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Ayreon

The Human Equation

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Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2004
Besonderheiten/Stil: Konzeptalbum; Folk; Neoprog; Progmetal; RetroProg; sonstiges
Label: InsideOut
Durchschnittswertung: 10.2/15 (6 Rezensionen)

Besetzung

Arjen Lucassen all electric and acoustic guitars, bass guitars, mandoline, keyboards, vocals "Best friend"
Ed Warby all drums and percussion
Robert Baba all violins
Marieke van der Heyden all cellos
John McManus flute, whistle
Jeroen Goossens flutes, panpipes, recorders, didgeridoo, bassoon

Gastmusiker

Joost van den Broek synth solo on 2, spinet on 13
Martin Orford synth solo on 15
Ken Hensley Hammond solo on 16
Oliver Wakeman synth solo on 17
Eric Clayton voice "Reason"
Heather Findlay voice "Love"
Mikael Akerfeldt voice "Fear"
Magnus Ekwall voice "Pride"
James LaBrie voice "Me"
Marcela Bovio voive "Wife"
Mike Baker voice "Father"
Irene Jansen voice "Passion"
Devon Graves voice "Agony"
Devin Townsend voice "Rage"

Tracklist

Disc 1
1. Day one: Vigil 1:33
2. Day two: Isolation 8:42
3. Day three: Pain 4:58
4. Day four: Mystery 5:37
5. Day five: Voices 7:09
6. Day six: Childhood 5:05
7. Day seven: Hope 2:47
8. Day eight: School 4:22
9. Day nine: Playground 2:15
10. Day ten: Memories 3:57
11. Day eleven: Love 4:18
Gesamtlaufzeit50:43
Disc 2
1. Trauma (Intro)   ((Die ersten 11 Tracks haben offenbar den Zweck, dass die 2.CD mit Track 12 (=12.Tag) beginnen kann.)) 0:05
2. Trauma (Intro) 0:04
3. Trauma (Intro) 0:05
4. Trauma (Intro) 0:04
5. Trauma (Intro) 0:05
6. Trauma (Intro) 0:04
7. Trauma (Intro) 0:05
8. Trauma (Intro) 0:04
9. Trauma (Intro) 0:05
10. Trauma (Intro) 0:04
11. Trauma (Intro) 0:09
12. Day twelve: Trauma 9:00
13. Day thirteen: Sign 4:48
14. Day fourteen: Pride 4:43
15. Day fifteen: Betrayal 5:24
16. Day sixteen: Loser 4:46
17. Day seventeen: Accident? 5:42
18. Day eighteen: Realization 4:31
19. Day nineteen: Disclosure 4:42
20. Day twenty: Confrontation 7:03
Gesamtlaufzeit51:33


Rezensionen


Von: Henning Mangold @ (Rezension 1 von 6)


Arjen Lucassen scheint dramatische Krankheitsgeschichten zu mögen: lag bereits in seinem "Universal Migrator" ein letzter Mensch in den letzten Zügen, so kommt es jetzt noch schlimmer: James LaBrie liegt nach einem Autounfall im Koma. An seinem Krankenbett ist die Welt noch übersichtlich - lediglich seine Frau und sein bester Freund (alias Lucassen) sitzen bei ihm und warten zwanzig Tage lang auf sein Erwachen. In seinem Kopf dagegen tobt das reinste Chaos: jedes seiner Gefühle nimmt eine Stimme an und meldet sich lautstark zu Wort; es entsteht ein derartiges Gedränge widerstreitender Emotionen und verzwickter Rollenspiele, dass dem Patienten kaum was Anderes übrigbleibt als sich am zwanzigsten Tag aus diesem Stress zu befreien. Ende gut, alles gut.

Kein Wunder, dass in diesem komatösen Gehirn so viel abgeht: Lucassen hatte gerufen, und alle waren gekommen! Sein Line-up liest sich - wie gewohnt wie ein "Who is who" der aktuellen Prog- und Progmetal-Szene (siehe oben); und jeder gibt seinen Beitrag ab zu der Frage, wie es denn nur mit dem Patienten so weit hatte kommen können; manche, die zu Wort kommen, durften sich sogar ihre eigenen Lyrics schreiben (so Devin Townsend, Heather Findlay und Devon Graves). Und sie haben alle eine Menge zu sagen.

Ich habe bisher fast nur positive Meinungen über dieses Werk gelesen und komme mir schon fast dumm vor, wenn ich jetzt zugebe, dass dies für meinen Geschmack das schwächste aller bisherigen Lucassen-Epen darstellt. Noch zu "Flight of the Migrator" hatte ich geschrieben, diese CD sei die musikalische Entsprechung zu einem Blockbuster-Actionfilm; "Human Equation" erinnert mich auch an ein Filmgenre, aber diesmal an ein ganz besonders herziges Melodram. Sicherlich hat Lucassen das so gewollt; er wollte den Fans etwas ganz Anderes als das Bisherige präsentieren, und das ist ihm zweifellos gelungen: Keine Science-Fiction mehr, keine Frühgeschichte mit Rittern, und auch kein Overkill-Metal. Stattdessen ein Sujet aus den Geheimnissen des menschlichen Gehirns, garniert mit Allem, was die meisten Leute mittlerweile über Psychologie wissen. Zum Schluss darf freilich auch die Freudsche Wendung nicht fehlen, dass hinter dem Autounfall des Patienten in Wirklichkeit ein Selbstmordversuch desselben steckte, den dieser geschickt vor sich selbst verborgen hat.

Nun ist es unbestreitbar, dass das Album eine Glanzleistung darstellt, wenn es um Gesangsqualität, Sound-Equipment, Produktion und Abmischung geht. Lucassen hat wie immer ins Volle gegriffen und alles, was er zu greifen bekam, nach allen Regeln der Kunst zubereitet, angerichtet und aufgetischt.

Aber alles ist für meinen Geschmack einfach zu viel: Jeder Song ist ein Mitsinger, mancher auch durchaus ein Bierglas-Mitschwinger für mögliche Stadionauftritte; alles, was der Fan an Ayreon schon immer mochte, ist auch hier zu finden - aber mittlerweile so messerscharf auf Wirkung kalkuliert, dass sich eben diese Wirkung bei mir nicht mehr einstellt. Ich vermisse z.B. ein wirklich überwältigendes Stück wie "To the Quasar" vom "Migrator"-Album. Nur ein einziger neuer Titel erreicht m.E. diese Spannung, nämlich der sechszehnte ("Loser"): zuerst Mundorgel-Gegrummel, dann eine Hochgeschwindigkeits-Folkeinleitung, dann spielt Ken Hensley einen furiosen Orgel-Mittelteil, begleitet von Bass- und Schlagzeugkapriolen, dann wieder der Folkteil, diesmal angereichert mit Geschrei von Townsend: das ist wirklich genial - wenn es diesen Song als Single gäbe, könnte ich mir glatt den Rest des Albums sparen.

Es ist nämlich allenthalben zu viel Folk darauf, und jedes Mal mit peinlich dicht am Jethro-Tull-Stil liegenden Flötentönen (das hat Lucassen im "Electric Castle" zwar auch schon gemacht, aber neuerdings gibt's so was alle paar Minuten). Auch sonst wimmelt es nur so von Anleihen; die meisten nimmt Lucassen von sich selbst - wann immer ein Song mit einer Akustikgitarren-Einleitung beginnt, muss ich an "Temple of the cat" oder ähnliche Vorgänger denken. Track 2 dagegen kommt mitten im Song nicht ohne ein Keyboard-Geblubber im Stil von Pink Floyds "On the run" aus, während in Track 15 deutlich Waters-Vocals nachgemacht werden. Track 3 beginnt sogar mit einem Gitarrenvorspiel, das eine exakte Kopie des wohl jedem bekannten James-Bond-Titelthemas ist (das, was in jedem Bondfilm vorkommt)...

Und so geht das weiter: Track 17 wartet mit Floyd-Orgel nebst Gilmour-Gitarre auf, Track 18 präsentiert im Mittelteil Multiinstrumental-Parade a la Oldfield, Track 19 erinnert im Schlussteil verdächtig an Marillions "King". Am besten ist in dieser Hinsicht noch der endgültige Schluss, denn da will es der Meister, dass man ihn erkennt: "Have a nice day; dream sequence system offline..."

Und überhaupt gibt es viel zu viel Gesang, der zwar qualitativ sehr hochwertig ist, aber viele Feinheiten der Musik schlichtweg zukleistert und manchmal einfach nach Fischerchören in Metal-Arrangement klingt. Die Lyrics sind streckenweise schon fast primitiv zu nennen; es würde mich nicht wundern, wenn die drei oben genannten Autoren ihre Texte auch mit Blick auf dieses Problem selbst schreiben wollten.

Ein paar Beispiele dazu: "Friday night I had a few. There she was, out of the blue" (aus:"Love"). Oder: "There is so much to see, there is so much to live for" (aus: "Confrontation"). Oder: "Your memory begins to clear, now you see what brought you here" (aus: "Accident?"). Zugegeben, die Musikwelt wimmelt von viel schlechteren Texten, aber Lucassen geht immer mit einem solchen Anspruch an seine Projekte, dass ich in dieser Hinsicht eine höhere Erwartungshaltung mitbringe. Vielleicht enthält dieses Album einfach zu viele Texte, zu viele Frage- und Antwortdialoge, die an mittelmäßige Belcanto-Opern erinnern; es hätte nicht geschadet, einen größeren Teil der emotionalen Vorgänge nur durch die Musik auszudrücken.

Sehr gelungen ist dagegen die Bonus-DVD der Special-Edition, die mehrere wirklich unterhaltsam gestaltete Dokumentationen enthält (unter anderem stellt Ed Warby dort sein Drumkit vor). Die jeweilige Hintergrundmusik der DVD ist recht raffiniert ausgesucht, denn dort werden exakt die stärksten Momente des Albums komprimiert dargeboten. Wer das hört und das Album noch nicht kennt, muss den Eindruck gewinnen, dass dies eins der besten Alben ist, die ihm je untergekommen sind.

So könnte auch die Wirklichkeit sein - hätte Lucassen sich nur zurückgenommen und sich mit etwas weniger von allem begnügt. Denn das Album ist keineswegs schlecht, nur maßlos überfrachtet - auf Kosten der Kreativität und Originalität. Lucassen hört sich aus der Szene offenbar alles an und will dann auch alles auf seinen eigenen Alben wieder hören.

Und wie schon oben gesagt: Alles ist einfach zu viel.

Anspieltipp(s): "Loser" (das reicht)
Vergleichbar mit: Lucassen kopiert Lucassen...
Veröffentlicht am: 1.6.2004
Letzte Änderung: 9.10.2013
Wertung: 7/15
CD 2 wäre mir allein durchaus 9 Punkte wert...

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Von: Georg Heep (Rezension 2 von 6)


Um ehrlich zu sein: Hennings Rezension hat mich in letzter Sekunde davor bewahrt, das düstere Riff zu Beginn von "Pain" in den höchsten Tönen zu loben. Eine Peinlichkeit im Lebenslauf weniger also ... denn es handelt sich tatsächlich - das kann man nicht schönreden - "nur" um das James Bond-Motiv in atmosphärischer Umgebung. Ich scheine aber auch diesbezüglich ein leichtes Opfer zu sein, so lehrte mich ich erst vor wenigen Tagen eine Zeitschrift für Musiklehrer, dass "Self esteem" von The offspring und "Aisha" von Wemauchimmer (beides schöne Lieder, wie ich finde) dieselbe Melodie aufweisen.

Diese musikalische Nachhilfestunde hält mich aber nicht davon ab, "The human equation" ganz anders als Henning einzuordnen. In meinen Ohren handelt es sich um die bisher beste A.A. Lucassen - CD. Dieser hinterließ 1998 nach zwei gediegenen Langweilern nicht nur bei mir durch die noch heute faszinierende Progmetal-Oper Into The Electric Castle bleibenden Eindruck. Vielleicht bin ich deshalb etwas offener für "The human equation", weil mir alle Lucassen - CDs, die nach 1998 erschienen, zwar ganz ordentlich gefielen, aber das war's dann aber auch. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass uns hier ein ums andere Mal nur Varianten eines Ursprungskonzepts vorgeführt wurden, dessen geplante "Neuauflage" vom Komponisten zwar nie aus den Augen verloren wurde, für die die Zeit aber noch nicht reif war. Bis 2004.

Klar, musikalisch ist im Vergleich zu "Into the electric castle" eine Menge bereits Gehörtes dabei. Daher kann ich gut nachvollziehen, wenn man um "The human equation" deswegen einen Bogen macht, weil einem ein "Into the electric castle" in der Sammlung genügt. Und letztere CD hat auch weiterhin aufgrund der Mitarbeit von Damian Wilson und dem doom-deathigen Auftritt von Mr. Death persönlich zwei nicht erreichte Höhepunkte auf ihrer Seite. Aber davon abgesehen ist auf "The human equation" einfach alles besser.

Während sich 1998 zwischen die Breitwand-Kino-Melodien hin und wieder auch ein paar Minuten Bombast-Langeweile schlichen, ist es Arjen 2004 gelungen, auf den beiden CDs einen Ohrwurm nach dem anderen zu platzieren, ohne den Hörer zu erschlagen. "Mitsinger und Biermitschwinger"? ;-) Also ich singe und schwinge schon seit knapp zwei Wochen zur fetzigen Single "Love", zur sehr emotional vorgetragenen Liebeserklärung in "Disclosure" aber auch zum Trauerkloß "Childhood", und es macht immer noch Spaß.

Sein persönliches Meisterstück hat Lucassen aber deshalb mit "The human equation" abgeliefert, weil ihm Auswahl und Aufnahme der 10 Gaststimmen so perfekt gelungen ist. Sei es nun Mikael Akerfeldt von Opeth, Eric Clayton von Saviour Machine, Devon Graves von Dead Soul Tribe oder die noch unbekannte Marcela Bovio, sie alle singen ihre Parts so gefühlvoll und glaubhaft, dass die reichlich abstrakten Figuren ("Angst", "Verzweiflung", "Liebe" und wie sie alle heißen) tatsächlich Gesicht und Charakter bekommen. Auf der anderen Seite konnten die Akteure hörbar trotz vorgegebener Erzählungstruktur noch viel von ihrer eigenen Persönlichkeit einfließen lassen. So kann man Sängern, die man man eigentlich schon seit Jahren kennt, neue zum Teil sehr persönliche Facetten ihrer Stimme abgewinnen (mir ging es z.B. beim kurzen Sprecheinsatz von Mikael Akerfeldt im Abschlusstrack so). Der Saviour Machine - Sänger kriecht einem mit seiner tiefen Stimme sowieso förmlich in den Gehörgang, und setzt sich im "schlechten Gewissen" - Sektor des Gehirns fest. Selbst Arjen Lucassens eigene Stimme, vielleicht einer der wenigen Schwachpunkte der Elektrischen Burg, fügt sich nahtlos in den Reigen seiner Gäste ein. Wenn er in "Hope" den im Koma Liegenden anfleht, "Come back to me!", nehme ich ihm das auch ab. Vor diesem Hintergrund stört mich der viele Gesang natürlich überhaupt nicht, im Gegenteil. Es spricht wohl für die Gesangsleistung auf "The human equation", dass die CD Lust darauf macht, zwischendurch auch mal wieder all' die alten Opeth, Psychotic Waltz oder Dream Theater CDs einzulegen, die man so lange nicht mehr gehört hat.

Instrumental sei nur kurz auf das tolle Keyboard-Solo von IQ-Orford ("Betrayal") hingewiesen. Die erstmals integrierten Streichinstrumente lassen zumindest aufhorchen und erinnern etwas an Spocks Beard, ich glaube zu V-Zeiten. Zu den bereits von Henning erwähnten musikalischen Querverweisen muss ich allerdings noch "Pride" hinzufügen, das doch sehr an den Opener von Dream Theater's Awake erinnert. Könnte natürlich auch am Sänger liegen, ich weiß ...

Genau wie Henning bin auch ich der Meinung, dass der Track "Loser" qualitativ im positiven Sinne aus der Reihe fällt, auch wenn ich aus diesem Grund nicht unbedingt auf die anderen 19 Lieder verzichten möchte. Mit seinem bösartig und sarkastisch vorgetragenen Gesang läßt er an an den Herodes Auftritt in Jesus Christ Superstar denken.

Auch mit dem intellektuellen Niveau der Texte kann ich gut leben. Natürlich handelt es sich nicht um eine Doktorarbeit in Psychologie, aber eben auch nicht um peinliches pseudoanspruchsvolles Geschwätz. Ist wohl Ansichtssache. So finde ich gerade die von Henning angesprochene Stelle zu Beginn des Tracks "Love" ("... I had a few... ") sehr gelungen. Steht doch dahinter der nicht uninteressante Gedanke, dass der für das gesamte weitere Leben so weichenstellende Tag, an dem man den zukünftigen Partner kennenlernt, nicht unbedingt mit Engelschören am Frühstückstisch eingeleitet wird, sondern vielleicht ganz trivial und unromantisch mit ein paar Bierchen (naja, vielleicht nicht gerade zum Frühstück, aber ihr wißt schon). Auch überzeugt Seelenklempner Lucassen in "Pride", in dem die Herren Stolz und Verstand, ansonsten nicht unbedingt die idealen Koalitionspartner, ihre Gemeinsamkeiten erkennen und sich verbinden, um die Hauptperson aus dem Koma zu leiten.

Von "Loser" abgesehen sind Überraschungsmomente das einzige, was "The human equation" so richtig fehlt. Das Album stellt, da lehne ich mich mal weit aus dem Fenster, für den Komponisten und Texter, für Sänger und Hörer insbesondere vor dem Hintergrund des 1998er Albums keine wirkliche Herausforderung mehr dar. Meinem Vorredner gebe ich hier gerne recht. Ganz abgesehen von der Musik: Warum z.B. werden geschlechterspezifisch die eingefahrenen Bahnen niemals verlassen? Wäre es nicht mal interessant, einen weiblichen Verstand oder einen männlichen Liebesgott singen zu lassen. Auch hätten die Rollen von Vater und Mutter der Hauptperson etwas kreativer angelegt werden können.

Aber egal: Lucassen geht mit "The human equation" zwar auf Nummer Sicher, aber dies auf eine so schöne Art und Weise, dass es begeistert. Würde mich ein Ayreon-Neuling fragen, welches Album er sich kaufen soll, würde ich das "Bei-sich-selbst-Klauer"-Argument in den Wind schießen und ihm "The human equation" empfehlen. Natürlich in der Super-Extra-Special-Bonus-Box mit DVD und Lesezeichen.

Anspieltipp(s): Loser, Pain, Disclosure
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 11.6.2004
Letzte Änderung: 11.6.2004
Wertung: 12/15

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Von: Franco Cappelletti (Rezension 3 von 6)


Das Wichtigste zu diesem Album wurde recht zutreffend und ausführlich bereits von meinen Vorrezensenten gesagt: Lucassen kopiert sich hier wahrlich selbst, die Scheibe ist noch mehr als sonst bei ihm üblich überfrachtet und stellenweise sehr manieriert, wirklich Neues tut sich nicht, und doch...

Die Auswahl der Gastsänger ist dem Meister selten so gut gelungen (mir gefällt sogar La Bries Darbietung, was beileibe nicht immer der Fall ist), und es läßt sich für mich gar so etwas wie ein roter Faden innerhalb des Werks ausmachen - klar, die blubbernden Keyboards und die spacige Akustikgitarre haben wir auch auf allen vorherigen Ayreon-Werken zur Genüge gehört, und mit dem Sujet von Konzeptalben sowie dem Text befasse ich mich im Prog-Bereich generell nicht mit allzu großem Ernst. Dennoch macht dieses Album ob seines Aufbaus und seiner Schlüssigkeit sowie wegen des Fehlens schwacher Tracks richtig Spaß, und der Schlußtrack von CD 1, "Love", treibt mir als Bombastsüchtigen mit seinem chorischen, megafetten Refrain Tränen der Verzückung ins Auge. Das ist einer dieser Songs, die ich mir dreimal nacheinander mit voller Lautstärke auf dem Kopfhörer gebe, und alleine dafür hat sich für mich die Anschaffung dieses Albums bereits gelohnt.

Für Ayreon-Neueinsteiger empfohlen; wem dieses Album gefällt, der sollte sich dann nach und nach durch den Backkatalog arbeiten. Meiner Meinung nach neben "Into the Electric Castle" das bislang stärkste Werk von Lucassen.

Anspieltipp(s): Love, Betrayal
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 21.6.2004
Letzte Änderung: 29.11.2013
Wertung: 10/15

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Von: Thomas Kohlruß (Rezension 4 von 6)


Dieses monumentale Doppel-Album wurde ja durch die Kollegen Henning und Georg schon ideal analysiert und diskutiert, da will ich nur kurz noch meine Meinung in den Ring werfen... Ich bin noch nicht wirklich vom Lucassen-Sound übersättigt, findet sich in meiner Sammlung doch bislang nur "Into The Electric Castle", welches ich nicht schlecht finde, aber auch nicht zum ausflippen toll. Trotzdem habe ich mich auf "The Human Equation" ziemlich gefreut, da ich Melodienseligkeit und Bombast gepaart mit allerlei Instrumentalakrobatik und tollem Gesang schon zu geniessen weiss. Einen gewissen Hang zum Neoprog habe ich eh'...

Und was kommt nun? Auf der Haben-Seite dieses Werk stehen sicherlich die Gesangsleistungen der Beteiligten, die ausnahmslos grossartig sind. Besonders gut gefallen mir Eric Clayton (mal opernhaft, mal predigend und er kann doch auch rocken! Finde ich besser als bei Saviour Machine) sowie Irene Jansen (welch' eine Frauen-Power, "Passion" könnte nicht besser besetzt sein) und Heather Findlay, die hier teilweise noch besser singt als bei ihrer Stammband Mostly Autumn. "Sign" mit seiner extrem folkigen Attitüde wird geradezu in einen Mostly Autumn-Song verwandelt. Mit Abstrichen liefert auch Devon "Buddy Lackey" Graves sehr schöne Beiträge ab. James La Brie weiss mich nicht immer zu überzeugen, zu weich klingen viele seiner Parts. Trotz der Vielzahl an Worten, die es zu singen gilt, reissen die Sänger alles raus und wirken zu keiner Zeit "nervig" (das kann auch anders kommen, man höre sich nur mal Saviour Machine an...). Wer mir nicht besonders gefällt ist Devin Townshend, aber seine Beiträge sind im Kontext der Geschichte schon passend gesetzt. Überhaupt die Geschichte: Immerhin mal eine interessante Idee, jenseits üblicher Prog-Konzeptalben-Klischees.

Musikalisch gibt es Stellen von grosser Erhabenheit, mitreissendem Bombast und leider auch ziemlich banaler Langeweile. Neoprog mit harten Gitarren meets floydige Sounds meets Folk-Rock, das erinnert mich schon stark an das Konzept von "Into The Electric Castle" (und wenn man den anderen Rezensenten glauben darf, auch an alle anderen Ayreon-Werke), kommt aber trotzdem oftmals gut. Ein paar Gastauftritte, hier sei insbesondere das Hammond-Solo von Ken Hensley in "Loser" erwähnt, sorgen für besondere Highlights. Das mit dem "Bond-Theme" ist mir zugegebenermassen auch erst nach dem Lesen einiger Rezis bewusst geworden...

Besonders gut ins Ohr gehen mir "Love" (welche ein toller Bombast, gekrönt von tollen Gesangsleistungen; kommt übrigens noch besser als 5.1-Mix auf der Bonus-DVD, mein Lieblingstitel auf diesem Album), "Isolation" (ein toller, komplexer Kracher auf Position 2, geschickt), "Childhood" (trotz, oder vielleicht gerade, der eigentlich simplen Melodie, aber das macht die genial-einfache Instrumentierung wieder wett) und "Sign". Der Anfang von "Trauma" jagt mir regelmässig Schauer über den Rücken, "Loser" ist auch ein toller Titel...

Das Fazit lautet: Die Gesangsleistungen reißen es 'raus. Trotzdem erreicht nicht alles meine Gefühlsebene und ohne den emotionalen Zugang bleibt manches doch nur hohler Bombast. Schade eigentlich, aber trotzdem überwiegend knapp die positiven Aspekte.

Anspieltipp(s): Das muss man natürlich im Ganzen hören, aber als Teaser sind sicherlich "Love" oder "Loser" erste Wahl
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 18.7.2004
Letzte Änderung: 1.1.2008
Wertung: 10/15
gaaaanz knap :)

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 5 von 6)


Schwierige Rezi, diesmal. Denn eigentlich ist das überhaupt nicht meine Musik. Ich hab es aber jemandem versprochen, und ich löse meine Versprechen ein - spät diesmal, aber besser spät als nie und so weiter.

Naja, andererseits mochte ich das erste Album. Auch wenn man im direkten Vergleich sehr deutlich hört, daß Arjen A. Lucassen heut' mehr Geld hat. Folglich klang das erste Ayreon-Album etwas roher. Aber es enthielt soviel unverhohlen kitschigen Bombast, daß es richtig Spaß gemacht hat, zuzuhören. Damals. Wie gesagt, ist nicht mehr meine Musik. Und damit sind wir schon bei dem eigentlichen Problem: bei den Etiketten. Daß "The Human Equation" unter Prog läuft, tut weder dem Album, noch dem Prog gut, auch wenn bekannt ist, daß der Meister sich als Progger versteht. "Prog" ist eben was anderes, und wenn man das draufschreibt, ist ein Vergleich mit "Gates of Delirium" oder "Knots" unvermeidlich. In diesem Fall zieht "The Human Equation" natürlich den Kürzeren, aber damit hätte man dem Album sicher unrecht getan. Die Musik auf diesem Album ist ganz klar Hardrock, wenn auch von der einfallsreichen Sorte (auch wenn ich persönlich "St. Anger" vorziehe, aber das ist nun wirklich ganz was anderes). Eine große deutsche Proggazette, die vor allem durch ihre einfallsreichen Genrebestimmungen auffällt, hat sich klug aus der Affäre gezogen und Ayreons neues Werk (und als solches versteht es sich wohl) unter "Kitsch" eingeordnet. Das ist gar nicht so falsch und wenn ich das hier übernehme, ist das auch nicht unbedingt negativ gemeint. Konnte man aber bei "The Final Experiment" noch satte Ironie vermuten (erhoffen), so ist das nach einer ganzen Reihe ähnlicher Platten heute wohl nicht mehr möglich. Andererseits hat sich Ayreon seither ein bißchen gemäßigt und das tut der Musik gut - auch wenn sie dadurch nicht mehr so lustig ist.

Was ich hier mag, ist die höchst abwechslungsreiche Instrumentierung. Das Album ist so reich an Klangfarben wie kaum ein anderes, in das ich in letzter Zeit mein Ohr hineingesteckt habe. Alles andere mögen andere beurteilen. Ich lege mit einem Gruß nach Holland jetzt wieder Hal Darling auf - bis ich mir mal wieder so richtig die Bombast-Kante geben muß. In dem Fall weiß ich, wo ich bedient werde.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 7.9.2004
Letzte Änderung: 7.9.2004
Wertung: keine

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Von: Markus Wierschem @ (Rezension 6 von 6)


Meine Beziehung zu Arjen Lucassens Musik begann vor etwa drei Jahren, als ich "Into the electric castle" hörte und recht begeistert war. Eine völlig abgedrehte Sci-Fi/Fantasy-Story, eine einmalig-spacige Atmosphäre, eine geradezu archetypische und gleichzeitig originelle Charakterkonstellation, verwirklicht in mitreißenden Dialog-Gesängen - das war für mich etwas ziemlich Neues. Auch heute noch lege ich das Album immer wieder gerne ein.

Danach kaufte ich mir nacheinander "Space Metal", die grandiose Live-Darbietung auf "Live on Earth" und nach und nach die "Universal Migrator"-Alben und überhaupt alle Ayreon-Outputs, von denen mich aber nichts mehr wie "Electric Castle" begeistern konnte, bis...

...ja, bis 2004 dann dieses Album erschien: "The Human Equation". Die Menschliche Gleichung?.

Um's vorweg zu nehmen: Arjen Anthony Lucassen hat mit "The Human Equation" meiner Meinung nach sein Meisterwerk veröffentlicht - "Into the electric castle" eingeschlossen!

Auf der "Haben"-Seite steht zunächst das wohl durchdachte Story-Konzept: Ein erfolgreicher Geschäftsmann verunglückt am hellichten Tag auf völlig freier Straße mit seinem Auto und fällt - trotz geringer physischer Verletzungen - in ein Koma. Seine Ehefrau und sein bester Freund harren neben seinem Bett aus und versuchen, ihn den Weg zurück zu geleiten.

Soweit, so banal, mag man jetzt denken. In der Tat scheint das Konzept zunächst nicht anspruchsvoller, als die abstrusen Fantasy-SciFi-Storys von "Electric Castle" und "Universal Migrator" - doch ähnlich wie auch bei "Electric castle" ist es weniger die Reise, sondern mehr die Ebene des emotionalen Konflikts, der persönlichen Prüfung, die die Story interessant macht.

"Auf sich selbst zurückgeworfen" und "in sich gefangen" findet sich der Mann in seinem eigenen Unterbewusstsein wieder, wo er mit den verschiedenen positiven und negativen Emotionen (mehr noch als in "Electric Castle" geht es hier um Archetypen und Konflikt!) und den Erinnerungen seines Lebens konfrontiert wird... . Was folgt ist ein Aufarbeiten der Vergangenheit und ein Kampf der verschiedenen Gefühle, an dessen Ende die Frage um das Erwachen des Schläfers steht...

Über die Erinnerungen und das Ende selbst will ich nicht zu viel verraten, deswegen schweige ich hier.

Zum Musikalischen:

Das Album ist in zwanzig Songs unterteilt, von denen jeder einen Tag des Komas repräsentiert und unter einem bestimmten Motto steht - häufig die Erinnerungen des Mannes, manchmal die Gedanken seiner Frau und des Freundes, ein andermal seine Emotionen.

Zu den einzelnen Sängern, die die verschiedenen Charaktere und Emotionen verkörpern:

"Me", der Mann selbst, wird von Dream Theaters James LaBrie dargestellt, der auf diesem Album die beste Gesangsleistung darbringt, die ich jemals von ihm gehört habe. Vor allem seine weiche, warme und volle Stimme dominiert - so habe ich ihn am liebsten, aber er hat auch öfter die Gelegenheit, wieder hohe Töne anzuschlagen, was ihm hier sehr gut gelingt. Charismatische und souveräne Performance - Kompliment!

Opeths Mikael Aekerfield darf als "Fear" ran. Seine Einsatz war für mich zunächst teilweise etwas ungewohnt, was sich aber schnell revidierte. Er singt schlicht fantastisch, mit seiner warmen stimmgewordenen Melancholie - und auch die "Angst" vermag er mit seinen Growls, die allerdings sehr sparsam eingesetzt wurden, exzellent zu vermitteln. Seine Performance ist so gut wie bei Opeth - das Umfeld allerdings völlig anders. (Auf der DVD beweist er sich außerdem als Mensch mit einem extraordinären Humor!)

Devon Graves dürfte vielen als Sänger von Dead Soul Tribe und Psychotic Waltz ein Begriff sein. Bisher leuchtete mir die Brillanz dieses Sängers kaum ein, obwohl ich ihn für gut hielt. Das hat sich mit diesem Album geändert. Er verkörpert "Pain" und ist eine der dominierendsten Stimmen des Albums - mal zerbrechlich, mal schmerzlich, mal voller Kraft. Das fällt einem stellenweise gar nicht auf, denn seine Stimme ist so variabel, dass man manchmal gar nicht merkt, dass es wieder dieser Ausnahmesänger ist... Toll!

Irene Jansen als "Passion" bietet eine sehr gute Leistung und "hängt sich voll rein" - wie sich das für die "Leidenschaft" eben gehört. Als einzige Powersängerin macht sie eine sehr gute Figur und übertrifft ihre Leistungen bei STAR ONE und Gary Hughes.

Mike Baker von Shadow Gallery hat als gewalttätiger "Father" einen einzigen Auftritt in dem Song "Day Sixteen: Loser". Seine Leistung besteht vor allem in einer ungemeinen Lässigkeit und Abgeklärtheit - er ist einfach extrem cool!

Arjen Lucassen selbst spielt die Rolle des "Best Friend" und ehrlich - er ist kein besonderer Sänger. Dennoch - er hat etwas völlig Einzigartiges in seiner Stimme und setzt, wie übrigens jeder Sänger auf diesem Album, seine völlig eigenen Akzente. Nebenbei: Neben seiner Performance als "Hippie" in "Amazing Flight in Space" (ITEC) hat er niemals besser geklungen.

Über Devin Townsend muss ich wohl kaum was sagen. Er IST der wahre Zorn, der Hass, die Wut... unbarmherzig, brutal reißt er mit seiner Stimme orkangleich klaffende Wunden - wahrhaftig beeindruckend. Einziger Wermutstropfen: Er ist nur auf 3 Songs vertreten - diese sind jedoch allesamt Highlights. Kein Wunder, durfte der kleine Kanadier mit dem gewaltigen Sangesorgan doch seine Passagen textlich und wohl auch musikalisch selbst bestimmen - was dann zu typisch Townsend'schen Abstrusitäten wie "motion personified alpha" führt.

Zu den Sängern, die mir bisher unbekannt waren:

Heather Findlay von Mostly Autumn ist wirklich die fleischgewordene, reine "Liebe" (ohne SEX!). Sie ist ein Engel und veredelt mit ihrer charismatischen, anschmiegsamen Stimme so manchen Song und wird - für den Charakter "Me" wie auch den Hörer selbst - gegenüber all dem Schmerz, der Angst, der Wut zu einem wahren Ruhepol. (Abgesehen davon ist sie vermutlich eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen habe ... was selbstverständlich mein Urteil in keinster Weise trübt ... jawohl... )

Magnus Ekwall als Pride ist ein Power-Sänger der alten Schule - und ein (beinah!) vollwertiger Ersatz für Ayreon-Veteran Russel Allen. Für die, die Russel nicht kennen: Das ist so ziemlich das größte Kompliment, das ich einem Sänger machen kann. Volumen, Charisma, Technik - alles stimmt, und er trifft sehr gut das Pathos des Stolzes.

Eric Clayton von Saviour Machine ist Reason - ebenfalls eine der dominierenden Stimmen des Albums. Seine tiefe, dramatische, opereske Stimme jagt einem ein ums andere Mal Schauer über den Rücken. Was soll ich sagen? Der Mann ist wie ein tiefer Brunnen.

Zuletzt Wife - die Frau des Kranken. Sie wird von der bisher unbekannten Marcela Bovio aus Mexiko gesungen. Mir ist schleierhaft, wie sie so lange versteckt bleiben konnte, bis Arjen sie entdeckt hat. Ich würde sie in etwa in der Gesangsriege (und auch stilistisch und von den Farben ihrer Stimme her) in einer Liga mit Anneke van Giersbergen ansehen. In ihr vereinen sich Trauer, Liebe und sogar ein Schuss Erotik, wenn sie kraftvoll oder beinah hauchend das Mikro zur Hand nimmt. Riesenkompliment.

Was noch? Die Stimmen sind allesamt absolut einzigartig und für ihre jeweiligen Charaktere exzellent ausgewählt. Die Rollen wirken ihnen ausnahmslos wie auf den Leib geschneidert. Aber ihre wahre Kraft entfalten sie erst - und hier ein Riesenlob an Arjen - im Dialog mit den anderen. Im Gegensatz zu "Universal Migrator" hat Arjen das Konzept der Dialoge und des "Gegeneinander-Singens" wieder ausgegraben und im Vergleich zu "Into the electric castle" noch verfeinert. Das macht diese Platte zum gesanglich in ihrer Bandbreite besten Album, das ich kenne. Ich spare mir die Superlative: Wer Ohren hat, der höre!

Bei soviel Schwärmerei über die Sänger sollten die Songs nicht vergessen werden. Von "moderat-komplex" [Isolation, Pain, Trauma, Voices, Confrontation] (etwa das Niveau von Spock's Beards 10-Minütern, auch komplexere Songs von Threshold sind ein Vergleich) über "verträumt-balladesk" [Sign] und absolut abgedreht [Loser!!] bis "auf den Punkt rockig" [Pride, Accident] wird hier mal wieder die ganze Bandbreite von Symphonic-Space-Folk-Psych-Prog-Classic Hippie-Metal-Rock geboten. Dabei versteht Arjen es wie sonst beinahe nur Steven Wilson oder die Jungs von Threshold in ihren wirklich guten Songs, Ohrwürmer zu schaffen, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen - die Melodien sind große Klasse, ohne zu aufdringlich oder banal zu werden. Ausnahme sind "Hope" und "Memories" auf CD 1, die dann doch zu simpel sind und deutlich abflachen, vom Drumherum der grandiosen Songs aber locker kompensiert werden.

Die Variabilität, die die Kompositionen schon anlegen, wird durch die Instrumentierung bestärkt. Geboten wird ein unüberschauberes Potpourri - diverse Gitarren, Synthies, Keys, Hammond, Didgeridoo, Flöten, Celli, Geigen - fehlt nur noch der Dudelsack!

Neben den typischen AYREON-Trademarks (warme-spacige Analog-Synthies, krachende, klassische Gitarren, jede Menge Folk durch Akkustik und Querflöte) kommen diesmal auch verstärkt klassische Instrumente (und sogar ein Didgeridoo!) zum Einsatz, was dem Album einige neue Klangdimensionen hinzufügt, ohne dass man vergisst, das es AYREON ist. Arjen selbst hat ein paar inspirierte Momente an der Leadgitarre in bester "Castle-Hall-Manier", und für zünftige Tasten-Soli sorgen Joost van den Broek, Oliver Wakemann, Martin Orford und Ken Hensley (grandioses Hammond-Solo in "Loser"). An den Drums gibt AYREON-Veteran Ed Warby eine äußerst solide Leistung - er spielt variabel, nie aufdringlich und alles andere als langweilig... erneut mein Verweis auf "Loser" mit vier oder fünf Rhythmen gleichzeitig.

Bezüglich der Qualität der Songs möchte ich noch folgendes vermerken: Die Highlights sind beste AYREON-Klassiker ihres jeweiligen Schlages, und es sind einige davon vertreten. Hier seien das bombastisch-orchestrale "Isolation", das im Leadriff an James Bond erinnernde "Pain", sowie "Sign" als Ballade (allerdings ein gewisser Eigenklau bei "Valley of the queens"!) und das verrückte "Loser" (ja, schon wieder!) genannt. Noch besser: Das ist eine ziemlich willkürliche Auswahl! Genauso gut könnten dort "School?, "Childhood", "Trauma", "Accident" oder "Confrontation" stehen können. Auch die anderen Songs halten das hohe Niveau. "Love" fand ich anfangs etwas überproduziert, woran ich mich inzwischen gewöhnt habe.

Und die Lucassen-typischen Low-Lights neben den High-Lights? Die gab es doch immer, also auch diesmal? Jein. Als "so richtig banal", "kitschig" oder schlicht "nicht gut" empfinde ich keinen einzigen Song - naja, vielleicht eben "Hope" und "Memories" aber selbst die fallen nicht so stark raus. Die sog. "Low Lights" sind diesmal so wunderbar in's Gesamtkonzept eingefügt und werden durch den grandiosen Gesang so gekonnt kaschiert, dass sie kaum auf- und schon garnicht auf die Nerven fallen.

BRAVO!

Gibt es noch etwas zu erwähnen? Vielleicht das wunderschöne und absolut stimmige Artwork, das mal wieder so ziemlich alles toppt und sich mit den besten Artworks, deren Anblick ich bisher genießen durfte, absolut messen kann? Künstler Jef Bertels hat für AYREON inzwischen etwa den Status eines Roger Dean oder Storm Thorgerson gewonnen. Für die szenische Innengestaltung sorgte Mattias Norén, ebenfalls Kompliment. Ich war so glücklich, eine der Deluxe-Editions im Buchlook zu erstehen, und bis heute ist sie das Prachtstück meiner Sammlung.

Vielleicht auch die absolut sehenswerte, lustige und informative Bonus-DVD?

Vielleicht - ich kann mich nur wiederholen - dass ich hier das gesanglich insgesamt gewaltigste und beste Werk vor mir habe, das ich je gehört habe? Gesang und Stimme mögen im Prog oft eine eher untergeordnete Rolle spielen - vielleicht auch, weil wir so viele schwache Sänger in unseren Lieblingsbands haben? Aber eben auch ein paar der allerbesten, meine Damen und Herren, und darüber legt dieses Album eindrucksvoll Zeugnis ab.

Ich zitiere mal hier die Werbung: "Kaufen, Marsch, Marsch!"

Fazit:

Arjen hat das Kunststück vollbracht, sich zu wiederholen, ohne sich zu wiederholen. Will heißen: Das Album ist unverkennbar AYREON, setzt aber viele neue Impulse und Maßstäbe im eigenen Klangkosmos. Es hat alle Stärken früherer AYREON-Alben, und die meisten Schwächen der gleichen wurden konsequent ausgemerzt.

Lucassen kopiert Lucassen? Sicher, in dem Maße, in dem auch die Flower Kings immer nach den Flower Kings, Spock's Beard nach Spock's Beard und Dream Theater nach Dream Theater klingen - die Liste ließe sich fortsetzen.

Ein Freund meinte zu mir: "Das Album ist so theatralisch." Theatralisch? Ich würde "theatresk" bevorzugen. "Theatralisch" - das bedeutet "es passt nicht, ist aufgesetzt, unglaubwürdig". Dem würde ich zutiefst widersprechen, denn gerade die archetypische Emotion und ihre Vermittlung stehen im Mittelpunkt dieses Albums - und das gelingt meiner Meinung nach vollkommen. Was man hier hört ist eben ein musikalisches Theaterstück, ein Dokument emotionalen Dramas - eine "Rockoper". Ob man das zu "theatralisch" und bombastisch (ich ziehe als Vergleich mal "Rhapsody" und "Blind Guardian" heran und schon ist das alles ziemlich relativ) findet, muss wohl jeder selbst wissen.

"Electric Castle" war lange Lucassens Königsalbum. Doch nun heißt es - nach Erscheinen von "The Human Equation": Der König ist tot, lang lebe der König.

Nachtrag, Dezember 2004

Bei dieser Rezi handelt es sich um eine Neubearbeitung einer Rezension, die ich bereits an anderer Stelle veröffentlicht habe. Im Nachhinein betrachtet kann ich noch folgendes sagen: Nun, gegen Ende des Jahres höre ich dieses Album immer noch sehr gerne, wenn auch nicht mehr im Dauerrepeat, aber das schafft auch kein anderes meiner Lieblingsalben bis heute.

Eine Leistung ganz anderer Art dieses Albums war es, dass es, wie kaum ein zweites, für mich Ausgangspunkt wurde, viele neue Bands und Künstler zu entdecken. Durch dieses Werk habe ich dieses Jahr "Mostly Autumn", "Saviour Machine", "Devin Townsend" und "Dead Soul Tribe" für mich entdeckt, was mir zahllose wunderbare Stunden beschert hat - zusätzlich zur Freude dieses Albums selbst. Diese Gesamtleistung hat sonst kein anderes Album bei mir vollbracht - allein, die Zeiten der Dauerrotation sind inzwischen doch vorbei und ich kann einige der Kritikpunkte durchaus nachvollziehen, auch wenn ich vieles gerade als Stärken sehe.

Wenn ich also gegen Ende des Jahres jetzt Bilanz ziehe, kann ich nur sagen, dass es dieses Jahr nur ein anderes Album gab, das mich derartig mitgerissen hat. Das hat aber nicht einen derartigen Entdeckungsboom bei mir ausgelöst, und von daher küre ich "The Human Equation" hiermit zu meinem "Album des Jahres 2004".

Anspieltipp(s): Isolation, Pain, Loser, Sign, Trauma ... am besten doch lieber ganz hören!
Vergleichbar mit: Ayreon, vor allem "Into the electric castle"
Veröffentlicht am: 4.12.2004
Letzte Änderung: 9.10.2013
Wertung: 12/15
Mein Album des Jahres 2004

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Ayreon

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1995 The final experiment 8.25 5
1996 Actual fantasy 10.00 2
1998 Into The Electric Castle 9.00 5
2000 Universal migrator Part I: The dream sequencer 5.40 5
2000 Universal Migrator Part II: Flight of the Migrator 8.40 5
2000 Ayreonauts only 9.00 1
2004 Loser (Single) 7.50 2
2004 Day eleven: Love (Single) 7.00 1
2008 01011001 7.50 2
2008 Ayreon vs. Avantasia (Elected EP) 6.00 2
2008 Timeline 8.00 1
2013 The Theory Of Everything 10.00 2
2017 The Source 11.00 1

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