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Leitfaden: Nordamerik. symphonischer Prog der 70er Jahre
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23179 Rezensionen zu 15819 Alben von 6134 Bands.
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Leitfaden:

Nordamerik. symphonischer Prog der 70er Jahre



Obwohl Bands wie Yes und ELP schon in den Siebziger Jahren großen Erfolg in den USA hatten und auch große Arenen füllen konnten, blieben amerikanische Prog-Bands zur Hochphase des Genres eine Randerscheinung. Nur wenigen Gruppen war nachhaltiger Erfolg beschieden - etwa Kansas oder Styx, deren eher geradliniger Sound letztlich zum AOR führte, oder Happy The Man, die trotz komplexer Kompositionen einen Plattenvertrag bei einem großen Label ergattern konnten und sich eine kleine, aber treue Fangemeinde erspielten. Viele Gruppen blieben jahrelang Insidertips, mussten ihre Alben selbst produzieren und vertreiben oder kamen nicht einmal über das Demo-Stadium hinaus. Dafür gibt es sicher viele Gründe. Deren Erörterung würde den Rahmen dieses Leitfadens sprengen, nur eines ist sicher: rein musikalischer Natur waren sie nicht. Was die kompositorische und spieltechnische Qualität angeht, brauchen sich die hier genannten Gruppen trotz ihrer teilweisen Obskurität nicht vor ihren Vorbildern aus Europa zu verstecken.

Erst die durch das Internet begünstigte Entstehung einer weltweiten Prog-Gemeinde machte seit den 90er Jahren eine Vielzahl von Wieder- und Neuveröffentlichungen seltener und verloren geglaubter Aufnahmen durch spezialisierte Label möglich. Darunter findet sich so manche Perle, die ein breiteres Publikum verdient gehabt hätte. Hier sollen einige empfehlenswerte US-amerikanische Prog-Alben vorgestellt werden. Natürlich ist die Liste nicht vollständig. Wer Appetit auf mehr bekommt, hat mit Bands wie Prism, Lift, Fireballet, Polyphony oder Mirthrandir noch viel Entdeckungsspielraum. Die ein oder andere im weiteren Sinne Prog-relevante US-Band bzw. der ein oder andere amerikanische Künstler wird in späteren Leitfaden-Abschnitten näher vorgestellt werden: Frank Zappa etwa wird aufgrund der Unüberschaubarkeit seines Oeuvres eine eigene Abteilung gewidmet werden; die ebenfalls exzellente US-Band The Muffins wird in einem Abschnitt über Canterbury-artigen Prog außerhalb Großbritanniens aufgeführt werden.

In Kanada war die Situation ähnlich wie in den USA. Größere Bekanntheit erlangten Rush, doch auch Bands wie Et Cetera oder Pollen sind sicher lohnenswert.

Die Hauptliste

Babylon (USA)


Babylon, 1978
Babylon: Babylon

Auch wenn Babylon nur kurz existierten und es von ihnen lediglich eine einzige - von der Laufzeit her zudem recht kurze - offizielle Veröffentlichung gibt, so hinterließen sie doch einen Eindruck, der bis heute anhält. Vor allem in den USA genießt die Band einen fast mystischen Kultstatus.

1976 in Florida gegründet zielte Babylons musikalische Ausrichtung von Anfang an auf die europäischen und amerikanischen Progressive Rock Bands der frühen 70er. Besonders der Einfluss der frühen Genesis spiegelt sich in ihrer Musik deutlich wieder. Dies reicht von der sinfonischen Grundausrichtung, den Keyboardsounds und den flirrenden Gitarrensoli bis hin zum Gesang, der in seiner Theatralik stark an Peter Gabriel erinnert. Dennoch bewahren Babylon einen eigenen Stil, indem sie sich auch auf komplexeres, aggressiveres Terrain vorwagen. Von Beginn an festigten die Amerikaner zudem ihren Ruf als sehr gute Liveband, unterstützt von multi-medialen Effekten (mit Projektionen, Filmsequenzen, theatralischen Einlagen).

Nachdem sie 1978 ihr bislang einziges Album veröffentlicht hatte, das schlicht "Babylon" hieß, brach die Band leider auseinander und zerstreute sich in alle Winde. Erst das 1999 erschienene CD-Reissue (übrigens abgemischt von Kevin Gilbert) machte die in Sammlerkreisen äußerst gesuchte Original-LP endlich in digitaler Überarbeitung auch für das breitere Publikum zugänglich.

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Cathedral (USA)


Stained Glass Stories, 1978
Cathedral: Stained Glass Stories

Cathedral sind vielleicht nicht die originellsten Vertreter des amerikanischen Progressive Rock: die Band bediente sich für ihr Album "Stained Glass Stories" freimütig bei Genesis, King Crimson und vor allem Yes (Rickenbacker Bass, Howe-Gitarre, Topographic Oceans-Percussion). Aber die vielteiligen, komplexen Kompositionen, die Energie der Band und vor allem der satte Siebziger-Jahre-Sound mit fettem, sehr im Vordergrund stehenden Mellotron, schneidender Lead-Gitarre und knackig-klirrendem Bass lassen darüber - ebenso wie über die leichten Schwächen des Gesangs - ohne weiteres hinweghören. Hinzu kommt, dass Cathedral definitiv (und eingestandenermaßen) Einfluss auf die schwedische Gruppe Änglagard hatten, eine der wichtigsten Bands des 90er Jahre Prog-Revivals. Änglagards Sound vor allem auf ihrem Debüt "Hybris" scheint "Stained Glass Stories" geradezu aus den Rillen geschnitten zu sein, wenngleich geprägt von einer deutlich melancholischeren Note.

"Stained Glass Stories" wurde 1991 wiederveröffentlicht. Cathedral nahmen noch ein zweites, angeblich ebenfalls hervorragendes Album namens "Epilogue" auf (hm, Änglagard zweites Album heisst "Epilog"...), das jedoch noch nicht offiziell erschienen ist. Lediglich als LP erhältlich ist daneben ein Solo-Album des Cathedral-Gitarristen "Oceans of Art", auf dem auch einige andere Cathedral-Mitglieder mitwirken.

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Ethos (USA)


Ardour, 1976
Ethos: Ardour

Anfang der Sechziger Jahre gründeten ein paar Teenager aus dem Mittleren Westen die Band "The Senturies", die mit ihrer Farfisa Soul spielte. Später wurde daraus "The Herd", eine Gruppe, die Soul und Rock nach dem Muster von The Young Rascals und Vanilla Fudge bot. Die Band wurde populär, mußte allerdings feststellen, dass sie ihren Namen nicht allein führte. Aus "The Herd" wurde daher "Atlantis". Die Musik wurde mystischer, trug aber immer noch den Stempel der Sechziger. Mehr und mehr interessierte sich die Band für die Fusion von Klassik, Jazz und Rock. Und weil es auch die deutsche Gruppe "Atlantis" bereits gab, wurde bald ein neuerlicher Namenswechsel erforderlich: "Ethos (Ardour)", wobei das "Ardour" in Klammern nie fehlte.

Zwischen 1972 und 1975 gaben Ethos pro Jahr über 100 Konzerte, später folgten große Festivals mit Yes, Focus, Weather Report und King Crimson. Auf die Frage, warum Ethos schließlich auseinanderbrachen, antwortete Will Sharpe 1999: "We desperately wanted to become the American response to King Crimson, but America didn´t want a response!"

Als Ethos im September/Oktober 1975 ihr erstes Album "Ardour" einspielten, begann der Stern des Progressive Rock gerade zu sinken. Ardour erzeugte ein helles Nachleuchten, das die Band hoch zum Olymp der komplexen Rockmusik emportrug. Einerseits liegt das an den hervorragenden, melodiereichen Kompositionen, den ausgefeilten, vielschichtigen Arrangements und der technischen Fähigkeit der Musiker, auf ihren Instrumenten souverän durch die schweren Gewässer zahlreicher Rhythmus- und Melodiewechsel zu steuern. Die symphonische Schwere wird dabei von hart geschlagenen Rhythmen attackiert, solistische Hyperaktivität im instrumentalen Zusammenspiel nuanciert. Witzige Momente konterkarieren den symphonischen Wohlklang und kaum ein Song gibt sich schlicht und einfach, wenngleich nicht unbedingt immer die ursprüngliche Songkonzeption - in "Everyman" z.B. ein zartes Wechselspiel sehr harmonischer und leicht dissonanter Tonfolgen - "progressiv" ist, sondern erst die Ausgestaltung durch vielfältige Improvisationen und facettenreiche Soli diese Bezeichnung rechtfertigt.

"Atlanteans" ist ein Stück voll symphonischer Schwere, dessen zum Schönklang gesteigerter Refrain auch in den Kitsch hätte abkippen können. Doch ein jazziges Zwischenspiel führt zu einer wundervollen Jazzrockpassage, die nach zwei traumhaften Minuten erneut in symphonisches Klanggeschehen mündet. Grandios. Das harte und sehr rhythmusbetonte "The Spirit Of Music" eröffnet die zweite Seite des Albums. Bass und Schlagzeug sind "gut unterwegs", trotz der sehr komplexen Strukturierung behält der Song eine gewisse Liedhaftigkeit, die in einem fulminanten Höhepunkt weit oberhalb des progressiven Durchschnitts den Hörer schwindeln läßt. Das Vorbild von Yes scheint hin und wieder durch, nicht nur beim Rickenbacker und bei den Keys, sondern auch im Arrangement und bei manch ähnlicher Harmonie. Auch King Crimson findet sich im Erbgut. Dennoch macht jeder Song die Eigenständigkeit von "Ethos" klar, die ihren eigenen musikalischen Teppich gefunden hatten, auf dem sich über 46 Minuten hinweg und durch acht Songs hindurch ein fantastischer Flug voll von Magie unternehmen ließ.

Ein Jahr nach "Ardour" erschien mit "Open Up" ein Album, das nahtlos an den Erstling anschloss. "Ardour" ist zumindest in Japan auf CD veröffentlicht worden. Warum "Open Up" seinen Platz auf Silber noch nicht gefunden hat, erscheint schleierhaft, bedenkt man wieviel mittelmäßige Musik auch im progressiven Bereich veröffentlicht wird. Mit "Relics" ist 2000 ein wertvoller Sampler erschienen, der einen packenden Querschnitt durch die Jahre 1973 bis 1975 bietet - mit gut klingenden unveröffentlichten Songs und weniger gut klingenden Live-Versionen.

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Hands (USA)


Hands (Aufnahmen von 1977-1980), 1998
Hands: Hands (Aufnahmen von 1977-1980)

Hands starteten als Schülerband mitten im texanischen Nirgendwo. Nach den üblichen Besetzungswirren und Umbenennungen (zwischenzeitlich hieß die Band mal "Festoons", dann "Ibis"), begann unter der Bezeichnung "Prism" die eigentliche Geschichte der Formation, die schnell lokal bekannt wurde und z.B. als Vorgruppe von "Gentle Giant" auftrat. Mit Hilfe einiger freundlicher Sponsoren gelang es, ein professionelles 24-Spur-Studio zu mieten, um ein Demo aufzunehmen. Schließlich wurde ein erneuter Namenswechsel nötig, da eine kanadische Band die Rechte am Namen "Prism" bereits besaß: "Hands" waren endlich geboren und getauft.

Die Band hat meines Wissens nie eine LP veröffentlicht. Die unter dem Namen "Hands" vorliegende CD enthält die bereits erwähnten (und noch einige weitere) Demos, die aber größtenteils exzellente, klare Aufnahme-Qualität haben. Musikalisch brauchen sich Hands vor keiner der großen Bands zu verstecken. Für die vielschichtigen, komplex verschachtelten Arrangements sind Gentle Giant ein deutlicher Einfluß, ebenso wie Happy The Man für die eindringliche, jedoch unpeinliche Melodik ('Mutineer's Panorama') oder Jethro Tull für die folkigen Passagen, die Flöte und die typische Kombination von akustischen Passagen und Hardrock-Ausflügen. Gelegentlich scheinen sogar Colosseum a là "Valentyne Suite" Pate gestanden zu haben (siehe "Antarctica").

Da die "Hands"-CD sehr positiv aufgenommen wurde, folgten weitere Archiv-Veröffentlichungen mit Demos und Liveaufnahmen sowohl unter dem Namen Hands ("The Early Years 1974-76", "Palm Mystery") als auch unter der Bezeichnung Prism ("Live 75-77"). Wer aber erstmals in die Geschichte dieser vergessen geglaubten Band reinschnuppern möchte, sollte mit der hier vorgestellten CD beginnen.

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Happy The Man (USA)


Crafty Hands, 1978
Happy The Man: Crafty Hands

Happy The Man gehörten zu den wenigen US-amerikanischen Prog-Bands, die es zu Lebzeiten schafften, einen Plattenvertrag bei einem großen Label (hier: Arista) zu ergattern. Die Ursprünge der Band reichen ins Jahr 1972 zurück. Obwohl die Gruppe ursprünglich mit Sängern arbeitete, wurde nach mehreren Besetzungswechseln das Konzept auf hauptsächlich instrumentale Nummern ausgerichtet, ergänzt durch den gelegentlichen Gesang von Gitarrist Stanley Whitaker. Happy The Man machten immer wieder Demo-Aufnahmen und waren sogar als Begleitband von Peter Gabriel im Gespräch, als dieser seine Solo-Karriere startete. Allerdings wurde das Projekt nie konkret: Die Gruppe wollte sich auf ihre eigene Karriere konzentrieren, während Gabriel nach einer gemeinsamen Probe fand, dass die Amerikaner zu sehr nach Genesis klängen, was man anhand der verfügbaren Aufnahmen allerdings kaum nachvollziehen kann.

1976 wurde unter der Leitung des renommierten Produzenten Ken Scott (Mahavishnu Orchestra, David Bowie, Supertramp) das unbetitelte Debüt-Album aufgenommen, eine überzeugende Mischung aus melodisch-sanften Instrumentals und komplexen Uptempo-Nummern mit deutlichem Canterbury-Einschlag und leichten Jazz-Einflüssen. Besonders herausragend ist dabei das Synthesizer-Spiel des Hauptkeyboarders Kit Watkins, der wie kaum ein zweiter ungeheuer melodische und zugleich atemberaubend flüssig-virtuose Soli und Linien zu spielen versteht. Frank Wyatt als zweiter Keyboarder hingegen sorgt eher für Arrangement-Fülle und fungiert zudem als Saxophonist der Band. All diese Zutaten wurden für das zweite Album "Crafty Hands" weiter verfeinert, das bei aller Komplexität überaus sphärisch, eindringlich und anrührend geraten ist.

Die immer größeren Schwierigkeiten mit Arista beim üblichen Tauziehen zwischen Band und Plattenfirma um musikalische Ausrichtung und kreative Kontrolle führten schließlich zur Kündigung des eigentlich auf fünf Jahre und mehrere Alben ausgelegten Vertrages. Dennoch nahmen Happy The Man Anfang 1979 noch einmal ein Demo für ein drittes Album auf. Als die Band mit diesem Material bei den Plattenfirmen auf keinerlei Interesse stieß, löste sie sich auf. Kit Watkins spielte anschließend bei Camel und ist als Solo-Künstler immer noch aktiv, Stanley Whitaker spielte in den neunziger Jahren mit der jungen amerikanischen Prog-Band Ten Jinn. Vor kurzem haben sich Happy The Man wegen des anhaltenden Interesses an ihrer Musik wieder zusammengefunden (allerdings ohne Kit Watkins) und arbeiten an einem neuen Studioalbum.

Mit ihren bislang nur zwei Studioalben erspielten sich Happy The Man eine treue Fangemeinde. Das ungebrochene Interesse an der Band wird durch die zahlreichen HtM-Archiv-Veröffentlichungen belegt: Bereits 1983 erschienen die oben erwähnten letzten Demos der Band als "3rd / Better Late...", in den neunziger Jahren folgten weitere CDs mit frühen Demos ("Beginnings" und "Death's Crown") sowie eine Live-CD.

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Kansas (USA)


Song for America, 1975
Kansas: Song for America

Point of know return, 1978
Kansas: Point of know return

Von den hier genannten US-Bands zählen Kansas zweifellos zu den bekanntesten und erfolgreichsten Formationen. Verkaufszahlen, die schon in den 70er Jahren Dimensionen jenseits der magischen Grenze von zehn Millionen Einheiten erreichten und ausgedehnte Tourneen, welche die Band bis nach Japan führten, sind eindrucksvolle Belege für diesen Erfolg. Zu ihrer besten Zeit brachten es die Mannen aus dem mittleren Westen auf über 200 Auftritte im Jahr. Selbst die Single-Charts konnte man mit der zuckersüßen Ballade "Dust In The Wind" und einem rockigen Song wie "Carry On Wayward Son" erstürmen. Dies sind sicherlich auch die mit Abstand bekanntesten Titel von Kansas.

Solch eingängiges Material allein würde kaum eine Nennung in diesem Leitfaden rechtfertigen. Kansas können neben dem Mainstream-Output aber auch mit einer dezidiert symphonischen und progressiven Seite glänzen. Auf sämtlichen Alben sind diverse Longtracks vorhanden, die die komplexeren Facetten der Band offenbaren.

Die Ursprünge der Gruppe aus Topeka (der Hauptstadt des US-Bundesstaates Kansas) lassen sich bis in die späten 60er Jahre zurückverfolgen, als die Vorgängerband "White Clover" aktiv war. Schon damals gehörte Gitarrist und Keyboarder Kerry Livgren zu den treibenden Kräften. Unter dem Namen "Kansas" veröffentlichte die Band 1974 das sehr überzeugende Debütalbum. Schon zu diesem Zeitpunkt waren die typischen Ingredienzen des Kansas-Sounds vorhanden, wozu die ausgewogene Mischung aus erdigem Rock und bombastischen Longtracks gehört. Als Meilensteine der progressiven Kansas-Seite seien Mini-Epen wie "Journey From Mariabronn", "Song For America", "Incomudro - Hymn To The Atman", "Magnum Opus" und "Closet Chronicles" erwähnt.

Die dynamische Geige von Robby Steinhardt entwickelte sich schon sehr früh zu einem Markenzeichen der Gruppe. Neben dieser für eine Rockband originellen Instrumentierung verfügte man mit Steve Walsh über einen überaus charismatischen Sänger, dessen Vocals ideal mit der Stimme von Geiger Steinhardt harmonierten. Der Tausendsassa Walsh übernahm zusammen mit Livgren überwiegend das Songwriting und zeichnete ebenfalls für die Keyboards verantwortlich. In einigen teilweise nahezu hardrockigen Passagen ergänzten sich Livgren und Gitarrist Richard Williams hervorragend.

Mit Alben wie "Song For America" (1975), "Leftoverture" (1976) und "Point Of Know Return" (1978) folgten weitere Meisterwerke. Der Stil der Amerikaner wurde nicht nur dem Progressive Rock zugeordnet, sondern oft auch als Bombast- oder Pomp-Rock bezeichnet. Die 80er Jahre standen stilistisch aber eher unter dem Stern eines beinahe radiotauglichen Maintream-Rocks, wenngleich ein Album wie beispielsweise "In The Spirit Of Things" (1988) durchaus seine Qualitäten hat. Livgren war mittlerweile ausgestiegen und konzentrierte sich auf christlichen Rockmusik mit seiner Band "AD" sowie als Solokünstler. Mit dem bislang letzten Output "Somewhere To Elsewhere" (2000) kam es überraschend zu einer Reunion der Formation aus den 70er Jahren. Livgren zeichnete dabei für das Songwriting verantwortlich. Doch ebenso wie Ur-Bassist David Hope gehört er nicht zum aktuellen Line-Up der Band, sondern war nur auf dem Studiowerk vertreten. Musikalisch hat man sich darauf noch stärker als bereits auf dem vorhergehenden Album "Freaks Of Nature" (1995) wieder in Richtung der 70er Jahre orientiert und den Mainstream der 80er Jahre hinter sich gelassen.

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Rush (Kanada)


2112, 1976
Rush: 2112

Hemispheres, 1978
Rush: Hemispheres

1976 hat sich das virtuose kanadische Trio Rush, bestehend aus Geddy Lee (Bass, Keys, Gesang), Neil Peart (Drums) und Alex Lifeson (Gitarre) an einer über 20-minütigen Prog-Metal-Suite namens "2112" versucht und stellte dabei neben großem Einfallsreichtum sein Talent für längere Formen unter Beweis. Mit "2112", ihrem vierten Album, schafften Rush den kommerziellen Durchbruch, obwohl die zweite LP-Seite teilweise noch schwächere Songs beinhaltete und der Sound nicht voll ausgereift war. Hervorzuheben wären das leicht orientalisch angehauchte Stück "A Passage to Bangkok" und die lyrische Ballade "Tears".

Die zwei Jahre später erschienene Platte "Hemispheres" dokumentiert eindrucksvoll die kompositorische und klangtechnische Weiterentwicklung des Trios, wie sie bereits auf "A Farewell to Kings" deutlich wurde. Alle Stücke stammen wie immer von Lee und Lifeson, wobei Drummer Peart gewohnheitsmäßig die Texte beisteuert, die der Musik öfters eine nachdenkliche oder gesellschaftskritische Note verleihen. Die Prog-Hard-Rock-Suite "Cygnus X-1 Book II / Hemispheres" glänzt durch eine gelungene Umsetzung der musikalischen Themen. Die charakteristische hohe Stimme des Sängers, der lebhafte Bass, das präzise, einfallsreiche Schlagzeugspiel und die zahlreichen Tempiwechsel erzeugten ein unverkennbares Klangbild. Die sparsamen Synthesizer-Parts dienten dabei noch hauptsächlich zur Unterstützung der Gitarre. Während - typisch für Rush - solistische Alleingänge zumeist dem Song untergeordnet sind, stellt das Instrumental "La Villa Strangiato" die drei Einzeltalente offen narzisstisch zur Schau. Zum Abschluss von "Hemispheres" vernimmt man daher gekonnte Gitarren- und Bassparts, halsbrecherische Schlagzeugfiguren und ein beeindruckendes Zusammenspiel des Trios.

Was die übrigen Alben von Rush betrifft, so gilt es vor den ersten beiden Platten ("Rush" und "Fly by night") zu warnen, es sei denn man steht auf durchschnittlichen Hard-Rock. Ebenso sind die Veröffentlichungen zwischen 1982 und 1991 nicht jedermanns Sache. Damals machten sich verstärkt Mainstream-Einflüsse bis hin zu nichtssagendem Pop-Rock und eine auf Kosten der Gitarre wachsende Rolle der Keyboards bemerkbar. Trotzdem sind auch in diesem Zeitraum einige Songperlen entstanden. So warten beispielsweise "Hold your fire" und "Power Windows" mit einem sicher für viele interessanten, elektronisch-bombastischen und oft bravourös dargerbrachten Pop-Hard-Rock auf. Empfehlenswerte Alben wären ansonsten "Caress of steel" (ein Ausflug in die Märchenwelt), "Permanent Waves" und "Moving Pictures" (eine etwas kompaktere Fortsetzung des "Hemispheres"-Konzeptes), ferner - und nicht zuletzt - zwei Konzertmitschnitte ("Exit...Stage Left", "Different Stages / Live"), die die Liveauftritte von Rush dokumentieren.

Die beiden letzten Studiowerke der Band ("Counterparts" und "Test for Echo") bieten bisweilen etwas kommerziellen, gleichzeitig jedoch kraftvollen Hard-Rock mit gelegentlich auftretender proggiger Komponente. Neil Peart wird inzwischen längst als Schlagzeug-Legende gehandelt und Geddy Lees Bass-Spiel gilt vielen als einmalig. Dabei ist es erstaunlich, dass Lees Song-Ideen nach über 26 Jahren kaum unter Verschleißerscheinungen leiden, wie auf seinem Soloalbum "My Favorite Headache" nachzuhören ist.

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Starcastle (USA)


Starcastle, 1976
Starcastle: Starcastle

Starcastle veröffentlichten zwischen 1976 und 1978 vier Alben und wurden als die amerikanische Antwort auf Yes gefeiert. Böse Zungen behaupteten schon damals, dass hier lediglich ein frecher Yes-Klon vorliege und warfen der Band Ideenlosigkeit vor. Objektiv betrachtet kann die stilistische Verwandtschaft mit dem großen britischen Vorbild nicht verleugnet werden. Der hohe Gesang von Terry Luttrell erinnert an die glockenhelle Stimme eines Jon Anderson. Auch der Bass ist sehr dominant und einige Harmonien erinnern ohne jeden Zweifel an das große Vorbild. Dennoch muss man betonen, dass Starcastle zu keinem Zeitpunkt des direkten Ideenklaus bezichtigt werden können. Vielmehr bewiesen die Amerikaner ein nicht zu verachtendes eigenes Potential und ließen in ihre ausgefeilten Kompositionen eine typisch amerikanische Leichtigkeit einfließen.

Die Band aus dem Bundesstaat Illinois wurde 1972 von dem Keyboarder Herb Schildt und dem Gitarristen Stephen Hagler gegründet. Mit Terry Luttrell fand man einen hervorragenden Sänger, der zur Anfangsformation der amerikanischen Mainstream-Band REO Speedwagon gehört hatte. Das 1976 veröffentlichte Debütalbum wird allgemein als das stärkste Album der Band angesehen. Es enthält mit dem Titel "Lady Of The Lake" einen Klassiker. Die nachfolgenden Alben "Fountains Of Light" und "Citadel" wurden beide 1977 veröffentlicht und konnten das hohe Niveau halten.

Neben der bereits erwähnten Verwandtschaft zu Yes waren Starcastle stilistisch auch ein wenig mit ihren Landsleuten Styx vergleichbar. So sind die Songs keinesfalls so verschachtelt wie bei dem großen britischen Vorbild. Der Gesang ist wie bei vielen amerikanischen Bands oft mehrstimmig gehalten. Mit dem Album "Real To Reel" hielt 1978 auch bei Starcastle der Mainstream Einzug. Kurz darauf brach die Band auseinander. Zur Freude der Fans hat sie sich mittlerweile aber reformiert und arbeitet sogar an einem neuen Album.

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Styx (USA)


Pieces Of Eight, 1978
Styx: Pieces Of Eight

Die Ursprünge von Styx gehen zurück ins Jahr 1963, als in Chicago die Zwillingsbrüder Chuck (Bass) und John (Schlagzeug) Panozzo zusammen mit Dennis De Young (Gesang, Keyboards) in der Bar-Band "Tradewinds" ihre ersten musikalischen Schritte unternahmen. 1965 in "TW4" umbenannt und während der Studienzeit 1969/70 um die beiden Gitarristen John Curulewski und James Young erweitert, unterschrieb das Quintett 1972 seinen ersten Plattenvertrag. Gleichzeit erfolgte die Umbenennung in Styx, nach dem Fluss, der in der griechischen Mythologie die Unterwelt Hades umkreist.

Der Anfang war beschwerlich, trotz ausgiebiger Begleittourneen erreichte man mit den ersten vier Alben ausschließlich regionale Beachtung. Erst als 1975 ein Chicagoer Radiosender das von 1973 stammende "Lady" in die Heavy Rotation aufnahm, begann sich der Erfolg langsam einzustellen. Den richtigen Schub bekam die Band vor allem durch einen Besetzungswechsel an der Gitarre. Curulewski ging und für ihn kam Tommy Shaw, der fortan auch als Co-Songschreiber für steigende Verkaufszahlen sorgte. Gleichzeitig wurde die Band von den Kritikern allerdings regelrecht verrissen. Der "Rolling Stone" befand: "Ihre Musik ist nicht der Rede wert. Wenn man Queen und Yes gehört hat, hat man alles gehört."

Mit wachsendem Erfolg in den Charts stiegen Styx in die Garde der arenafüllenden Bands auf und spielten in den USA nur noch in großen Hallen bzw. Stadien. Besonders in der Heimat feierte man kommerzielle Erfolge, sowohl durch Alben wie "The grand illusion" (1977), "Pieces of eight" (1978), "Cornerstone" (1979) oder "Paradise theatre" (1981), als auch durch die Singlehits "Babe", "The best of times", "Too much time on my hands" oder "Mr.Roboto", um nur einige zu nennen. In Europa erreichte man nicht den Bekanntheitsgrad wie jenseits des großen Teiches, "Boat on the river" war hier der größte Erfolg, eine Single, die in den USA eigenartigerweise fast keine Beachtung fand.

Gerade dieser Titel wurde (ähnlich wie "Dust in the wind" für Kansas) zum Fluch. Zusammen mit späteren radiotauglichen Schmachtballaden vertuscht er eigentlich, dass Styx vor allem eine gut abgehende Rockband sind und es besonders in ihren Frühwerken sowohl starke Elemente sinfonischen Bombasts als auch verspielte Soloteile zu hören gibt. Bestes Beispiel dafür ist das von 1978 stammende "Pieces of eight", wo krachende Rocker wie "Great white hope", "Blue collar man" oder "Renegade", neben orchestral angehauchtem Symphonic-Rock a là "Lords of the rings", "Queen of spades" oder "Pieces of eight" stehen. Da Styx über drei fast gleichberechtigte Songschreiber und Sänger verfügten, sind ihre Alben bis 1978 sehr vielschichtig und variationsreich. Während James Young den düsteren Rocker hervorkehrt (dem die Kritiker öfters vorhielten, er führe sich auf der Bühne auf, wie ein Offizier aus dem 3. Reich), steht Dennis De Young für die gefühlvollen, leichteren Momente, sorgt aber auch an den Keyboards für orchestralen Bombast und progressive Sprenkler. Tommy Shaw ist als Verbindung beider Elemente zu sehen und mimt vor allem live den strahlenden amerikanischen Sonnyboy.

Mitte der 80er schien es mit der Band zu Ende zu sein, in den 90ern raffte sie sich in wechselnden Besetzungen zu mehreren Reunions auf, ohne jedoch den kommerziellen Erfolg der frühen Tage wiederholen zu können. Live sind Styx immer noch großartig, wovon man sich in Deutschland im Jahr 2000 eindrucksvoll überzeugen konnte.

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Yezda Urfa (USA)


Sacred Baboon, 1976
Yezda Urfa: Sacred Baboon

Yezda Urfa gehören zweifellos zu den sowohl originellsten wie auch anspruchsvollsten US-Bands der siebziger Jahre. Gegründet 1973 nahm die Band 1975 eine selbst-produzierte Demo-LP namens "Boris" auf, die heute zu den gesuchtesten US-Prog-Raritäten überhaupt gehört und immer noch nicht auf CD erhältlich ist. Zwar gelang es der Band nicht, mit "Boris" einen Plattenvertrag an Land zu ziehen, dennoch entschloss sie sich eine LP in Eigenregie - eben "Sacred Baboon" - aufzunehmen, die allerdings erst 1989 vom amerikanischen Prog-Label Syn-Phonic veröffentlicht wurde. Bei aller Obskurität der Band kann man dieses Album zu den Klassikern des amerikanischen Seventies-Prog zählen.

"Sacred Baboon" bietet einen abteuerlichen, rasanten, unwiderstehlichen Mix aus abgefahrenen Polyphonie-Experimenten à la Gentle Giant, hohem Lead-Gesang und knackigem Bass à la Yes, humorigen Nonsense-Texten und virtuoser Musikalität. Die Songs gehen in der Regel ab wie Schmidts Katze, eine Idee jagt die nächste. Bei ihren komplex-verwobenen Arrangements und atemberaubenden Instrumental-Passagen macht die Band keine Gefangenen. Für alle Freunde der komplex-abgefahrenen Seite des Prog ist "Sacred Baboon" sicher ein wahres Schatzkästchen.

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Tipps abseits der Hauptliste

FM (Kanada)


Black Noise, 1977


Die kanadische Band FM darf nicht mit der britischen Mainstream-Combo gleichen Namens verwechselt werden. Die Gruppe aus Toronto in der Provinz Ontario bildete sich 1976. Zur Gründungsformation gehörten der Keyboarder, Bassist und Sänger Cameron Hawkins sowie ein Musiker mit dem originellen Spitznamen "Nash The Slash". Der Letztgenannte zeichnete für elektrische Geige und Mandoline verantwortlich. Die Verwendung der Geige bei einer Progressiveband ist für die 70er Jahre gar nicht so ungewöhnlich, aber eine Mandoline kann schon als sehr exotisches Instrument bezeichnet werden. Um so erstaunlicher, dass insbesondere der elektrisch verstärkte und verzerrte Klang der Mandoline die fehlende Gitarre fast perfekt kompensiert.

Nachdem Schlagzeuger Martin Deller zur Band gestoßen war, hatte sich die Trio-Formation gefunden, die in der näheren Umgebung von Toronto erste Liveerfahrungen sammeln konnte. Im Jahr 1977 nahmen FM ihr Debütalbum "Black Noise" auf. Darauf boten die Kanadier kraftvollen Progressive Rock und gingen dabei einen geglückten Kompromiss zwischen dem herkömmlichen Progressive Rock der alten Schule und der kanadischen Rocktradition ein. Neben Geige und Mandoline prägte insbesondere ein voluminöser Keyboardsound das Geschehen. Zu ihm gesellte sich der angenehme Gesang des Tastenmannes Cameron Hawkins.

Drängt schon die Besetzung einen Vergleich mit UK auf, so ist doch festzustellen, daß FM ihr Debütalbum bereits ein Jahr vor den Briten veröffentlichten. Die dynamischen Synthies wecken beinahe Erinnerungen an den späteren Sound von Saga (ebenfalls aus Kanada). Somit waren FM ihrer Zeit weit voraus, da sie den herkömmlichen Progressive Rock in eine rockigere Richtung gelenkt hatten. Dabei verstanden sie es, bombastische Elemente mit teilweise fast ohrwurmartigen Refrains zu verbinden. Der auch als Single veröffentlichte Opener "Phasors On Stun" ist ein glänzendes Beispiel dafür.

Nach der Veröffentlichung verließ "Nash The Slash" die Band und wurde durch Ben Mink ersetzt. Kurz darauf folgte 1978 die Veröffentlichung des raren Instrumentalalbums "Direct To Disk". Die LP "Surveillance" aus dem Jahr 1979 präsentierte die Band von einer eingängigeren Seite, konnte aber dennoch überzeugen. Gleiches gilt für "City Of Fear" von 1980, obwohl sich hier der Mainstream-Einfluss noch verstärkt hatte. An die Qualität des Debüts konnten beide Alben aber nicht heranreichen.

Anfang der 80er Jahre waren FM in Nordamerika ausgiebig auf Tour und spielten unter anderem zusammen mit den kanadischen Landsleuten von Rush. Nachdem Gründungsmitglied "Nash The Slash" wieder an Bord gegangen war, nahmen FM die Alben "Con-Test" (1985) und "Tonight" (1987) auf, welche reinen Mainstream boten. Gerade "Tonight" stellt den absoluten Tiefpunkt in der Karriere der Band dar und funktioniert nicht einmal als herkömmliches Mainstream-Album.

Das Livealbum "RetroActive" von 1994 ist das bisher letzte Lebenszeichen von FM und präsentierte die Band wieder in der Besetzung des Klassikers "Black Noise". Zum Glück wurde die reine Kommerzphase dabei ausgespart.

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