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Daymoon

Cruz Quebrada

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Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2016
Besonderheiten/Stil: Folk; Jazzrock / Fusion; Neoprog; New Artrock; RetroProg; sonstiges
Label: Progressive Promotion Records
Durchschnittswertung: 10.5/15 (2 Rezensionen)

Besetzung

Fred Lessing vocals, electric & acoustic guitars, bass, flute, baroque recorder, keyboards, percussion, angklung, african xylophone, blues harp, field recordings
André Marques acoustic & electronic drums, assorted percussion, keyboards, vocals, electric & acoustic guitars, bass
Bruno Evangelista vocals
Adriano Pereira clarinet

Gastmusiker

Paulo Chagas wind instruments
Luca Calabrese trumpet
Nuno Flores viola, violin
Thomas Olsson electric guitar
Rita Simoes vocals
Trevor Lever spoken word
Simon Harris spoken word

Tracklist

Disc 1
1. cruz quebrada   (out) 2:28
2. fish dissected 5:45
3. where it hurts most 3:38
4. shipwreck 8:26
5. whalebone 8:07
6. over the cliff 1:36
7. thyme 15:24
8. mummy   (in / "the river") 1:04
9. the single most expensive kiss in the world 4:00
10. headlong 2:10
11. I, abraham 4:34
12. ghost 1:50
13. severance & down falls 4:54
14. indian white 5:02
15. onward 2:05
Gesamtlaufzeit71:03


Rezensionen


Von: Thomas Kohlruß (Rezension 1 von 2)


„Cruz Quebrada“ („Gebrochenes Kreuz“) ist ein eher unattraktiver Strandabschnitt in einem Lissabonner Vorort. Ein düsterer Einstieg in ein neues Daymoon-Album... der Grund dafür ist ein trauriger, denn Bandleader Fred Lessing verarbeitet hier künstlerisch den Krebs-Tod seiner Frau. Dabei enthält die erste Hälfte des Albums - „out“ - Stücke, die während der Krankheit und kurz nach dem Tod von Lessings Frau entstanden sind und die niemals für eine professionelle Veröffentlichung gedacht waren. Die zweite Albumhälfte enthält – unter dem Titel „in“ - die Suite „The River“, die aus neun Stücken besteht, die zwischen 2014 und 2015 entstanden sind. Irgendwann war Fred Lessing klar, dass er die Geschichte von seiner Frau und sich veröffentlichte musste, um letztlich wieder komplett in sein zweites Leben zurückkehren zu können.

Die Vorgeschichte im Hinterkopf macht es nicht einfach, dieses Album zu rezensieren. Es ist das Anliegen von Fred Lessing – im Booklet deutlich formuliert – dem Album seine Aufmerksamkeit zu schenken und es möglichst am Stück zu Hören. Und das möchte ich unterstreichen... so wird letztlich die Geschichte, das Erleben, die Gefühlswelt, das Chaos und die schrittweise Erlösung erfahrbar. Das Album wirkt ganz wesentlich als atmosphärisches Gesamtwerk, auf welches man sich eben einlassen muss.

Es gibt aber auch wirklich spannende, zum Teil außergewöhnliche Musik. Es ist ja bei Daymoon seit jeher Prinzip völlig losgelöst Stile zu mischen, zusammenzuführen, was nicht wirklich zusammengehört und daraus erstaunliche Einheiten zu formen. Dies wird vor allem im ersten Teil von „Cruz Quebrada“ auf die Spitze getrieben. Schon der Einstieg mit klagenden Worten „The woman is dead!“ gerät bedrückend, aber eben auch eindrücklich. Es folgen fast schon atonale, dissonante, kratzbürstige Passagen, die das Gefühlschaos, die innere Zerrissenheit des Protagonisten in Musik umsetzen. In der Folge wird die Musik zwar etwas versöhnlicher, aber der eigenwillige Mix aus düsteren Retroprog-Passagen, sanft-jazzigen Elementen, melancholischem Folk, floydigen Momenten, Kammerprog-Einlagen und ein Schuss Hardrock enthält viele Haken und Wendungen, die den Hörer immer wieder unerwartet packen. Das Ganze mündet im theatralischen Höhepunkt „thyme“.

Die zweite Albumhälfte – Lessings Weg zurück ins Leben 2.0 – ist dann insgesamt versöhnlicher, positiver, ja zuweilen richtiggehend fröhlich. Zum immer noch eigenwilligen Mix gesellen sich noch Blues-Harp, Rock'n'Roll-Anklänge und melancholisch-wehmütiger Jazz, gerade wenn Gastmusiker Luca Calabrese seine Trompete ertönen lässt.

Es dürfte klar sein, dass auf „Cruz Quebrada“ die Texte mindestens gleichberechtigt zur Musik stehen. Im Booklet finden sich die englischen Texte, Fred Lessing ist aber bemüht die Texte in weiteren Sprachen verfügbar zu machen (ich schätze über die Band-Homepage).

Was für eine Erfahrung... „Cruz Quebrada“ ist kein einfaches, leichthin zu genießendes Album. Aber als künstlerisches Statement zu Tod, Bewältigung des Schmerzes, die Rückkehr in ein neues Leben eine wahrhaft beeindruckende musikalische Reise.

Anmerkung: Die Erlöse aus dem Verkauf kommen einer Organisation zugute, die sich die Aufklärung rund um die Krankheit Darmkrebs und die Begleitung der Betroffenen wie deren Angehörigen zur Aufgabe gemacht hat.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 19.4.2016
Letzte Änderung: 19.4.2016
Wertung: 11/15

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 2 von 2)


2011 spendeten Menschen aus aller Welt Geld für die Behandlung von Fred Lessings Frau Inês. Einige Monate später verstarb sie. Darmkrebs. Es dürfte sie mehr als jeden anderen gequält haben, dass sie einige Jahre zuvor eine Vorsorgeuntersuchung ausgelassen hatte, aus Angst, es könnte wehtun.

Für "Cruz Quebrada" arbeitete Fred Lessing seine Erlebnisse und seine emotionale Reise durch die letzten Jahre in Musik um.

Für Künstler mag es das normalste von der Welt sein, ihre innersten Gefühle nach außen zu kehren und sie in Kunst umzusetzen, vielleicht um sie so (besser) zu verarbeiten. Aber ich frage mich immer, ob - oder besser: hoffe für sie, dass sie das nie bereuen. Immerhin machen sie sich durch so etwas sehr verletzlich. Gut, den Mut, sich so bloßzulegen, muss man bewundern, aber wer ein wenig Bescheid weiß über Kunst, weiß auch, dass, einmal veröffentlicht, die Leute mit dem Werk tun, was immer sie wollen. Und dieser Gedanke muss beängstigend sein, selbst im besten Fall immer noch beunruhigend. Umso mehr Mut braucht man als Künstler. Gab es wirklich keinen einzigen Moment, an dem Herbert Grönemeyer bereut hat, der Welt zu sagen, was in ihm nach dem Tod seiner Frau vorging? Mit seinen ja schließlich immer etwas mehr als wackeligen Metaphern?

Und dann die Rezensenten. Lange nichts, aber dann eben irgendwann doch die Rezensenten. Vor Jahren hatte ich mal ein ähnliches Album vorliegen, da hatte jemand ein Kind verloren, und das in einem Konzeptalbum verarbeitet. Ich fand das mutig, großartig, und gleichzeitig hatte ich auch die gerade angesprochenen Zweifel. Dazu kam: Ich fand das Album äußerst schwach. Die Musik war mäßig, in ihren schwächsten Momenten banal. Nur - soll ich so etwas in eine Rezension schreiben? Darf ich das? Darf ich jemandem auch nur implizit ins Gesicht sagen: Die Musik, zu der Dich dieses schlimme Erlebnis inspiriert hat, ist banal? Das ist nicht leicht. Ich glaube, selbst der gefühlloseste Mensch (oder der unmusikalischste) wird verstehen, dass es einem Rezensenten leichter fällt, einen Song über Piraten zu besprechen, als einen, der sich um ein persönliches Erlebnis dreht – allemal, wenn es sich um ein derart lebenverwüstendes handelt.

Was also kann ich, darf ich über die Musik auf solchen Alben überhaupt sagen, und zwar zunächst einmal ganz unabhängig davon, ob sie gut ist oder schlecht? Was bedeutet bei einem solchen Thema überhaupt "gut"? Die Musik wäre wohl dann gut, wenn sie die Emotionen des Musikers angemessen in Klänge übersetzt. Nur: Ich ja nicht mal im Ansatz beurteilen, ob sie das tut, weil ich die Gefühle, die den Musiker beim Komponieren und Musizieren bewegt haben, nicht im Entferntesten nachvollziehen kann. Selbst wenn ich das Album für gut komponiert halte, kann es ja sein, dass der Musiker seine Gefühle inadäquat zum Ausdruck gebracht hat - ob er selbst es so sieht oder nicht.

All das kann ich nicht wissen. Es wäre anmaßend, zu behaupten, man könnte nachempfinden, von welchen Gefühlen man umgetrieben wird, wenn man seinen Partner nach Jahrzehnten verliert – mal ganz abgesehen davon, dass es nicht geht. Lessing schreibt "Lost. Confused. Going slightly mad." Ich kann das lesen, ich kann das verstehen – aber …-

…aber ich kann mir vorstellen, dass Verzweiflung, Wut, Trauer eine Rolle spielen. Hoffnung vielleicht. Und dann kann ich darauf achten, ob Verzweiflung, Wut, Trauer, Hoffnung zu hören sind. Warum? Weil ein solches Album, wenn es klug gemacht ist, nie nur die eigenen, persönlichen Gefühle repräsentiert, sondern stattdessen im Individuellen das sucht, was allgemein menschlich ist, das, was uns alle angeht oder einmal angehen könnte. Erst so wird ein so persönliches Werk auch für andere nachvollziehbar.

Und das ist "Cruz Quebrada" – vor allem in den Texten. Die wirklich berühren, weil sie ehrlich sind und schonungslos. Doch schon ihr Vortrag überrascht mich. Ich hatte verzweifeltes Wimmern, wütendes Geschrei, trauerndes Murmeln, leise Hoffnung erwartet, aber der Gesang, sowohl der von Fred Lessing als auch der von Bruno Evangelista, wirken auf mich nur grau, trübe, distanziert, ja fast gleichgültig. Die Gleichgültigkeit der Depression? Vermutlich. Eine bewusste ästhetische Entscheidung. Für meine Ohren bleibt der gesangliche Vortrag hermetisch, weil ich ihm keine Gefühlsaufwallungen entnehmen kann. Die aufwühlende Wirkung auf mich bleibt aus. Aber das Album wirkt auch nicht so, als sei ihm wichtig, wie es auf irgendeinen Zuhörer wirkt.

Entsprechend die Musik, wie immer bei Daymoon stilistisch sehr breit aufgestellt. Eigentlich genau der richtige Ansatz, um so verschiedene Emotionen wie Verzweiflung, Wut, Trauer, Hoffnung zum Ausdruck zu bringen. Und man hört über die Distanz, dass die Musik zu Beginn deutlich häufiger den Stil, die Richtung wechselt, bildlich gesprochen aufgewühlter ist, als am Schluss. Es gibt eine Entwicklung – auch wenn ich die Fröhlichkeit, die Thomas am Ende hört, nur punktuell erkennen kann. Für mich bleibt sie gebrochen, schwierig, tastend, nur langsam Fuß fassend. Allerdings hatte ich andererseits auch kein fröhliches Ende erwartet. Solche Erlebnisse lassen einen verändert zurück, die Zeit heilt eben nicht alle Wunden. Manche bleiben, zumindest Narben bleiben. Was ich vermisse, ist eine musikalisch durchgängige Intensität, wie sie allerdings punktuell immer wieder mal entsteht, etwa gleich zu Beginn, wo es kurz Richtung Avant geht, oder in einer Passage in "Fish dissected", die mich an die besseren Tage von Beardfish erinnert. Auch bei dem einen oder anderen "The final cut"-Moment hier und da ("where it hurts most") scheint sie auf, ebenso in dem Bläserarrangement zu Beginn von "Whalebone" oder bei einem wunderbaren Trompetensolo in "The River". Jenseits davon verliert sich die Spannung allerdings immer wieder über längere Passagen. Gut, wer bei einem solchen Thema ein mitreißendes Album erwartet hat, dürfte reichlich weltfremd sein.

Wie gesagt, ich habe keine Ahnung, was in Fred Lessing vorgegangen sein muss. Ich kann lediglich beurteilen, was ich höre. Und das ist doch recht anders als ich es erwartet hatte. Am Ende kann ich Thomas insofern zustimmen, als "Cruz Quebrada" kein einfaches Album ist, sondern vielmehr ein widerständiges, schwer zu verdauendes künstlerisches Statement zu Liebe, Tod, Schmerz und zur schwierigen (und nie endenden) Rückkehr in ein neues Leben. Ich finde allerdings, dass das Album vor allem eine beeindruckende textliche Reise ist.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 27.4.2016
Letzte Änderung: 3.5.2016
Wertung: 10/15
Geht zur Vorsorgeuntersuchung, Leute!

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