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Genesis

Foxtrot

(Siehe auch: Leitfaden "Britischer symphonischer Prog der 70er Jahre")
Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 1972
Besonderheiten/Stil: Klassischer Prog
Label: Virgin
Durchschnittswertung: 14.13/15 (8 Rezensionen)

Besetzung

Tony Banks Organ,mellotron,piano,electric piano,12 string,voices
Steve Hackett Electric guitar,12 string and 6 string solo
Phil Collins Drums,voices,assorted percussion
Peter Gabriel Lead voice,flute,bass drum,tambourine,oboe
Michael Rutherford Bass,bass pedals,12 string guitar,voices,cello

Tracklist

Disc 1
1. Watcher Of The Skies 7.19
2. Time Table 4.42
3. Get 'em Out By Friday 8.35
4. Can-Utility And The Coastliners 5.43
5. Horizons 1.39
6. Supper's Ready

1. Lover's Leap
2. The Guaranteed Eternal Sanctuary Man
3. Ikhnaton and Itsacon and their Band of Merry Men
4. How dare I Be So Beautiful?
5. Willow Farm
6. Apocalypse in 9/8
7. As sure as Eggs is Eggs (Aching Men's Feet)

22.53
Gesamtlaufzeit50:51


Rezensionen


Von: Siggy Zielinski @ (Rezension 1 von 8)


Mit wiedererkennbarem Mellotron-Intro und krummem Rhythmus ausgestattetes "Watcher of the skies" und ungeheuer abwechslungreich zusammengesetztes, 23-minütiges "Supper's Ready" gehören längst zur Grundausbildung jedes Prog-Lehrlings. Im letzteren Stück jagt ein Einfall den nächsten : folkig-harmlose, sich langsam verdichtende Einleitung, danach Gesagsthemen von kämpferisch bis niedergeschlagen, temperamentvolle Instrumentalfeuerwerke, bedeutsame Flöteneinwürfe, manipulierte Tonbänder mit Soundeffekten und verfremdeten Stimmen, beatleske Akzente und gar ein angedeutetes Kinderlied gibt es hier zu hören. Das alles rundet ein bombastischer Schlußpart ab, der von martialischer Zuspitzung eingeleitet wird.

Meine persönlichen Favoriten auf diesem Album, das in jede anständige Plattensammlung gehört, bleiben jedoch dramatisches, fast theatralisches "Get 'em out by Friday", sowie stolzes, dicht komponiertes "Can-utility and the coast-liners". Die vielseitigen Keyboards von Banks, der charismatische Gesang von Gabriel und Hacketts unnachahmliche Leadgitarre bestimmen hier das musikalische Geschehen. Diese Faktoren werden vom treibenden, intelligenten Schlagzeugspiel des Mr.Collins getragen.

Zu jener Zeit begann Peter Gabriel damit, theatralische Bühnenverkleidungen zu verwenden. Angefangen hat es mit dem roten Kleid seiner Frau und einer Fuchsmaske, wozu Gabriel durch das Foxtrot-Coverbild angeregt wurde. Dadurch bewirkte er vor allem zweierlei : das Publikum unterhaltend, die meiste Aufmerksamkeit -auch der Presse- auf sich gezogen und zeitweise gemischte Gefühle bei seinen Bandkollegen ausgelöst.

Mit "Foxtrot" haben sich Genesis ein Progdenkmal gesetzt, dessen Bedeutung für diese Stilrichtung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Anspieltipp(s): Supper's Ready
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 13.6.2002
Letzte Änderung: 13.6.2002
Wertung: 13/15

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Von: Horst Straske @ (Rezension 2 von 8)


Den Ausführungen von Siggy kann ich voll und ganz beipflichten. Mit "Foxtrot" liegt ein Meilenstein des symphonischen Progressive Rock vor. Allein schon "Watcher Of The Skies" als Opener stellt einen der Glanzpunkte des klassischen Progs dar und entführt den Hörer mit herrlichem Mellotronspiel schon zu Beginn in eine wahre Traumwelt. Die magischen Schwaden dieses Tasteninstrumentes tragen zu einem der glänzendsten Momente in der Rock-History überhaupt bei und sind wahrlich ergreifend. Ein pulsierender Bass und flirrendes Gitarrenspiel geben dem Stück dann eine langsam anschwellende Dynamik. Das Ganze wird zudem von Gabriels hervorragendem und pathetischem Gesang abgerundet. Nach dem melancholischen bis hymnischen Ausklang schließt sich mit dem songorientierteren "Time Table" ein weiteres Juwel an, das mit seinem ruhigeren Charakter und fast schon sehnsuchtsvollem Gesang rein dramaturgisch perfekt zwischen dem magischen Opener und dem kraftvollen Titel "Get `Em Out By Friday" eingebettet ist. Im letztgenannten Titel kommt die Gesangskunst eines Gabriels besonders perfekt zur Geltung, da er äußerst überzeugend zwischen aggressivem Gesang und melancholischen Gesangslinien wechselt. Diese Stimmungswechsel werden instrumental glänzend untermalt. Somit gelingt es Genesis hier perfekt, den sozialkritischen Ansatz dieses Titels (Stichwort: Mietspekulanten) in ihre symphonischen Kompositionen einzubetten. Die Umsetzung erfolgte dabei auf eine für Genesis typische skurrile Art und Weise, was sich besonders in den fast schon rebellisch anmutenden Gesangspassagen bemerkbar macht.

Wunderschönes Spiel der akustischen Gitarre leitet den majestätischen Song "Can-Utility And The Coastliners" ein. Nach abermals glanzvollem Gesang entführen dann symphonische Mellotronteppiche in eine wahre Zauberwelt der progressiven Rockmusik. Im weiteren Verlauf lenkt Rutherfords pumpender Bass das Stück in eine dynamischere Richtung und mit einem kraftvollen sowie aggressiven Part endet das Ganze dann ziemlich abrupt. Auffällig ist dabei die Ideenvielfalt, welche Genesis hier in einem Titel von gerade mal einer Länge von 5:46 Minuten verarbeitet haben.

Mit dem akustischen "Horizons" wird dann zum eigentlichen Herzstück von "Foxtrot" in Form des schon legendären Longtracks "Supper´s Ready" übergeleitet. Hier liegt fast schon der Prototyp eines progressiven Longtracks überhaupt vor, der in den mittlerweile 30 Jahren seines Bestehens Heerscharen von Musikern beeinflusst hat, die sich in irgendeiner Art und Weise der symphonischen/progressiven Spielart der Rockmusik gewidmet haben. Eine detailgenaue Beschreibung dieses Meisterwerkes würde hier aber absolut den Rahmen sprengen. Genesis haben hier ein wahres Füllhorn des Progressive Rocks ausgeschüttet und die Ideenvielfalt ist schier unbeschreiblich. Dabei wirkt "Supper´s Ready" äußerst homogen und kritische Stimmen, dass dieser Longtrack "zusammengestückelt" oder gar "überlang" sei, müssen entschieden zurückgewiesen werden, ja eigentlich gar im Keim erstickt werden.

Anspieltipp(s): alles!!!
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 22.6.2002
Letzte Änderung: 23.6.2002
Wertung: 15/15

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Von: Christian Rode @ (Rezension 3 von 8)


DER Klassiker von Genesis schlechthin! Genesis setzen ihr Schaffen nahtlos dort fort, wo sie mit NURSERY CRYME geendet hatten. Musikalisch ist eigentlich keine Fortentwicklung, sondern lediglich eine Variation zu konstatieren. Mit dem ellenlangen Supper's Ready wurde dann allerdings ein Stück nach vorn komponiert. Mit The Lamb lies down on Broadway sollten Genesis versuchen, Supper's Ready zu toppen, was allerdings - v.a. wegen des verunglückten Endes - nicht ganz gelungen ist. Beide eint übrigens auch der wirre Text... Gegenüber diesem Monumentalstück verlieren die übrigen Stücke notwendig an Gewicht. Dabei stehen sie qualitativ den Perlen des Vorgängeralbums durchaus nicht nach.

Watcher of the Skies wird nach längerem Orgel-Intro durchgängig von Banks Orgelspiel dominiert (vgl. The Knife). Klingt auf Dauer etwas substanzlos, da es nur auf einer ewig wiederkehrenden Orgelphrase beruht. Nichtsdestotrotz ein flotter, guter Einstieg. Mit Time Table kehrt dann erwartungsgemäß wieder Ruhe ein. Denn auch auf diesem Album folgen Genesis dem auf NURSERY CRYME entwickelten Konzept des musikalischen Wechselspiels. In sich ist der Song allerdings nicht sehr kontrastreich, dafür mit einer netten, barocken Melodie versehen.

Get em out by Friday ist dann der erste Song des Albums auf dem Komplexitätsniveau von NURSERY CRYME. Erzählt wird ein futuristisches Mietsdrama mit typisch englischem Sarkasmus. Und ab hier lassen Genesis nicht mehr nach. Can-utility and the Coastliners überzeugt vor allem mit seinem ausgedehnten instrumentalen Mittelteil und seinem furiosen Finale.

Die zweite Seite wird von dem kurzen akustischen Gitarrenspiel Horizons eingeleitet, um dann über 20 Minuten lang die wirren Szenarien des einfach nur grandiosen Supper's Ready zu verbreiten. Supper's Ready ist dabei die Aneinanderreihung von sieben verschiedenen Stücken, die insgesamt einen - wie auch immer gearteten - Zusammenhang abgeben. Und am Ende, im letzten Stück, wird die Melodie des Anfangsstücks wieder aufgegriffen.

Lover's Leap, der erste Teil von Supper's Ready, bietet eine feine melodiöse Einleitung mit sehr atmosphärischer, in Traumgefilde führendem Flötenspiel. The guaranteed eternal sanctuary Man bringt dann wieder etwas mehr Drive und songimmanente Komplexität ins Spiel. Mit Ikhnaton und Itsacon and their band of merry men wird dann ein erster dramatischer Höhepunkt erreicht. Die Keys vermitteln überzeugend rasendes Schlachtgetümmel. Die Gesangsmelodie wirkt schon stellenweise recht poppig, bleibt aber in das Gesamtkonzept eingebunden. How dare I be so beautiful? die Ruhe nach dem Sturm, mehr ein Intermezzo, bis dann Willow Farm zunächst ziemlich straight losgroovt, dann aber zu einem Musterbeispiel an progressiver Gesangskomplexität wird. Bombastisches Finale ist schließlich die Doppelnummer Apocalypse in 9/8 (Co-Starring the delicious Talents of Gabble Ratchet)/As sure as Eggs is Eggs (Aching men's Feet). Hier wird kein Wunsch mehr offengelassen und wenn die Verse von Lover's Leap wieder aufgegriffen werden und schließlich auch noch die Glocken ertönen, dann ist man rundum satt. Supper's finished. Auch wenn "continued" unter dem Songtext steht: da wurde nichts mehr fortgesetzt. Es ist perfekt.

Ein phantastisches, geniales Album, wenngleich auf der ersten Seite streckenweise nicht so warm und so umwerfend im Sound wie auf der zweiten Seite und auf NURSERY CRYME. Aber eigentlich stellen für mich NURSERY CRYME und FOXTROT sowieso zwei Seiten eines Albums dar.

Anspieltipp(s): Supper's Ready
Vergleichbar mit: Nursery Cryme
Veröffentlicht am: 23.6.2002
Letzte Änderung: 29.9.2012
Wertung: 15/15

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Von: Jörg Schumann @ (Rezension 4 von 8)


Es gibt Alben, deren erste Takte so unverwechselbar und charakteristisch, ja beinahe Synonym und Fanfare für das gesamte folgende Werk sind, dass später bereits beim ertönen dieser ersten wenigen Takte die Augen zu leuchten und eine Gänsehaut sich breit zu machen beginnen. Close to the edge ist so ein Album, Wish you were here ebenso und dann noch Foxtrot. Die Mellotron-Akkorde zu Anfang von watcher of the skies, die Steigerung mit einsetzendem Schlagzeug (die Snaredrum klingt grandios!) und Gitarre, der schleppende 6/8-Takt mit intelligent eingestreuten breaks und darüber der bis dato wohl kraftvollste Gabriel. Dazu tolle Dynamiksprünge (um 6:00, herrlich die leisen, weit entfernten Keyboardtupfer) und eine Superproduktion. Watcher hat Evergreenstatus. Time table ist ein sehr stimmungsvolles, fliessendes Kleinod. Dann folgt mit Get`em out by friday ein weiterer Höhepunkt des Albums. Stark ist der köstlich bedrückend-futuristische Text Marke George Orwell oder Aldous Huxley mit Zeilen wie "this is an announcement from genetic control: it is my sad duty to inform you of a 4ft restriction on humanoid height." Packend das Wechselspiel zwischen schnellem, druckvollem, getriebenem Refrain, ausdrucksstarker Stimme und unverwechselbaren Stakkato-Keyboard-Tupfern auf der einen und ruhigen Passagen auf der anderen Seite. Bei 4:57 sieht man beinahe einen Trauerzug durchs Zimmer gehen.

Can-Utility and the coastliners entwickelt sich von einem ruhigen Stück zu Anfang zu einem der atmosphärisch dichtesten Genesiswerke überhaupt und ist neben dem Schluss von Ikhnaton and Itsacon mein absoluter Favorit dieses Albums. Komischerweise erinnert mich der Anfang des Stücks irgendwie an den Anfang von "Fuuhl am Strand" von BAP (umgekehrt übrigens auch, aber das nur am Rande). Man nehme einen abgrundtiefen Bass, der immer die gleiche Tonhöhe spiele, wie ein tiefer Gongschlag monoton pulsierend, dazu gesellen sich zwei Gitarrenakkorde, ein wildes Schlagzeug, das dem ganzen einen zerrenden drive gibt und als Sahnehaube obendrauf lege man herrlich schräge Mellotronteppiche. Fertig ist eines der grössten Progoeuvres aller Zeiten. Und klingen tut das ganze auch noch fantastisch. Genesis quinze points!

Horizons erlaubt nochmals eine kurze Entspannung auf höchstem Niveau, bevor uns der Hauptgang aufgetischt wird: supper`s ready! Meine Vorrezensenten haben bereits alles über dieses Werk gesagt. Erwähnen möchte ich lediglich eine Stelle, die mir besonders gefällt. Ab 7:24 der wilde gestreckte Galopp, versinnbildlicht durch den doppelten Snareschlag, dann ab 8:20 Schönheit pur: ein weisses Pferd reitet, ja schwebt fast, durch eine schneebedeckte, kalte Winterlandschaft. Der Schluss ist ebenfalls grossartiges Theater. Da haben sich wohl unter anderem auch Spocks Beard ihre Inspiration geholt.

Foxtrot ist ein Meilenstein der Proggeschichte.

Anspieltipp(s): can-utility and the coastliners
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 22.5.2003
Letzte Änderung: 22.5.2003
Wertung: 15/15

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Von: Dennis Egbers @ (Rezension 5 von 8)


Warum eigentlich noch ein Album besprechen, das von den werten Kollegen schon so gut und ausführlich besprochen wurde? Weil man dem meiner Meinung nach besten Prog-Album aller Zeiten gar nicht genug huldigen kann, lautet meine Antwort.

So möchte ich diesem Meisterwerk auch noch meinen Tribut zollen. Bekanntermaßen sind schließlich Genesis meine Lieblingsband und auf "Foxtrot" wird der klassische Genesis-Stil in vollendeter Form dargeboten. Es versetzt mich jedesmal aufs Neue in Verzückung, wenn ich nur die eröffnenden ellotronakkorde von "Watcher of the Skies" höre. Immer dynamischer werdend mit einem Gabriel in Höchstform (vielleicht der Form seines Lebens?), weiß der Song trotz durchaus repetitiver Grundstruktur die aufgebaute Spannung bis zum Ende zu halten. Weit mehr noch als auf der Studioaufnahme kommt allerdings auf Live-Mitschnitten die urgewaltige Kraft des Stückes durch.

"Time Table" setzt dagegen einen ruhigen Kontrapunkt, der einen fast in die Zeit von Minnesängern und holden Jungfrauen zurückversetzt. Schön.

Weiter geht es mit dem genialen "Get 'Em Out By Friday", dessen Story in der Tat an Orwell oder auch Jewgenij Samjatin erinnert. Das erste Prog-Epos des Albums und insbesondere beeindruckend wegen des Zusammenspiels zwischen dynamischen und ruhigen Passagen, zwischen theatralischem Gesang und keyboarddominierter Instrumentalarbeit. Trotz der unverkennbaren Klasse der bisherigen Songs beginnt aber hier das Album erst richtig - folgen doch die beiden stärksten Stücke, die Genesis meiner Meinung nach je geschrieben haben (das schöne, akustische "Horizons" klammere ich als Zwischenspiel mal aus).

"Can-Utility and the Coastliners" in seinem majestätischen Mellotrongewand unterstützt von einem herrlich dynamischen Schlagzeug ist für mich jedenfalls DER Prog-Shortsong überhaupt, allein für die Inspiration zu diesem Song ist dem Wikingerkönig Canute mein ewiger Dank gewiß.

Auf jedem anderem Album wäre das der Höhepunkt schlechthin gewesen, hier jedoch ist es nur der hervorragende Aufgalopp zu *meinem* Prog-Song überhaupt: Supper's Ready! Eigentlich wurde von meinen Vorrednern schon alles zu diesem Epos gesagt, das wohl von einer etwas mysteriösen "Geisterscheinung" von Gabriels damaliger Freundin inspiriert wurde. Daher sei mir als nur noch die ganz persönliche Äußerung gegönnt, daß der Schlußteil ab einschließlich "Apocalypse in 9/8" das bewegendste und ergreifendste Stück Musik ist, das ich je gehört habe. Mir stellt es bei jedem Hören aufs Neue die Haare auf.

Daher bleibt mir zum Abschluß nur eins: Eine tiefe Verneigung und ein Dank an Genesis für diese ewige Sternstunde des Progressive Rock, ja der Musikgeschichte an sich.

Anspieltipp(s): Anspielen!? KAUFEN!
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 24.6.2004
Letzte Änderung: 24.6.2004
Wertung: 15/15

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Von: Ralf J. Günther @ (Rezension 6 von 8)


Mit Foxtrot und dem nachfolgenden Selling England by the Pound haben Genesis es geschafft, ihre beiden Meisterwerke zu verwirklichen, ohne wirklich neue Elemente in ihre Musik eingeführt zu haben. Die mit "Trespass" begonnene Serie erscheint mir daher weniger wie eine Entwicklung, sondern eher wie eine Reihe von Anläufen. Durch wiederholte Versuche lässt sich Sicherheit und Souveränität erreichen - und beides strahlen Foxtrot und sein Nachfolger aus.

Eigentlich gehöre ich nicht zu den ganz großen Genesis-Liebhabern, denn ich kann Musik gut leiden, bei der es ein bisschen wilder getrieben wird. Trotzdem erreicht mich Foxtrot. Das was diese Musik kann und will, wird hier auf sehr hohem Niveau geboten. Und ganzen Generationen von Neoproggern wurde damit gleichzeitig der Floh ins Ohr gesetzt, im gleichen Stil immer weiter und weiter spielen zu wollen - auch wenn sie dabei selten den Charakter und die Ausdruckskraft des Vorbilds erreichen.

Da Foxtrot eins von den beiden Genesis-Alben ist, die man einfach kennen muss, bietet sich die jetzt vorliegende Neuedition für alle an, die dieses Kennenlernen noch vor sich haben. Für die Ausstattung der Neuauflage gilt das, was ich auch schon zu "Trespass" und zu "Nursery Cryme" geschrieben - mit dem Zusatz, dass auf der Bonus-DVD diesmal neben Interviews auch Livebilder aus den 70ern zu sehen sind.

Insbesondere der 1972er-Auftritt im Belgischen Fernsehen ist eine kleine Perle, wie ich finde. Es gibt zwar keine große Licht- und Kostümshow, die Gruppe agiert vielmehr in einem hell ausgeleuchteten und völlig kahlen TV-Studio. Aber dafür sitzt man als Beobachter auch wirklich in der ersten Reihe und kann den Musikern so richtig auf die Finger sehen - was ich meistens interessanter finde als ein großes Bühnengedöns.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 28.4.2009
Letzte Änderung: 7.3.2012
Wertung: 13/15
12 Punkte persönliches Gefallen plus 1 Punkt historische Bedeutung

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Von: Markus Peltner @ (Rezension 7 von 8)


Wenn über Alben gestritten wird, die den Titel erhalten sollen „das Progressive Rock Album aller Zeiten“ zu sein, dann belegt bei diesen Diskussionen Foxtrot von Genesis immer einen der ganz vorderen Plätze - wenn nicht den ersten Platz. Und das nicht nur wegen des knapp 23 minütigen „Supper’s Ready“, dem Genesis Klassiker der ersten Generation schlechthin.

Das Album beginnt mit „Watcher Of The Skies”, einem Stück, in dem Außerirdische auf der Erde landen und diese total verwüstet und menschenleer vorfinden. Vielleicht „häutet noch eine Eidechse ihren Schwanz“, aber der Mensch hat definitiv sein Ende gefunden. „This is the end of man's long union with Earth“. Klasse hier der Mellotron-Einsatz und das treibende Bassspiel Michael Rutherfords, die dem Stück eine tolle Stimmung verleihen.

In „Time Table“ wird es dann ganz abstrus, denn hier erzählt ein alter Eichentisch von Zeiten, als Könige und Königinnen ihren Wein noch aus goldenen Bechern nippten. Und auch in diesem Track findet sich wieder eine klasse Melodie, bei der Peter Gabriel im Refrain sein „Why?“ so wundervoll verzweifelt singt.

„Get ‘Em Out By Friday” nimmt dann im Songkatalog von Genesis einen ganz besonderen Platz ein, da es sich hierbei um ein sozialkritisches Lied handelt. Der Text des Liedes besteht aus den vertonten Aussagen einer gewissen Mrs. Barrows und diverser Protagonisten der fiktiven Firma „Styx Enterprises“, die Mrs. Barrow auf die Straße setzten wollen. Absolut genial dabei die Stimme Peter Gabriels, der die Aussagen Mrs. Barrows und die der anderen Mitwirkenden stimmlich umsetzt.

Die ursprünglich erste Seite der Platte wurde abgeschlossen durch „ Can-Utility And The Coastliners“. Ein wunderbar schwebendes Lied, auf dem die etwas schrägeren Töne allerdings auch nicht fehlen und es so zu einem weiteren Highlight von Foxtrot werden lassen. Sicherlich auch eines der Höhepunkte im Schaffen von Genesis in der Besetzung zusammen mit Peter Gabriel und Steve Hackett. Wunderschön melodiös ist hier alles, Musik in die man eintauchen kann, die zum Genießen geschrieben wurde. Und damit auch ein weiterer Leuchtturm des progressiven Rocks.

Das fünfte Lied auf der Platte ist das kurze Instrumentalstück „Horizons“, bei dem sich Steve Hackett zum ersten Mal als alleiniger Songschreiber auszeichnete. Das Lied erinnert wirklich an weite Horizonte und ist als Akustikstück geradezu dazu geschaffen, das nächste, viel komplexere Lied, „Supper’s Ready“, einzuläuten.

Was soll man zu „Supper’s Ready“ noch schreiben? Wenn Foxtrot „DAS progressive Album“ schlechthin ist, dann ist „Supper’s Ready“ sicherlich „DAS progressive Rock Lied“. Die sieben Teile der Nummer passen einfach perfekt zusammen. Jeder Ton, jeder Akkord, jedes Instrument und jeder Gesangspart, ob von Peter Gabriel und Phil Collins oder Banks, Collins, Gabriel und Rutherford im Chor, hier stimmt einfach alles. Und so verwundert es nicht, dass selbst Tony Banks dieses Lied als das beste ansieht, welches Genesis jemals geschrieben haben. Bei „Supper’s Ready“ hört man die filigranen Töne neben den bombastischen. Die schwebenden Passagen neben den geerdeten Parts. Die leisen Stellen neben den druckvollen. Und immer ist dieses Lied dabei umwerfend harmonisch und melodisch. Es ist abwechslungsreich und spannend, berührend und berauschend. Kurzum ein wahres Meisterwerk. Der seltsame Text handelt dabei übrigens von einem spirituellen Erlebnis, welches Peter Gabriel zusammen mit seiner damaligen Frau durchlebte. Es bringt gar nichts, die sieben Teile einzeln durchzugehen oder aber zu bewerten, da sie nur als Gesamtprodukt wirken und dies in einem Maße, wie es danach nie wieder geschehen sollte. Absolut genial.

Fazit: Das ist eines der wenigen 15 Punkte Alben, welches ich kenne. Ein an Musikalität und Einfallsreichtum nicht zu überbietendes Meisterwerk. Und dies in allen seinen Schattierungen, an allen seinen Stellen.

Anspieltipp(s): Supper’s Ready und alle anderen Titel
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 10.6.2012
Letzte Änderung: 10.6.2012
Wertung: 15/15
Wahrlich ein Meisterwerk

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 8 von 8)


Oh je. Noch ne Rezension zu „Foxtrot“. Was soll denn dazu noch gesagt werden! Noch dazu von mir, der im ganzen grau-pinken Land in Sachen Genesis als Ketzer bekannt ist. Angeblich habe ich laut gesagt, dass ich die Achtzigerphase besser finde…

Und das stimmt! In den Augen des Fans bin ich also inkompetent, weil ich, nun ja, kein Fan bin. Diesen Zusammenhang werde ich wohl mein Lebtag nicht begreifen. Als wäre der der geeignetste Rezensent, der von einem Album am hingerissensten ist. Na, wie dem auch sei, zwei Dinge rufen mich auf den Plan: Zum ersten steht in den obigen Rezensionen mehrfach, es sei ja alles schon gesagt. Das weckt natürlich meinen Ehrgeiz. Zum anderen ist es die angesprochene Tatsache, dass „Foxtrot“ immer wieder das beste Prog-Album aller Zeiten genannt wird. Das macht es natürlich interessant, sich mal genauer damit auseinanderzusetzen.

Also “Foxtrot”. Und braucht das Album nicht vielleicht wirklich mal einen Verriss? Nein? Nein. Aber ich neige auch nicht zur Heldenverehrung. Ich meine, der Schlagzeuger lief mit braunen Pullundern, Vollbart und Cordhut rum, der wollte nun sicher kein Held sein. Egal. Schon der Beginn ist Legende, jeder kennt ihn, Bands von Spock’s Beard bis hin zu Big Big Train haben ihn zitiert (letztere können das besonders gut), kurz: Er gehört zur kulturellen Möblierung des Progressive Rock. Übertrieben? Schauen wir mal genau hin: Eine zweiminütige Einleitung, Mellotronstreicher (eigentlich sollen das ja Bläser sein). Zwei Akkorde, die eng verwandt sind, wechseln sich ab, dann aber biegt die Musik durch das Setzen einiger völlig unerwarteter, weil allenfalls sehr entfernt verwandter Akkorde um immer neue, zum Teil sehr seltsame Ecken. Auf- und absteigende chromatische Leitern, es dauert geschlagene zwei Minuten, bis die in der Einleitung aufgebaute Spannung sich in dem folgerichtigen Dur-Akkord auflöst.

Dann der Groove: Ein Morse-Code-Stakkato, das offenbar Gustav Holsts „Mars, the Bringer of War“ paraphrasiert (dort 5/4, hier 6/4). „Mars“ hatten damals alle drauf, von King Crimson bis ELP. Bei den ohnehin recht ruralen Genesis klingen die Bezüge zur englischen Romantik aber am authentischsten (mit Ausnahme von Yes vielleicht). Der Groove ist dann nahezu durchgängig, fast penetrant: Nicht weniger als 75 Mal wird er während der folgenden Minuten wiederholt. Und doch treibt er das Stück voran, wie kaum ein anderer ein anderes, und das, ohne je zu nerven. Das liegt schlicht daran, dass er vollkommen einzigartig ist: Ähnliches kenne ich nicht mal im restlichen Werk von Genesis. Auch wird er zwischendurch immer wieder mal abgelöst, durch sture Achtelnoten etwa, oder variiert, etwa gegen Ende, wenn er um zwei Schläge verlängert wird, während der Rest der Band im 6/4-Takt weiterspielt und so einen polyrhythmischen Effekt erzeugt. Dazu treibt Tony Banks die Musik mit aufsteigenden Mellotron-Akkorden ihrem dramatischen Höhepunkt entgegen. Und dramatisch ist der Song, immerhin geht es darum, wie die Erde wohl für einen außerirdischen Besucher aussehen mag, nachdem die Menschheit ihren Heimatplaneten verlassen hat. Aliens are only us from the future.

„Time Table“ beginnt mit einer schönen romantisierenden Pianopassage, der Rest ist musikalisch allerdings weniger spannend, auch wenn Genesis sich in den knapp fünf Minuten durch eine abwechslungsreiche harmonische Landschaft bewegen. Passend zum Text ist die Struktur des Songs zweiteilig: Es gibt zwei Strophen, dann einen Refrain, einen kurzen, stillen B-Teil und den schönen instrumentalen Part. Die ganze Struktur wird nun wiederholt. Im ersten Durchlauf wird das Mittelalter als Zeit von Mut und Ehre heraufbeschworen, im zweiten dann ihr Vergehen beklagt. Mir ist das textlich zu naiv und strukturell zu schlicht, auch wenn beides wirklich gut zusammenpasst und „Time Table“ ein sehr netter Song ist.

"Get 'Em Out by Friday" ist ein Song mit verteilten Rollen. Peter Gabriel verkörpert wechselnd John Pebble, eine Mietspekulanten, Mark Hall, der Mieter vertreibt, wann immer es Pebble passt, und die Mieterin Mrs Barrow. Dem entsprechend hat der Song ein sozial awares Thema, es geht um Miethaie, Heuschrecken und die Kleinen Leute, die zum Verlieren verdammt sind, wenn sie gegen die armseligen Kreaturen antreten müssen, die als Opfer ihres Testosteronspiegels keine anderen interessanten Dinge in der Welt zu entdecken vermögen als Geld und Macht.

Spannend ist an dem Song nun vor allem, wie Genesis den Figuren verschiedene musikalische Motive zuordnen. So werden die verschiedenen Ordre John Pebbles immer mit einem fiebrigen Bass-Ostinato und einer unglaublich hohl klingenden Orgelfigur im 12/8-Takt untermalt; Mark Hall bekommt eine Begleitung verpasst, die mit reichlich Moll-Akkorden Bedauern und Verständnis vortäuscht; Mrs Barrow dagegen braucht keine Mollakkorde, um ihre Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen. All diese unterschiedlichen Passagen werden dadurch zusammengehalten, dass Banks und Hackett ihre berühmten Arpeggios darüberlegen. Genesis waren in den Siebzigern eh die Alleinherrscher des Arpeggios – zumindest bis Saga ihnen diesen Platz streitig zu machen versuchten.

Eine abwechslungsreiche instrumentale Passage markiert einen Zeitsprung ins Jahr 2012 (hey! Noch ein Grund für eine Rezension!): Das Problem des Wohnungsmangels wird nun durch genetische Begrenzung der Körpergröße auf vier Fuß gelöst. Diese Wendung ins Absurde wird musikalisch dadurch konterkariert, dass das Stück nun zu einem leicht pathetisierenden Stil umschwenkt. Mit dem Rat von Satin Peter (ein Wortspiel mit „Saint Peter“) „invest in the Church for your heaven“ endet das Stück in Orgelklängen.

Das nächste Wortspiel: "Can-Utility and the Coastliners" . Es geht um König Knut (englisch Canute), der angeblich der Flut geboten haben soll, stillzustehen. Vergeblich natürlich, weshalb er nicht anders konnte, als seine Krone über ein Kruzifix zu hängen und die Größe Gottes anzuerkennen. "Can-Ut-ility” ist der Song auf “Foxtrot”, zu dem ich den Zugang am schwierigsten finde. Der Song ist nach nicht mal zwei Minuten eigentlich schon vorbei, was dann folgt, ist eine Reihe toller Ideen, die ich im Kopf aber einfach nicht verbunden bekomme. Da ist zum einen ein Teil mit einem akustischen 2-Akkorde-Ostinato und einem tollen Solo von Tony Banks, dessen Übergang zu einem Part mit flirrenden Bassnoten ich noch verstehe und das wohl die ansteigende Flut versinnbildlichen soll. Dann folgen Orgelarpeggios (die Könige des Arpeggios!) und ein Gitarrensolo zu einem rhythmischen Labyrinth, das für sich genommen wirklich spannend ist. Zwischendurch meldet sich Peter Gabriel zu Wort, dann ist der Song vorbei. Ein schönes Stück voller guter Ideen – nur verstehe ich bis heute nicht, warum das ein Song ist.

„Horizons“ beruht auf einem Motiv von Johann Sebastian Bach, der Cello-Suite No. 1 in G Dur (Für Kenner: BWV 1007), die Hackett in seinem romantisierenden Stil ausformuliert. Gitarrierende Freunde sagen mir, dass man das auch sauberer spielen kann, ich finde, es ist ein schönes Präludium zu der Apokalypse, die nun einsetzt.

„Das Abendmahl ist bereitet“. Der Übersong. Meisterwerk und bester Song der Band. Nein, das ist „Firth of Fifth“. Trotzdem gut. Schon der Anfang: Das Stück hat nämlich keinen, es fängt vielmehr mit einer Bridge an. Zwei akustische Gitarren spielen einen arpeggierten (was sonst) Siebenerakkord, dazu singt Peter Gabriel eben genau das: die Bridge zu einer Strophe, die niemand je gehört hat. Der Effekt wird dadurch verstärkt, dass die Tonalität bis zum Beginn des „Hello Babe“-Refrains zweideutig bleibt. Herrlich! Woher haben die das? Immerhin hatte keiner der fünf eine Ausbildung wie sie etwa Keith Emerson oder Rick Wakeman vorweisen konnten. Und trotzdem entlehnen sie hier Tricks aus dem Kunstlied des 19. Jahrhunderts. Zum Beispiel das Beibehalten des Sechzehntel-Arpeggios durch sämtliche Tonartenwechsel hindurch. Ganz raffiniert dabei die Modulation in eine fremde Tonart, wenn es im Text heißt „I swear I saw your face change, it didn’t seem quite right“. Das ist große Kunst – und das kann keiner der vielen verabscheuungswürdigen Genesis-Klone. Wer sich schon immer gefragt hat, ob Qualität nicht vielleicht doch unabhängig vom persönlichen, subjektiven Geschmack sein könnte, der sollte sich solche Stellen anhören. Es gibt sie nur bei einer handvoll Bands. Den großen.

Mit dem zweiten Abschnitt, „The Guaranteed Eternal Sanctuary Man“, verändert die Musik ihren Charakter vollkommen: weg vom Kunstlied des 19. Jahrhunderts, hin zum Rock der Siebziger. Die akustische Gitarre verschwindet, Schlagzeug setzt ein, die Begleitung wird dominiert von den fanfarenartigen Orgelmotiven Banks’. Von diesen einmal abgesehen, ist „The Guaranteed Eternal Sanctuary Man“ ziemlich konventioneller Rock. Das wussten auch Genesis, weshalb sie ihn mit einer instrumentalen Reprise von „Lover’s Leap“ beiseite wischen. Es folgt die Schlachtsequenz "Ikhnaton and Itsacon and Their Band of Merry Men": Ein sturer D-Dur-Akkord und Militärschlagzeug treiben den Song voran. Nach kurzem Gesang folgt ein Solo Hacketts, das die elektrische Gitarre in „Supper’s Ready“ einführt. Wer glaubt, Eddie Van Halen hätte das Tapping erfunden, der sollte sich dieses Solo mal anhören. Na, Hackett hat’s auch nicht erfunden. Die Schlachtsequenz verebbt schließlich – und der Song endet mit einem Fade-out.

Wieso?

Denn mit "How Dare I Be So Beautiful?" beginnt der Song erneut. Hier werden auf dem Klavier gespielte Septakkorde jeweils eingeblendet, was ihnen den typischen Anschlag nimmt und sie wie Orgeltöne klingen lässt. Es entsteht ein deutlicher Bezug zum Impressionismus. Dazu singt Gabriel eine Art Rezitativ über das verlassene Schlachtfeld, Grab vieler Menschen. Die Tonalität der Passage bleibt unklar, was die Atmosphäre des Haltlosen, Unheimlichen noch verstärkt.

Es folgt das dreiteilige „Willow Farm“, ursprünglich ein eigenständiger Song von Gabriel, der auf Vorschlag von Banks an dieser Stelle eingebaut wurde. Der Gegensatz zu "How Dare I Be So Beautiful?" könnte nicht größer sein: Mit vollem Bandsound starten Genesis in einen 12/8 Takt in As moll (As moll?!?). Seltsam die Harmonien am Ende des Themas („Oh there’s Mum and Dad“). Wenn es dann (wieder) heißt „All change!“, ändert sich die Musik von Grund auf: Der 12/8-Takt wird durch einen 4/4 ersetzt, die Begleitung ändert sich entsprechend, die Orgel wird durch ein Piano ersetzt, Gabriels Stimme bekommt einen Helium-Effekt verpasst und so weiter. Ein typisch englisches Music-Hall-Stück, so etwas würde man eher auf einem Queen-Album erwarten, komplett mit Monty-Python-Text. Dann wechselt alles wieder und der dritte Teil von „Willow Farm“ beginnt, eine kurze Reprise des Beginns.

Jetzt die "Apocalypse in 9/8", im 9/8-Takt, wie der Titel schon sagt. Der Abschnitt ist an „Vorboten des Frühlings – Tanz der jungen Mädchen“ aus Strawinskis „Le sacre du printemps“ orientiert, übersetzt das Vorbild aber einerseits in einen Rock-Kontext, andererseits in die apokalyptische Thematik von „Supper’s Ready“. Der Teil wäre musikalisch unspektakulär, wenn Tony Banks nicht eines der berühmten Keyboardsoli der Siebziger Jahre darüber spielen würde. Er spielt seine durch barocke und romantische Motive inspirierten Figuren mit und gegen Tonart und Metrum des 9/8-Ostinatos, ein wenig im Stil Keith Emersons, wenn auch bei weitem nicht mit dessen Gefühl für die Wirkung von Dissonanzen und mit wenig Sinn für den Zusammenhalt des Ganzen. Zudem klingen einige der disparaten Abschnitte wie eins zu eins aus Lehrbüchern und Etüdensammlungen übernommen. Berühmt? Wieso?!? Dennoch: Banks führt die „Apocalypse“ wirkungs- na, sagen wir: effektvoll ihrem Höhepunkt entgegen, der aus einer Rekapitulation von Teilen aus „Lover’s Leap“ und „The Guaranteed Eternal Sanctuary Man“ besteht ("As sure as X is X (Making Ends Meet)"), und passend zum Thema natürlich nicht ohne ein Zitat aus William Blakes Gedicht „Jerusalem“ (das bekanntlich auch ELP im Programm hatten) auskommt.

Wodurch das Ganze zusammenhält? Ehrlich gesagt: Keine Ahnung. Die Wiederholung des „Lover’s Leap“-Themas zwischen Teil zwei und drei sowie an Ende von Teil sechs allein schafft es nicht. Dann hört „Supper’s Ready“ nach Teil drei ja eigentlich auf. Wie danach „Willow Farm“ in den Zusammenhang passt, will mir bis heute ebenfalls nicht einleuchten, mal ganz abgesehen davon, dass die Struktur des Songs selbst auch nicht wirklich überzeugt. Andere Übergänge sind befriedigender, dennoch wirkt „Supper’s Ready“ eher wie eine Montage. Diese gelingt immer dann, wenn sie durch den Text motiviert ist („all change“), das ist aber eben nicht immer der Fall. Nun ist „Supper’s Ready“ aber auch keine Sonate, wie etwa „Close to the Edge“, sondern allenfalls eine Suite und Suiten haben es so an sich, dass sie loser gebaut sind. So gesehen sind Gegensätze, Brüche durchaus drin. Und Genesis schaffen es in den meisten Fällen, sie sinnvoll zu nutzen: akustische Passagen werden elektrischen, laute leisen gegenübergestellt und sie positionieren vom 19. Jahrhundert inspirierte Musik und Rock nicht nur gegen- sondern eben auch miteinander. Das Problem: "Supper's Ready" ist Schuld daran, dass bis heute Retroprogbands glauben, es würde reichen, einfach ein paar auskomponierte 4minüter aneinanderzupappen, um einen Longtrack zu schreiben. Darunter leidet das Genre seit langem.

Aber ist „Foxtrot“ denn nun das beste Prog-Album aller Zeiten? Eine Frage, die man ebenso gut mit „ja“ wie mit „nein“ beantworten kann. Ich beantworte sie mit „nein“, denn was würde das über "Trilogy", „Close to the Edge“, „Legend“, „Red“, „Olias of Sunhillow“, „Octopus“, „Control and Resistance“, „The ConstruKction of Light“ oder „Lateralus“ sagen? Oder - andererseits - über "Time Table"? Man kann natürlich darüber abstimmen lassen – aber solche Wertungen per Mehrheit zu erzeugen ist ein Widerspruch in sich. So, und jetzt muss ich Schluss machen. Abendessen ist fertig.

Anspieltipp(s): kann man auch ganz hören
Vergleichbar mit: Genesis-Klonen - oder eben gerade nicht.
Veröffentlicht am: 29.9.2012
Letzte Änderung: 30.1.2014
Wertung: 12/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Genesis

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1969 From Genesis to Revelation 3.75 4
1970 Trespass 11.20 5
1971 Nursery Cryme 12.17 6
1973 Selling England by the Pound 12.71 7
1973 Genesis Live 10.00 3
1974 The Lamb lies down on Broadway 11.50 4
1976 A Trick Of The Tail 10.75 4
1976 Wind And Wuthering 11.25 4
1977 Spot The Pigeon (EP) 7.00 2
1977 Seconds Out 11.00 3
1978 And Then There Were Three 8.25 8
1980 Duke 7.57 7
1981 Abacab 6.67 6
1982 3X3 4.00 2
1982 Three Sides Live (VHS) - 1
1983 Genesis 7.50 4
1984 Three Sides Live 9.75 4
1985 The MAMA Tour (VHS) - 1
1986 Rock Theatre - 1
1986 Invisible Touch 7.67 3
1987 Visible Touch (VHS) - 1
1988 Invisible Touch Tour (VHS) - 1
1988 Videos Volume II (VHS) - 1
1988 Videos Volume I (VHS) - 1
1991 We Can't Dance 6.67 3
1991 Turn It On Again - Best Of '81-'83 - 1
1992 The Way We Walk Vol.1 - The Shorts (Live) 5.67 3
1993 The Way We Walk Vol.2 - The Longs (Live) 8.33 3
1994 The Way We Walk (VHS) - 1
1996 The Royal Philharmonic Orchestra plays the music of Genesis 2.00 1
1997 Congo (Maxi-CD) - 1
1997 Shipwrecked (Maxi) - 2
1997 Calling All Stations 6.50 4
1998 Archive I - 1967-1975 12.50 5
1998 Not About Us (Maxi) - 1
1999 Turn It On Again - The Hits - 2
2000 Archive II - 1976-1992 11.00 1
2000 The Genesis Songbook (DVD) 12.00 1
2001 The Way We Walk (2DVD) - 1
2003 Live At Wembley Stadium (DVD) - 1
2004 Genesis Live (DVD) 5.00 1
2004 Platinum Collection - 1
2004 The Video Show (DVD) 7.00 2
2004 Inside Genesis 1975-1980 - An Independent Critical Review (DVD) - 1
2006 The Genesis of Genesis - 1
2007 Box Set 1976 - 1982 12.00 1
2007 Live - Helsinki, Fi, 11-06-07 9.00 1
2007 Live Over Europe 2007 11.33 3
2008 Box Set 1970 - 1975 13.50 2
2009 Box Set 1973-2007 Live 12.00 1
2014 Three Sides Live (DVD) - 1
2014 Sum of the Parts (DVD) - 1

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