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Pain of Salvation

Scarsick

Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 2007 (19.01.2007)
Besonderheiten/Stil: HardRock; Melodic Rock / AOR; Progmetal
Label: Inside/Out
Durchschnittswertung: 12/15 (3 Rezensionen)

Besetzung

Daniel Gildenlöw Lead Vocals, Guitars, Bass
Johan Hallgren Guitars, Backing Vocals
Frederik Hermansson Keyboards, Backing Vocals
Johan Langell Drums, Backing Vocals

Tracklist

Disc 1
1. Scarsick 7.09
2. Spitfall 7.18
3. Cribcaged 5.57
4. America 5.06
5. Disco Queen 8.23
6. Kingdom Of Loss 6.43
7. Mrs. Modern Mother Mary 4.15
8. Idiocracy 7.05
9. Flame To The Moth 5.59
10. Enter Rain 10.04
Gesamtlaufzeit67:59


Rezensionen


Von: Thomas Kohlruß (Rezension 1 von 3)


Wie fange ich an? Also: Als ich so um 2000 den "modernen" Prog für mich entdeckte, wurde mir eine relativ neue ProgMetal-Band als das Beste seit geschnittenem Brot verkauft und wie es der Zufall so will, hatte diese Band gerade ihr allseits gelobtes Meisterwerk veröffentlicht. Also nichts wie her mit diesem "Perfect Element, Pt. 1"... tja, aber ich fand irgendwie keinen rechten Zugang zum ProgMetal Marke "Pain Of Salvation" und das obwohl ich natürlich auch "Remedy Lane" und schließlich gar "Be" und "One Hour By The Concrete Lake" eine Chance gab... aber jetzt, meine kurz aufgeflammte Begeisterung für ProgMetal hat sich längst maximal in sanft vor sich glimmende Glut abgekühlt, scheint sich die Wende anzubahnen... "One Hour..." hat schon vor einiger Zeit eingeschlagen, aber so richtig der Treffer war dieser Tage "Scarsick"... Womit wir endlich beim Thema wären, sorry lieber Leser, aber die Vorrede schien mir wichtig, damit man diese Rezi einschätzen kann.

"Scarsick" hat mich weggeblasen, wie lange kein Album mehr. Es begleitet mich seit Tagen auf meinem Weg zur Arbeit (und wieder zurück), es verhindert, dass ich mir einige andere Neuzugänge, die sich auf meinem Schreibtisch stapeln auch nur ansehe (geschweige denn anhöre). Allerdings: Ich vermute, das hängt stark damit zusammen, dass dies in gewisser Weise das ungewöhnlichste Pain Of Salvation-Album ist. ProgMetal oder gar Metal spielt hier nur eine musikalische Rolle unter vielen. Pain Of Salvation, unter der Führung ihres genialen Mastermind Daniel Gildenlöw, mixen einen bunten Cocktail aus NuMetal, moderner Elektronik (man höre nur mal, was sich da im Hintergrund oftmals für ein Geplinge und Geklingel abspielt, von den modernen Keyboard-Sounds, die immer wieder auftauchen, ganz zu schweigen), moderner, heftiger Rockmusik, ruhige, elegischen Momenten und bombast-sinfonischen Ausfällen. So musikalisch abwechslungsreich habe ich noch kein Album der Schweden wahrgenommen. Es ist, als hätte sich die sonst auf die gesanglichen Einlagen beschränkte Achterbahnfahrt nun auf die gesamte musikalische Erscheinung der Band ausgedehnt. Und zum Trost: Auch wenn dies sicherlich kein Metal-Album ist, es kracht immer noch ordentlich.

Und Gildenlöw schreckt auch vor wirklich mutigen Experimenten nicht zurück. Der hohe Anteil an Sprechgesang im Titelsong und in "Spitfall" könnte durchaus für einiges Stirnrunzeln sorgen. Es paßt aber wie die Faust auf's Auge und wem das zu heftig ist, für den hält Gildenlöw jeweils unglaubliche, hoch melodische Refrains bereit und alles wird gut. Eine kompositorische Meisterleistung (und ebenso mutig) sind für mich auch die Abschlusstracks der "Seite 1", "America" und "Disco Queen". Die geschickte Einbindung der "West Side Story"-Melodie oder die organische Mischung von ProgMetal und 70er Jahre Discomusic, als würde sowas schon immer so zusammengehören, sind herausragende Leistungen. Zuerst hatte ich ja gedacht, "nette Gimmicks, aber das wird sich schnell abnutzen", aber bis jetzt merke ich davon nichts. Während die "erste" Seite des Albums einfach vor allem eine brilliante Nummernrevue ist, beginnt mit "Kingdom Of Loss" die "zweite", ein bisschen ruhigere, nachdenklichere Seite, die mit "Enter Rain" den gebührenden bombastischen Abschluß, sozusagen Pink Floyd in Hard Rock, findet. Dazwischen gibt es noch einige ungewöhnliche Tracks zu entdecken, bei denen mich vor allem "Mrs. Modern Mother Mary" und "Flame To The Moth" stark an David Bowie-Alben erinnern. Eine weitere interessante Facette dieses an Überraschungen durchaus nicht armen Albums.

Und jetzt ist es ja auch 'raus: Das ist sogar noch ein Konzeptalbum und dabei nicht weniger als die Fortsetzung des "Perfect Elements", also Part 2. Gildenlöw sagt, man wollte das nicht so in der Vordergrund stellen, damit die Leute das Album nicht nur deswegen kaufen. Gut, das hätte wahrscheinlich auch keiner gemerkt. Durch den "Nummern-Revue-Charakter" vor allem der ersten Hälfte des Albums kommt schlichtweg kein Konzeptfeeling (von der Musik her) auf. Ein roter Faden oder ähnliches wird nicht deutlich und die Musik könnte in Summe kaum unterschiedlicher zum ersten Teil des "perfekten Elements" sein (soweit ich das noch in Erinnerung habe, siehe oben). Aber was soll's, textlich scheint es da schon mehr Bezüge zu geben, aber das zu analysieren, überlasse ich unseren Experten dafür auf diesen Seiten (Hallo Markus!).

Fazit: Was ein klasse modernes Rockalbum, das Spaß ohne Ende macht. Es ist vielschichtig, aber nicht auf so plakative Weise, wie zuletzt vielleicht "Be", es ist heftig rockend, wenn auch nicht so metallisch wie früher, aber gerade die Mischung macht's.

Anspieltipp(s): Sacrsick, America, Disco Queen, Enter Rain... hier gibts eigentlich keinen Ausfall
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 31.1.2007
Letzte Änderung: 31.1.2007
Wertung: 12/15
Ich zieh' mal die 12, auch wenn das Album dann vielleicht in der Relation ein bisschen überbewertet wirkt, aber mir gefällts halt so...

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Von: Markus Wierschem @ (Rezension 2 von 3)


I Foreword:

Pain of Salvation sind ein Unikum. Ist es seit jeher unter Progrockern chic, von Fortschritt, von Weiterentwicklung zu reden, so nehmen sich diese Entwicklungen doch meist eher als Variationen innerhalb der eigenen, etablierten Grenzen aus. Und das macht durchaus Sinn, liegt der Vorwurf des Verrats an den mit Blut und Schweiß über Jahre gewonnenen Anhängern doch immer auf den Zungen der Zweifler. Auf der anderen Seite - Neal Morse und Roine Stolt können davon ein Lied singen - steht der Vorwurf sich immer zu wiederholen, und damit über kurz oder lang obsolet zu machen, was einst relevant war. In keinem musikalischen Kosmos ist dieser Konflikt stärker ausgeprägt, als im Prog - eben wegen des bereits im Namen inhärenten Anspruchs auf Weiterentwicklung und Grenzüberschreitung.

Und während nun andere Bands, haben sie ihren persönlichen Stil einmal definiert, immer nur hie und da gemächlichen Schritts die ausgetretenen Pfade verlassen - und dies gilt für etablierte Bands wie Dream Theater ebenso wie für einstige "Prog-Revoluzzer" wie Tool oder The Mars Volta - so sind wenige andere Bands mit musikalischen Siebenmeilenstiefeln unterwegs. Pain of Salvation sind eine dieser Bands.

How prog are you?

Entropia war ein funkiger, frischer Wind im Reich des Progmetal. The Perfect Element pt.1 integrierte neben floyd'schen Klängen auch Gothicrock und Rap in die Musik der Schweden und wurde schnell als Meisterwerk gehandelt. Mit Remedy Lane schuf Daniel Gildenlöw, das künstlerische Zentrum der Band, nicht mehr und nicht weniger als ein zerrissenes Selbstporträt und eine emotionale Achterbahnfahrt, die ihres Gleichen in der Musikgeschichte kaum finden dürfte. Nebenbei kamen verstärkt folkige Elemente hinzu, während die anderen Zutaten der Musik in den einzelnen Stücken weiter ausgelotet wurden. BE schließlich dürfte eines der der meistdiskutierten und umstrittensten und allein schon deshalb relevantesten Prog-Alben der letzten zehn Jahre gewesen sein. Kritiker nannten es "überzogen, größenwahnsinnig und prätentiös", "misslungen" und noch weitere nette Sachen mehr. Dabei wurde hier wie bei kaum einem anderen Album etwas über die Musik von PoS deutlich, nämlich das ohne die textliche Ebene eine zentrale Dimension ihrer Musik verloren geht. Um diese Dimension zu erfahren bedarf es aber einer Auseinandersetzung, die viele der Kritiker BE nicht zugestehen wollten. Auch deswegen wird diese Band auf einem künstlerischen Level nach wie vor in der Fachpresse sträflich unterbewertet: es fehlt schlicht an ernst gemeinter Auseinandersetzung. Das orchestrierte doch nicht orchestrale BE, mit seinen Anleihen an Musical, Gospel, Klassik und Filmmusik, seinem halbdramatischen Ansatz, der auf faszinierende Weise Mikro- und Makroebene zu einen suchte, dabei eine religiöse, politische, ökonomische und techno-ökologische evolutionsgeschichtliche Philosophieentwurf präsentierte, war ein Brocken, den viele nicht verdauen konnten oder wollten. Über dieses FAUST II des Progrock wird an anderer Stelle wohl noch zu sprechen sein.

Nun liegt mit Scarsick ein Album vor, das sich gut und gerne als die Antithese zu BE, mit Abstrichen aber auch zum Rest des Pain of Salvation Oeuvres bezeichnen ließe. Denn wo die anderen Werke, natürlich vor allem BE, inhaltlich wie musikalisch oft hermetisch verdichtet wirkten und einen Eindruck innerer Geschlossenheit vermittelten, da ist Scarsick offen, (vergleichsweise) geradlinig und im ersten Moment schockierend unverschlüsselt in-your-face. Und es gibt noch eine Überraschung: Scarsick ist nichts anderes als der zweite Teil von "The Perfect Element". Daniel Gildenlöw kommentierte dies zuletzt gewohnt bierernst: "We don't want people to buy Scarsick because it's the second part of The Perfect Element. We want them to buy Scarsick because it's the f******* best album out there available without any contest whatsoever. Of course." TPE 1 handelte vom Zusammentreffen zweier versehrter Individuen, einer jungen, missbrauchten Frau und eines durch die Gewalt und den Druck seiner Umwelt zerstörten Mannes. Durch die Augen jener verlorenen Seelen tat sich gleichermaßen ein Blick auf die Gesellschaft auf, die implizit in ihren Effekten auf die Individuen mitkritisiert wurde. Die letzten Eindrücke waren jene des männlichen Teils, der, eingeholt von seiner Vergangenheit, auf dem Boden seines Zimmers zusammenbrach ...

Yesterday found him today
Caught him at his last breath
These walls built to stand come-what-may
Lie shattered in the ashes
His skin against this dirty floor Eyes fixed on the ceiling
He has stretched those chains of sin
Far beyond all feelings
Still so still -

II Scarsick

Scarsick nimmt den Faden hier wieder auf und schildert explizit die Perspektive des Mannes. Allerdings scheint es weniger so, als werde die Geschichte wirklich fortgesetzt. Vielmehr handelt es sich bei den Stücken um 10 Momentaufnahmen, die unserer Zeit und Gesellschaft entlehnt sind, aber wohl auch die Gründe für den Zusammenbruch des männlichen Protagonisten darstellen, ähnlich, wie Pink Floyd einst auf Dark Side of the Moon jene Kräfte (Krieg, Zeit, Geld ...) besangen, die einen Menschen in den Wahnsinn treiben können. Das Album ist in die Seiten A und B geteilt, die Kritik diesmal explizit und nicht zu überhören:

"Scarsick" eröffnet Seite A mit heftig rockenden Rammstein-Riffs, brutalem Drumming und den furienhaft derangierten Schreien Gildenlöws. Danach setzt der Pianomagier Frederik Hermanson mit ungewohnt elektronischen Synthesizern ein, die den Hintergrund für den strophenhaften Sprechgesang bereiten. Im hymnischen Refrain dominieren Engelszungen und ein dezenter Tom-Regen von Johann Langell. Mit etwa fünf Minuten erreicht dieser grandiose Song sein Crescendo, in dem sich Ebene über Ebene legt, und die Furien mit den Engeln tanzen. Auch inhaltlich hat der Song diese zwei Seiten. Es handelt sich um den verzweifelten Aufschrei und die Anklage einer Gesellschaft im Zeitalter des Trugs und Betruges, die das Individuum mit ihrem Anpassungsdruck zerreibt und gleichschaltet, KRANK macht. Fraglich nur, ob es sich bei der zentralen Zeile "Today the only voice of reason would have to bet he sound of the soup of the season hitting ground," nun eher um eine Metapher der Zurückweisung oder des Ausstiegs (gar des Suizids) handelt. Immerhin werden "wir" in "Flame to the Moth" als "soups of the season" bezeichnet.

Will jemand ein M&M? In "Spitfall" [spit = spucken; pitfall = Fallgrube] nimmt Gildenlöw das kulturelle und musikalische Phänomen des Rap/Hip Hop aufs Korn und zeigt pointiert auf, wie weit sie sich von ihren Wurzeln als gewaltkompensatorischer Untergrundmusik der Schwarzamerikaner entfernt hat. Im wortreichsten Song des Albums prasselt Wortkaskade um Wortkaskade auf den Hörer ein, wobei mit Klischees und derber Sprache wahrlich nicht gegeizt wird. Gildenlöw demontiert den Rap hier mit seinen eigenen Waffen, schnell und aggressiv jagt eine Pointe die andere. Hier wird ganz konkret das überzitierte Medienimage des Rap-Superstars, der im Ghetto aufwuchs und ach-so-lange für seinen Weg an die Spitze kämpfen musste dekonstruiert, endend auf der zynischen Diagnose: You're just another Parental Advisory sticker surfing beach boy. Yo.

"Cribcaged" beginnt mit dem Lachen eines Babys, und warmen, ruhigen Klängen von Gitarre und Piano steigert sich dann aber immer lauter zu einer kraftvollen aber düsteren Halbballade. Natürlich fällt vor allem der überzogene Gebrauch des F-Wortes auf, das eben durch diesen seiner vulgären Konnotationen mehr und mehr entkleidet und zu einer reinen, vielleicht auch hilflosen Phrase der Frustration und Anklage wird. Das Stück kann gleichsam als "Memento Mori" und als Kritik der Oberflächlichkeit der Popkultur und des ökonomischen Materialismus gelesen werden kann, der sich über beruflichen Erfolg und bedeutungslose Statussymbole definiert: Die "erfolgreichen, super-modischen, lächelnden, berühmten, reichen, wichtigen Roter-Teppich-Menschen", aber mehr noch ihre Gefolgschaft werden hier zu "kaputten, leeren, dummen, Plastikmenschen", deren glamouröse Fassade nur das Geheimnis einer therapiebedürftigen und entropischen Gesellschaft übertüncht. Originalität, Persönlichkeit, ja, Sinn, scheinen immer rare Güter zu sein [allein das mir als erstes eine Waren-Metapher einfällt ist bezeichnend]. Auch insofern, nicht nur auf nachfolgende Generationen bezogen, ist das Stück ein Plädoyer für das Wesentliche.

Über "America" wurde viel geredet. Einmal mehr wurde der Vorwurf der prätentiösen Moralapostelei und des Sozialunterrichts laut. Das greift zu kurz. Nur weil Amerika-Bashing seit Jahren "in" ist, heißt das nicht, das weitere Kritik überflüssig wäre, vor allem gute Kritik, die über ein "F*ck-You-Bush" hinausgeht. "Prätentiös"? Das würde implizieren, dass die Kritik nur eine oberflächliche Sache wäre - und wohl bei kaum jemandem im Musikgeschäft könnte dieser Vorwurf deplazierter sein als bei den Schweden. So geht Gildenlöw seit Jahren auf Konfrontationskurs mit "God's own country". Eine Anekdote ist etwa, dass er sich weigerte mit den Flower Kings in den USA zu spielen, als er erfuhr, welche "Kontrollinstanzen" (Fingerabdrücke, biometrische Daten ...) er für die Einreise durchlaufen müsste. Für Gildenlöw war das nichts anderes als eine Beschneidung seiner Persönlichkeitsrechte. Konsequent weigerte er sich. Als aktiven Umweltschützern dürfte den Schweden der Kurs der U.S.A. ohnehin ein Dorn im Fleisch sein. "America" nun ist eine pointierte, wenn auch natürlich verkürzte Abrechnung, die textlich äußerst amüsant und eben nicht im Gestus einer Sozialpredigt daher kommt. Dabei ist die musikalische Kritik fast noch blasphemischer als die textliche: Hier tanzen die Red Hot Chili Peppers mit Maria aus West Side Story eine Polka, und zwischendurch gibt's dann auch den Commercial-Break, die unvermeidliche Werbepause. Poppig, locker, gut-gelaunt, geil. Ganz einseitig ist das Ganze aber doch nicht: So wird neben Wut und Enttäuschung gegenüber der Lüge des "American Dream" auch der Wunsch nach Versöhnung deutlich: "If I say I love you, dare you love me too"?

"Disco Queen" beschließt Seite A. Zunächst hielt ich den Song für einen Witz. Wie gut dieser Witz eigentlich ist, wurde mir erst klar, als ich den Text dazu las. Mea culpa. Musikalisch wird hier im Rock-Kleid, durchsetzt mit gewollt ürgseliger Elektronik und Bee-Gees-Chören die Disco-Welle auf die Schippe genommen, inklusive des Travolta-Hüftschwungs und seiner erotischen Versprechen. Textlich wird mit doppeltem Boden gearbeitet: Oberflächlich gesehen wird der kurzweilige Genuss einer neuen Platte geschildert, die, ganz im Brauch der Popkultur, nach ein paar mal Hören auf der Suche nach dem neuen Thrill weggeworfen wird. Glamour und Genuss erscheinen als gleichermaßen billig und temporär. Der Subtext nun ... tja, der überträgt das Ganze auf den harten, dreckigen Sex zwischen zwei Menschen, die letztlich doch unbefriedigt nach dem nächsten Thrill suchen und letztlich ein Stück leerer zurückbleiben. So gewinnt der Satz "Let's disco" eine ganz herrliche, neue Bedeutung. Schade nur, das der Song ca. 2 Minuten zu lang ist. Live ist dieses Stück allerdings Party pur.

Seite B bietet mehr oder minder den klassischeren Pain-of-Salvation-Sound. "Kingdom of Loss" ist eine heftigere Halbballade, die mit wunderschönem, ja, fast zärtlichem Klagerefrain aufwartet. Hier ist auch eines der ganz wenigen Gitarrensoli auf Scarsick zu hören. Inhaltlich geht es um die langsame, spiralenhafte Abwärtsbewegung der Welt durch mediale Manipulation, die Spielsachen, Autos, Trends ebenso verkauft wie Kriege und Religion. Letztlich verkommt auch der Mensch selbst zu einer Ware, und das nicht nur im Bereich der Prostitution. So scheint alles "(ver-)käuflich", eine Frage des Geldes und Zeit, die ja bekanntlich Geld ist. "Miss Modern Mother Mary" behandelt religiösen Fanatismus in vertrackten Rhythmen und mit erneuter elektronischer Schlagseite. Gildenlöw läuft hier gesanglich einmal mehr zur Hochform auf, die Bilder sind stark und einprägsam. Dennoch gibt mir der Song von allen auf Scarsick am wenigsten.

"Idiocracy" ist dafür ein echter Hammer, und übernimmt vermutlich am stärksten wieder den Blick auf das Individuum selbst, vielleicht auch den Protagonisten aus TPE1. Treibende Tool-Drums eröffnen ein kleines Drama, dem vom leicht-psychedlischen Anfang an eine verzweifelte Grundspannung innewohnt. Einmal mehr säuselt Daniels Engelsstimme über fragilen Balalaika-Klängen (?) und klagenden Bläsern. Textlich liegt hier das reduzierteste Dokument des Albums vor. Kurz gesagt geht es um das, was Kurt Vonnegut in seinem Roman "Cat's Cradle" einmal als "the heartbreaking necessity to lie about reality, and the heartbreaking impossibility of lying about it" charakterisiert hat.

In einem der Calypso-Gedichte in diesem Buch heißt es unter anderem auch:

I wanted all things
To seem to make some sense,
So we all could be happy, yes,
Instead of tense.
And so I made up lies
So that they all fit nice,
And I made this sad world
A par-a-dise.

Die säuselnden Stimmen in "Idiocracy" nun wollen das lyrische Ich verführen, die Augen zu schließen und sich der Lüge von der Welt als Paradies hinzugeben. Doch das lyrische Ich erweist sich als grausam unfähig dazu: "Why can't I close my eyes?" schreit Gildenlöw heraus, und macht damit den impliziten Wunsch nach einer Aufgabe des Kampfes, der Kapitulation der Realität vor den Lügen deutlich. Dies aber bleibt dem lyrischen Ich verwehrt. Gleichzeitig leitet es damit musikalischen einen Climax ein, den man derartig aufwühlend und verzweifelt sonst auch bei Pain of Salvation wohl nur bei "Beyond the Pale" erlebt. Groß!

"Flame to the Moth" ist mit seinen Kreisch-Attacken und seinem treibenden Strophen einer der härtesten Songs, und könnte noch mal als Zusammenfassung des Vorangegangenen verstanden werden. Hier gesellen sich allerdings Genetik und die weiter fortschreitende Industrialisierung zu den entstellenden Kräften der Macht hinzu. Gleichzeitig ist der Song eine Aufforderung, zu alle dem NEIN zu sagen.

Das Ende ist gleichermaßen traurig wie hoffend: im einfach aber wirkungsvoll gehaltenen Longtrack "Enter Rain" zeichnet sich vor elektronischen Schlagzeugphrasen und wabernden Keyboard- und Pianoklängen die apokalyptische Szenerie einer geschändeten und zerstörten Welt. Gleichzeitig erscheint das Endzeitpanorama zeit-los: "in seven years ago I'll see a man / a moment streched out over years [...] in two seconds I will hit the ground". Im Bild einer Stadtrose, die aus dem Matsch hervor wächst aber liegt auch das Versprechen des reinigenden Regens, eines Neuanfangs, ebenso wie in jenem Versprechen, das wie ein Echo aus "A Trace of Blood" herüberklingt: "You'll never remember my name ... but I will love you just the same." Ein Stück, das mir mit der Zeit immer mehr ans Herz gewachsen ist. Wunderschön und ergreifend.

III Fazit

How prog are you? das scheinen die sympathischen Schweden den Hörer einmal mehr zu fragen.

Was aber bleibt, fast 2 Monate nach Erscheinen des narbenkranken, angstkranken, autokranken [;-)] Albums? Einmal mehr die Erkenntnis, das man eine zentrale Dimension der Musik von Pain of Salvation verliert, wenn man die Texte außer Acht lässt. Texte und Musik bilden bei PoS mehr als jeder anderen Band eine Einheit, stützen und bereichern sich gegenseitig, finden ihren Ausdruck im jeweils anderen, und in der Stimme Daniel Gildenlöws, der hier wie immer mit höchstem Ausdruck, großer Variabilität und einer unglaublichen emotionalen Intimität Himmel und Hölle in Bewegung singt. Weiter die erneute Erkenntnis, das Pain of Salvation die Zeit, in der wir leben alles andere als egal ist, sie nicht weg-sehen wollen, und auch den Hörer einladen, sich damit auseinander zu setzen. Weiter die Erkenntnis, das Scarsick gut ist. Richtig gut - auch wenn sich die Qualität der Songs einmal mehr erst mit der Zeit wirklich erschließt. Dafür spricht alleine schon, dass sich in Gesprächen und Diskussionen von Hörer zu Hörer immer wieder sehr unterschiedliche Favoriten herausstellen.

Was ein wenig fehlt, ist der musikalische rote Faden, der sich sonst durch jedes Album der Schweden zog. "The Perfect Element pt. 2"? Ja, aber wohl nicht so, wie man es erwartet hat, auch wenn man bei Pain of Salvation wohl gar nicht genau sagen kann, was man eigentlich erwartet.

Wie progressiv ist es nun? Wohl nicht so wahnwitzig wie The Mars Volta, sicher auf den Ebenen von Sound und der Nutzung moderner Stilmittel nicht so aufregend wie "Gloria" von Disillusion, doch nicht minder genial gespielt und in der Einheit von Komposition und Text auf einem Level, von dem diese Gruppen weit entfernt sind. Und letztlich ist die Frage der Progressivität wohl gar nicht so wichtig. Klar ist einmal mehr: Pain of Salvation bewegen Herz und Verstand gleichermaßen, und mit mehr Seele spielt keine andere Band. Damit ist Scarsick, wie auch seine Vorgänger, vor allem eines durch und durch: Relevant.

Und etwas weiteres ist ebenfalls klar: "The Perfect Element part 3 - She" kommt ganz sicher.

Anspieltipp(s): Scarsick, Enter Rain, Disco Queen
Vergleichbar mit: UNVERGLEICHLICH!
Veröffentlicht am: 9.3.2007
Letzte Änderung: 21.4.2013
Wertung: 12/15
Im Pain of Salvation OEuvre. Insgesamt liebe ich die persönlichere und lyrischere Seite dann doch etwas mehr.

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Von: Gunnar Claußen @ (Rezension 3 von 3)


Sagen wir es mal so: "Scarsick" ist schuld. Schuld daran, dass ich Pain Of Salvation in den letzten Jahren hauptsächlich als Spaß-Band wahrgenommen habe. Denn auf "Scarsick" ist vieles enthalten, was in jederlei Hinsicht als "Spaß" zu bezeichnen ist. Da wird in "Spitfall" HipHop persifliert und in "Disco Queen" natürlich Disco, wobei letzteres übrigens - kein Wunder, Schweden! - noch massiv nach ABBA-Sachen wie "Voulez-Vous" klingt. Der eröffnende Titeltrack wildert in Nu-Metal-Gefilden à la Papa Roach oder Soulfly, und in "America" wird ziemlich spielerisch mit der gleichnamigen Nummer von Leonard Bernstein umgegangen. Und diese paar markanten Nummern färben schnell auf das gesamte Album ab. Einmal Spaßvogel, immer Spaßvogel, und so "leidet" mein Bild von PoS nachhaltig unter dieser Platte. In einem gewissen Sinne haben die Schweden um Daniel Gildenlöw damit einen Ruf, der sich mit dem von Queen vergleichen lässt. Die galten ja schließlich seit "Bohemian Rhapsody" auch "nur" noch als Garanten für Stadionrock mit einer außerordentlichen Prägung durch verspielte bis slapstickhafte Ornamente.

Lustigerweise hatten Pain Of Salvation vor "Scarsick" durch musikalisch mittelmäßige, aber mit dem ganzen Drumherum geradezu lächerlich ambitioniert inszenierte Alben wie "One Hour By The Concrete Lake" bei mir eher den Ruf von ultraprätentiösen Dream-Theater-Plagiatoren. Davon ist heute, bzw. 2007, nicht mehr viel zu merken. Allerdings verströmen "Cribcaged" und "Kingdom Of Loss" das alte Balladenpathos, und "Mrs. Modern Mother Mary" sowie "Flame To Mouth" (abgesehen von einigen extremeren Schreien) erinnern noch am ehesten an den einst gepflegten Stil.

Abseits der eingangs beschrieben Außenwirkung lässt sich allerdings sagen, dass "Scarsick" ein ganz gutes Album geworden ist. "Scarsick", "Spitfall" und "Cribcaged" muss man nicht mögen, aber selbst diese Nummern haben Spannung und Struktur. Richtig abgehoben wird es dann allerdings mit "America" und "Disco Queen". Gerade in letzterer Nummer geht so richtig die Post ab, wird hier doch abseits des "Let's Disco"-Refrains eingängiger und durchdachter Progmetal geboten, dessen textliche wie musikalische Ironie überdies bei Dream Theater und anderen Vorbildern praktisch undenkbar wäre. Eine Kehrseite dieser Stücke ist allerdings, dass die zweite Hälfte von "Scarsick" etwas untergeht: Nummern wie "Idiocracy" oder das schwelgerisch-bombastische "Enter Rain" sind düsterer, schwerer, nachdenklicher und wirken eher wie der berüchtigte Eimer kaltes Wasser, den man in allzu rauschhaften Stimmungen mal ins Gesicht geklatscht bekommt. Trotzdem haben auch diese Stücke ihre unzweifelhaften Qualitäten.

Eines ist jedoch sämtlichen Irrungen und Wirrungen gemeinsam, die Pain Of Salvation auf "Scarsick" präsentieren: Hörenswert ist hier fast alles, lediglich die beiden Balladen in der Mitte hätte man auch knicken können. Zugute kommt dem Album außerdem noch seine Ausrichtung auf die einzelnen Songs, die dann wiederum auch ganz sinnig verteilt wurden - vermutlich würde ein "Disco Queen" am Ende der Platte eher irritierend wirken. Wie dem auch sei, "Scarsick" ist damit eine im besten Sinne memorable Platte, ganz unabhängig davon, ob man im Gedächtnis die allgemeine Qualität oderdoch eher die ganzen Spässken präsent sind.

Anspieltipp(s): Disco Queen, Enter Rain, America
Vergleichbar mit: Queen, siehe Text.
Veröffentlicht am: 15.9.2013
Letzte Änderung: 15.9.2013
Wertung: 12/15

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Pain of Salvation

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1997 Entropia 10.33 3
1998 One Hour By The Concrete Lake 11.33 3
2000 The Perfect Element I 9.50 2
2002 Remedy Lane 10.50 2
2004 12:5 11.00 1
2004 BE (ChinassiaH) 10.50 2
2005 BE (Chinassiah) DVD/CD 12.00 1
2009 Ending Themes - On The Two Deaths Of (2DVD) 11.00 1
2009 Linoleum E.P. 11.00 1
2010 Road Salt One 12.33 4
2011 Road Salt Two 11.67 3
2014 Falling Home 11.50 2
2017 In The Passing Light Of Day 12.25 4

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