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24172 Rezensionen zu 16522 Alben von 6433 Bands.
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Yes

Tales From Topographic Oceans

(Siehe auch: Leitfaden "Konzeptalben")
Coverbild
Informationen

Allgemeine Angaben

Erscheinungsjahr: 1973
Besonderheiten/Stil: Konzeptalbum; Klassischer Prog
Label: Atlantic Records
Durchschnittswertung: 13.25/15 (8 Rezensionen)

Besetzung

Jon Anderson lead vocals
Steve Howe gtr, vocals
Chris Squire bass, vocals
Alan White drums, percussions
Rick Wakemann keyboards

Tracklist

Disc 1
1. The Revealing Science Of God (Dance Of The Dawn) 20:27
2. The Remembering (High The Memory ) 20:38
Gesamtlaufzeit41:05
Disc 2
1. 'The Ancient' (Giants Under The Sun) 18:34
2. Ritual (Nous Sommes De Soleil) 21:35
Gesamtlaufzeit40:09


Rezensionen


Von: Andreas Pläschke @ (Rezension 1 von 8)


Vorweg: ich habe eine besondere Beziehung zu YES, immerhin waren sie die erste Gruppe, die ich ohne geschwisterlichen Einfluß kennenlernte, und TALES.. war meine erste Studio-LP, die ich gleich am Erscheinungstag kaufte, nachdem ich erst eine Woche zuvor YES mit YESSONGS kennengelernt hatte (und das nur, weil die 3-LP 29 DM kostete, und mir der Stravinsky-Opener so gut gefiel, den ersten Song habe ich mir dann im Laden gar nicht mehr angehört;-)))) Soviel zu der Geschichte, wie jemand zum ProgRock kommt.

Im neuesten NFTE schrieb Chris Welch, wie schlecht er dieses Album findet (und RELAYER), und immerhin hat er eine vielbeachtete Biographie über die Band geschrieben. Für "SOUNDS" waren YES schon ein Fall für den Psychiater - typische Reaktionen auf diese Doppel-LP. Und in der Tat, mit Rockmusik hat das alles nichts mehr zu tun, YES haben schon immer sehr europäische Musik gemacht, aber hier haben sie wirklich alles dran gesetzt, um jeden Einfluss von Jazz, Blues, Rock auszutreiben, da swingt es kaum noch, und wenn, dann kommt bestimmt der nächste Taktwechsel, um das Ganze gleich wieder abzuwürgen - also für Leute, die Rockmusik selbst im weitesten Sinne hören wollten, war diese Musik völlig aufgeblasen und langatmig. Selbst mir geht es je nach Laune recht unterschiedlich - entweder ich schlafe beim Hören der CD's ein, oder aber ich bin knapp 80 Minuten völlig gefesselt, wie von kaum einer anderen Platte.

Auf der anderen Seite - hier hat die klassische YES-Besetzung ihr Meisterwerk abgeliefert. Die Musik stammt wohl zum größten Teil von Howe/Anderson - und das merkt man diesem Album an, es ist sehr gitarrenlastig. Wakeman hält sich zurück und füllt nicht jede Lücke mit seinen Hochgeschwindigkeitsläufen aus, White zeigt hier, daß er kein lebendes Metronom ist (wie auf den neueren Platten) und Squire liefert seine tollen Bassläufe dazu. Und was sehr entscheidend ist, YES selbst lassen Raum für Stille, es gibt viele Stellen, wo nur ein, zwei Instrumente (Andersons Stimme zähle ich dazu!) zu hören sind. Dadurch gewinnt die Musik an Intensität, die Yes später leider völlig vergessen haben, man höre sich nur die neueren Longtracks an, wo eine Spur über die andere geschichtet wird, bis wirklich jede Lücke zugekleistert ist.

Zu loben ist auch Eddie Offord als Produzent, gerade im Kopfhörer kommt eine Transparenz und Räumlichkeit auf, das man glaubt, mitten in der Band zu stehen, jedes noch so leise Instrument ist wunderbar zu hören und im Raum einzuordnen.

Zur Musik: die Songs sind inspiriert durch ein Buch eines Yogis (was sonst bei Anderson;-)), und sie haben viel Ähnlichkeit mit liturgischer Musik. Gerade die Doppel-CD zeigt die beiden Seiten des Albums. CD 1 umfasst die ruhigen, fast meditativen Stücke, während auf der zweiten CD die beiden etwas "lebhafteren" Tracks sind.

"The revealing.." hat neben "And you and I" den schönsten Songanfang, den ich von YES kenne. Wie Andersons Stimme leicht verhallt im Raum schwebt, Howe langgezogene Gitarrentöne darunterlegt, und Wakeman, White und Squire langsam von hinten den Gesang untermalen, bis White mit einem kurzen Break den eigentlichen Songanfang bestimmt einfach wunderschön. Ansonsten fließt der Song sehr ruhig dahin, nur durch gelegentliche Ausbrüche unterbrochen. Es gibt einige eindringliche fast schon intime Gesangspassagen, zwei nette und kurze Keyboardsoli am Minimoog, und viel Gitarre. Was mir besonders gut gefällt ist der Schluss, der stark an den Anfang erinnert, und den Song wie einen Kreis erscheinen lässt.

"The remembering" beginnt fast schon verspielt mit dem Kirmessound der Keyboards, aber schon nach 30 Sekunden beginnt der sehr rezitative Gesang von Anderson und Co. Nach knapp 10 Minuten gibt es ein kurzes Keyboardzwischenspiel und danach folgt ein flotter, fast fröhlich zu nennender Songteil, der aber wieder hymnischer wird, und sich zwei-dreimal wiederholt, um wieder bei der Musik des Songanfanges zu landen. Dieser Song ist auch derjenige, bei dem Wakeman am meisten zu tun hat.

"The ancient" beginnt mit einem Gongschlag, und White spielt auf diversen Schlaginstrumenten endlich mal so richtig auf. Nicht mehr hymnisch, sondern sehr percussiv wird der Song gespielt, darüber legt Howe dann wieder sehr schräge, langgezogene Töne. Erinnert mich manchmal an die erste Soloplatte von Moraz mit seinen Steeldrumeinlagen. Nach fünf Minuten dann der Break, getragener Keyboardteppich, und Anderson setzt mit dem Gesang ein. Trotzdem bleibt dieser Song sehr rhythmisch und erinnert mich an einen afrikanischen Stammestanz à la YES. Die letzten fünf Minuten allerdings spielt Howe plötzlich akustische Gitarre, und Anderson singt noch einmal sehr beschaulich daher, während Wakeman im Hintergrund die Streicher erklingen läßt.

Der letzte Track ist dann eine Kombination aus dem rhythmischen ANCIENT und den fast meditativen ersten beiden Stücken. Sehr ruhige Teile wechseln sich mit völlig vertrackten Parts ab. Mittendrin ein Drum- und Percussionpart, der völlig abgedreht ist, und an diese japanischen Trommler erinnert, gekreuzt mit einem Gamelanorchester. Und passend dazu malträtiert Wakeman die Keyboards mal sehr untypisch, bis plötzlich Howe dem Treiben ein Ende macht, und der Song sehr beschaulich zu Ende geht. Bei diesen beiden Tracks kann man schon ahnen, was YES dann auf RELAYER mit "Gates of Delirium" weiterführen werden.

Fazit: entweder man schmeisst die Platte in die Ecke, oder aber sie nimmt einen gefangen, ich kenne keinen Anspieltip, viele Parts würden anderen Bands (und YES heute !!) zu tollen Songs verhelfen. Die Musikerfraktion wird wahrscheinlich viele Dinge straffen wollen etc., aber für mich als reinen Hörer ist das neben RELAYER Yes in Vollendung. Und seitdem geht's bergab. Und ich möchte endlich, dass YES von der Tour mal einen ordentlichen Livemitschnitt herausbringen.

Anspieltipp(s):
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 20.4.2002
Letzte Änderung: 28.3.2006
Wertung: 15/15

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Von: Udo Gerhards (Rezension 2 von 8)


Nach dem grandiosen "Close To The Edge" verabschiedete sich Schlagzeuger Bill Bruford in Richtung "King Crimson". Er wurde während der "Close To The Edge" folgenden Tour überaus kurzfristig ersetzt von Alan White, der bis dato als Session-Schlagzeuger u.a. für George Harrison ("All Things Must Pass") gearbeitet hatte. Alan Whites Stil ist etwas härter, direkter, rockiger als der von Bruford, aber auf seinen frühen "Yes"-Platten durchaus anhörlich und kreativ (leider kann man das von seinem Spiel z.B. auf "The Ladder" nicht mehr behaupten).

Auf jeden Fall hatte Jon Anderson wohl nicht das Gefühl, dass "Close To The Edge" nicht zu toppen sei. Die Liner-Notes zu "Tales" beschreiben, dass er schon eine Weile auf der Suche nach einem Thema für eine "large-scale compostion" gewesen sei und dieses schliesslich in einer länglichen Fussnote des Buches "Autobiography Of A Yogi" über gewisse indische Schriften fand. Die Ideen dieser Schriften flossen dann in die musikalischen und Textentwürfe ein, die Anderson und Gitarrist Steve Howe in nächtelangen Sitzungen während der Tour entwickelten. Am Ende kam dabei eine Doppel-LP mit vier seitenlangen Sätzen heraus: "Tales From Topographic Oceans".

Über das ganze Album zeigen sich "Yes" in grossartiger Form. Besonders ausgeprägt zeigt sich auf der ganzen Platte ihr Sinn für dichtest verwobene Arrangements, in denen jedes Instrument einen gleichberechtigten Platz übernimmt, um ein überaus komplexes Klangbild zu erzeugen. Steve Howe hat allerdings viel Freiheit mit der Gitarre. Neben verhältnismässig wenig Rhythmusarbeit hat er viel Zeit und Platz in komplexen, aber durchkomponierten Linien rund um und durch das gesamte Arrangement zu tänzeln. Rick Wakeman sorgt für symphonische Fülle mit viel Mellotron, aber auch dem restlichen Arsenal inklusive MiniMoog-Synthie, Klavier etc. Chris Squires Bass ist kraftvoll und knackig wie immer und verschmilzt hervorragend mit dem Gesamtarrangement, ohne das Bassregister zu vernachlässigen. Alan White spielt druckvolle Rock-Rhythmen, tummelt sich aber genauso gut sehr viel auf exotischer Percussion verschiedener Art. Einige Themen kehren übrigens in den verschiedenen Sätzen im ein oder anderen Gewand und Instrument immer wieder und sorgen für konzeptionelle Kohärenz.

Die einzelnen Sätze entsprechen lose bestimmten Ideen aus den der oben erwähnte Fussnote zugrundeliegenden Schriften und haben demgemäss jeweils sehr eigenständige Charaktere. "The Revealing Science Of God" ist schon vom eröffnenden Sprechgesang an eine schillernde Tour-De-Force mit treibend-rockigen genauso wie sanft-melodischen Passagen. Toller Satzgesang, Rick Wakemans flirrender Moog saust um alle Ecken, virtuose Gitarren-Arbeit: was will man mehr? "The Remembering" lässt sich mehr Zeit mit schwellendem Mellotron, ruhigem Aufbau und akustischerem, pastoralerem Grundsound, hat aber zwischendrin auch durchaus einen kleinen rockigeren Workout. "The Ancient" ist der schrägste Satz: Steve Howe spindeldürre Gitarre übernimmt das Kommando, sirrt und flirrt minutenlang über exotischer, indisch und/oder südost-asiatisch angehauchter Percussion, bis das ganze schliesslich in einen wunderschönen sanften akustischen Teil mündet a la "Mood For A Day", zu dem Jon Andersons Gesang stösst: ein krasser, aber cooler Kontrast. In "Ritual" stehen Chris Squire und Alan White mit treibender Percussion und Bass mehr im Vordergrund als in den anderen Sätzen, und das Album endet hymnisch mit Andersons "Nous Sommes De Soleil".

Die Hauptkritik an "Tales" ist meist, dass "Yes" versucht hätten, auf Biegen und Brechen ein Doppel-Album zu füllen und sich dadurch einiges an Füllmaterial eingeschmuggelt habe und das Album noch besser hätte werden können, wenn man es auf ein einzelnes Album gestutzt hätte. Dies kann ich nur teilweise bejahen: "The Remembering" zieht sich tatsächlich stellenweise länger, als unbedingt nötig wäre: ein paar Mellotron-Akkorde weniger hätten dem ganzen vielleicht gut getan. Aber alle anderen Sätze sind für mich keinen Takt zu lange und gut ausbalanciert und enthalten sowohl intelligente als auch einfach nur anrührende Musik auf höchstem instrumentalen und kompositorischem Niveau.

Anspieltipp(s): The Revealing Science Of God
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 6.6.2002
Letzte Änderung: 4.6.2003
Wertung: 13/15

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Von: Jörg Schumann @ (Rezension 3 von 8)


Das Überwerk! Mit "Tales" erklimmen Yes den Gipfel ihres musikalischen Schaffens. Mit Relayer verweilen sie einen Moment in luftiger Höhe und beginnen dann den Abstieg.

Auf "Tales" finden sich stille, schwebende, sphärische Momente, dann rockige, pumpend-treibende Stücke, monumentale, magistrale Passagen, zudem ist das Ganze perfekt eingespielt und aufgenommen.

Ich kann meinen Vorrezensenten nur zustimmen. Dieses Album ist von der ersten bis zur letzten Note perfekt. Es fehlt nichts, es ist nichts zuviel. Wenn man dieser Platte 82 Minuten Zeit gibt, wird sie einen in ein Klanguniversum entführen und fesseln wie keine andere YES-Platte.

Die einzelnen Stücke auseinander zu nehmen möchte ich mir ersparen, damit wird man der Platte nicht gerecht. Nur kurz erwähnen möchte ich die schönsten Passagen (quasi als Anspieltips): in Stück 2 die Gesangsharmonien ab 2:50 und 3:50. Das gleiche Thema wird im Finale des Stückes nochmals aufgenommen. In Stück 3 ab 14:40 die liebliche Gitarre. Und schliesslich in Stück 4, meinem Lieblingsteil des Albums, die entrückte Klimax, das Abheben des Adlers aus seinem Horst auf dem Gipfel eines einsamen Berges in kalter Tundra, ab 10:25 bzw. 10:45.

Aber wie gesagt: dieses Album muss man sich in aller Ruhe anhören, muss sich fallen und mitnehmen lassen. Mit Sicherheit sind alle anderen Yes-Alben leichter zugänglich als "Tales". Es gibt keine "Hits", das ganze ist eine grosse Symphonie mit vier langen Sätzen, ein monumentales Epos.

Anspieltipp(s): in einem Rutsch durchzuhören !
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 3.8.2002
Letzte Änderung: 18.10.2002
Wertung: 15/15

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Von: Jochen Rindfrey @ (Rezension 4 von 8)


Meine volle Zustimmung zu Andreas, Udo und Jörg! "Tales From Topographic Oceans" ist ein großartiges Werk, und hier haben es Yes zum ersten Mal geschafft, über ein Album (bzw. eigentlich zwei Alben) hinweg konsequent jeden Anflug von Rock zu vermeiden. Kein Wunder, dass es selbst im Lager der Yes-Anhänger so umstritten ist. Ich dagegen kann mich gar nicht satt hören, gerade an den beiden 'meditativeren' Stücken. Überhaupt finde ich "The Revealing Science Of God" das perfekteste Stück im Yes-Repertoire. Grandios, wie es sich aus dem zunächst nur von einzelnen Tönen begleiteten Gesang langsam entwickelt, wie es sanft dahinfließt, um schließlich am Ende wieder in seinen Anfang überzugehen scheint.

Die drei anderen Stücke stehen dem in nichts nach: das trotz des großen Keyboardarsenals völlig unbombastische "The Remembering", das schräge "The Ancient" mit dem wunderbaren pastoralen Schlussteil, "Ritual" mit seinem furiosen Schlagwerkeinsatz.

Zusammen mit "Close to the Edge" und "Relayer" ist dies die Krönung im Schaffen von Yes und eines der wichtigsten Alben des Progressive Rock überhaupt!

Anspieltipp(s): The Revealing Science of God
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 29.6.2003
Letzte Änderung: 17.1.2004
Wertung: 15/15

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Von: Nik Brückner @ (Rezension 5 von 8)


Die vielleicht berühmteste Vertonung einer Fußnote...

Um diese Platte ranken sich eine ganze Reihe von Legenden und Irrtümern. Ein paar lassen sich vielleicht hier ausräumen. Jon Anderson hatte die Idee für die 4 Stücke aus einem Buch, das ihm Jamie Muir, seinerzeit Perkussionist und Frau ohne Unterleib bei King Crimson, empfohlen hatte, die "Autobiography of a Yogi" (1950, zu deutsch: "Autobiographie eines Yogi") von Paramahansa Yogananda (genau so und nicht anders heißt der). Der war ein - wie ich aus berufenerem Munde weiß - zwar erfolgreicher, aber nicht wirklich bedeutender Yogi und Begründer einer gewissen "Self-Realization Fellowship" - wer jetzt sagt "das klingt schon so", der soll sich die genauer anschauen, ich vermute aber, er hat recht. Paramahansa Yogananda ist zwar der Autor einiger Bücher, darunter sind jedoch nicht, wie oft fälschlich kolportiert wird, die shastrischen Schriften, die angeblich die Grundlage für "Tales" bildeten. Jedoch kommt er auf S. 83 (in der Fußnote 6 im 10. Kapitel, in der deutschen Ausgabe auf S. 117) auf die Shastras (das bedeutet 'heilige Bücher') zu sprechen. Diese Fußnote ist nicht lang, sondern ganz im Gegenteil recht kurz (12 Zeilen). Sie ist sogar so kurz, daß man als Außenstehender kein Wort versteht...

Also: Die Shastras, die heiligen Schriften Indiens werden traditionell in vier Gruppen eingeteilt: Shruti, Smiriti (nicht "Suritis"), Purana und Tantra. Dies stimmt mit der Einteilung von "Tales" in vier Stücke (ob es sich dabei um Sätze handelt, bezweifle ich) zusammen. Tatsächlich stützt sich Anderson also auf diese vier Textgruppen. Aber wie weit geht das?

Shruti umfaßt die direkt offenbarten Werke, die Veda (das Wort bedeutet "Wissen" und ist mit diesem unserem deutschen Wort auch verwandt). Der Titel des ersten Teils von "Tales" paßt auch dazu: "The revealing science of God". Die vedischen Texte umfassen Lieder, Maximen, Aphorismen und auch Prosa, die ältesten davon stammen aus dem 18. Jh. v. Chr., die jüngsten aus dem 3. Jh. v. Chr. Sie bestehen aus vier Teilen, oder Samhitas (Sammlungen), der Rigveda, der Samaveda, der Yajurveda und der Atharvaveda. Zu jeder dieser Sammlungen gibt es Erläuterungen. Die bekanntesten Texte, die in diesen Bereich gehören, sind vielleicht die Upanishaden (Geheimlehren). Und hier merkt man schon, daß es über eine allgemeine Orientierung an den shastrischen Schriften nicht hinausgeht: Wie sollte das auch anders sein? Dafür sind diese viel zu umfangreich.

Die zweite Textgruppe, Smiriti ('das im Gedächtnis bewahrte Wissen', Teil 2 von "Tales" heißt "The Remembering") umfaßt die berühmten und sehr voluminösen Epen "Mahabharata" und "Ramayana", die "Vedanga" (vornehmlich wissenschaftliche Texte) und die "Sutras".

Die dritte Textgruppe heißt "Purana" ('Allegorien aus uralten Zeiten', man denke an "The Ancient") und besteht aus 18 meist gleich aufgebauten Teilen, Liedern von Kriegern aus dem ersten Jahrtausend vor Christus.

Der vierte Teil, Tantra, befaßt sich mit Riten und Ritualen ("Ritual"). Es geht um die praktischen Seiten der Religionsausübung, um magische Formeln, um Yoga. Die tantrischen Schriften sind Offenbarungen Shivas. Auch sie stammen aus dem ersten Jahrtausend v. Chr.

All diese Schriften zusammen umfassen mehrere tausend Seiten, und sicher hat Jon Anderson sie nicht alle gelesen. Auch die Texte von "Tales" scheinen mir keinerlei thematische Anlehnung an die Shastras zu sein, viel eher werden aktuelle Themen der Zeit verhandelt ("Getting over overhanging trees/Let them rape the forest", "Getting over wars", "We need love"). Auch kann ich deren musikalische Umsetzung nicht wirklich hören: Die Musik ist - natürlich - westlich geprägt (wenn man von einigen Klangfarben wie der Pseudo-Sitar von Steve Howe oder dem perkussiven ersten Teil von "The Ancient" - der übrigens meiner Meinung nach weit mehr nach einem Ritual klingt als "Ritual" - einmal absieht). Die "Tales from Topographic Oceans" gehen damit wohl eher auf eine Fußnote und Jons Lektüre von "Sekundärliteratur" zurück als auf die Inspiration durch die echten Schriften und gehören damit in die gleiche Kategorie wie Ajurvedische Fußcremes... - womit natürlich weder über die Qualität der Platte, noch über die der Fußcremes etwas gesagt sein soll.

Wer noch mehr lesen will: http://www.progbibliography.de, und auf "Literary References" klicken

Anspieltipp(s): "The Ancient", "The Ancient", "The Ancient"
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 10.12.2004
Letzte Änderung: 31.10.2012
Wertung: 14/15
Neoprogger, ran an den Speck!

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Von: Piotre Walter @ (Rezension 6 von 8)


"Tales" ist sicher ein Album, dass man gehört haben sollte, wenn man sich für die klassischen Alben von Yes und die Frühphase des Prog interessiert. Das Album ist umstritten und hinterlässt, selbst nach mehrmaligen Hören, auch mit jahrelangen Pausen, bei mir regelmäßig einen verqueren, zwiespältigen Eindruck. Für den, mit führenden, (Kult-)Status der Band im Bereich des sogenannten Progressive Rock sicher ein guter Schachzug und auch ein mutiges Unternehmen bzw. Album. Musikalisch stellenweise brilliant, aber durchgängig nicht von der selben Qualität und als Gesamtwerk etwas unausgegoren.

Meineserachtens steht es dem Album nicht, dass, wie Jochen es nannte, konsequent auf Rock verzichtet wurde. Es entsteht fast der Eindruck einer "bekifften" Combo im Studio. Zu beliebig reihen sich Instrumental-Parts, solistische Parts und Gesang aneinander. Die Longtracks lassen Prägnanz und Dramaturgie vermissen. Immer wieder mal brilliant verlieren sich die Solisten, speziell Steve Howe, im Detail. Allerdings sorgt dieser auch überwiegend, für die in der Menge beschränkten, Highlights auf dem Album. Auch die Gesangsarrangements sind oft etwas eintönig oder süßlich und nicht so richtig spannend. Von Wakeman war ich nie wirklich überzeugt, auf diesem Album aber am wenigsten. Er genießt hier aber auch wenig Raum und beschränkt sich überwiegend darauf, "Klangteppiche" zu unterlegen.

Alle Longtracks haben für mich starke Teile oder Momente, langweilen aber immer wieder in anderen Teilen. Ich denke einfach, dass sich Yes mit diesem Projekt ein wenig überfordert haben. Sie sind keine wirklich experimentelle Band. Das "Bindeglied" Rock fehlt mir hier zwischen den solistischen Teilen – zu wenig stimmig der Songaufbau. Interessant das experimentellste Stück "The Ancient", fulminant und schräg in der ersten Hälfte, taucht dann in der Mitte dieses zwar nette aber völlig deplazierte klassisch angehauchte Gitarrenspiel auf. (So empfinde ich es häufig beim Hören des Albums, es fließt nicht so richtig, es ist nicht homogen.) Im ersten Teil dieses Stückes klingen sie am wenigsten nach Yes. King Crimson und Gentle Giant tauchen als Assoziation vor meinem Auge auf.

Ein mutiges und interessantes, aber für mich nicht wirklich gelungenes Album. Ich finde nicht, dass es die Qualität von "Close to the Edge" oder "Relayer" hat. Letzteres ließ dann aber wirklich keinerlei Wünsche mehr offen.

Anspieltipp(s): komplett anhören :-)
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 25.1.2008
Letzte Änderung: 23.3.2013
Wertung: 9/15

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Von: Günter Schote @ (Rezension 7 von 8)


Lieben oder hassen oder was? Dieses Album liebt man oder man hasst es, behauptet der Prog-Volksmund. Ein Meisterwerk für die einen, heiße Luft in Dosen für die anderen. Das ist sexy, denn divergierende Meinungen sind das Salz in der Suppe des Alltags.

Seite 1 und Seite 2 sind recht ätherische Werke. Anderson/Howe verfassten während der Close to the Edge-Tour in tiefer Nacht bei Kerzenschein die Texte zu "The Revealing Science of God" und "The Remembering". Im Nachbarzimmer versuchten Wakeman und White zur gleichen Zeit - so stelle ich mir das zumindest vor - Bierdosen auf dem Kopf zu balancieren. Gelingt einem der beiden dies über eine gewisse Distanz, so muss der andere die Dose auf Ex leeren, oral. Skurril, isn't it?! Rick Wakeman ist ein heller Kopf und hat's erfasst. Mit Blick auf die Länge der Stücke, das Konzept und das grandiose Artwork von Dean äußerte er einst, dass sich "Topographic Oceans" wunderbar mit einem Wonderbra vergleichen lässt: etwas Üppiges wird eingepackt, du erblickst es und denkst "hm, lecker, das nenne ich mal ordentliche Verpackung, fummelfummel, haben will". Dann entpackst du seinen Inhalt und oh, was ist das denn, die Erdanziehung fordert Tribut und der Inhalt entpuppt sich als heiße Luft. Rick hat das natürlich viel geschmeidiger formuliert.

Seite 3 und Seite 4 sind recht rhythmisch und besitzen einen gewagten Ethno-Einschlag. Anderson/Howe verfassten nachts im Kerzenschein auch die Texte zu 'The Ancient' und "Ritual". Im Nachbarzimmer versuchte Squire zur gleichen Zeit - so stelle ich mir das zumindest vor - herauszufinden, wozu diese Flasche einen Schlauch besitzt. Beide Parteien waren erfolgreich in ihren Bemühungen, weshalb "Topographic Oceans" weitergeht. 'The Ancient' ist ein wirklich forderndes Stück. Seine erste, perkussionslastige Hälfte ist interessanter als Seite 1 und Seite 2 zusammen. Hier beweisen Yes wirklich Mut und brechen zu neuen musikalischen Ufern auf. Now that's what I call progressive! "Ritual" endlich besitzt einen Spannungsbogen und ist der stimmigste Part des Doppelkonzeptalbums.

Als 15jähriger fiel ich auf den Wonderbra rein und liebte dieses Album abgöttisch. Heute denke ich, das Album ist kein Meisterwerk, das Album ist in seiner Gesamtheit auch kein Ausfall. Es hat interessante Stellen, es hat öde Stellen. Man gewöhnt sich dran, ich habe es zu schätzen gelernt, ohne ihm einen Status zuzubilligen, den es schlicht nicht verdient. Yes haben etwas Tolles probiert, Yes haben die Grenzen der Musik verschieben und erweitern wollen. Dabei auch mal auf die Nase zu fallen ist verzeihlich. Adornos Erkenntnis, es gäbe kein richtiges Leben im falschen trifft auf "Topographic Oceans" nicht zu.

Anspieltipp(s): Ritual
Vergleichbar mit:
Veröffentlicht am: 15.7.2011
Letzte Änderung: 7.12.2013
Wertung: 10/15
Diesen Speck knabberten die Neo-Progger bevor sie neo-proggten!

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Von: Marc Colling @ (Rezension 8 von 8)


Für meine 100. Rezension habe ich mir ein Album ausgesucht, das es auch verdient. „Tales“ ist für mich eines DER Alben überhaupt. Das hat womöglich damit zu tun, dass ich es bereits in seinem Erscheinungsjahr kennen lernte. Hat aber auch damit zu tun, dass Yes es hier schaffen, etwas Magisches und Überirdisches zu kreieren. Nicht viele Alben haben es geschafft, mich dermaßen in ihren Bann zu ziehen.

THE REVEALING SCIENCE OF GOD bietet mehr Abwechslung in Tempo und Taktwechseln als die meisten Bands in einer ganzen Karriere verbrauchen. Das Zusammenspiel zwischen Howe und Wakeman ist grandios, Squire ist souverän am Bass und Jon Anderson in bestechender Form. Alan White mag nicht jedermanns Geschmack an den Drums sein, doch auf Tales spielt er besser und kreativer als in späteren Jahren. Jedenfalls schaffen es Yes richtig ins Ohr gehende Melodien in einen hochkomplexen Longtrack einzubauen.

Und auch auf THE REMEMBERING, sehr zaghaft beginnend mit Gitarre und Gesang, entwickelt sich Magie, die durch Wakemans Spiel und Howes Soli befeuert wird. Und wenn man denkt, alles steht still, erklingt Anderson mit seiner zerbrechlichen Stimme, dass man Gänsehaut bekommt. Das Solo von Wakeman ist wunderbar und sphärisch. Der Song ist zugänglich und weniger komplex, aber immer noch weit entfernt von kommerziellen Gedanken.

Wer richtig vertrackte Musik liebt wird bei THE ANCIENT voll bedient. Der Track ist komplex und die hin und her spielende Gitarre über den gegenläufigen Percussions ist schwer zu fassen. Einfach die Augen schließen und auf Wakeman's wabernde Keyboards warten. Und die letzten Minuten mit der A-Gitarre, den leise spielenden Synthies im Hintergrund und vor allem der Stimme von Anderson ist ein „Must Have Heard“.

Komplett anders RITUAL. Der Anfang ist euphorisierend und sprüht vor Lebensfreude. Schnelle Gitarren- und Keyboardläufe knallen dir um die Ohren bis sich die Band eine Verschnaufpause gönnt um dann in ruhigeren Gewässern zu landen. Nous sommes du Soleil. Was für ein Statement!

Tales from topographic Oceans ist trotz Kritikerschelte bei den Fans gut angenommen worden. Es wird, trotz Doppel-LP, keine Note zu viel gespielt.

Ach ja, was ich noch sagen wollte. Trotz der Bequemlichkeit von CD's wird dieses Werk ausschließlich auf LP gehört. 4 Longtracks, 4 Seiten. 1 großes Cover mit einem grandiosen Bild von Roger Dean drauf. Perfekt.

Anspieltipp(s): pfff, geht's noch? Alles, am Stück
Vergleichbar mit: nur den Besten
Veröffentlicht am: 27.6.2016
Letzte Änderung: 6.1.2017
Wertung: 15/15
ein Meisterwerk

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Alle weiteren besprochenen Veröffentlichungen von Yes

Jahr Titel Ø-Wertung # Rezis
1969 Yes 8.40 5
1970 Time And A Word 9.20 5
1971 The Yes Album 9.80 6
1972 Fragile 11.20 5
1972 Close To The Edge 13.80 12
1973 Yessongs 13.00 3
1974 Relayer 14.22 9
1975 Yesterdays - 2
1975 Yessongs (VHS/DVD) 11.00 2
1977 Going For The One 9.88 8
1978 Tormato 7.71 8
1980 Yesshows 10.00 3
1980 Drama 11.50 8
1981 Classic Yes 12.00 2
1983 90125 8.13 8
1985 9012 Live - The Solos 5.00 3
1987 Big Generator 6.67 6
1991 YesYears 13.00 2
1991 Owner Of A Lonely Heart - 1
1991 Union 6.00 7
1992 Yesstory - 1
1992 Union Tour Live (DVD) 7.00 1
1993 Symphonic Music of Yes 2.00 1
1993 Highlights - The Very Best of Yes - 1
1994 Yes Active - Talk (CD-ROM) 8.00 1
1994 Talk 6.17 6
1996 Live in Philadelphia 1979 (DVD) 4.00 1
1996 Keys to Ascension (VHS/DVD) 7.00 1
1996 Keys To Ascension 8.00 4
1997 Open Your Eyes 4.17 6
1997 Something's coming - the BBC Recordings 1969-1970 9.00 2
1997 Keys To Ascension 2 10.50 4
1998 Yes, Friends and Relatives 3.00 2
1999 Musikladen live (DVD) 6.00 1
1999 The Ladder 6.00 7
2000 House Of Yes - Live From House Of Blues 6.00 2
2000 The Best of Yes - 2
2000 House of Yes - Live from House of Blues (DVD) 8.00 2
2000 Masterworks 8.00 1
2001 Live 1975 At Q.P.R. Vol. 1 (DVD) 13.00 2
2001 Live 1975 At Q.P.R. Vol. 2 (DVD) 14.00 1
2001 Magnification 8.00 9
2001 Keystudio 9.00 2
2002 Symphonic Live (DVD) 10.00 3
2002 In a Word: Yes (1969- ) 12.50 2
2002 Yes today - 1
2002 Extended Versions - 2
2003 Greatest Video Hits (DVD) 3.00 1
2003 Yes Remixes 2.00 1
2003 YesSpeak (DVD) 9.67 3
2003 YesYears (DVD) 10.00 1
2004 Yes Acoustic (DVD) 6.00 2
2004 The ultimate Yes 10.00 2
2004 Inside Yes. 1968 - 1973. An independent critical review. (DVD) 10.00 1
2005 Songs From Tsongas - Yes 35th Anniversary Concert (DVD) 10.50 2
2005 Inside Yes Plus Friends and Family (DVD) 11.00 1
2005 The Word is Live 11.00 1
2006 9012Live (DVD) 10.00 2
2006 Essentially Yes - 1
2007 Live at Montreux 2003 - 1
2007 Live at Montreux 2003 (DVD) 9.00 1
2007 Yes. Classic Artists. Their definitive fully authorised Story in a 2 Disc deluxe Set - 1
2008 The New Director's Cut 9.00 1
2009 The Lost Broadcasts 7.00 1
2009 Rock Of The 70's 7.00 1
2010 Keys to Ascension (2CD + DVD Box Set) 10.00 1
2010 Live in Chile 1994 10.00 1
2011 In The Present - Live From Lyon 9.00 2
2011 Live on Air - 1
2011 Fly from here 8.57 7
2011 The Revealing Science Of God 7.00 1
2011 Union Live (DVD) 11.00 1
2012 Yessongs - 40th Anniversary Special Edition (Blu-Ray) - 1
2013 The Studio Albums 1969-1987 - 1
2014 Like It Is - Yes at the Bristol Hippodrome 6.00 1
2014 Songs From Tsongas - Yes 35th Anniversary Concert (3CD Set) 9.00 1
2014 Heaven & Earth 5.17 7
2015 Progeny: Highlights From Seventy-Two 12.00 1
2015 Like It Is - Yes at the Mesa Arts Center 10.00 1
2015 Progeny - Seven Shows from Seventy-Two 8.00 2
2017 Topographic Drama – Live Across America 10.00 1

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