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Pain of Salvation

Road Salt One

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2010
Besonderheiten/Stil: Blues; HardRock; sonstiges
Label: InsideOut
Durchschnittswertung: 12.33/15 (4 Rezensionen)

Besetzung

Daniel Gildenlöw vocals, guitar, tambourine, organ, bass, drums, piano, electric piano, keyboards, balalaika, mandolin, lute
Léo Margarit drums, backing vocals
Johann Hallgren guitar, backing vocals
Frederik Hermansson piano, electric piano, organ, keyboards, fender rhodes

Gastmusiker

Jonas Reingold bass (on "No Way")
Mihai Anton Cucu violin (on "Sisters" and "Innocence")
Camilla Arvidsson violin (on "Sisters" and "Innocence")
Kristina Ekman viola (on "Sisters" and "Innocence")
Gustav Hielm bass (on "Innocence")

Tracklist

Disc 1
1. what she means to me   (bonus track) 0:50
2. no way 7:09
3. she likes to hide 2:57
4. sisters 6:15
5. of dust 2:33
6. tell me you don't know 2:42
7. sleeping under the stars 3:37
8. darkness of mine 4:16
9. linoleum 4:55
10. curiosity 3:34
11. where it hurts 4:51
12. road salt 4:40
13. innocence 7:13
Gesamtlaufzeit55:32


Rezensionen


Von: Thomas Kohlruß (Rezension 1 von 4)


Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Rezension erreicht? Nach 47 und einem Durchlauf, wenn man das Album durch und durch kennt, "es verstanden hat"? Wenn man schon beim ersten Kontakt eine tiefe Verbundenheit und ein Gefühl "hier bin ich zu Hause" spürt? Irgendwo dazwischen? Nie war ich mir so unsicher, wie in diesem Fall. Das hat Gründe, die sich hoffentlich im Folgenden erhellen werden.

Pain of Salvation legen ein neues Studioalbum vor. Das ist schon ein großes Szene-Ereignis, handelt es sich bei den Schweden doch um eine der eigenständigsten und profiliertesten Progmetal-Bands. Oder muss man angesichts von "Road Salt One" von 'handelte' sprechen? Die gute Nachricht: Pain of Salvation sind wieder da. Die schlechte Nachricht: Es sind gar nicht Pain of Salvation. Der Stimmungswechsel, den die Schweden mit diesem Album gegenüber ihren früheren Werken vollziehen, ist nicht anders als radikal zu bezeichnen. 'Progmetal', ja 'Metal' überhaupt, ist aus dem Sound der Band verschwunden. Wie sich schon auf der "Linoleum"-EP andeutete gibt es eine starke Hinwendung zu klassischem 70er Jahre Hard Rock in der Tradition von Led Zeppelin oder Deep Purple. Das zieht sich durch bis in die Produktion, die zwar klar und transparent daherkommt, aber sicher nicht so druckvoll und 'laut' wie moderne Pendants wirkt. Zum einen will Gildenlöw damit ein Zeichen gegen den Loudness-War setzen und dem Hörer wieder die Erfahrung von Dynamik gönnen, zum andern geht es sicherlich eben auch um das Zitat des klassischen Hard Rocks.

Aber es kommt noch ganz anders – mancher Fan der frühen Stunde mag sagen: schlimmer. Nach dem fetten Rocker "No Way" (mit wunderschönem Gesangsintro "What she means to me", unterlegt mit Brian May-Gitarren, zumindest, wenn man die 'richtige' Version des Albums erworben hat, dazu später mehr) gibt es einen ersten waschechten Blues zu Hören. Allerdings natürlich mit dem exaltierten Gesang eines Daniel Gildenlöw. Dererlei gibt es im Verlauf des Albums noch öfters. Immerhin folgt mit "Sistes" dann so gleich eine wundersame Ballade mit sanften Streicherarrangements und zarten Keyboards und wiederum einer kaum fassbaren Gesangsleistung von Gildenlöw. Der Hörer muss aber weiterhin einem einer Achterbahnfahrt gleichenden Hörerlebnis folgen. Sakrale Chöre leiten "Of dust" ein (welches ein bisschen wie eine Reminiszenz an "BE" wirkt), dann ist wieder Blueszeit, bevor wir mit den Schweden einen Walzer tanzen, der immer mehr aus dem Ruder läuft.

Das war die "Seite A" des Albums. Die "B-Seite" hält dann wiederum artifiziellen Blues, fette Hard Rocker (das bereits bekannte "Linoleum" – in deutsch eingezählt durch den Chef selbst – taucht hier auch auf) und fast schon schmerzhaft intensive Balladen, darunter auch der Titeltrack, der ja der Eurovison Song Contest-Beitrag von Pain of Salvation war (mit dem sie dann allerdings in der schwedischen Vorentscheidung - liebevoll "Melodiefestivalen" genannt - im Halbfinale ausgeschieden sind; aber immerhin!), bereit. Was für ein Song, der eigentlich nur aus Gesang und sanfter Rhodes- und Mellotronuntermalung besteht. Mir steht hier regelmäßig das Wasser in den Augen. Ich hätte ja diesen Song gerne mal im ESC-Finale erlebt. Zum Schluss gibt es dann mit "innocence" den vielleicht einzigen 'echten' PoS-Song des Albums. Wahrscheinlich kommt dieses 'Friedensangebot' aber zu spät.

Wie will man nun so ein Album bewerten? Es dürfte deutlich geworden sein, dass "Road Salt One" jegliche Brücken zur Vergangenheit von Pain of Salvation abgebrochen hat, bis auf den Gesang von Daniel Gildenlöw. Progmetaller werden die Abwesenheit der härteren Schiene bedauern, Prog-Fans mit einer Aversion gegen Blues werden mit diesen Elementen zu kämpfen haben. Die diversen Einsprengseln von Gospel über Chanson bis hin zur Psycho-Kirmes machen es vermutlich nicht einfacher. Es sei denn man hat – wie der Rezensent – das Gefühl, dass dieses Album mit seiner eigenwilligen Mischung gepaart mit dem schon wahnsinnigen Gesang von Daniel Gildenlöw direkt für einen gemacht ist. Wenn es jemals so etwas wie 'Progressive Blues Hard Rock' geben sollte, hier haben wir es vor uns.

Wenn man einen Blick ins Booklet wirft, dann wird einem vermutlich gewahr, warum sich "Road Salt One" so ganz eigenständig gebärdet. Mehr denn je ist dies ein Solowerk von Daniel Gildenlöw. War Gildenlöw sicherlich schon immer der Mastermind von Pain of Salvation und prägend für die Band in jeglicher Hinsicht, so hat sich dies mit "Road Salt One" auf die Spitze gesteigert. Die drei anderen Pain of Salvation-Mitglieder sind hier nicht mehr als befreundete Session-Musiker, die die Ideen des Daniel Gildenlöw umsetzen. Wenn überhaupt, denn diverse Songs bestreitet Gildenlöw gesanglich wie instrumental komplett im Alleingang. Das geht soweit, dass er sogar nachträglich eingespielte Beiträge seiner Bandkollegen wieder durch seine ursprünglichen eigenen ersetzt hat. Vielleicht sollte man also eher von einem Soloalbum Gildenlöws sprechen. Einzig Drummer Leo Margarit gewinnt etwas eigenständiges Profil insbesondere durchsein Schlagzeug-Gewitter bei "Where it hurts" (und ein sehr guter Background-Sänger ist der Franzose im übrigen auch noch). Als Gastmusiker gibt Jonas Reingold in "No Way" einen kurzen Auftritt und wird im Booklet als vom Album Begeisterter erwähnt.

Zahlreiche PoS-Fans werden sich sicherlich schwer mit dem Album tun. Im Internet habe ich einen Kommentar gelesen: "Veränderung, Entwicklung, schön und gut... aber musste es ausgerechnet Blues sein?". Ich glaube an "Road Salt One" werden sich die Geistern ebenso scheiden wie seinerzeit an "BE". Es spricht für die Schweden, dass ihnen immer wieder solch aufrüttelnde Werke gelingen. Alles andere wäre Stillstand und Langeweile. Man könnte an diesem Punkt auch noch trefflich darüber diskutieren, in wie weit dieses Album eigentlich noch 'Progressive Rock' ist, angesichts eher schlichter, eingängiger Songstrukturen, die so sicherlich auch nie ein PoS-Album bevölkert haben. Aber für mich ist das müßig, da macht es dann schon die Mischung und Gildenlöws Charisma und sein einmaliger Gesang. Das erhöht natürlich die Spannung auf den zweiten Teil dieses Werks, der noch in diesem Jahr erscheinen soll. Mich, der ich gar nicht so der riesige PoS-Fan bin – ich tat mich lange Zeit schwer mit der Band und mag bis heute Werke wie "Entropia", "One Hour By The Concrete Lake" und vor allem "Scarsick" lieber als die eigentlichen Band-Klassiker –, hat dieses Album weggeblasen wie schon lange nichts mehr. Ich tippe mal darauf, dass dies das Album des Jahres für mich sein wird.

Anmerkung: Diese Rezension bezieht sich auf die sogenannte "Limited Edition". Diese kommt in einem hübschen Digipak, von dem uns Pain of Salvation fast schon wie seinerzeit Deep Purple von "In Rock" grüßen (auch das vermutlich kein Zufall). Außerdem enthält diese Version das schon erwähnte Gesangsstück "What she means to me" als Opener (also nicht wundern, wenn in zahlreichen Rezensionen von "No Way" als Opener zu lesen ist), was sich sehr gut macht. Außerdem sind die Songs "No Way" und "Road Salt" in etwas längeren Versionen enthalten. Welchen Sinn so eine Veröffentlichungspolitik macht, muss man vermutlich InsideOut fragen. Ich finde das nur peinlich. Aber was soll's, einfach zur "Limited Edition" greifen und gut ist.

Anspieltipp(s): Wie soll das gehen, ohne gerade den falschen Titel zu erwischen?
Vergleichbar mit: 70er Jahre Hard Rock gepaart mit allerlei Kuriosem durch den Gildenlöw-Wolf gedreht...
Veröffentlicht am: 3.6.2010
Letzte Änderung: 1.8.2013
Wertung: 13/15
Sicherlich keine Wertung im "Band-Kontext", sondern meine perönliche Begeisterung für dieses Werk

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Von: Christian Rode @ (Rezension 2 von 4)


Road Salt - das trifft es weitgehend sehr gut. Wenn ich die Musik dieses für Pain of Salvation ungewöhnlichen Albums höre (aber welches PoS-Studioalbum seit BE war nicht ungewöhnlich?), dann sind dies Begriffe, die die richtigen Assoziationen wecken. Die Straße. Der Staub. Das Salz auf der Haut. Der Schweiß. Ich habe selten ein schwedisches Album gehört, das so amerikanisch klingt wie Road Salt One.

Die Vielfalt vorwiegend amerikanischer Musikstile ist denn auch das einigende Band dieses Albums. Es gibt Hardrocknummern im Stile der EP Linoleum (No way, Darkness of mine, Linoleum, Curiousity); Bluesrocker, die an Ten Years After (Tell me you don't know) oder mit Soul an Leon Russell (She likes to hide) erinnern oder ganz eigenständig klingen (Innocence); ein Spiritual ohne Schlagwerkzeug, das man aber dennoch erahnt, denn es muss der monotone Hammer von Railroadarbeitern in der Gluthitze sein (Of Dust). Ein Wunder, mit welcher Inbrunst Gildenlöw dem seine Stimme leiht. Bei den Bluesnummern merkt man auch, dass Gildenlöw ein ganz vorzüglicher Bluessänger ist.

Dazwischen haben sich noch ein kunstvoll-zarter Song voll dunkler, mysteriöser Schönheit (Sisters) und ein Walzer, der mich an Leonard Cohens Take this Waltz mit ein bisschen Kirmes erinnert, verirrt. Im Stil zunächst ähnlich wie Sisters, nur bald heftiger kommt Where it hurts. Der Titelsong bleibt zart und melodisch. Sehr hübsch, aber - der Einwurf sei gestattet - keine Chance gegen Lenas Satellite... ;)

Gildenlöw & Co. drücken dem Album - bei allen Anleihen in den frühen 70ern - klar ihren eigenen Stempel auf und lassen Road Salt One keinesfalls als müden Abklatsch, sondern als gut geerdeten, modernen Artrock erscheinen.

Kritisch kann man allerdings anmerken, dass die Balance des Albums nicht ganz stimmig ist. Im ersten Teil gibt es viele entspannte Stücke, während sich die Abgehnummern in der zweiten Hälfte häufen. Dies hinterlässt den Eindruck, dass Road Salt One ein Album mit recht gedämpfter Power ist (was nicht stimmt) und es zementiert nachhaltig den Eindruck der Abkehr vom Progmetal (was vollauf zutrifft). Pain of Salvation hatten eine gute Zeit mit dem Progmetal, aber wer hört heute schon noch Progmetal...? Daniel Gildenlöw wohl jedenfalls nicht.

Anspieltipp(s): No Way, Of Dust, Tell me you don't konw, Where it hurts
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 10.6.2010
Letzte Änderung: 8.3.2012
Wertung: 12/15

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 3 von 4)


Wow! Pain of Salvation. Wer hätte gedacht, dass ich je ein Album von denen nicht nur mag, sondern sogar höre!

"Kein Progmetal mehr, kein Prog, kein Metal" schrieb neulich einer und meinte das kritisch – Na und! "Progressive Metal steht mittlerweile", wie Ron Jarzombek (Watchtower) neulich ganz richtig sagte, "für Keyboard-Metal". Es zeugt von Integrität, sich dieser Entwicklung nicht anzuschließen. Kein Prog? Klar, hier ist ordentlich Bluesrock zu hören, Songs wie "Tell me you don't know" oder "Tell me where it hurts" brauche ich nun wirklich nicht, da gibt's auch so viele andere, die das besser machen, aber das ätherische "Sisters", der Schrägwalzer "Sleeping under the stars", oder der Space-Country-Blues "Of dust", so einfach sie sein mögen, solche Songs haben eine atmosphärische Dichte, wie ich sie eigentlich nur aus dem Prog kenne. Und kein Metal? Ist das nicht egal?

Es ist glasklar, dass Pain of Salvation sich mit diesem Album und Aktionen wie der Beteiligung am ESC ein neues, breiteres Publikum erspielen wollen. Es wäre verklemmt, der Band keinen Erfolg zu wünschen. Zwei Dinge sind allerdings ebenso klar: sie werden haufenweise alte Fans verlieren ("Kein Progmetal mehr, kein Prog, kein Metal", das stimmt schon) – und sie hätten gegen Lena nicht den Hauch einer Chance gehabt. Und als Getränk empfehle ich Big Red Vanilla Float.

Anspieltipp(s): die angesprochenen und "No way"
Vergleichbar mit: den wenigen, wenigen Alben, bei denen es egal ist, dass sie keine Prog-Alben sind
Veröffentlicht am: 17.6.2010
Letzte Änderung: 1.8.2013
Wertung: keine Wie Christian schon sagt: "wer hört heute schon noch Progmetal...?". Erstaunliches Album!

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Von: Gunnar Claußen @ (Rezension 4 von 4)


Es ist 2017, und alle Welt jubelt: Pain Of Salvation sind wieder da! Hm, war die Band denn weg? Augenscheinlich nicht, denn zwischen der "Falling Home"-EP und "In The Passing Light Of Day" lagen keine drei Jahre. Aber: Offenbar haben die meisten Fans die beiden "Road Salt"-Alben nicht für voll genommen und sind somit froh, dass "ihre" PoS nunmehr wieder Progmetal spielen - einen Progmetal übrigens, der in den letzten Jahren durchaus nachgeahmt wurde, beispielsweise von Headspace oder Dark Suns. Darum soll es hier aber natürlich nicht gehen, eher treibt mich die Frage um: Was war denn an den "Streusalz"-Alben so anders? Und wie stehen diese Alben heute im Lichte (hahaha...) ihres Nachfolgers da?

Beginne ich also mit "Road Salt One". Bereits im Vorfeld hatte die Band ja durchblicken lassen, in die 2010er Jahre mit einem Rückgriff auf die Vergangenheit der Rockmusik starten zu wollen. Entsprechend beginnt dann auch "No Way" ganz beatlesk mit Klavierbeat, "Octopus' Garden"-artig phrasierter Gitarre und einer Mittenrein-Eröffnung à la "Birthday". Im netten Refrain fällt dann neben Klavier und Streichern der soulige Gesang auf, und danach gibt es schwer stampfende Riffs wie bei Bigelf. Es folgt in der zweiten Hälfte ein geradezu minimalistischer Part in der Art der Gesangspassagen aus "21st Century Schizoid Man", der allerdings zunehmend von Rock-Grooves begleitet und somit immer wütender wird, und dieses Gegeneinander-Spielen von Gitarre und restlicher Band zeigt in die Richtung von US-Proto-Hardrock-Bands wie Mountain oder Blue Cheer. Ähnlich retro geht es im folgenden "She Likes To Hide" zu, dessen Blues irgendwo zwischen "Dazed And Confused" und "Come Together" liegt und sich durch eine schön zerrissen wirkende Stimmung auszeichnet. Auf spartanische Passagen, in denen auch mal das Schlagzeug daneben haut, folgen harmonischere Momente, in denen Orgel & Co. Gildenlöw buchstäblich unter die Arme greifen.

Auch "Sisters" ist auffällig. Aus dem Einstieg mit dem Klaviermotiv und düsteren Marschtrommeln, die zumeist in 3/4, aber auch mal in 4/4 oder gar 5/4 operieren, machen PoS eine geradezu existenzialistische Nummer, die weitestgehend auf den Gesang zugeschnitten ist, gelegentlich aber auch mal mit Streichern, Flöte und Chorgesang Dramatik erzeugt. Somit scheint alles auf den nicht weniger düsteren Text hinauszulaufen - und prompt erinnert die Musik an VdGGs "Still Life", zwar ohne Ausbruch, aber genauso intensiv, stimmungsvoll und versponnen arrangiert. Direkt im Anschluss verweist dann "Of Dust" mit Orgel und Gospel-artigem Chorgesang auf diverse End-60er-Westcoast-Sachen, wie sie beispielsweise zwei Jahre später von Ulver auf "Childhood's End" zuhauf gecovert wurden. Nicht weniger regressiv, aber noch eine Spur bunter geht es dann mit dem Westerngitarren-Boogie "Tell Me You Don't Know" weiter, einer an Canned Heat, die Groundhogs und die ganz frühen ZZ Top erinnernde Blues-Wurzelbehandlung, und dem bizarr-burlesken Walzer "Sleeping Under The Stars" mit Tuba-Begleitung und Madhatter-Gesang. Da scheinen Alice Cooper ("Years Ago"), Jethro Tulls "Warchild Waltz" oder neuerdings auch das Diablo Swing Orchestra (ohne Oper) durch.

Zwischenfazit also: Ja, Pain Of Salvation gehen eigentlich schon ihren Gang durch die Musikgeschichte und bieten auf "Road Salt One" bis hierhin einen Querschnitt durch die genannten Stile und Zitate, der vor allem deshalb zu überzeugen weiß, weil die Songs trotz der bekannten Vorbilder angesichts immer wieder eingestreuter Verunsicherungen rhythmischer Art und expressiver Passagen unberechenbar und unvorhersehbar bleiben und sich Pain Of Salvation somit den Formalismen, die sie eigentlich zu pflegen vorgeben, ausgesprochen verweigern. Das übrigens ist ein deutlicher Unterschied zum Vorgehen, das Opeth und viele andere Bands seit 2011 an den Tag legen... aber wir haben "Road Salt One" ja noch nicht zu Ende gehört. Denn im Folgenden wird dieses Album noch eine interessante Wendung nehmen. Vorerst geht's aber mit der selbst für die Verhältnisse dieses Albums sehr melancholischen Halbballade "Darkness Of Mine" weiter, deren unvermittelte, aber glatt durchgeführte Ausbrüche mich frappierenderweise an "Just A Phase" von Incubus erinnern.

Schon "Linoleum" zeigt aber, dass nicht alles retro ist, was mit Overdrive-Gitarre und ohne Trigger aufgenommenem Schlagzeug gespielt wird. Zwar gibt es ein Led-Zeppelin-artiges Hauptriff und den entsprechenden "Kashmir"-Beat. Aber: Die Gesangslinien klingen originär nach Pain Of Salvation, noch auf "Scarsick" gab's ziemlich ähnliche Wendungen. Auch die allgemeine per Polyphonie erzeugte Hysterie zum Ende dieser Nummer passt ins Bild. Auch das folgende "Curiosity" bestärkt diesen Eindruck: Zu einem minimalistischen Arrangement aus einem Fusion-artigen Schlagzeug-Groove und gelegentlichen E-Piano-Akkorden gibt's den Gesang in den bekannten PoS-Phrasierungen und -Arrangements. In der folgenden Halbballade "Where It Hurts" und dem erneut Led-Zep-berifften "Innocence" geht das Spielchen noch weiter, denn nur das Fehlen von "vollen" Metal-Riffs und des kompletten Keyboard-Arsenals unterscheidet die Musik hier noch vom früheren Schaffen der Band. Lediglich die dazwischen liegende Ballade "Road Salt", deren E-Piano-Lastigkeit an Joni Mitchells "Woodstock" denken lässt, fällt hier noch raus, läuft allerdings als einzige Nummer dieses Albums eher unscheinbar am Hörer vorbei.

Fazit also? Reingefallen! Zwar knüpfen Pain Of Salvation insbesondere in der ersten Hälfte von "Road Salt One" recht deutlich an den Art- und Bluesrock der 60er und 70er an. Danach allerdings wird umso mehr deutlich, dass diese Variation des Sounds nur Charade ist und die Band eigentlich immer noch ihre über die Jahre gesammelten Trademarks beim Gesang und dem Aufbau der Songs weiterführt. Eigentlich wird hier praktisch nur mit einfacheren, regressiven Mitteln der bekannte Duktus gepflegt. Das ist dann doch eine regelrecht verblüffende Eigenschaft, die zugleich aber auch als Motivation hinter der augenscheinlichen stilistischen Verwandlung von Pain Of Salvation gedeutet werden kann (andere Bands würden in so einem Fall vielleicht ein Unplugged-Album aufnehmen o.Ä.). In jedem Fall führt diese Herangehensweise zumindest in einem guten Teil von "Road Salt One" zu sehr spannender Musik, die mit Retro-Konventionen eher bricht, als sie zu befolgen. In der zweiten Hälfte dagegen klingt das Album ein bisschen, als wäre einem ein Zaubertrick enthüllt worden.

Anspieltipp(s): Sisters, No Way, Sleeping Under The Stars
Vergleichbar mit: Beatles, VdGG, Led Zeppelin - und Pain Of Salvation
Veröffentlicht am: 25.1.2017
Letzte Änderung: 25.1.2017
Wertung: 12/15
Trotz der zweiten Hälfte... die ist nämlich nicht schwächer, sondern nur etwas weniger retro.

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Pain of Salvation

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1997 Entropia 10.33 3
1998 One Hour By The Concrete Lake 11.33 3
2000 The Perfect Element I 9.50 2
2002 Remedy Lane 10.50 2
2004 12:5 11.00 1
2004 BE (ChinassiaH) 10.50 2
2005 BE (Chinassiah) DVD/CD 12.00 1
2007 Scarsick 12.00 3
2009 Ending Themes - On The Two Deaths Of (2DVD) 11.00 1
2009 Linoleum E.P. 11.00 1
2011 Road Salt Two 11.67 3
2014 Falling Home 11.50 2
2017 In The Passing Light Of Day 12.25 4

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