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Anekdoten

Nucleus

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Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 1995
Besonderheiten/Stil: RetroProg
Label: Virta
Durchschnittswertung: 12/15 (3 Rezensionen)

Besetzung

Peter Nordins percussives
Jan Erik Liljeström bass, voice
Nicklas Berg guitar, Rhodes, clavinet, pump organ, Mellotron, voice
Anna Sofi Dahlberg cello, Mellotron, voice

Gastmusiker

Helena Källander violin
Tommy Andersson Rhodes

Tracklist

Disc 1
1. Nucleus 5:08
2. Harvest 6:50
3. Book Of Hours

1. Pendulum Swing
2. The Book

9:58
4. Raft 0:58
5. Rubankh 3:07
6. Here 7:23
7. This Far From The Sky 8:47
8. In Freedom 6:27
Gesamtlaufzeit48:38


Rezensionen


Von: Udo Gerhards (Rezension 1 von 3)


"Das soll also wie King Crimson, 'Red'-Ära, klingen?" Etliche Kommentare in der rec.music.progressive-Newsgroup und auch den zugehörigen FAQs ("Very derivative") hatten mich darauf vorbereitet, mit Anekdoten einen Fripp-und-Konsorten-Klon zu hören zu bekommen. Aber was sich mir dann dartat, als ich 'Nucleus' zum ersten Mal im CD-Spieler hatte, ließ mich weniger an die Siebziger-Jahre-Heroen Fripp, Bruford und Wetton als an manche Neunziger-Jahre-Band denken. Gottseidank endlich eine Prog-Band, an der der Zeitgeist nicht vollkommen vorüber gegangen ist, endlich eine Prog-Band, die nicht vollkommen in der Vergangenheit lebt: Anekdoten scheinen auch Soundgarden (r.i.p.) oder Rage Against The Machine gut zugehört zu haben.

Auch wenn das manchem Puristen-Progger nicht schmecken mag: Es gibt ein Leben jenseits von 'Wind And Wuthering', es muß ja nicht gerade 'We Can't Dance', 'Love Beach' oder '90125' sein. Ich bin sicher kein übergroßer Fan von Grunge und Crossover, dennoch denke ich, daß zuviele 'Progressive Rock'-Bands vergessen, daß hinter dem 'Progressive' auch ein 'Rock' steht, und - bei Gott (oder wem auch immer) - Anekdoten rocken! Niemand kann mir erzählen, daß 'Rubankh', Nummer fünf auf 'Nucleus', nicht auch leicht abgewandelt und mit Agit-Prop-Rap versehen, von oben benannter Polit-Crossover-Combo stammen könnte. Und es ist gut so.

Sicherlich wären die vier jungen Schweden von Anekdoten in der Grunge/Crossover-Schublade fehl am Platze, aber die Referenzen sind da: 'Rubankh', der Anfang von 'This Far From The Sky', Teile des titelgebenden Stückes und etliche ander Stellen.

Dabei macht fast immer Bassist Jan Erik Liljeström den Druck: Mit welcher Power der Mann sein Instrument bearbeitet ist schon bemerkenswert. Ansätze eines ähnlichen Stils zeigen sich vielleicht schon bei John Wetton (Schlußteil von 'Starless' auf 'Red'), aber so brutal, agressiv, druckvoll, verzerrt, kreischend, mit Wah-Wah jaulend wie JE Liljeström ging dieser nie ans Werk. (Lauert nicht irgendwo im Hintergrund Primus?)

Drummer Peter Nordins trommelt nach Kräften mit und macht seine Sache im wesentlichen gut: Genaues Timing und die richtige Dosierung von Sanftheit und Laß-die-Kiste-rappeln; nur hat er leider die Neigung, auf irgendeinem Becken die Achtel des Rhythmus penetrant mitzukloppen (siehe: 'Nucleus' (HiHat), 'In Freedom' (Ride) etc.), was - zumindest mich - auf die Dauer etwas nervt.

Natürlich hat Anekdotens Musik noch mehr zu bieten: Niklas Bergs filigrane Gitarrenarbeit, der man vielleicht noch am ehesten den Crimson-Einfluß abnimmt, steht oft im krassen Widersatz zur Urgewalt der Baßstellen. Er beschränkt sich meist darauf, leicht angezerrte schräge Melodien über dem Baß+Clavinet-Inferno zu jaulen, sanft und clean zu zupfen oder mit Flageolets zu tupfen. Seine Soli loten aus, was man mit wenigen Tönen alles anstellen kann, wenn man nur heftig und einfallsreich genug an den Saiten herumzerrt und mit diversen Reglern und Fußschaltern spielt. Nebenher findet er noch die Zeit, sich in den Credits an Rhodes, Mellotron und Clavinet zu verewigen.

Natürlich sei auch die Frau im Viererbunde erwähnt: Anna Sofi Dahlberg, Cellistin mit zusätzlichen Mellotron-Aufgaben.

Na Gott sei dank, da sind wir aber wieder auf vertrautem Terrain gelandet, wie? Cello (also doch King Crimson mit David Cross?), Rhodes, Clavinet und insbesondere Mellotron ohne Ende. Nach einem Ausflug ins 'Superunknown' sind wir doch wieder heil im Prog-Universum angekommen.

Klar ist Anektdotens Musik insgesamt viel zu 'sophisticated' und durchdacht, aber auch zu düster und filigran, um nur die oben erwähnten Gebiete zu berühren. Schon die CD-eröffnende Titelnummer mit ihrem treibenden 5/4-Takt und ihren sowohl sanft fließenden, als auch absolut schrägen, hektischen Stellen, die zartbesaiteten Gemütern durchaus einen Schrecken einjagen könnten, geht weit darüber hinaus. Was - wie bei vielen Jung-Proggern - anzumeckern bleibt, ist der Gesang. Die dünne Stimme des Lead-Sängers (welches Bandmitglied dies ist, geht aus dem Booklet nicht klar hervor) ist vielleicht doch eine Spur zu schwach und wehleidig; auf jeden Fall hält sie nicht die Qualität der restlichen Musik, was sich auch im Duett mit Fräulein Dahlberg nicht ändert. Dafür kratzt deren Cello wütend oder streicht sanft, je nach Bedarf. Das E-Piano tupft und schwebt, die Mellotron-Streicher bauen Klang-Dome, das Clavinet hämmert, schnelle Passagen werden von wiederum fast meditativen Teilen abgelöst, die dann aber immer einen Hauch zu schräg sind, um beruhigend zu wirken, im 'Pendulum Swing'-Teil von 'Book Of Hours' plingt das Rhodes, im kurzen 'Raft' schwellen und jaulen ferne Streicher, um nach nur einem kurzen Snare-Schlag Pause vom Baß+Drums-Gewitter verjagt zu werden, über dem das Cello klagt und das Clavinet knarzt, das ruhige 'Here' schleppt sich wie ein phlegmatischer Trauermarsch, 'In Freedom' mit cleaner Gitarre und akustischem Baß versprüht fast ein wenig Salon-Atmosphäre, allerdings höchstens zum Cocktail nach dem oben erwähnten Beerdigungsgang.

Höhepunkt der CD ist für mich das hymnische 'This Far From The Sky'. Hier kommen alle Ingredienzen von vorher zusammen, perfekt arrangiert. Ein Malstrom-Thema überrollt den Zuhörer, der Baß wummert noch mächtiger, und die Gitarre jault noch konziser.

Anspieltipp(s): Nucleus
Vergleichbar mit: King Crimson
Veröffentlicht am: 4.4.2002
Letzte Änderung: 4.4.2002
Wertung: 12/15

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Von: Jörg Schumann @ (Rezension 2 von 3)


Ich kann Udo`s ausführlicher und absolut treffender Rezension nur zustimmen. Nucleus ist ein grossartiges Album auf welchem die Schweden erneut einen packenden Mix aus brutalem, dissonantem Riffing und zerbrechlichen, schwermütigen Melodien kredenzen, der nicht nur Proggies Spass machen dürfte. Wie ich schon zu Vemod schrieb, finde ich die Stimme absolut passend und kann mir eigentlich keine andere zu dieser Musik vorstellen. Jede kraftvolle Power-Röhre würde zweifellos die Stimmung, die Vemod zerstören. Womit ich bei meinem Favoriten des Albums wäre: pendulum swing.

Eine sich stets wiederholende zarte Gitarrenmelodie von 9 Tönen, eine monotone Basslinie auf 4 verschiedenen Tontiefen, erst spärliches, dann intensiver werdendes Schlagzeug und über dem ganzen schwebt das Mellotron, liegen Töne und Akkorde, die einem Schauer über den Rücken schicken und Tränen in die Augen treiben. Ist eine der schönsten Kompositionen, die ich kenne.

Anspieltipp(s): book of hours
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 15.4.2004
Letzte Änderung: 15.4.2004
Wertung: 12/15
Pendulum Swing 15

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Von: Horst Straske @ (Rezension 3 von 3)


Anekdoten haben die symphonisch-crimsoneske Komplexität ihres Debüts auf ihrem zweiten Album noch intensiver mit der Dynamik des Alternative Rocks verschmolzen und in einem versierten Nebeneinander aus frippiger Komplexität, nordischer Melancholie sowie ungezügelter Wucht eine spannungsgeladene Mixtur geschaffen. Bereits mit dem das Album eröffnenden Titeltrack "Nucleus" entlädt sich das komplexe Gemisch der Schweden in einem brachialen Soundgebräu, das von einem dröhnenden Bass geprägt ist, der zusammen mit einer quirlig-schrägen Fripp-Gitarre den fulminanten Einstieg geschickt vorantreibt. Diese hochexplosive Mixtur wird zum rechten Zeitpunkt von weichen Mellotronsequenzen und kratzigen Celloeinlagen aufgelockert, zu denen sich unerwartet melancholische Gesangseinlagen gesellen. Nachdem Anekdoten dann einen längeren Schwenk in Richtung einer symphonischen Eleganz vollbringen, drängt sich aber die zuvor unterbrochene Power in noch größerer Inbrunst in den Vordergrund. Sicherlich ist hier eine gewisse Inspiration durch Alternative Rock und Grunge nicht von der Hand zu weisen, welche aber vor allem zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Albums in den einschlägigen Fanzines doch reichlich überbewertet wurde. Ohne jeden Zweifel war die hier praktizierte ungestüme Energie zur Hochphase des Neoprogs gewiss ein Kontrast, aber keinesfalls solch ein Schlag ins Gesicht, wie teilweise verbreitet.

Als Verehrer des klassischen Progressive Rocks wird man zu der von Anekdoten zwischen melancholischer Schwelgerei und schräger Dynamik pendelnden Version doch einen raschen Zugang finden, wenn man insbesondere King Crimson und Van der Graaf Generator für sich gewinnen konnte. Mit "Book Of Hours" wird ein Highlight im Repertoire der Band geboten, das mit einem gekonnten Spannungsaufbau aufwarten kann, indem sich in schleppend-psychedelischer Manier behutsam ein symphonisch-melancholischer Schönklang aufbaut. Ein krachender Bass und anmutige Mellotronsequenzen dienen hier als wirksam eingesetzte Kontrastpunkte, bevor eine krachende Dynamik einen noch größeren Gegenpol setzt, aber wiederum zum rechten Zeitpunkt von entrückter Melancholie unterbrochen wird. Im kurzen Instrumental "Rubankh" werden die für das zweite Anekdoten-Album so typischen Stilmerkmale in knapp über drei Minuten auf einen Nenner gebracht.

Anspieltipp(s): Rubankh
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 28.10.2011
Letzte Änderung: 28.10.2011
Wertung: 12/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Anekdoten

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1993 Vemod 11.67 3
1997 Live EP 10.50 3
1998 Official Bootleg - Live In Japan 10.67 3
1999 From Within 10.33 3
2003 Gravity 9.33 6
2005 Waking The Dead - Live In Japan 2005 8.50 2
2007 A Time Of Day 8.67 3
2009 Chapters 12.00 2
2015 Until All The Ghosts Are Gone 11.33 3

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