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Wingfield Reuter Sirkis

Lighthouse

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2017
Besonderheiten/Stil: improvisiert; instrumental; Jazz; Jazzrock / Fusion
Label: Moonjune
Durchschnittswertung: 9/15 (1 Rezension)

Besetzung

Mark Wingfield g
Markus Reuter touch g
Asaf Sirkus dr

Tracklist

Disc 1
1. Zinc 7:43
2. Derecho 8:30
3. Ghost Light 14:20
4. Magnetic 11:16
5. A Hand in the Dark 4:57
6. Transverse Wave 5:21
7. Surge 4:30
Gesamtlaufzeit56:37


Rezensionen


Von: Volkmar Mantei @


Die Geschichte von Dornröschen ist gewiss hinlänglich bekannt. Ein König war mit einer Tochter beschenkt worden, die so gräßlich war, dass die Mutter sich kurz nach der Geburt verabschiedete. Um sein Kind interessant zu machen, ließ er alle Geschichtenschreiber des Landes zu sich kommen, zeigte das Bild der hübschen Tochter des Pferdehirten und lobte ein Preisausschreiben aus. Wer die beste Geschichte sich ausdenken ließe, seine Tochter für die Prinzenrollen der umliegenden Königreiche zum Hochzeitsverkauf interessant zu machen, der würde mit einem Weinschlauch und langem Leben bedacht.

Die Schreiberlinge legten los, verfassten allerlei Kram und sprachen damit beim König vor. In der Zwischenzeit war dem Henker aufgetragen worden, das große Beil zu wetzen, es würden wohl einige Köpfe rollen. Und so war es auch. Die Schreiberlinge hatten Schiss vor ihrem König und malten blumige Weisen um reinste Jungfrauen, allerlei halbreligiöses Zeug, das sich um die Göttin rankte, die von alledem nix wusste und mit ihren Puppen in der Küche spielte.

Nicht einer überlebte. Zweiter Aufruf. Irgendwie wollte aus der zweiten Reihe der gebildeten Schriftsteller kein Interesse beim König ankommen, so ließ dieser willkürlich ein paar Leute in einen halbverfallen Schuppen einsperren. Es gab Wasser, Brot und einen Apfel am Tag. Zudem ließ er junge Damen vor dem einzigen brüchigen Fenster des Schuppens vorbeimarschieren, als Quell der Inspiration. Drinnen war ein heilloses Durcheinander. Die Boys und Girls kannten sich nicht, es waren wahrhafte Deppen, eingebildete Trumpeltiere und flotte Diarrhoe-Spezialisten darunter. Sie glotzten die Inspiration an, die Inspiration glotzte nicht zurück. Und ein kleines Mädchen, das aus Versehen mitgerissen wurde, als die Meute eingesperrt wurde. Ihre Mutter konnte sie nicht halten, sie lachte gerade über einen Witz, dessen Pointe ich nicht hörte und ihn hier deswegen nicht anbringen kann.

Kurz: es gab wieder jede Menge Arbeit für den Henker, doch einer dieser eingebildeten Deppen bekam Mitleid mit dem Mädchen, woher auch immer ihm diese empathische Reaktion geboren war – sie rettete ihm das Leben.

Das Mädchen war ein Ausbund an Phantasie, was nicht einmal die Mutter ahnte, denn die war die ganze Zeit mit sich selbst beschäftigt. Und der eingebildete Depp war mit den Buchstaben von A – Z vertraut, so wurde etwas draus.

Der Depp und das Mädchen überlebten, der König verkaufte seine Tochter, sie bekam bergeweise Kinder (der Prinz war ein Hübscher und so selbstverliebt in sein Spiegelbild, dass er nichts vom Aussehen seiner Frau wusste, ihn interessierte nur von Dekolleté bis Oberschenkel).

Tausend Jahre nach diesem Vorfall stolperte ein betrunkener Musiker (Wingfield) über eine Unebenheit am Boden, schlug hart auf und der Boden unter ihm gab nach. Einige hundert Meter tiefer sang ein Hase etwas von „Viel Glück“ usw. und allerlei seltsame Dinge gingen vor. Mr. Wingfield fand ein Buch, von einem Deppen geschrieben, der mit einem Mädchen durch die Welt gezogen war und die Menschen mit atemberaubenden Geschichten unterhalten hatte. Beide waren seit langer Zeit tot, doch das Buch überlebte aus einzig dem Grund, noch einmal in Einsatz zu kommen.

Es dauerte eine schreckliche Nacht und einen grauenhaften Tag, bis Mr. Wingfield sich aus seinem Loch befreite, das Buch unter den Gürtel geschnallt. Muskelkater, so dachte Mr. Wingfield, hielt seine Lebensgeister in der Folge zusammen. Als der Schmerz sich verzog, war das Buch gelesen und aus dem ungehobelten Klotz ein empathischer Kulturbanause geworden. Das taugt als Inspiration, so sein Zellgewebe und der Gitarrist (hatte ich noch gar nicht erwähnt, sorry!) machte sich ans Werk, die Story in eigenem Geiste umzudingsen. In den Pausen trank er Kirschsaft und rief ein paar Kumpels an, seine Arbeit zu unterstützen. Und siehe da, Herr Reuter (Gitarrist, Touch) war grad arbeitslos. Mr. Sirkis (dr) ebenso. Mr. Wingfield war in sein Buch so verliebt und über seine unglaubliche Geschichte so verwirrt, dass er vorsätzlich vergaß dieses Beides zu erwähnen, als seine Ganovenbrüder eintrafen. Stattdessen warf er ihnen eine lausige Geschichte von Inspiration um die Ohren, dass die beiden Neumitarbeiter eigentlich schleunigst wieder das Weite suchen wollten, doch da war noch Schnaps und also blieben sie.

Nun, das Obige hier ist der erste Teil der Songs auf der CD, Titel 1 bis 3. Titel 4 handelt davon, Herrn Reuter und Mr. Sirkis zu überreden, mitzuarbeiten und die eigentliche Story wird in 5. bis 7. abgehandelt.

Dabei geht es weniger um die Dornröschen-Saga an sich, sondern vielmehr um die Undurchdringlichkeit des dornigen Gestrüpps, in dessen Geflecht etliche Ritter- und Heldengerippe vergammelten und gewitztes Kleingetier sein Paradies ausbaute. Eigentlich brauchte ich Letzteres nicht zu erwähnen, denn dass es sich hier um die Beschreibung von dichtem Gestrüpp handelt, in dem ein paar doofe Tote und viel gewitztes Leben steckt, ist eindeutig zu hören.

Das Trio ist so lala zwischen Jazzrock, freier Improvisation und eigener Handschrift unterwegs und macht seine Sache gut. Zwar wussten Herr Reuter und Mr. Sirkis nicht, was sie taten, aber ihr Chef, Mr. Wingfield, redete so viel wuseligen Kauderwelsch über den Tag (in den Pausen natürlich) zusammen, dass allein dies ausreichend Inspiration war, die Arbeit gelingen zu lassen.

Und, Voilá, „Lighthouse“ (Alibi-Titel, weil „Dornröschen“ zu sehr nach Porno klingen würde – wer nähme erwachsenen Musikern ab, dass sie Märchen vertonten, erwachsene Männer denken doch immer nur an das Eine!) war geboren. In Spanien aufgenommen, damit Mr. Wingfield wieder runterkommen konnte von seinem Buch-Trip und alle drei nicht so sehr froren in den Raucherpausen vor dem Studio (eigentlich rauchten alle Drei schon lange nicht mehr, aber das Wort Pausen war ihnen zu langweilig und ‚Raucherpausen‘ klang irgendwie retromäßig gut).

Mr. Moonjune erkannte die Inspiration (schließlich hatte er Mr. Wingfield besoffen gemacht, das Loch gebuddelt, das Buch versteckt – und vorher vollgeschrieben) und die durchaus lebhafte Umsetzung des Geschehens in der Märchen-Saga, sagte: Yes und machte ne CD draus.

Gut so.

Anspieltipp(s): Zinc
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 8.1.2018
Letzte Änderung: 8.1.2018
Wertung: 9/15

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