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3.2

The Rules Have Changed

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2018
Besonderheiten/Stil: Klassischer Prog; Melodic Rock / AOR
Label: King Record/Frontiers
Durchschnittswertung: 11/15 (1 Rezension)

Besetzung

Keith Emerson Arrangements, keyboards
Robert Berry Arrangements, vocals, keyboards, guitar, bass, drums and other instrumentation, production

Tracklist

Disc 1
1. One By One 7:14
2. Powerful Man 5:04
3. The Rules Have Changed 6:48
4. Our Bond 4:37
5. What You're Dreaming Now 4:34
6. Somebody's Watching 5:34
7. This Letter 6:43
8. Your Mark On The World 5:29
9. Sailors Horn Pipe (Instrumental)   (Bonus Track (Japanese Edition)) 3:53
Gesamtlaufzeit49:56


Rezensionen


Von: Nik Brückner @


Die erste Veröffentlichung bislang ungehörter Musik von Keith Emerson nach seinem Freitod kommt aus einer unerwarteten Ecke. Erinnert sich noch jemand an die Band Three/3? Diese Zusammenarbeit zwischen Keith Emerson, Carl Palmer und Robert Berry aus den Jahren 1987/1988?

Der Manager Brian Lane, John Kalodner, A&R-Guru von Geffen, und Carl Palmer hatten das damals angeleiert. Der Plan war, eine songorientierte Melodic-Rock-Band zu gründen, die das virtuos-symphonische Keyboardspiel Emersons mit den Top-40-Fähigkeiten Berrys kombinieren sollte, ganz nach dem Vorbild von Asia und GTR. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit war das Album "...To The Power Of Three". Die erste Single "Talkin 'bout" erreichte immerhin Platz 9 der Billboard Charts und die Band tourte recht erfolgreich durch die USA. Nach diesem Erfolg beendete Emerson das Projekt allerdings.

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits einige Songs geschrieben worden, diese wurden später auf Robert Berrys Soloalbum "Pilgrimage to a point" von 1992 veröffentlicht ("You've Changed", daneben wohl "Shelter" "The Other Side" und "Last Ride into the Sun").

Schade drum! Denn so umstritten 3 damals auch gewesen sein mögen, besser als die letzten ELP-Alben "Black Moon" und "In the hot Seat" war die Scheibe allemal. Zwar dominierte Berrys westcoastiger Schreibstil die Platte, das war ihr aber nicht unbedingt abträglich, sieht man sie mal nicht im Kontext des klassischen Progs der70er. Und mit Stücken wie "Desde La Vida" wurden auch die Hardcore-Progfans zufriedengestellt.

Leider kam das Album damals einige Jahre zu spät. Im Kontext der großen Tage von Bryan Adams' "Reckless" oder John Parrs "St. Elmo's Fire" hätte es vermutlich deutlich mehr Sinn ergeben als 1988. Zu dieser Zeit lagen die goldenen Zeiten des Stadionrocks bereits ein ganzes Jahrzehnt zurück und sein letztes erfolgreiches Statement, Asias Debüt, war auch schon sechs Jahre alt. Außerdem waren die Songs viel zu emersonsch arrangiert, um richtige Mainstream-Hits werden zu können.

Mehr als dreißig Jahre später ist 3 erst recht ein Anachronismus. Dennoch nahmen im Oktober 2015 Robert Berry und Serafino Perugino, Präsident von Frontiers Records, Gespräche über ein neues 3-Album auf. Berry kontaktierte Emerson, der bekundete überraschenderweise Interesse, und die beiden begannen, musikalische Ideen auszutauschen. Durch Emersons Freitod 2016 kam das Projekt dann allerdings zum Erliegen. Doch Berry hatte genügend Material zusammen, und nach einigen Monaten beschloss er, die Arbeit fortzusetzen und das Album fertigzustellen - als Hommage an Keith Emerson, um dessen Musik hörbar zu machen, und natürlich auch, um die Geschichte von 3 fort- und zuende zu führen.

Das Ergebnis heißt "The Rules Have Changed", es erscheint dieser Tage unter dem Namen 3.2. Das Album besteht aus einigen Songs, die 1988 geschrieben wurden, einigen neu von Emerson und Berry komponierten Stücken, sowie Songs, die nach Emersons Tod von Berry allein ergänzt wurden, im Geiste Emersons, wie er sagt. "The Rules Have Changed" ist damit das letzte musikalische Projekt, an dem Emerson vor seinem Tod im Jahr 2016 beteiligt war.

Und gleich das erste Stück überrascht: Neoklassischer Einstieg, bissl Grieg höre ich, dissonante Powerchords vom Keyboard, Jazz-Improvs, Militärdrums, Pathos allenthalben - so viel Prog auf einem 3-Album? Irgendwer hat mal geschrieben, Keith Emerson habe mehr Talent im kleinen Finger gehabt als all die Neo- und Retroprog-Keyboarder zusammen. Das stimmt schon. Selbst für einen Siebenminüter.

Nur: Keith Emerson ist auf diesem Stück überhaupt nicht zu hören! Berry konnte es erst nach Emersons Tod fertigstellen. Dass man das nicht hören kann, ist der engen Zusammenarbeit der beiden zu Beginn geschuldet, ebenso wie Berrys geradezu unheimlicher Fähigkeit, Emerson zu channeln.

Es folgt "Powerful Man", ein ganz typischer 3-Song nach dem simplen Strophe-Bridge-Refrain-Schema, der direkt aus den späten 80ern stammen könnte. Keyboardfanfaren leiten jeweils die Strophen ein, ein instrumentales Zwischenspiel würzt ihn etwas auf, ganz so, wie auf dem ursprünglichen Album.

"The Rules Have Changed" nimmt das Tempo dann ein wenig heraus. Das Stück beginnt mit einem dramatischen Aufbau, der geprägt ist von überraschenden Harmoniewechseln, aber auch so herrlich altmodischen 80er-Jahre-Keyboard-Sounds. Später fügt ein Gitarrensolo weitere Dramatik hinzu, dann steuert "The Rules Have Changed" mit einem Keyboardsolo über harten Riffs dem Ende zu. Interessanter Versuch, dem Prog Raum zu geben, aber ein wenig zu gedrängt, zu unzusammenhängend, das Ganze.

"Our Bond" ist dann eine wehmütige Powerballade, die (rhythmisch und harmonisch) ihre Herkunft von "On my way home" nicht ganz verleugnen kann. Gegen Ende schlägt das (zu) kurze Stück in eine (zu kurze) Keyboardorgie um, bevor es mit leisen Tönen wieder verklingt. Das Stück ist eine Hommage an Emerson, einerseits thematisiert der Text die Freundschaft und das musikalische band zwischen den beiden Musikern, andererseits channelt Berry in den Soli diverse Keyboardparts Emersons. Das ist schön gemacht.

"What You're Dreaming Now" ist ein Song, dessen Grundidee von Keith Emerson und aus dem Jahr 1987 stammt. Damals schaffte es das Stück nicht auf "...To The Power Of Three". Berry stellte es nach Emersons Tod fertig - leider ist es dennoch einer der Tiefpunkte der Scheibe. Ein mittelmäßiger Song, aufgemotzt durch die typische Quartenharmonik Emersons. Es geht in die gleiche Richtung wie "Powerful Man", ist aber deutlich weniger catchy.

Ganz anders "Somebody's Watching", an dem Emerson und Berry noch 2015/16 zusammengearbeitet haben: Dieser Song war, wie "Powerful Man", schon vorab zu hören. Es ist weniger mainstreamig als jenes: Ein kurzes pseudoklassisches Präludium mündet in einer Einleitung, die getränkt ist in Keyboardfanfaren. "Somebody's Watching" ist das Stück, das den Fan des ersten Albums dazu verleiten dürfte, sich auch dieses zuzulegen. Schöne instrumentale Zwischenspiele, Orgelsolo, Fanfarenkeys - neben "Powerful Man" ist es dasjenige Stück, das am stärksten an das 3-Album anknüpft.

Von jetzt an wird das Album zunehmend proggig. "This Letter" überrascht zunächst durch seine Andersartigkeit. Es beginnt als Gitarrenstück, eine Klavierbegleitung tritt erst später, und sehr zurückhaltend hinzu. Fast klingen Emerson und Berry hier wie eine vollkommen andere Band. Dann verdichtet sich das Arrangement, das Keyboard steuert Neoklassik bei, ein Akkordeon Folkelemente, schließlich entwickelt sich "This Letter" erneut in eine überraschende Richtung: Ein Uptempo-Song wird daraus, mit einen schönen Keyboard-Solo zum Abschluss. Klasse!

Mit "Your Mark On The World", einer weiteren gemeinsamen Komposition der beiden, nimmt das Album weiter Fahrt in Richtung Prog auf: Frenetische Keyboardsoli, Kirchenorgel, großartige Hochgeschwindigkeitssoli. Das Songmaterial ist für sich genommen nicht das stärkste hier, aber Berry und Emerson entwickeln es zu einem ganz starken, dichtgepackten Progtrack.

Prog auch zum Abschluss: Die beiden nutzen die Vorlage von "Sailors Horn Pipe", die sie nur kurz anspielen, als Vehikel für einige Ideen, die in einem Wirbelwind der musikalischen Einfälle (allerdings ein wenig unzusammenhängend) das stärkste 3-Album seit "To the Power Of 3" abschließen.

Was haben wir also hier? Im Ganzen schließen die neuen Stücke allerdings nahtlos an den Stil von 3 aus den Achtziger Jahren an. Robert Berry sagt, die Frage "Was würde Keith tun?" habe ihn angetrieben. Es sei ihm wichtig gewesen, die Vision beider für dieses Album zu realisieren. Das ist ihm gelungen - bis zur Perfektion. Selbst bei den Soli, die Emerson nicht selbst gespielt hat, hört man seinen Stil in jeder Note. Sein Geist durchweht das gesamte Album.

Allerdings ist "The Rules have changed" die gelungenere Umsetzung des ursprünglichen Bandkonzepts. Prog und AOR sind hier dichter ineinandergeschoben, bilden eine Einheit. Waren auf "...To the Power Of 3" viele Progparts recht unvermittelt in fertige Songs Berrys eingefügt worden, ist "The Rules have changed" das rundere, einheitlichere Album. Und ja, es ist definitiv das proggigere von beiden.

Vielleicht liegt das daran, dass nur einer der Songs, eine Bridge und einige Akkordfolgen tatsächlich von einer Demokassette aus den Achtzigern stammen. Auch von "Pilgrimage to a Point" ist hier nichts zu hören. Die überwiegende Mehrheit der Stücke wurde von Berry und Emerson über Telefon und Internet, an ihren jeweiligen Keyboards sitzend, erarbeitet. Emerson kreierte, erläuterte und lehrte Berry gleichzeitig seine Ideen. Etwa 20% seiner Parts spielte Emerson, geplagt von seinem Karpaltunnelsyndrom, selbst, den Rest übernahm Berry für ihn.

Noch ein Unterschied: Palmer fehlt! Es ist unklar, wer was genau gespielt hat (es heißt: "Arrangements: Keith Emerson, Robert Berry" und "Instrumentation: Robert Berry", woraus ich schließe, dass Berry auch Bass, Gitarre und Schlagzeug gespielt hat), Palmer ist aber nicht dabei. Er wurde zwar von den beiden angesprochen, wollte sich jedoch auf seine Carl-Palmer-Band konzentrieren. Und man vermisst den Originalschlagzeuger von 3, insbesondere seine Fantasie und Kreativität. Palmer hatte - und hat! - es drauf, äußerst überraschende, einfallsreiche und dabei nicht zwingend hochkomplizierte Schlagzeugpatterns zu entwickeln, auch in eher poprockigen Kontexten, das beweisen "...To the Power Of 3" und die späten ELP-Alben. Die vermisst man hier. Und er fehlt nicht nur musikalisch, auch emotional.

The Rules have changed - die Regeln haben sich geändert. Heute haben zahlreiche Bands in die vermeintliche Führungsspitze des Progressive Rocks Einzug gehalten, die weitaus weniger Talent vorweisen können, als einst Keith Emerson oder die anderen Größen, die dieses Genre einst zusammen mit ihm aus der Taufe gehoben haben. Wir waren damals enttäuscht von Veröffentlichungen wie "...To the Power Of 3", beschweren uns bis heute auf diesen Seiten über sie, und gönnen ihnen nur eine Handvoll Punkte - während andererseits geringere Alben zu Alben, geringere Bands zur Bands des Jahres erklärt werden. Ich schrieb weiter oben, dieses Album sei ein Anachronismus, in seiner hemmungslosen Anhänglichkeit an die Achtziger, und das stimmt natürlich auch. Es ist ein Kind nicht unserer Gegenwart, sondern jener Zeit, in der die Prog-Musiker der Siebziger alles Mögliche versuchten, um relevant zu bleiben, unter anderem die Fusion von radiotauglichem Material mit anspruchsvollen, wenn auch kurzen Progeinsprengseln. Ich versuche schon lange, eine Lanze für diese Alben zu brechen. Betrachtet man diese nämlich nicht als Verrat, sondern einfach als ein weiteres Subgenre des Progressive Rocks, dann kann man durchaus zu schätzen lernen, mit welchen musikalischen Mitteln diese Fusion damals versucht wurde - und auf welchen Alben diese Fusion besonders gut gelungen ist. 3 haben meines Erachtens einige der gelungeneren Beispiele dafür vorgelegt. Trotzdem war "...To the Power Of 3", war dieses Kompromiss-Genre im Ganzen natürlich nicht so gut wie der klassische Prog der vorausgegangenen 70er-Dekade, und die geringeren Bewertungen hier und anderswo sind vollkommen berechtigt. Man kann die Vertreter dieses Kompromiss-Subgenres untereinander vergleichen, man muss aber auch die Subgenres selbst miteinander vergleichen, um zu einem stimmigen Gesamtbild zu kommen. Und so wird "The Rules have changed" von mir in Relation zu "...To the Power Of 3" und zu anderen Kompromiss-Alben der 80er bewertet, aber auch in Relation zum klassischen Prog - immerhin war Keith Emerson einer seiner Hauptvertreter. Und da muss es natürlich den Kürzeren ziehen. Das heißt aber nicht, dass "The Rules have changed" als das, was es ist, nicht gut ist - tatsächlich ist es besser als die meisten Alben dieses Subgenres. Es heißt nur, dass die Musik der 80er, die Kompromisse macht, Kompromisse machen musste, im Vergleich zur kompromisslosen Hochphase des Progressive Rock im Ganzen den Kürzeren ziehen musste. In einer Zeit aber, in der geringere Alben zu Alben des Jahres erklärt werden, muss man festhalten, dass "The Rules have changed" besser ist als Vieles, was derzeit in Progzirkeln als herausragend gilt. In diesem Sinne: Ein Hoch auf Keith Emerson, mal wieder, und auf das, was er erreicht hat. Und ein Hoch auf Robert Berry, der uns das in Erinnerung ruft.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit: Asia, GTR, Berrys "Pilgrimage to a Point", Genesis' "Duke" - und vom Ansatz her mit Robert Reeds "Sanctuary"-Alben. Nur proggiger.
Veröffentlicht am: 31.7.2018
Letzte Änderung: 1.8.2018
Wertung: 11/15

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