orgelgotik von "La Chiesa", der hochtechnisierte urbane Funk von "Nighthawks" klingt genauso an wie der elektrifizierte New Age von "Harmagedon". Andere Passagen erinnern an Bartók, Strawinski, Holst, bisweilen zitiert Emerson sogar wörtlich, auch aus seinem eigenen Werk.

Obwohl die Musik der Handlungslogik der jeweiligen Folge unterworfen ist - und trotz des vergleichsweise dünnen Sounds - gehört "Iron Man" zu den eindrücklichsten Werken Emersons.

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14. Colossus Projects (Finnland)


The Spaghetti Epic - Six Modern Prog Bands For Six ´70 Prog Suites, 2004
14. Colossus Projects: The Spaghetti Epic - Six Modern Prog Bands For Six ´70 Prog Suites

Als Sergio Leone 1964 mit geringem Budget und einem (damals) unbekannten amerikanischen Hauptdarsteller namens Clint Eastwood im spanischen Alméria ein Remake von Akira Kurosawas "Yojimbo" drehte, konnte keiner ahnen, dass dadurch ein ganzes Genre begründet werden sollte: Der Italowestern, bisweilen auch abschätzig als "Spaghettiwestern" bezeichnet, brach mit den amerikanischen Genretraditionen und dekonstruierte dessen filmische und thematische Manierismen mit zynischem Humor, moralischen Grautönen und nicht zuletzt mit recht europäischen, an Opern, Dramen oder Passionsspiele erinnernden Inszenierungen. Letzteres Element wurde wesentlich durch die Musik von Komponisten wie Ennio Morricone oder Luis Bacalov geprägt, deren Scores nicht weniger eigenwillig und prägnant waren als die Filme, die sie untermalten, kommentierten oder begleiteten.

Die Popularität des Italowesterns ist ungebrochen, weshalb es nicht verwundert, dass sich das finnische Colossus-Magazin im Rahmen seiner vielbeachteten "Epic"-Projekte dieses Topos annahm. Auf bislang drei Alben ließ es verschiedene, vorwiegend italienische Retroprog-Bands Longtracks zu den Filmen einspielen. Der erste Teil von "The Spaghetti Epic" folgt dabei Leones "C'era una volta il West" (alias "Spiel mir das Lied vom Tod"), Teil zwei "Il buono, il brutto, il cattivo" ("Zwei Glorreiche Halunken") und Nummer drei schließlich Sergio Corbuccis "Il grande silenzio" ("Leichen pflastern seinen Weg"). Zwar mag auf diesen Platten die Qualität der Songs schwanken, schon durch Umfang und Intention ist das Projekt aber ehrfurchtgebietend genug.

Das Colossus-Magazin beschäftigte sich übrigens nicht nur mit Italowestern. Neben außerfilmischen Themen wie der finnischen Sagensammlung "Kalevala" oder Giovanni Bocaccios "Decamerone" wurde noch eine Zusammenstellung zu Akira Kurosawas "Die sieben Samurai" (1954) geboten. Einen anderen Weg ging man schließlich mit "The Empire & The Rebellion" (2008): Hier wurde zu den "Star Wars"-Filmen von George Lucas in gemeinschaftlicher Arbeit aller beteiligten Musiker ein "echtes" Konzeptalbum aufgenommen.

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15. Major Parkinson (Norwegen)


Twilight Cinema, 2014
15. Major Parkinson: Twilight Cinema

Gelegentlich setzen sich Alben auch mal inhaltlich mit dem Medium Film bzw. dem Thema "Kino" auseinander. Ob es sich bei "Twilight Cinema", dem dritten Werk der norwegischen Crossover-Progger Major Parkinson, um ein entsprechendes Konzeptwerk handelt? Das hat die Band in Interviews selbst bei direkter Nachfrage offen gelassen. Anspielungen auf konkrete Filme und Schauspieler finden sich allerdings zuhauf: Mary Pickford, Norma Shearer, "Ein Häuschen im Himmel", "Die Teufelsbrigade", "Metropolis", Film Noir, Historien-Kostümfilme - all das wird erwähnt, und zwischen den motivisch verknüpften Songs rattern Geräusche wie von einem altertümlichen Projektor mit eingespannten Zelluloidrollen. Es scheint, dass etwas Höheres die wie im Fiebertraum formulierten Texte miteinander verbindet. Dass es sich um eine Bezugnahme auf den Film handelt, ist dabei sicher keine abwegige Vermutung. In jedem Fall bleibt ein herausragendes Album, das in seinen Texten zumindest ab und an mal Filme direkt referenziert.

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