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Leitfaden: Skandinavischer Prog der 90er Jahre
Anekdoten
Änglagård
Höyry-Kone
Isildurs Bane
Landberk
Mats/Morgan
Morte Macabre
Pär Lindh Project
Roine Stolt / The Flower Kings
Simon Steensland
Sinkadus
Persönliche Tips
Ritual
Tenhi
The Flower Kings
STATISTIK
23788 Rezensionen zu 16255 Alben von 6316 Bands.
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Leitfaden:

Skandinavischer Prog der 90er Jahre



Anfang der Neunziger begann - aus welchen Gründen auch immer - nach den mageren achtziger Jahren ein Progressive Rock-Revival. Überall auf der Welt tauchten junge Bands auf, die sich dem Erbe des 70er Jahre Prog verschrieben - auch in seinen eher avantgardistischen Ausprägungen. Auf die NeoProg-Errungenschaften der 80er Jahre griff man weniger stark zurück. Erstaunlicherweise gehörte vor allem das kleine Schweden zu den Vorreitern dieser Welle; zwar gab es dort in den siebziger Jahren eine Reihe von hervorragenden Bands aus dem Prog-Umfeld, aber das war in anderen Ländern nicht anders. Dennoch brachte Schweden einige der kreativsten und auch erfolgreichsten Nachwuchsprogger hervor, und um diese soll es unter anderem hier gehen.

Auch im restlichen Skandinavien gab und gibt es einige hervorragende neue Bands, im folgenden durch die grandiosen Finnen von Höyry-Kone repräsentiert. Neben dem klassischen Prog machen sich nordische Bands unter anderem stark um die härteren Gangarten des Genres verdient, mehr dazu in der Prog-Metal-Abteilung des Leitfadens.

Die Hauptliste

Anekdoten (Schweden)


Vemod, 1993
Anekdoten: Vemod

From Within, 1999
Anekdoten: From Within

Im Mai 1990 gründeten Nicklas Berg, Jan Erik Liljeström und Peter Nordins in Borlänge (Schweden) das Bandprojekt King Edward (benannt nach einer schwedischen Kartoffelsorte!). Zu Beginn widmeten sich die drei ausschließlich King Crimson-Coverversionen, mit der Zeit entstanden aber auch eigene Songs. Im August 1991 stieß die klassisch ausgebildete Anna Sofi Dahlberg am Cello und Mellotron hinzu und ab diesem Zeitpunkt wurde aus dem losen Projekt eine wirkliche Band. Sie nannte sich fortan Ankedoten. Beeinflusst durch Änglagårds erste Scheibe "Hybris" und beeindruckt durch deren Erfolg in der Progressive-Rock-Szene entschlossen sich Anekdoten ein Debutalbum aufzunehmen.

Es dauerte jedoch bis zum März 1993, bis "Vemod" (=schwedisches Wort für Traurigkeit, Melancholie) endlich eingespielt und noch einmal bis September, bevor es im Eigenvertrieb veröffentlicht werden konnte. Die Mischung aus King Crimson-Musik der "Red"-Ära, schwedischer Melancholie und furiosen Instrumentalpassagen mit krachendem Bass, angereichert durch Mellotron und Cello sorgte für weltweite Aufmerksamkeit und fünfstellige Verkaufszahlen. Zudem festigte die Band auf diversen Konzerten und Festivals in Europa und den USA ihren Ruf als energiegeladene Liveband.

Das zweite, 1995 erschienene Album "Nucleus" führte durch seine aggressivere, härtere und wesentlich komplexere Gangart zu konträren Meinungen, doch gelang 1999 mit "From within" der Schritt in die richtige, eigenständigere Richtung. Die Scheibe vereint all das, was Anekdoten bisher schon auszeichnete, nämlich düstere, traurige, atmosphärische Musik, die auch mal ungeheuer kräftig reinhauen kann, mit fesselnder Monotonie und eindringlichem Minimalismus.

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Änglagård (Schweden)


Hybris, 1992
Änglagård: Hybris

Epilog, 1994
Änglagård: Epilog

1992 rüttelte eine junge schwedische Band mit ihrem Debutalbum die Prog-Welt gehörig auf. Änglagård bewiesen mit Hybris, dass es immer noch möglich war, ein grosses Prog-Album im Stil und Sound der siebziger Jahre zu schaffen, emotional mitreissend und originell. Reminiszensen an Genesis, Yes und King Crimson, klar, die gab es, aber ebenso Anleihen bei Museo Rosenbach oder Obskurerem wie Cathedral (den US-70s-Proggern, nicht der gleichnamigen NeoBand) und Schicke Führs Fröhling. Mellotron ohne Ende, kantige Gitarren-Leads, knackiger Squire-Bass, herausragend gutes Schlagzeugspiel, eruptiv sprunghafte Strukturen und viel nordische Melancholie verschafften Hybris die Geltung eines Klassikers, der schon jetzt in einem Atemzug mit den Meisterwerken der 70er Jahre genannt wird.

So viel Kreativität und Talent auf einmal waren offenbar zu viel des Guten. Schon nach dem zweiten Album, passenderweise Epilog genannt, zerfielen Änglagård. Aber ihr Abschiedsgeschenk an die Prog-Welt hat es in sich. Weniger offensichtlich den Klassikern verpflichtet, verfeinert "Epilog" den Stil des Erstlings. Die Musik gibt sich enigmatischer und im Wechsel von ruhig fliessenden und dissonant ausbrechenden Passagen vielleicht noch eindringlicher. Es lässt sich kaum sagen, welches der beiden Alben besser ist. Ihre Befürworter und Kritiker haben beide. Als Progfan sollte man Änglagård jedenfalls in der einen oder anderen Form gehört haben.

P.S. Das 'postum' erschienene Live-Album "Buried Alive" bietet leider einen eher schwachen Abglanz der Glorie der Studioalben.

P.P.S. Leider scheint immer mindestens eines der Änglagård-Alben gerade vergriffen zu sein. Aber das nächste Reissue kommt bestimmt.

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Höyry-Kone (Finnland)


Huono Parturi, 1997
Höyry-Kone: Huono Parturi

Die 1991 gegründete finnische Band Höyry-Kone (zu deutsch: Dampfmaschine) legte nach ihrem hervorragenden Debüt Hyönteisiä voi rakastaa ('Man kann Insekten lieben') mit Huono Parturi ('Der verrückte Barbier') nicht weniger stark nach. Wie die Titel schon andeuten, liefern Höyry Kone keine progressive Standardkost. Die Gitarre röhrt, das Cello kratzt, das Schlagzeug rumpelt, und über all dem erklingt die volle klassisch geschulte Baritonstimme des Sängers Topi Lehtipuu. Ausflüge ins Heavy-Fach werden ebenso souverän gemeistert wie Klezmer-Eskapaden oder Anleihen bei mittelalterlicher Kirchenmusik. Gelegentlich fühlt man sich wegen der heftigen Passagen und kraftvoll-treibenden Rhythmik an die schwedischen Anekdoten erinnert, und in der Tat gastiert "Anekdoten"-Drummer Peter Nordins auf zwei Tracks. Die eklektische Mixtur und der - bei aller nordischen Schwermütigkeit - stets vorhandene Humor machen Huono Parturi zu einem echten Highlight.

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Isildurs Bane (Schweden)


MIND, Vol.1, 1997
Isildurs Bane: MIND, Vol.1

Isildurs Bane begannen als symphonische Prog-Band mit Camel-Anleihen, aber als sich im Laufe der Jahre Keyboarder Mats Johansson als Hauptkomponist herausschälte, begann ein stetiger Wandel: Isildurs Bane verschrieben sich der Fusion von Symphonischen Prog, moderner klassischer Musik, Jazzrockigem und Zappaeskem.

Die Band baut auf einen sehr durch Schlaginstrumente geprägten Sound. Eingesetzt werden neben ungestimmten auch gestimmte Percussionsinstrumente wie Vibraphon, Marimba und diverse Glocken. Eine fette Leadgitarre und ein ebenso fetter Bass ergänzen den Sound, zusätzlich kombiniert mit einem Piano-Trio, Kammer- und Symphonieorchestern sowie zahllosen Gastmusikern an den verschiedensten Instrumenten. So werden - gekleidet in farbige, detail- und nuancenreiche Arrangements - die ebenso anrührenden wie intelligenten Kompositionen Johanssons zum Leben erweckt.

MIND Vol.1 ist das bisherige Meisterstück der Band (obwohl das nachfolgende Live-Doppelalbum MIND Vol.2 dem ersten Teil kaum nachsteht). Die in den Arrangements realisierte Verschränkung von klassischen Musikern und Rock-Band wird hier auf eine Stufe gehoben, die ihresgleichen sucht.

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Landberk (Schweden)


Indian Summer, 1996
Landberk: Indian Summer

Anfänglich vor allem von den ruhigen Seiten der frühen King Crimson inspiriert, entwickelten Landberk über die Jahre immer mehr einen eigenen Stil, der von der typischen skandinavischen Melancholie, der Verbundenheit mit der heimischen Folklore, instrumental aber auch von fetten Mellotronsounds und verzerrter Gitarre bestimmt ist. Landberk gehörten zusammen mit Änglagård und Anekdoten, mit denen zusammen sie auch mehrfach live auftraten, zu jenen Bands, die Anfang der 90er für eine Wiederbelebung der schwedischen Progressive Rock-Szene sorgten. Sie spielen mit Emotionen, steigern in ihren Songs langsam die Spannung, geben aber auch stimmungsvollen Ausflügen voll ruhiger Traurigkeit genügenden Raum.

Mit ihrem 1996 erschienen Longplayer "Indian summer" (so wie es momentan um die Band ausschaut, wahrscheinlich das letzte Album), gelang ihnen das eigenständigste Werk, auf dem sie sich noch mehr in Melancholie, Ruhe und Traurigkeit geflüchtet haben, ein Album perfekt für kühle, regnerische Herbstabende. Hier fließen zudem Alternative-Rock-Elemente ein, es entstehen Wechselspiele von zurückgenommener Rhythmustruppe, weichen, wunderbaren Mellotronklängen, verzerrten, zuweilen rockigen Gitarrenakkorden und traurig wirkendem Gesang.

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Mats/Morgan (Schweden)


The Music Or The Money..., 1997
Mats/Morgan: The Music Or The Money...

Die Muse hat die musikalischen Wunderkinder Mats Öberg und Morgan Agren bereits im zarten Jünglingsalter geküsst. Das Aufeinandertreffen des von Geburt blinden Keyboarders Mats mit dem virtuosen Drummer Morgan zeitigte schnell Erfolge in der experimentellen Musik. Schließlich nahm gar Frank Zappa Mats/Morgan während eines Schweden-Gigs auf die Bühne.

1996 veröffentlichte das Duo seinen Erstling "Trends And Other Diseases", der bereits die sehr eigene avantgardistische Musiksprache in vielen Facetten ausdrückte. Ein Jahr später folgte "The Music Or The Money...". Auch hier waren Zappa-Einflüsse, beatleske Harmonien, atonale Electronica und skurriler Rock zu einem Progressive Rock verwoben, der - in der Form vorher nie gehört - mitunter verblüffte Hörer zurückließ. Auch die folgenden Alben "Radio Da Da" und "Live" boten komplexe Kompositionen, wichen jedoch in Ton, Ausdruck und Interpretation so voneinander ab, als agierten ganz verschiedene Bands. Mats/Morgan orientieren sich dabei nicht an Stilvorgaben oder szenetypischem Ausdruck, sondern durchmessen den musikalischen Kosmos ohne Scheuklappen. Mit sicherem Gespür für Komposition und abstrakte Intonierung arbeiten sie verwegene Songs wie "Coco" aus, in denen ein beklagenswert schwaches Mellotron auf das energisch-virtuose Schlagzeug trifft. Der Spaziergang dieser beiden Instrumente kann sich schöner nicht beobachten lassen...

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Morte Macabre (Schweden)


Symphonic Holocaust, 1998
Morte Macabre: Symphonic Holocaust

Über die Jahre hinweg kultivierte Stefan Dimle, der Bassist von Landberk, seine Vorliebe für italienische Horrorfilme aus den 70ern. Doch neben den Filmen übte auch die Musik (vor allem die von Goblin) auf ihn eine eigenartige Faszination aus. Diese Musik mit Landberk zu covern erschien schwierig, immerhin fand er mit Gitarrist Reine Fiske einen Verbündeten. Durch die enge Verbundenheit zu Anekdoten konnten schließlich deren Gitarrist / Keyboarder Nicklas Berg und Schlagzeuger Peter Nordins das Quartett komplettieren. Das Resultat dieser Zusammenarbeit liegt unter dem Projektnamen Morte Macabre vor.

Bandname und Albumtitel suggerieren es bereits, auch die Covergestaltung spricht Bände: hier geht es düster zu. Abgesehen von elfengleichen, weiblichen backing vocals auf einem Titel ist "Symphonic Holocaust" ein reines Instrumentalalbum, das mit Ausnahme des knapp 18-minütigen Titelsongs und eines weiteren kurzen Titels aus lauter Coverversionen besteht, allesamt Interpretationen von Filmmusiken. Das bewußt düster angelegte Album macht ausgiebigen Gebrauch vom Mellotron, das im Booklet als das ideale Instrument für diesen Zweck gepriesen wird (wie wahr!). Nichts könnte seine Dominanz deutlicher machen als die Tatsache, daß alle vier Musiker als Mellotronisten aufgeführt werden.

Es gibt sehr viele ruhige Passagen von leicht hypnotisierender Wirkung. Aber immer wieder bricht die typische "Anekdoten-King Crimson-Variante" durch, d.h. es wird aggressiv und schräg, so z.B. im abschließenden Titelsong, der ausreichend Spielraum für Gitarrenimprovisationen liefert. Dem Schlußwort im Booklet ist nichts hinzuzufügen: "filled with highlights this selection of odd songs will make a dead man wiggle his toes".

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Pär Lindh Project (Schweden)


Gothic Impressions, 1994
Pär Lindh Project: Gothic Impressions

Der schwedische Keyboarder Pär Lindh gründete 1979 seine erste Symhonic Rock-Band mit Namen Vincebus Eruptum. Diese Gründung fiel ausgerechnet in die Zeit, da Punk und Discomusik den Progressive Rock verdrängten bzw. schon verdrängt hatten, und so verabschiedete sich Pär Lindh noch im gleichen Jahr von der Rockszene und begann in Frankreich eine klassische Ausbildung als Organist. Nach seiner Rückkehr nach Schweden 1988 begann er sich wieder mit Prog zu beschäftigen.

1994 erschien sein erstes Soloalbum "Gothic Impressions", aufgenommen mit Unterstützung namhafter Musiker der schwedischen Progszene, u.a. einiger Mitglieder von Änglagard. "Gothic Impressions" ist typischer Retro-Prog, d.h. es werden ausgiebig Stilelemente des Siebzigerjahre-Prog verwendet. Vor allem ist dieses Album vom Schaffen der britischen Klassik-Rocker Emerson, Lake & Palmer beeinflusst, aber Pär Lindh schwelgt noch viel stärker im barocken Orgelbombast. Wie seine Vorbilder bearbeitet Pär Lindh auf "Gothic Impressions" eine Komposition von Modest Mussorgski, die "Nacht auf dem kahlen Berge".

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Roine Stolt / The Flower Kings (Schweden)


Roine Stolt: The Flower King, 1994
Roine Stolt / The Flower Kings: Roine Stolt: The Flower King

The Flower Kings: Stardust We Are, 1997
Roine Stolt / The Flower Kings: The Flower Kings: Stardust We Are

Roine Stolt, Komponist, Gitarrist, Sänger und ehemaliges Mitglied von Kaipa, der führenden schwedischen sinfonischen Rockband der 70er, gründete nach deren Auflösung Ende der 70er zusammen mit seinem Bruder die Band Fantasia. Sie nahmen in der Folgezeit 2 LPs auf, bevor Roine Stolt einige rockige Soloalben folgen ließ, die aber eine mehr kommerzielle Ausrichtung hatten. Nachdem trotz einiger Aufnahmen in den Jahren 1992-93 der Versuch scheiterte, Kaipa zu reformieren, besann Stolt sich auf die eigenen musikalischen Wurzeln. Er kam mit dem ex-Jonas Hellborg-Schlagzeuger Jaime Salazar und ex-Samla Mammas Manna-Percussionist Hasse Brunuisson zusammen, um das Album "The Flower King" aufzunehmen. Dies war der Versuch, die Musik aus den 70ern in modernem Gewand in die 90er zu retten. Im August 1994 wurde das Album veröffentlicht, wobei es weltweit unter den Progressive Rock-Liebhabern Anerkennung erntete.

Die Mischung aus eingängigen Melodien, komplexen, wenngleich nicht überladenen Arrangements und dem variablen Gitarrenspiel von Roine Stolt geben diesem Album eine eigene, unverkennbare Note, was sich in den folgenden Jahren noch weiterentwickeln sollte. Besonders der Titelsong beeindruckte durch seine Retrosounds, einen mitreißenen Instrumentalteil und fesselnde Melodik. Er wurde namensgebend für die offiziell erst später gegründete Band und gehört auch heute noch zum Live-Repertoire der Band.

Ermutigt durch den überraschenden Erfolg und die weltweite Begeisterung unter den Progressive Rock Fans, stießen Roines langjähriger Wegbegleiter und Freund, der Keyboarder Tomas Bodin, sowie erneut sein Bruder Michael Stolt mit Bass und Gesang zu dem Trio hinzu. Nach gerade mal 4-stündiger Probe(!) spielte die Band ihren ersten Gig auf einem lokalen Progressive Rock-Festival. Die Musik war natürlich weit davon entfernt perfekt zu sein, aber das Feeling stimmte und auch dem Publikum gefiel es. So war dieses Konzert die eigentliche Geburtsstunde der Flower Kings.

Das Zusammenspiel der einzelnen Musiker, die alle schon auf verschiedenen Platten von schwedischen Künstlern mitwirkten, und auch ihr unterschiedlicher Background machen den wesentlichen Reiz der Musik aus. Obwohl Roine wegen seines Gitarrenspiels in diversen Kritiken mit Größen wie Steve Howe, Joe Satriani, Andy Latimer, Alan Holdsworth oder Steve Vai verglichen wurde, verfügt er über keine musikalische Ausbildung, sondern spielt "aus dem Bauch" heraus. Die Keyboardsounds haben ihr Vorbild in den 70ern: Hammond, Mellotron, Wurlitzer-Piano, analoge Synthesizer und Klavier sorgen für die nötige Wärme. Tomas Bodins klassische Ausbildung ermöglicht ihm Spielweisen von Wagnerischem Bombast bis hin zu elektronischem Minimalismus.

Das kompakteste Werk der Flower Kings stellt bisher das 1997 veröffentliche Doppelalbum "Stardust we are" dar. In einigen Kritiken wurde es sogar auf eine Stufe mit den Klassikern der 70er gestellt. Neben bekannten Zutaten wie Bombast, eingängigen Melodien und ausladenden Instrumentalparts zeigt sich die Band in einigen Titeln von ihrer bislang komplexesten Seite.

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Simon Steensland (Schweden)


Led Circus, 1999
Simon Steensland: Led Circus

Der introvertierte, schwedische Multiinstrumentalist Simon Steensland veröffentlichte 1999 sein verstörendes, progressiv-avantgardistisches Album "Led Circus", mit dem er auf unnachahmliche Weise zeigte, daß komplexe Musik aus Skandinavien nicht immer düster, melancholisch und schwermütig sein muss. Zwar ist "Led Circus" alles andere als von heiterer, leichter Muse beschwingt und spricht eine zutiefst skandinavische Sprache. Doch die Düsternis, die Melancholie ist nicht das tragende Moment in Steensland´s Musik. Vielmehr überrascht er mit amelodischen, wenngleich nicht atonalen Kompositionen, die ein weites Feld zwischen Progressive Rock (King Crimson, Van der Graaf Generator, Magma), folkloristischem (Free-)Jazz (Albert Ayler)und neuer Musik (György Ligeti, Olivier Messiaen) eröffnet.

Die kürzeren Stücke (Pinving, The Song of the 4th Monkey, The Dance Itself, Angles Without Eyes) können schon mal weit in den Jazzrock-Bereich geraten, den sie abstrakt-genüsslich ausloten. Oft hat man das Gefühl, dass die schwelgerischen Intonationen an Tanzmusik anklingen, dafür nur viel zu komplex, ernst und "schräg" sind. Doch die Hingabe, mit der Simon Steensland seiner Vorstellung von Musik mal hauchend, mal schreiend, mal schlagend, mal streichelnd Ausdruck verleiht, wird mit jedem Ton, jeder Note, jeder Dissonanz deutlich. Hier ist ein Meister am Werk, der ohne Vorbehalte und Schranken virtuose Musik voll Leben, Spannung und Farben auslebt. Tanzmusik für den Kopf.

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Sinkadus (Schweden)


Cirkus, 1999
Sinkadus: Cirkus

Sinkadus haben 1996 ihr Debüt "Aurum Nostrum" beim normalerweise auf Neoprog spezialisierten britischen Cyclops-Label veröffentlicht. Stilistisch ist man mit den leider verblichenen Änglagård vergleichbar. Somit erwartet den Hörer bester Retro-Prog und die Band fährt das ganze "fossile" Instrumentarium der 70er Jahre auf. Hierzu gehören eine bisweilen röhrende Hammondorgel, Mellotron, ein rumpelnder Bass in bester Squire-Manier usw. Der Sound der Schweden ist überwiegend melancholisch, wobei es aber auch zu vereinzelten emotionalen Ausbrüchen kommt. Eine Inspiration durch die schwedische Folklore ist bisweilen nicht zu überhören. Auch eine romantische Flöte und ein Cello kommen geschickt zum Einsatz. Der unauffällige schwedische Gesang wird sehr sparsam eingesetzt, passt aber gut zum schwermütigen Grundcharakter der Musik.

Das Album "Live At Progfest ´97" dokumentiert ein Konzert auf dem Progfest in Los Angeles im Jahr 1997. Dabei verstand es die Band, die Titel ihres Debüts eindrucksvoll auch auf der Konzertbühne umzusetzen. Mit dem zweiten Studioalbum "Cirkus" konnte man 1999 das hohe Qualitätsniveau sogar noch ein wenig übertreffen. Sinkadus haben wie die meisten ihrer Landsleute eine Nische im bisweilen leider allzu glatt polierten modernen Progressive Rock gefunden und überzeugen durch einen warmen Retro-Sound, ohne dabei Kopie eines großen Vorbildes der 70er Jahre zu sein. Somit sind sie ein weiteres Paradebeispiel für die Kreativität der skandinavischen Szene.

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Tipps abseits der Hauptliste

Ritual (Schweden)


Ritual, 1995


1995 nahm die schwedische Band um Sänger Patrik Lundström ihr gleichnamiges Debütalbum auf, das sicherlich zu den besten Musea-Veröffentlichungen der 90er Jahre zu zählen ist. Dabei greifen die vier Schweden nicht wie beispielsweise ihre Landsleute von Änglagard, Flower Kings oder Pär Lindh Project auf den typischen symphonisch-bombastischen Sound der 70er zurück. Nein, lange epische Titel im 10-Minuten-Bereich sind nicht ihr Ding. Statt dessen beweisen sie, wieviel Abwechslung auch in 5-Minuten-Songs stecken kann. Ansatzweise kann man Yes heraus hören, und auch Anklänge an Gentle Giant-Songs sind vertreten. Ob harte Nummern wie das ungemein wuchtige big black secret (Anspieltipp!) oder deutlich folkorientierte Kompositionen, alles überzeugt durch hervorragende Arrangements und starke Melodielinien. Und der wichtigste Pluspunkt der Band ist zweifellos der überragende Gesang des Patrik Lundström, der - wie ihre Liveauftritte beweisen - nebenbei auch ein exzellenter Gitarrist ist. Dieses Album ist zeitlos und wird in 10 Jahren noch genauso frisch aus den Boxen kommen wie heute.

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Tenhi (Finnland)


Kauan, 1999


Tenhi sind eine neuere Formation aus Finnland. Ihren Stil beschreiben sie passend als "Dark and melancholic progressive rock with folk elements". Ihr Debutalbum "Kauan", erschienen 1999, ist von der Melancholie geprägt, die für viele Bands aus dem skandinavischen Raum charakteristisch ist. Für die "folk elements" sorgt eine überwiegend akustische Instrumentierung, bei der Gitarre und Violine dominieren, während Keyboards eher im Hintergrund agieren und für die atmosphärische Untermalung sorgen. Die durchgehende Verwendung der für unsere Ohren sehr fremdartig klingenden finnischen Sprache sorgt für zusätzliche "Exotik".

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The Flower Kings (Schweden)


Retropolis, 1996


Retropolis ist vielleicht das konsistenteste Album der Mannen rund um Roine Stolt. Zwar gibt es hier nicht so viele Höhepunkte wie auf Stardust We Are, dafür ist das Album im allgemeinen ausgeglichener. Besonders begeisternd: der vertrackte Titelsong mit partiellem Jazzrock-Flair und "There Is More To This World", einer der besten Yessongs, die Yes nicht geschrieben haben.

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