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Jute Gyte

Perdurance

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2016
Besonderheiten/Stil: Ambient; Progmetal; sonstiges
Label: Eigenverlag
Durchschnittswertung: 13/15 (1 Rezension)

Besetzung

Adam Kalmbach everything

Tracklist

Disc 1
1. At the Limit of Fertile Land 11:30
2. The Harvesting of Ruins 10:52
3. Like the Woodcutter Sawing His Hands 9:24
4. Palimpsest 8:19
5. Consciousness Is Nature’s Nightmare 10:02
6. I Am in Athens and Pericles Is Young 12:32
Gesamtlaufzeit62:39


Rezensionen


Von: Nik Brückner @


Jute Gyte - kranker, sehr kranker mikrotonaler Black Metal in mehreren Tempi gleichzeitig. Wirklich krank.

Haarsträubend. Gute Güte!

Jute Gyte ist das Soloprojekt von Adam Kalmbach aus Missouri, der in der Tradition sowohl des hermetischen Weirdo-Black-Metal (herrje!) als auch der experimentellen Elektronik steht und dabei Techniken mikrotonalen Komponierens und gelayerter Rhythmen, Metren und Tempi anwendet. Das Ganze klingt sehr extrem, ist gleichzeitig aber sehr akademisch. Kalmbach komponiert mit nahezu obsessiver Detailgenauigkeit, erläutert aber gern auch die musikalischen wie philosophischen und ästhetischen Bezugspunkte, zu denen er sich positioniert, und die vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum heutigen Tag reichen. So ist Jute Gyte weniger ein musikalisches Projekt im engeren Sinne, als ein fortlaufender Denkprozess, für den die Musik ein Schwerpunkt ist.

Auf "Discontinuities" (2013) begann Kalmbach, eine Gitarre zu spielen, die mit einem mikrotonalen Griffbrett angepasst wurde, was ihm erlaubte, in Intervallen zu komponieren, die kleiner waren als die Halbtonstufen der traditionellen westlichen Musik. Zudem schichtet er er nicht nur verschiedene Rhythmen oder verschiedene Metren, sondern auch noch verschiedene Tempi, was seine Musik äußerst interessant – aber auch äußerst schwierig macht.

In letzter Zeit arbeitet Kalmbach daran, die Metal- und die Elektronik-Seite seines Oeuvres zu vereinen. Mit dem letztjährigen "Ship of Theseus" und dem hier zu rezensierenden "Perdurance" ist hat er zwei Drittel einer Trilogie vorgelegt, die dieses Programm verwirklichen soll. Also los…

"At the Limit of Fertile Land" klingt zunächst einmal wie wirres Rauschen. Das liegt daran, dass hier verschiedene Tempi gleichzeitig erklingen. Schon früher hat Kalmbach mit Hemiolen experimentiert, also rhythmischen Akzentverschiebungen innerhalb eines Dreier-Taktes, hier spielt er mit einem 7:8-Verhältnis im Tempo. Yep, das ist so kompliziert (und so anstrengend) wie es klingt. Es führt dazu, dass eine immense Spannung erzeugt wird: Das Ohr erwartet die Auflösung hinzu einem der beiden Tempi, also dass sich eins der beiden entweder verlangsamt bzw. beschleunigt, um mit dem anderen zu verschmelzen, was aber nicht geschieht.

Bei anderen Tracks ist das noch komplizierter: Bei "I Am in Athens and Pericles Is Young" ist mit einem 4:5:6:7-Verhältnis der Höhepunkt erreicht. Hier verliert sich die Erwartung einer Auflösung, man hat einfach nur das Gefühl, mehreren Stücken gleichzeitig zu lauschen. Krass, ganz krass - wenn man sich drauf einlässt.

"Palimpsest" dagegen nutzt nicht mehrere Tempi, sondern ist um eine konsequente 33-Schlag-Hypermetrik strukturiert. Ihr merkt schon, der Mann steigt richtig tief ein. Das alles ist Teil seines Programms, Aspekte seiner elektronischen und seiner metallischen Arbeit zu integrieren, und dabei vor allem auf Rhythmus und Timbre zu fokussieren.

Abseits solcher rhythmischer Experimente arbeitet Kalmbach, wie gesagt, mit mikrotonalen Intervallen, also Intervallen, die kleiner sind als ein Halbtonabstand. Der Beginn von "Like the Woodcutter Sawing His Hands" etwa ist eine mikrotonale Erweiterung des Eröffnungs-Themas von Brahms' erstem Klavierquartett – auch wenn man seinen Brahms darin irgendwie echt nicht wiedererkennt… Oder der Beginn von "Consciousness Is Nature’s Nightmare", eine Folge von Nonenakkorden, die sich mikrotonal vom dunkelsten zum hellsten entwickeln.

Ein paar andere Riffs sind Klangcollagen und Improvisationen, in verschiedenen Spieltechniken, die durch die Möglichkeiten der Mikrotonalität erheblich ausgebaut und erweitert werden können.

Die philosophischen und ästhetischen Bezugspunkte dieser seltsamen Musik erschließen sich durch die Songtitel. Diese knüpfen Bezüge zu Boulez, Klee, Renée Riese Hubert und Frank Belknap Long – und auf dem Cover ist eine Röntgenaufnahme von Rembrandt's De Staalmeesters zu sehen. Gute Güte! Hohes Niveau hier.

Niemand muss das hören. Diese Musik ist in jeder Hinsicht extrem. Aber sie ist immer wieder auch überraschend proggig. Wer es durchhält, und wer mitliest (man muss sich einlesen), hört vieles, was auch dem – naja, dem trainierten – Proghörer gefallen kann. Progressiv ist das allemal. Progressiver geht's ja kaum!

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 8.7.2017
Letzte Änderung: 7.7.2017
Wertung: 13/15
Krass, extrem, intelligent.

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