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Lift (Dt.)

Meeresfahrt

(Siehe auch: Leitfaden "Deutscher Prog der 70er Jahre")
Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 1979 (1978 produziert)
Besonderheiten/Stil: Klassischer Prog
Label: Amiga/DSB + edel
Durchschnittswertung: 12.75/15 (4 Rezensionen)

Besetzung

Henry Pacholski voc
Wolfgang Scheffler keyb
Michael Heubach keyb
Till Patzer fl, sax, cl
Frank-Endrik Moll dr
Gerhard Zachar bg
Werther Lohse voc, dr (nur Titel 5)

Tracklist

Disc 1
1. Wir fahrn übers Meer 5'15
2. Nach Süden 4'20
3. Scherbenglas 2'28
4. Tagesreise 8'35
5. Meeresfahrt 15'20
6. Sommernacht 3'40
Gesamtlaufzeit39:38


Rezensionen


Von: Holger Grützner @ (Rezension 1 von 4)


So ab und an gibt es Umfragen nach der besten DDR Rockplatte.

Schnell fallen dann Namen wie Puhdys, Karat, City, Silly ..... so gut wie nie der Name Lift.

Und doch steht da der Ausspruch eines Rundfunkmoderators des Jugendradios DT 64 aus den 80er Jahren im Raum, der sich mir eingeprägt hat und dem ich mich voll und ganz anschließen möchte:

„ Niemals zuvor und niemals nachher hat eine unserer Bands ihr Publikum auf so hohem Niveau unterhalten, wie Lift das ihre mit Meeresfahrt."

Dabei ist der Opener zunächst eine Enttäuschung. Ein seltsam verkorkster Superstitionverschnitt aus Stevie Wonders Talking Book Zeit; unterlegt mit Dorfbums-Schlagzeug und viel Mundharmonika, der gerade noch leidlich durch den pathetischen Satzgesang im Refrain gerettet wird.

Textlich geht das Ganze auch reichlich schief.

Kostprobe? Bitte sehr: „He, ihr da! Aus euren Nußschalen raus! Denn die sind doch nicht dicht!", ruft bestenfalls Mami oder die besorgte Lehrerin vom Ufer aus, wenn sie die Gefahr zwar erkennt, sich aber selber nicht nassmachen will. So wie's Pacholski phrasiert, kommt es sogar leicht tuntig an.

„Posseidon! Alter Rauschebart! Nun zeige uns mal die Welt!..." Furchtbar.

Spricht man so mit Göttern?

So redeten FDJ-Kreisleitungsbonzen, wenn sie mal wieder von diesem ichbindocheinervoneuch-feeling heimgesucht wurden und Respektlosigkeit gegen „die da oben" in deren Abwesenheit demonstrieren wollten: Unn da saach ich zunn Genossn Schäfer vom Bezirk: Rudi, nu machema, dass die Juchndfreunde hier enn neu'n glubb kriechn und sollterma seh'n - in nullgommanischt steht die Sache!"

„...und wenn du siehst, wie sich das Blauhemd über die Wampe spannt, weißt du schlagartig: Von denen wird keine Veränderung kommen." (Klaus Renft).

Dabei waren Stilmischungen zwischen Artrock und Stevie-Wonder-Soul eine Stärke dieser Liftbesetzung.

Ab Titel 2 gibt es dann überhaupt nichts mehr zu meckern.

„Nach Süden" ist eine typische Lifthymne auf unerfüllte Kinderträume. Sehnsucht nach Veränderung, die einfach nicht kommen will. Klar - Pseudophilosophie. Weltall-Erde-Mensch-Rock. Aber schööööön.

Nach der Wende geriet dieses Stück auf mehrere Kompilations, Marke „Schönste Rockballaden" und in Rezensionen war dann davon zu lesen, dass hier die verwehrte Freizügigkeit in Europäisch - Mau(e)retanien beklagt wird. Kann man so seh'n, ist aber meiner Meinung nach zu platt interpretiert.

„Scherbenglas" ist Kammermusik. Durch vermutlich Bachs Brandenburgische Konzerte inspirierte Streichersätze aus dem Synthesizer umrahmen einen schönen Text über Trennungsschmerz.

Es folgt der Höhepunkt der ehemaligen A-Seite: Orgelbombast bereitet dich auf einen sehr schönen halluzinierenden Jo Schaffer Text vor:

„Hab von meiner Tagesreise manches mitgebracht; einen Fluch, den ich verfluchte; Wünsche unbewacht ..."

Heubachs beste Komposition.

Angelehnt an „How the gypsy was born" von Frumpy, was besonders an der hämmernden Orgel ab 4. Minute erkennbar wird. Buchstäblich jeder, der in der DDR mitte der 70er als Musikkenner ernstgenommen werden wollte, hat dieses Stück INHALIERT. An diesem großen Vorbild kam auch Heubach einfach nicht vorbei.

Seine Tagesreise muß schon um 1974 entstanden sein, denn die erste Fassung befindet sich auf der Horst Krüger Band LP von 1975 in etwas anderem Arrangement mit Gitarren und Kreisch-Weibern als backing vocals.

Krüger war sowas wie ein DDR John Mayall. Bei ihm spielten alle die, die später berühmter wurden als er. Heubach kam von AUTOMOBIL aus Leipzig zu ihm nach Berlin, bevor er zu Lift nach Dresden wechselte, wo er lediglich Fahnezeitvertretung für Scheffler sein sollte.

Hier wurde das Werk umarrangiert und in zahllosen Konzerte rundgespielt. Ohne Gitarren, mit dem unverwechselbaren liftschen Satzgesang im Refrain.

„ ... Waaar er guuuut! Wahaaar eeeer guuut!" Yeahr. Let it roll.

.....und dann folgt der gelungenste Longtrack ostdeutscher Rockgeschichte: „Meeresfahrt".

Schefflers beste Komposition.

Eingespielt bereits während der Sessions zur ersten LP, aber aufgespart für den besonderen Anlaß.

Rocksuite wurde das seinerzeit genannt. Ein mächtiges Werk, zusammengehalten von einem Leitmotiv, welches Till Patzer mal per Querflöte, Klarinette oder Saxophon einstreut in mellotroniges Wogengewaber; während die Band alles benutzt, was Tasten hat und musikalisch dicht die Illusion einer Fahrt auf bereits bewegter See intoniert. Die Drums treiben das Ganze zeitweilig gleichmäßig voran, sorgen aber immerwieder für kräftige „Wasserstrudel", die der Kahn zu nehmen hat. Die Hektik nimmt zu, der Sturm kommt auf, zieht vorbei, das Wetter beruhigt sich und ein moderner Nis Randers rudert mit gleichmäßigem Schlag an den Strand.

Der nun zu singende Text beinhaltet seine Erkenntnis, dem Meer verfallen zu sein, also bald wieder hinaus zu müssen in die gerade überstandenen Risiken.

Die Musik legt wieder einige Gänge zu und steigert sich mittels einer virtuos gespielten Improvisation in ein furioses melodiöes Finale -

und nahtlos gehts mit Sommernacht weiter, mit sparsam instrumentierter erster Strophe und pathetischem Chor. Die aufgebaute Stimmung wird nun von Orgel und Drums verstärkt; wiederum liftscher Hymnengesang und letztlich wieder leiser Abschluß. Der Spannungsbogen hat sich erfüllt.

Die Platte war produziert, aber noch nicht veröffentlicht, als am 12. November 1978 ein schwerer Autounfall in Polen Henry Pacholski und Gerhard Zachar das Leben kostete. Wie sich zeigen sollte, war damit die Phase der legendären Alleskönner unwiederbringlich zuende.

Übrig bleibt dieses Vermächtnisalbum, das es verdient hätte, die Zeiten zu überdauern.

Ist es ein Konzeptalbum?

Sechs Titel; fünf davon übers Reisen, Abreisen,Wiederkommen und „Sommernacht" läßt sich als Wiedersehensfreude interpretieren ...

Einen verbindenden Handlungsfaden gibt es nicht.

Den zu erzeugen, muß die Phantasie des Hörers leisten - und die schafft es.

Immer und immer wieder.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit: den besten Stücken von Novalis
Veröffentlicht am: 8.6.2002
Letzte Änderung: 8.6.2002
Wertung: 14/15

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Von: Martin Dambeck @ (Rezension 2 von 4)


Nun möchte ich mich als "Besser-Wessi" auch zu diesem herausragenden Werk des deutschen Progs äußern, dass mir der eifrige Ost-Prog-Missionar Kossi freundlicherweise nahe gebracht hat. Meeresfahrt ist in der Tat sehr eigenständig und überzeugt sowohl durch komplexe Stücke wie auch durch einfache, gefühlvolle Balladen.

Die Tagesreise ist für mich ein absoluter Prog-Klassiker, der Titelsong steht ihm kaum nach, erschließt sich einem aber erst nach mehrmaligen Hören. Ganz stark ist der Gesang, bei Titeln wie Nach Süden und Sommernacht bekomme ich regelrecht eine Gänsehaut. Zu kritisieren gibtes eigentlich nur die leichte Überdosis Pathos, ein Phänomen, mit dem anscheinend DDR-Bands noch mehr mit zu kämpfen hatten als BRD-Bands.

Anspieltipp(s): Tagesreise, Nach Süden
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 2.7.2002
Letzte Änderung: 2.7.2002
Wertung: 13/15

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Von: Thoralf Koss @ (Rezension 3 von 4)


Auch wenn es kaum noch jemand glauben kann oder will - nicht alles, was aus der DDR kam, war Scheiße! Jetzt will ich hier bestimmt nicht von diesen angeblich sicheren Arbeits- oder Kindergartenplätzen schreiben, sondern von einer außergewöhnlich guten Prog-Rock-Scheibe "Made In GDR"!

Die Rede ist von Lift, einer Band, die 1969 in Dresden gegründet wurde und heute noch aktiv ist.

Allerdings ist die Geschichte der LP "Meeresfahrt" einerseits eine zutiefst beeindruckende, aber andererseits eine zutiefst tragische. Beeindruckend, weil mit diesem Album eines der größten Prog-Rock-Werke zu DDR-Zeiten geschaffen wurde und tragisch, weil kurz nach der Veröffentlichung dieses Albums der Sänger und der Bassgitarrist dieser Band bei einer Fahrt zu einem Konzert tödlich verunglückten. Dass beide Musiker wohl einen außergewöhnlichen Einfluss auf die Band hatten, wurde durch die Tatsache bewiesen, dass nicht ein Nachfolgealbum jemals die Qualität von "Meeresfahrt" erreichen konnte.

Die sechs Titel auf diesem Ausnahmewerk unterscheiden sich recht deutlich voneinander, so dass man sie in drei unterschiedliche Kategorien einordenen kann:

1. "Wir fahrn übers Meer" + "Nach Süden" sind richtig gute Pop-Rock-Nummern mit einem Drive, den heutzutage kaum noch eine moderne Band zustande bringt. Selbst eine Mundharmonika oder tiefgründiges Orgelspiel bekommen entsprechenden Spielraum, so dass selbst ein eingefleischter Prog-Fan große Freude mit den beiden deutschsprachigen Titeln haben wird. In "Nach Süden" kommt dann sogar noch der versteckte Freiheitsdrang des eingemauerten DDR-Bürgers zum Ausdruck. Da hatte wohl irgendein Zensor nicht richtig aufgepasst!

2. "Scherbenglas" + "Sommernacht" sind die besten Balladen, die ich persönlich kenne und die in ihrer Einfachheit all das haben, was man "wahres Gefühl" nennt, ohne auch nur mit einem Auge nach Verkaufszahlen zu schielen, die in der DDR ja sowieso nicht so wichtig waren.

3. "Tagesreise" + "Meeresfahrt" sind dann die wirklich echten Prog-Titel!!! Und man kann machen, was man will, beide Titel haben eine so hohe Eigenständigkeit, dass man einfach keine Vergleiche dafür findet. "In Blau" von Anyone's Daughter wäre von der Anlage her vielleicht als Parallele zu nennen - aber ob das wirklich den Kern trifft? Ich glaube eher nicht! "Tagesreise" hat einen sehr hymnischen, getragenen Charakter, der sich einem Sturmbrausen gleich in unendliche Höhen erhebt und den ich vielen Marillion- oder sogar Pink Floyd-Titeln vorziehe. "Meeresfahrt" wiederum ist ein bewusst verspielter, mit unendlich langen, aber nie langweilig werdenden Instrumental-Passagen, die schon durch ihr ruhiges Flötenspiel und die aggressiven Orgel-Parts (Bei Jethro Tull z.B. ist das meist umgekehrt!) sowie den verschwommenen Gesang eine Richtung angeben, die so noch nie da gewesen ist. Eben einmalig!!!

Als besonderes I-Tüpfelchen kommen zu allen Titeln die sehr lyrischen, deutschen Texte und die tiefe Trauer darüber, dass es eine ähnliche Schallplatte oder CD wohl nie wieder geben wird.

So blöd auch der Name dieser Band ist, so unvergleichlich ist ihre Musik, die man als erstes unbedingt unter Kopfhörern genießen sollte. Ich liebe diese Platte - und ich hoffe, dass ich diese Liebe noch mit vielen Anderen teilen werde.

Anspieltipp(s): "Tagesreise" und "Meeresfahrt"
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 8.10.2006
Letzte Änderung: 16.3.2012
Wertung: 14/15
Es ist nicht nur die Musik, sondern auch die Tragik, die sich hinter diesem Album verbirgt, die es zu etwas ganz Besonderem macht!

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Von: Jochen Rindfrey @ (Rezension 4 von 4)


Hier muss ich doch mal ein wenig auf die Euphoriebremse treten. Zweifellos sind hier mit Tagesreise und dem Titelstück zwei Klassiker des symphonischen Prog deutscher Zunge drauf; gerade das Titelstück, fast komplett instrumental gehalten, überzeugt mit seinen geschmackvollen Tastenarrangements. Die ganze Vielfalt analoger Tastenherrlichkeit kommt hier zum Einsatz, ohne dass die Musik auch nur eine Sekunde in den hohlen Bombast manch anderer Tastenorgien verfallen würde.

Ein paar Knackpunkte gibt es auf diesem Album aber auch. Das holpernde Eingangsstück wurde ja schon von Kollege Holger ausgiebig "gewürdigt", mich kann allerdings auch das folgende Nach Süden nicht ganz überzeugen, es ist mir etwas zu zuckersüß. Das gilt auch für das mit Streichern instrumentierte Scherbenglas. Dagegen ist Sommernacht ein schöner, entspannter Abschluss.

Immerhin machen die beiden Klassiker-Titel mehr als die Hälfte der Spielzeit aus, von daher kann man Meeresfahrt den Anhängern der symphonischen Ausrichtung des Prog durchaus empfehlen.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 15.8.2007
Letzte Änderung: 15.8.2007
Wertung: 10/15

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