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Nik Brückner



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Zu allen 1016 Album-Rezensionen, 109 Lesestoff-Rezensionen, 4 Glossar-Einträgen, 1 Beiträgen zu den Babyblauen Annalen von Nik Brückner

Vorstellung

Selbstbeschreibung


The trouble with having four certified musical genuises on the same stage at the same time is that if you aren't enjoying the show, you assume it's your fault.
Ethlie Ann Vare

The inability of this music to "progress" is symptomatic of the postmodern condition, and is a result of forces that extent far beyond prog, or even rock itself: In The Future of Jazz [...] a group of leading jazz critics bemoan the fact that jazz appears to be a music whose future - if it has one at all - involves endless self-repetition. The future of Western classical music has, of course, been in doubt for years. It is significant that the style of music in the Western world that presently shows the most creative vitality, rap, is based on an ideology to which the idea of "progression" is foreign.
The fans do not necessarily deserve all the blame. The owners of most of the prog labels were similarly conservative in their tastes, as were the majority of prog music distributors. The fans who knew what they liked, and liked what they knew, by and large weren't given the chance to find if they might also like what they didn't know.

Edward Macan




Ich bin ein taufrischer - öhrm - wie alt nochmal? Ach, egal, man ist nur so alt wie die Frau, die man fühlt. ..., der, wie offensichtlich gar nicht so wenige, über Queen an den Prog gekommen ist: Auf der Suche nach Ähnlichem wurde ich in Rocklexika fündig: Asia...

Nun ja, diese Phase liegt hinter mir - aber auch sie ließ mich zu dem werden was ich bin, das hat sie mit Captain Future und Sonny Crockett gemeinsam. Wie dem auch sei: Über Asia kam ich auf Yes, ELP und King Crimson, die ich mir nach und nach erschlossen habe. Dazu muss ich sagen: Ich tendiere nicht dazu, Musik zu hören, weil sie mir gefällt. Ich bin der Meinung, dass man Gefahr läuft, auf der Stelle zu treten, wenn man immer nur das tut, was einem gerade gefällt. Weiterentwicklung, und das nicht nur in Geschmacksfragen, kann es nur geben, wenn man das tut, hört, was einem morgen gefallen wird. Ich weiß noch, dass "Fragile" ein Jahr lang bei mir im Regal stand, weil ich beim ersten Hören vollkommen überfordert war. Es gefiel mir nicht - aber ich hatte kapiert, dass es gut war. Ein Jahr später hörte ich nichts anderes. Später ist mir das noch ganz oft passiert: Mit Gentle Giant, Magma, RIO, und zuletzt mit Progmetal. Für mich ist es eine Reise, aber eine, die nicht auf Zufall beruht. Ich suche bewusst nach Neuem.

Mittlerweile gehöre ich zu dem einen Prozent der Progfans (so jedenfalls das Ergebnis der Umfrage einer amerikanischen Prog-website), die Zeuhl mögen, und auch sonst außer Weihwasser nichts scheuen. Gern habe ich es krachig und kompliziert (dabei natürlich geschmackvoll), die Rhythmen krumm und windschief, die Melodien wenn nicht schön dann zumindest Stecknadeln in Heuhaufen. Echolyn, Flower Kings, Spock's Beard sind meine Untergrenze, Pendragon-Fans sollten meine Pendragon-Rezensionen lieber nicht lesen. Ich gehöre andererseits aber nicht zu denen, die ihre Männlichkeit darüber konstruieren, dass sie eine gelungene Melodie krampfhaft kitschig finden (was nicht heißen soll, dass man eine Melodie nicht auch aus anderen Gründen kitschig finden kann), der Progressive Rock ist auch so schon oft genug eine Ausrede für Musiker, die keine Melodien schreiben können.

Zu meinen Schwächen gehören sicher meine Vorliebe für die japanischen Babbelgamm- und Kantschuprogerinnen Ars Nova, John Wetton und den Pop der 80er (der mittlerweile ebenso totgeschwiegen wird wie der klassische Prog in besagten 80ern) - äh, aber alles das höre ich natürlich mit gebührender ironischer Distanz!

Außerdem glaube ich, daß man Prog ganz gut definieren kann ("das ist kein Prog") und kriege dafür - zu Recht - immer wieder auf die Nase. Aber vielleicht hilft's dem einen oder anderen Leser, wenn ich sage: für mich sind "As the World" (Echolyn), "Heart of the Sunrise" (Yes), "Clown on Fire" (Hal Darling) oder "Thoughts Part II" (Spock's Beard) nahe am Prototyp - wenn diese Songs auch nicht alle zu meinen Lieblingssongs gehören (Doctor Nerve zum Beispiel machen wunderbare Platten). Aber: Nicht jedes Album, das von mir eine gute Note kriegt, gefällt mir auch (und umgekehrt). Es gibt einen Unterschied zwischen Geschmack und Qualität - wer wüsste das besser als einer, der alles isst was blau ist...

Ihr dürftet also größte Schwierigkeiten haben, meinen Rezensionen zu entnehmen, welche Alben ich mag, und welche nicht. Beim Rezensieren geht es ja auch nicht darum, dass ein Rezensent der Welt mitteilt, was er mag und was nicht. Das wäre reichlich egozentrisch - außerdem würde niemand einem solchen Rezensenten etwas für seine Rezensionen zahlen. Weil keiner sich dafür interessieren würde. Zurück zum Punkt: Ich wäre ganz schön überheblich, wenn ich Musik eine hohe Punktezahl geben würde nur wenn (oder gar weil) sie mir gefällt! Was würdet Ihr sagen, wenn ich "Asia" 15 und GTR 12 Punkte geben würde? Henry Cow 8 und "Foxtrot" 5?

Was noch? Ich haue gern mal auf den Putz und schreibe polemisch oder gar provokant - aber auch das muss nicht heißen, dass ich eine Platte nicht mag (oder mag, kann ja auch sein). Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich angegriffen fühlen, wenn man eine Platte kritisiert, die sie mögen, und das projiziere ich auch auf meine Leser. Niemand hat etwas davon, wenn alle einer Meinung sind: Konsens ist Nonsens, und das Diskutieren über Platten ist eines der Dinge, die ich am Fantum am anregendsten finde. Solche Rezensionen sollte man also auf jeden Fall cum grano salis lesen. Wozu soll man anderen auch zustimmen? Sie wissen doch eh, dass sie Recht haben!

So! Im Folgenden quatsche ich ein jetzt paar Themen an, rund um den Prog und rund ums Rezensieren. Die Texte sind nach und nach aus Diskussionen mit Proghörern und Feedbackern entstanden, waren oft Teile von E-Mails, bis sie hier mal geordnet wurden. Letztlich geht' mir dabei vor allem darum, die Grundlagen meiner Rezensionen offenzulegen. Ich finde es ganz wichtig, das zu tun, klarzustellen, auf welcher Basis ich rezensiere. Wer schreibt, "das ist kein Prog" muss klarstellen, was für ihn Prog ist, wer schreibt "das ist mir zu simpel" muss klarstellen, was für ihn komplex ist.

Ich fange mal damit an, auszuschwitzen, was ich unter Prog verstehe, danach geht's um die Frage, ob der Prog progressiv ist, dann um's Rezensieren und zum Schluss kommt noch viel Krims und etwas Krams.




A. Was verstehe ich unter Prog?

Neulich fragt mich ein Leser in einer E-Mail-Diskussion, was ich eigentlich unter Prog verstehe. Höhö. Als wäre das so einfach zu beantworten. Scheint es sich doch mit allem menschlichen Treiben so zu verhalten, dass jeder genau weiß, worum es dabei geht, man aber heftig ins Schleudern kommt, wenn man es genau definieren soll.

Wieso überhaupt definieren was Prog ist? Nun ja, der Grund liegt auf der Hand - für mich jedenfalls: Ich bin Prog-Fan. Das heißt, ich mag viele sehr unterschiedliche Musik, aus ebenso unterschiedlichen Gründen, aber Fan, so richtig mit Jubeln und Autogrammesammeln, bin ich von Progressive Rock. Deshalb ist es mir wichtig, ob eine Band Prog macht oder nicht. Und wenn sie das nicht macht, schreibe ich das auch mal in eine Rezension hinein. Wenn ich aber beurteilen will, ob etwas Prog ist oder nicht, muss ich erst einmal klarstellen, was für mich Prog ist, und damit, auf welcher Basis ich rezensiere.

Ich nehme allerdings mittlerweile an, dass der Feedbacker wusste, wie schwierig das sein würde und mich quälen wollte... Denn zusätzlich zu dem sporadischen Nachdenken über das Genre, das vermutlich jeder Proghörer kennt, hat er mich mit seiner Frage dazu gezwungen, mich mit einer ganz konkreten Antwort herumzuquälen. Also habe ich Bücher gewälzt, in Nachschlagewerken nachgeschlagen und Webseiten konsultiert. Darunter auch, und nicht zuletzt, die Babyblauen Seiten. Dort fand ich in Udos Definitionsversuch den interessanten Satz: "Keines dieser Merkmale ist hinreichend dafür, daß Prog vorliegt, ebenso wie kein einzelnes davon notwendig ist."

Das ist zwar bedenklich, aber nicht überraschend, denn, wie gesagt, so ist es wohl mit allen menschlichen Hervorbringungen. So gern unser Hirn kategorisiert, so verworren scheinen die Ergebnisse unseres Tuns. Ich habe mir also, um verworrenes Tun von vornherein zu vermeiden, die gängigen Prog-Kriterien aus allen möglichen Quellen zusammengeschrieben und mir dazu meine Gedanken gemacht. Gehen wir also die gängigen und immer wieder genannten stilprägenden Eigenschaften des Prog einfach mal durch:


- Progressive Rock ist fortschrittlich. Das hat früher sogar mal gestimmt: Ursprünglich, in den Sechzigern, war der Prog die gegenüber der traditionellen fortschrittliche Rockmusik. Aber wie ist das heute? Was ist mit dem ganzen Retroprog? Den Klonbands? Wer Progressive Rock über seine (angebliche und kaum nachweisbare) Fortschrittlichkeit definiert, grenzt diese und mehr Bands aus. Letztlich stimmt das, was man oft liest: "Progressive Rock" ist mittlerweile der Name eines Stils, mit dem über das Fortschrittlich-Sein seiner Vertreter nichts ausgesagt wird. Das geht ja auch nicht anders: Wie sollte man ein Genre überhaupt wiedererkennen, wenn es sich ständig verändern würde?

- Was ist mit den berühmt-berüchtigten Konzeptalben? Nope. Die gelten nicht. Es wäre müßig, Progbands aufzuzählen, die noch nie ein Konzeptalbum aufgenommen haben. Ich beschränke mich allein auf die großen Bands der 70er, das wären dann mal eben Yes, ELP, King Crimson und Renaissance - alles nicht gerade besonders randständige Bands. Es gibt zehntausend Progalben, denen kein Konzept zugrunde liegt. Und andersherum gibt es viele Nonprogalben, denen Konzepte zugrunde liegen, sehr berühmte sogar: "Tommy" und "Quadrophenia", "Flash Gordon" von Queen, eine ganze Reihe Alben von den Kinks und dann ist da natürlich noch der Heavy Metal. Aber mal ganz abgesehen davon: Progressive Rock ist ein Musikstil, ein Konzeptalbum aber ist eine Art und Weise, Themen auf einer Platte zu organisieren, es handelt sich also nicht einmal um ein musikalisches Kriterium. Allenfalls hat das Konzept Einfluss auf die Musik - aber den haben viele Dinge.
Anders gefragt: Braucht es ein Konzept, damit ein Album ein Prog-Album ist? Sicher nicht! Oder: Wird aus einem Album ein Prog-Album, wenn ihm ein Konzept zugrundeliegt? Sicher nicht (auch wenn man uns immer wieder weismachen will, dass "Operation: Mindcrime" genau deshalb ein Prog-Album ist...)!

- Die Sounds! Da wird's in meinen Augen erst recht problematisch: Gibt es denn einen charakteristischen Progsound? Worin könnte der bestehen? In der Kompositionsweise? Dann könnte man ihn zum Beispiel im Pathos (auch seltsam "Bombast" genannt) suchen oder im Versuch, eine Rockband als eine Art kleines Orchester zu betrachten - was dann in der exzessiven Nutzung von Keyboards resultierte. Aber das genügt selbstverständlich nicht, nicht mehr jedenfalls: Moderne Popmusik stammt nun mal fast ausschließlich aus derlei technoidem Instrumentarium.

Dann wären da die rockfremden Instrumente, die Violine bei Kansas, die Querflöte bei Jethro Tull, das Saxophon bei Van der Graaf Generator, das Cembalo bei Il Balletto Di Bronzo. Doch was ist mit Yes, ELP oder neueren Bands wie Spock's Beard oder Dream Theater? Die setzen die für den Rocksound ungewöhnlichen Instrumente doch allenfalls stellenweise als zusätzliche Klangfarbe ein. Und überhaupt: rockfremde Instrumente gibt sind in der Popmusik doch omnipräsent, von den Beach Boys und den Beatles bis zu den Stranglers und Manowar.

Und was ist mit den ganzen anderen, - nennen wir sie mal - besonderen Instrumenten, vor allem den Neuentwicklungen, auf die Progmusiker oft so scharf sind? Früher waren das mal die bereits genannten elektromechanischen und elektronischen Tasteninstrumente, ARPs, Moogs, Mellotrone, später kamen Triple-Neck-Gitarren, elektronische Drums, die Warr Guitar - und wer kennt schon Stickisten und Thereminierer jenseits des Progressive Rock?! Die meisten Progbands allerdings beschränken sich auf das klassische Rockinstrumentarium und empfinden das offenbar keineswegs als Beschränkung.
Anders gefragt: Kann man Prog auch ohne besondere Instrumente spielen? Aber sicher!

Worum es mir geht, ist, dass Prog keine Musikrichtung ist, die sich besonders stark über den Sound definiert. Was die Frage aufwirft, was ich unter "Sound" verstehe.

Nun, da gibt es zunächst mal Melodien und Rhythmus an, dazu gehört noch die Harmonik. Das ist das, was die Musik ausmacht. Daraus bestehen Kompositionen. Eine Komposition wiederum ist die Struktur, in der die anderen drei organisiert sind. Das Ganze ist die Musik. Die kann ich nun durch die Wahl der Instrumente und die technischen Möglichkeiten des Studios auf die eine oder auf die andere Art klingen lassen. Oder auf die dritte, vierte und fünfte. Ich kann "Stayin' Alive" klingen lassen, wie es die Bee Gees gemacht haben, oder so, wie Ozzy Osbourne und Dweezil Zappa es gemacht haben. Hier Disco, dort Metal, der Sound ist vollkommen verschieden, ja konträr. Es bleibt aber die gleiche Musik: Die gleichen Noten, die gleichen Tonhöhen, das gleiche Tempo. Nur die Klanggestalt ändert sich. Diese Klanggestalt ist der Sound.

Der Prog ist bei weitem nicht so stark über den Sound definiert wie andere Musiken. Das ist bei anderen Musikrichtungen ganz anders: Metal, Klezmer, Reggae, Volkstümliche Musik - klar, auch da gibt es andere Kriterien, aber der Sound steht dort doch relativ stark im definitorischen Vordergrund. Prog dagegen ist keine Musik, die man schon dann automatisch macht, wenn man irgendwas auf einem Mellotron spielt. Nehmen wir ein paar der frühen Progbands, sagen wir Yes, King Crimson, Renaissance und Henry Cow. Die haben soundmäßig praktisch nichts gemeinsam. Nicht mal die King-Crimson-Alben untereinander haben soundmäßig besonders viel gemeinsam, auch nicht Robert Fripps Gitarre. Nein, einen Progsound gibt es nicht. Als Proghörer zu sehr auf den Sound zu hören heißt nach meiner Auffassung, am Prog im Prog vorbeizuhören.

- Was ist mit den anspruchsvollen Texten, der stark von der Romantik bezogenen Thematik vieler klassischer Progalben, die sich häufig aufs Mittelalter rückbeziehen, auf romantisch verbrämte Science Fiction, oder Elemente von beidem in einer stark an die Fantasytradition (Tolkien) angelehnten Ästhetik verbinden? Den spirituellen, religiösen, psychologischen oder esoterischen oder auf der anderen Seite den politischen oder gesellschaftskritischen Gehalten?
Schon die Tatsache, dass in dieser kurzen Auflistung so ziemlich alle relevanten Lebensbereiche des Menschen abgedeckt sind, scheint mir darauf hinzudeuten, dass es so etwas wie eine Progthematik nicht gibt. Und es ist müßig, zu zeigen, dass diese Themen auch in anderer Musik in extenso verhandelt werden. Die Mäkelei andererseits, dass es in der verhassten Popmusik vorwiegend um pubertäre Liebe gehe, strickt lediglich an einem Mythos. Das zu überprüfen ist einfach: Man frage einen dieser Mäkler nur mal nach seinem Popkonsum... Abgesehen davon will ich hier versuchen, eine Musikrichtung zu fassen und nicht eine Richtung der Gegenwartslyrik.

- Die aufwändig gestalteten Plattencover: Nun, die sind eine Frage des Geldes, und das zu einem Kriterium für Progressive Rock zu machen, ist nicht nur sachfremd, sondern vor allem unanständig. Ich will hier versuchen, eine Musikrichtung zu fassen und nicht eine Richtung der bildenden Künste.

- Longtracks! Aber das muss es doch nun sein! Das weiß doch jeder: Progbands machen Longtracks. Oder doch nicht? Yes' "Five per cent for nothing" ist mit gerade mal 0:35 veritabler Prog und Faithful Axe" von Mike Keneally enthält in 1:25 laut dem geschätzten Kollegen Ralf J. Günther "mehr authentische Yes-Musik als "Open your Eyes", "The Ladder" und "Magnification" zusammen.". Auch andersherum wird ein Schuh draus: "November Rain" und "Walk on" von Boston sind keine Progsongs. Und wer es gerne ohne klare Grenze mag: Über "In a gadda da vida" streiten sich die Fachleute bis heute.
Ist eine Band wenigstens dann eine Progband, wenn ein erheblicher Anteil ihrer Musik aus Longtracks besteht? Keineswegs. Magma ist aus ganz anderen Gründen eine Progband. Und von 185 Yes-Songs (Stand: Februar 2011) sind gerade mal 10 über 15 Minuten lang.
Anders gefragt: Kann man auch 3minütige Progsongs schreiben? Aber sicher! Wird ein Song automatisch zu Prog, wenn er lang wird? Sicher nicht!

- Mit den Longtracks eng zusammen hängen die angeblich ausnehmend langen Instrumentalsoli, die im Prog gespielt werden. Aber im Vergleich wozu? Zur Popmusik? Da gibt es schon lange überhaupt keine Soli mehr. Nein, in der aktuellen Popmusik meine ich, nicht in der von vor 20 Jahren, die du kennst. Genau. Keine Soli. Gut, dann gibt es eben keine besonders langen Soli im Prog sondern überhaupt welche. Die gibt es auch anderswo? Genau.

- Aber wie ist das mit der Virtuosität, die in solchen Soli zum Ausdruck kommt? Wirken in Progbands nicht Keyboardwizards, Gitarrenvirtuosen, Ausnahmeschlagzeuger und Meilensteinbassisten? Tja, wenn das so einfach zu beurteilen wäre. Und: wer sollte das beurteilen? Wichtiger ist: Es kommt weniger auf den Musiker an, als auf das, was er spielt. Denn wenn ein Musiker in der Lage ist, sowohl Einfaches als auch Komplexes zu spielen, dann muss man weniger auf den Musiker schauen, als viel mehr auf das, was er spielt.


Irgendwie scheint mir das mit den üblicherweise genannten Kriterien nicht nur nicht hinzuhauen, sondern sogar überhaupt nicht hinzuhauen. Aber es sind ja noch welche übrig. Schauen wir uns die doch mal an:

- Eng mit der Virtuosität verbunden ist die Versiertheit mancher Prog-Musiker in verschiedenen Stilen, die dann oft in der Einbindung aller möglicher Musiken, von Klassik über Folk und Jazz bis hin zur Avantgarde zum Ausdruck kommt. Dies können Übernahmen verschiedenster Art sein, etwa Neuarrangements klassischer Stücke, einzelne Zitate, Anspielungen, Stilzitate und so weiter. ELP sind damit berühmt geworden, bei ihnen finden sich Bezüge in die Klassik und die Avantgarde hinein ebenso wie zu Jazz, Dixieland, Ragtime, Music Hall, Rock 'n' Roll, Filmmusik und natürlich Folk und Rock. Das lateinische Wort "textura" ('Gewebe') aufgreifend nennt man so ein Gewebe von Bezügen "Intertextualität". Und weil sich der Prog über all diese Musiken hinaus auch mit sich selbst beschäftigt, nennt man ihn in solchen Fällen auch selbstreferenziell: der Prog ist nicht nur Musik über Einhörner, Schachbretter und Außerirdische, der Prog ist auch Musik über Prog: Dream Theater verwenden Motive immer wieder in neuen Zusammenhängen, King Crimson bezeichnen sich als Dinosaurs, der Retroprog ist ein Dialog mit seinem eigenen Genre - und mit Genesis. Der Prog zieht damit eine Metaebene ein, auf der es ihm möglich ist, über sich selbst nachzudenken - und zu musizieren.

- Auch das Kriterium der musikalischen Komplexität wird oft genannt. Der Progressive Rock unterscheide sich vor allem durch komplexe Strukturen, Harmonik und Melodik, Rhythmik von der herkömmlichen Rockmusik.

a) Formale Komplexität: Wir kennen das: Die Popmusik beschränkt sich selbst auf eine immer nur wenig variierte Struktur, die aus den Elementen Strophe, Refrain und Bridge besteht. Der Prog geht darüber hinaus, pfeift auf die rocküblichen 4-, 8-, 16-Takte-Schemata, stellt Lautes neben Leises, Aggressives neben Lyrisches, bringt mitten im Song plötzlich neues Material, greift bereits Bekanntes danach wieder auf, oder übernimmt Bauformen aus der Klassik: baut etwa a la Sonate Variationen und Durchführungen bereits vorgestellter Themen in seine Musik ein oder bastelt (mehr oder weniger geschickt) Suiten zusammen. Selbst Fugen soll es hier und da geben. Nicht schlecht! Jetzt müssen wir fragen: Gibt's das nicht auch anderswo? Oh ja, in der Klassik natürlich. Aber die ist nun einmal die Klassik - und daraus ist es ja entlehnt. Das könnte mir bei meinem Definitionsversuch also weiterhelfen.

b) Harmonische Komplexität: Öfters liest man, der Prog nutze (offenbar ist gemeint: im Gegensatz zur Popmusik) ungewöhnliche Intervalle, die nahe an der Dissonanz liegen, wie die Sekunde, die große Septime oder den Tritonus. Selbst atonale Passagen seien ihm nicht fremd.
Klar, all das gibt es und zu alledem fallen mir auch tolle Beispiele ein. Aber: Wo war noch gleich der nächste Tritonus jenseits von ELP, King Crimson und RIO? Schwierig. Viele Progsongs - und ich denke dabei an eindeutige Progsongs - gehen über die in der Pop- und Rockmusik weit verbreitete Orientierung an einer Grundtonart, auf die sich alle verwendeten Akkorde stützen, nicht hinaus.
Dennoch, es fällt auf, dass viele Progbands versuchen, sich in Gefilde jenseits von Powerchords und 3-Akkord-Schemata zu bewegen, das Festklammern an der Grundtonart aufzulösen oder die Akkorde selbst (etwa nach dem Vorbild des Jazz) mit zusätzlichen Tönen auszubauen und dadurch interessantere Klangfarben entstehen zu lassen. Also noch ein brauchbares Argument.

c) Kommen wir zur rhythmischen Komplexität: Dazu zählen vor allem die beliebten Breaks (Taktwechsel), die ungeraden Takte (5er-, 7er-, 9er-Takte) und die Polyrhythmik, also die Überlagerung verschiedener Rhythmen, bzw. die Polymetrik, also die Überlagerung verschiedener Taktarten. Das muss man nicht unbedingt auf Anhieb hören: Auf den bei Vielen als 80er-Pop verschrienen King-Crimson-Alben "Three of a perfect Pair", "Discipline" und "Beat" ist einiges an rhythmisch extrem komplizierten Sachen zu hören. Auch das also ein brauchbares Argument.

Diese letzten paar Kriterien scheinen im Vergleich zu den vorigen schon viel interessanter zu sein. Wenn ich definieren will, was ich unter Prog verstehe, dann muss ich mich wohl oder übel mit diesen begnügen.


Was verstehe ich also unter Prog?

Zunächst einmal denke ich, dass man mit Beispielen vorsichtig sein muss. In den meisten Definitionsversuchen werden als Beispiele nämlich Bands genannt, die sich um 1970 gegründet und zehn Jahre später stilistisch neu orientiert oder gar aufgelöst haben. Dies ignoriert die jüngeren Entwicklungen im Genre, damit die weitaus überwiegende Zahl der Veröffentlichungen, und birgt so die Gefahr, an der Realität und vor allem an der Gegenwart des Prog vorbeizudefinieren. Eine brauchbare Progdefinition muss also den Stil im Blick haben und nicht die Geschichte des Genres - schon gar nicht ausschließlich seine Frühgeschichte. Darüber hinaus muss sie sowohl progressiven Prog als auch regressiven Prog (Retroprog, Neoprog, die Klonbands) umfassen können - womit ich mich schon mal von dem Kriterium der Fortschrittlichkeit verabschieden kann.

Was muss noch im Voraus bedacht werden? Für meinen Definitionsversuch braucht es zwei Grundlagen. Erstens: Prog ist eine Musikrichtung, meine Definition sollte also musikalische Kriterien verwenden. Texte, Plattencover, Albumkonzepte oder Bühnenshows schließe ich als Kriterien aus. Zweitens: Es scheint nicht zu genügen, sich auf die Oberflächenstruktur der Musik zu beschränken, weil man es dann mit vielen Charakteristika zu tun hat, die es auch in anderen Musikstilen gibt. Ich will also auch auf abstraktere Ebenen achten.

- Ein Kriterium für Prog könnte die Absicht des Musikers sein, Prog zu spielen. Seltsamerweise ist dieses Kriterium in der Diskussion so gut wie nie aufgetaucht. Dabei ist der Gedanke wirklich naheliegend, denn es ist schwer vorstellbar, dass jemand Prog hervorbringt, wenn er gar keinen Prog machen will. Oder doch? Was ist mit den Urvätern des Genres? Die konnten das gar nicht wollen, denn sie wussten ja nicht, was Prog ist. Sie mussten den Stil ja erst schaffen. Und so liest man oft in Interviews, das die Musiker damals dachten, sie machten einfach nur Rockmusik, auch wenn sie mit ihrer jeweiligen Spielart über das Bisherige ein kleines Stück hinausgingen. Aber sie sahen das als eine Kontinuität und nicht als Bruch an, schon gar nicht als einen, der Stilgrenzen hervorgebracht hätte.
Heute ist das etwas ganz anderes: Ein Neal Morse, ein Roine Stolt oder ein John Petrucci setzen sich hin, um Prog zu schreiben, es ist ihre Absicht und Prog ist die Musik, die sie schreiben. Aber ein Keith Emerson, ein Jon Anderson oder ein Robert Fripp konnten das 1970 nicht tun.
Andersherum ist es durchaus möglich, trotz der festen Absicht, Prog zu machen, keinen Prog zu machen. Das ist zwar nicht ganz leicht, aber Absichten können scheitern, und nicht anders ist es in der Musik. Wenn ich das, was Prog zum Prog macht, nicht kenne, oder nicht leiste, kann das passieren: Ich will Prog machen, aber das Ergebnis ist AOR, Neoklassik oder Jazz. Oder schlecht, klar, das gibt's auch.



Also: Ich habe langatmig zerlegt, was den Prog in meinen Augen nicht definiert und auseinandergefummelt, wie meine Definition beschaffen sein soll. Was definiert ihn denn nun?

- Da wäre zunächst die Komplexität in Struktur, Harmonik und Melodik, Rhythmik und Stilistik. Interessanterweise scheinen mir dabei für den Höreindruck die strukturelle und die rhythmische Komplexität am wichtigsten zu sein: In Rushs Progphase sind 16% ihrer Takte unregelmäßig, in der Phase, die gemeinhin als nicht mehr proggig gilt, nur noch 3%. Man höre sich mal "Limelight" an, der Song ist überhaupt nur deshalb Prog, weil er rhythmisch komplex ist. Aber wer ihn kennt, weiß, das allein reicht völlig aus.

Ebenso ist es mit formalen Aspekten: Obwohl eine Struktur jenseits des Strophe-Refrain-Bridge-Schemas keine notwendige Bedingung ist (und wieder könnte "Limelight" mit seinem einfachen Strophe-Bridge-Refrain-Schema als Beispiel herhalten), liegt der Progverdacht bei verschachtelt gebauter Rockmusik doch recht nahe.

- Einige Kennzeichen des Postmodernismus scheinen mir im Prog eine besondere Rolle zu spielen. Da ist zum einen die Intertextualität, die vor allem auf der stilistischen Ebene zum Ausdruck kommt, und die Selbstreferenzialität, die man in vielen Zitaten und Anspielungen erkennen kann, die aber auch ganze Subgenres hervorgebracht hat, vor allem all jene, deren Namen mit "Retro-" beginnen.

- Ein weiteres Kennzeichen muss man wohl - auch wenn ich das ungern tue - in Abgrenzung zur Popmusik durchdenken: Popmusik beruht auf Wiederholung. Ihr repetitiver Charakter bringt es mit sich, dass das Hören von Popmusik ein in die Zukunft hinein gerichtetes Hören ist: Selbst bei einem mir unbekannten Popsong weiß ich im Vorhinein einige Dinge wie z. B. dass ich nach ca. 45 Sekunden den Refrain zu erwarten habe, dass ich die Strophe, die ich gerade höre, nach dem Refrain noch einmal zu hören bekomme und dass ich auch den Refrain, den ich gerade höre, nach der nächsten Strophe noch einmal zu hören bekommen werde. Das ist es wohl auch, was die Popmusik zu vorhersehbar macht, so mitsingbar, und damit in den Ohren Vieler so "harmlos".
Schaue ich von hier aus auf den Prog, ergibt seine Komplexität für mich plötzlich Sinn: Diese Komplexität des Prog, diese Abkehr von den repetitiven Schemata der Popmusik in Struktur, Motivik, Rhythmik und Melodik, macht es mir unmöglich, die Wendungen der Musik vorauszuahnen. Das Hören von Progressive Rock ist daher rückwärtsgerichtet, analytisch, die Beschäftigung mit ihm kann nicht im Vorausahnen des immer Gleichen bestehen, sondern in der nachträglichen Analyse des eben Gehörten.
Ein Beispiel: Dream Theater lieben es, in einer Reihe gleicher Takte am Ende einen Taktschlag auszusparen, also etwa die letzte Achtelnote in einem 4/4-Takt. Den Hörer, der eine Fortsetzung des 4/-4 erwartet, überrascht das, er hat den Eindruck eines "Vorziehens" dieses nächsten Taktes durch das Aussparen der Achtelnote und kommt mit seinem Hören ins "Stolpern". Zumindest in den nächsten Sekunden wird sein hörendes Interpretieren erst einmal hinterherhinken. Wer "The Mirror" von "Awake" kennt, weiß, wovon ich rede.
Aber das gibt es nicht nur im Kleinen, in der kurzen Zeit, die zwischen dem einen und dem nächsten Takt vergeht, das gibt es auch im Großen. Denn auch die strukturelle Komplexität, also den Bauplan ganzer Songs möchte ich unter diesen Stichpunkt fassen. Auch bei der Abkehr vom Strophe-Refrain-Bridge-Schema geht es darum, dem Hörer die Möglichkeit zu nehmen, auf Anhieb alles zu verstehen, was ihm da vorgesetzt wird, oder gar vorauszuahnen, was noch kommt.

Für mich ist das der Kern der ganzen Angelegenheit. Denn man kann nun versuchen, davon ausgehend auf das ästhetische Wollen der Komponisten rückschließen, dem Hörer die Möglichkeit zu nehmen, der Musik beim ersten Hören gleich zu folgen. Zweck könnte die Überraschung sein, ein Eindruck des (so) noch nie Gehörten, oder auch der, dem Hörer das Gefühl zu geben, dass es auch nach mehrmaligem Hören noch etwas zu entdecken gibt. In jedem Fall glaube ich, dass es dieses Phänomen ist, das Gezwungensein zum nachträglichen Analysieren des Gehörten, das zusammen mit Intertextualität und Selbstreferenzialität dafür verantwortlich ist, dass der Progressive Rock den Ruf hat, besonders anspruchsvoll zu sein, intelligent (und das ist nur eine Metapher, denn der Prog hat keine Neuronen) und damit - bäh! - elitär.

So! Eine Definition ist, das zeigt die Tradition des Definierens, nur etwas wert, wenn man sie in einen einzigen Satz packen kann. Das ist zwar Unsinn, macht aber Spaß. Und darum - und nur darum - will ich jetzt versuchen, all diese verschwurbelten Gedanken in einen einzigen Satz zu packen:


Mein Definitionsversuch:

Der Progressive Rock ist als Subgenre der populären Musik eine in seinen exponierteren Ausprägungen im Vergleich zu anderer Rockmusik auffallend häufig, aber nicht notwendigerweise von Longtracks, virtuosem Spiel und rockfremden Instrumenten geprägte Musikrichtung, die mit dem musikalischen Mittel der (vor allem strukturellen, harmonischen, melodischen, rhythmischen und stilistischen) Komplexität versucht,
- aus Gründen wie z. B. der Suche nach einem (z. B. eine Aufwertung mit sich bringenden) Anschluss an andere (z. T. kulturell als etablierter angesehene) Musikrichtungen, einer (kritischen) Selbstreflexion und Humor bzw. Ironie, selbstreferenzielle Verweise und/oder intertextuelle Bezüge zu anderen Musikrichtungen, Gattungen, Komponisten, Bands, Alben oder einzelnen Stücken herzustellen und dem Hörer bewusst zu machen
und vor allem
- durch die Verwendung kompositorischer Mittel, wie z. B. rhythischer, harmonischer oder struktureller Brüche oder durch die Kombination als inkompatibel angesehener Elemente, Überraschungseffekte zu erzielen
und dadurch eine Interpretation des Gehörten in die Zeit nach dem Hören zu verlegen (vor allem im Gegensatz zur übrigen Rock- und Popmusik, deren Hauptanliegen durch das Wiederholen sowohl einzelner Passagen als auch ganzer Kompositions- und Strukturschemata im "wieder"erkennenden Antizipieren des Gehörten durch den Hörer liegt), wodurch beim Publikum der Eindruck einer für Pop- und Rockmusik als ungewöhnlich erachteten Kühnheit und Fortschrittlichkeit bzw. Überlegenheit gegenüber dem Mainstream, eines erhöhten Anspruchs an die Aufmerksamkeit und einer für Pop- und Rockmusik ungewöhnlichen Intellektualität entstehen kann, entsteht oder entstehen soll.

Na?




B. progressiv vs. Progressive

Was ist am Prog progressiv? Diese Frage wird immer wieder gestellt, die daran anschließenden Ergüsse resultieren meist in der Feststellung, "Progressive" sei der Name eines Stils, dern nicht unbedingt progressiv ist, es aber sein kann, führen meist also nicht allzu weit. Das dem Progressive Rock zum Vorwurf zu machen, ist unsinnig, im besten Falle eitel, verliert doch ein Genre seinen Genrecharakter, wenn es sich ständig anders zeigt als eben noch. Anders herum gibt es in anderen Genres ebenfalls progressive Künstler. Der Name "Progressive" ist also tatsächlich bestenfalls ein Name, bedeutet also überhaupt nichts, wie eben jeder andere Name auch. Bernhards sind ja auch nicht alle stark wie Bären.

Das ist doch das Problem des Fortschrittlichkeitsarguments: Fortschritt ist relativ! Prog ist fortschrittlich? Aber in Bezug worauf? Auf den Pop-Rock-Mainstream? Der entwickelt sich per definitionem nicht weiter, allenfalls soundmäßig, und das ist eine Frage der Produktion, nicht der Musik. In Bezug auf den Pop-Rock-Mainstream ist also alles, was über ihn hinausgeht immer schon progressiv, selbst dann, wenn es immer dasselbe ist. Oder ist Fortschritt Fortschritt in Bezug auf das jeweils gerade zurückliegende Fortschrittliche? Dann hat man die Fortschrittlichkeit schon im Ansatz abgewürgt, denn dann ist es mit dem Fortschritt in drei, vier Tagen vorbei: Wer Progressive Rock über seine (angebliche und kaum nachweisbare) Fortschrittlichkeit definiert, muss seinen Blick auf eine Handvoll Bands einschränken, die wirklich Neues machen - und grenzt damit weite Teile des Genres aus: Neoprog, Retroprog, all das fände dann keinen Platz mehr im Prog.

Letztlich meinte der Ausdruck doch ursprünglich mal ein Fortschreiten im Verhältnis zu der traditionellen Rockmusik, die es vor dem Prog gegeben hatte. Und ich finde, das hat er vollauf geschafft, selbst seine aktuellen Klonbands und die ganze Retroschiene stellen gegenüber der Rockmusik der 60er einen Fortschritt da. Das Versprechen ist also erfüllt - wollen wirs dabei nicht belassen?

Wobei, früher war es eben auch einfacher. Rock was young, es war eine Zeit, in der man einfach nur etwas anders machen musste, um ein Progger zu sein. Heute ist es schwieriger. Der Musiker muss sich entscheiden: Mache ich etwas anders als andere? Dasselbe, was andere Progger schon mal anders gemacht haben, damit die Leute, die das merken, meine Musik deshalb kaufen? Oder mache ich dasselbe, was andere schon mal anders gemacht haben, in der Hoffnung, dass es die Leute nicht merken, damit ich es als Neuerung verkaufen kann? Das ist schwierig.

Auf der anderen Seite muß man unterscheiden zwischen dem Fortschritt, den das Genre macht, und dem, den man selbst macht. Letzterer, der subjektive Fortschritt, ist von ersterem völlig unabhängig: Neu ist für einen Hörer immer das, was er noch nie zuvor gehört hat, unabhängig davon, wie alt es ist. Ersterer, der objektive Fortschritt, ist die Entwicklung des Genres in umso größerem Maße, je weniger sie auf Traditionen zurükgreift.

Oder? Fortschritt als reine Neuerung zu sehen, bedeutet, den Fortschrittsbegriff ziemlich stark einzuschränken. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Veränderung und Fortschritt, es ist der zwischen Entwicklung und Weiterentwicklung, aber Fortschritt, Progressivität, kann mehr sein als der reine Bruch mit dem Althergebrachten. Gerade für ein Genre, dass sich so schwer tut mit dem Begriff "Retro" wie unseres, ist das ein wichtiger Punkt. Natürlich kann "Retro" Abkupfern bedeuten, man kann aber auch klug auf Qualität zurückgreifen, und diese so kombinieren, dass dabei völlig neue Aspekte zutage treten, ein Mittel übrigens, das der Prog von Anfang an nutzte, man höre sich nur die Links in die Musikgeschichte bei King Crimson, ELP oder Yes an. Heute gehören die Alben dieser Bands aber ebenfalls zur Musikgeschichte, und wenn jüngere Bands intelligent auf deren Musik zurückgreifen, ist das nur eine konsequente Weiterentwicklung eines schon immer zentral gewesenen Aspekts im Progressive Rock, der Prog wird damit selbstreferenziell. Das Interessante daran liegt dann in dem Spiel mit den vielschichtigen (neuerdings "intertextuell" genannten) Bezügen, die auf diese Weise aufgebaut werden können, ein intellektuelles Spiel, zugegeben, aber eines, das darum nicht unbedingt weniger reizvoll sein muss.


Es muss ja nicht in Klonerei ausarten...

Dieses "Genre" nimmt allerdings immer weiter an Popularität zu - und zwar nicht nur im Progbereich. Ich habe mich immer gefragt, wie man sich dabei fühlt, wenn man als Sänger vor einer Genesis-Klonband steht, geschminkt, singt wie anno dunnemals Peter Gabriel und dabei das Tamburin als Mond hoch über den Kopf hält. Ist das nicht ein bisschen wie Gottschalk-Kucken? Klonbands machen Musik, die andere übriggelassen haben. Das große Vorbild hat irgendwann aufgehört, sie zu machen, deshalb übernimmt das jetzt der Klon. Er übernimmt auch gleich den Cover-Künstler, es soll ja niemand auf die Idee kommen, die Band hätte eine eigene Identität. Was steckt dahinter? Der Wunsch, man wäre selbst dabeigewesen, als Bandmitglied, damals, in den großen Tagen? Die Frustration darüber, dass das Vorbild die geliebte Musik nicht mehr macht - und man daher selbst ranmuss? Die avatarisierte Welt des anonymen Netzes, in der sowieso jeder jemand anderes ist - und am besten reich und berühmt? Ich weiß es nicht. Ich glaube, das größte Problem neben der Frage, wie befriedigend es eigentlich für einen Künstler sein muss, die Kunst eines anderen zu machen, ist, dass die allerallermeisten Klonbands ihren Vorbildern schlicht nicht gewachsen sind. Es genügt nicht, den Rickenbacker auszupacken, sich eine Gibson ES175 umzuschnallen, das Birotron einzuschalten und schlecht Schlagzeug zu spielen, um wie Yes zu klingen. Der Sound alleine macht es nicht, noch lange nicht. Aber wie gut das auch sein mag, was eine Klonband produziert: was ist schon eine Band wert, die die Musik einer anderen macht...?

Ach, naja. Fortschritt als purer Fortschritt wiederum hat auch so seine Probleme: Er hat per definitionem Grenzen, ist meist furchtbar anstrengend und selten schön. Andererseits: Wer drauf steht...!




C. Die leidige Rezensiererei

Daß Kritiker kritisch sind, ist nicht das Schlimme an ihnen, sondern daß sie sich selbst gegenüber so unkritisch und humorlos sind.
Heinrich Böll

If we want to encourage new blood of the highest ability into the genre we need to be able to call a spade a spade. [...] Too much "prog" is produced in homage to the glory days of the past. Too many of those doing it are people who have failed to develop the necessary compositional skills needed.
Robert John Godfrey


Warum eigentlich Platten rezensieren?

Ja genau! Warum rezensiere ich eigentlich Platten? Es gibt ja eine ganze Reihe von Vorurteilen über (Platten-)Rezensenten, einige davon versammelte Jerry Lucky kürzlich in seinem Progressive Rock Handbook.


1. Mein Favorit gleich vorneweg: Rezensenten leiden an einem Neidkomplex, weil sie selbst keine Musik machen können - deshalb rezensieren sie Platten, damit sie auf den Musikern rumtrampeln können.

Herrlich oder? Ich kann auch keine Romane schreiben und doch rezensiere ich keine. Ich kann auch nicht malen und bin trotzdem kein Kunstkritiker. Ich kann auch nicht Fussballspielen (hey! Progger eben) und schreibe trotzdem nicht für eine Sportzeitschrift - Punkt klargeworden?

Nein?

Dann andersrum: Komisch - den Alben der Musiker, die ich am allermeisten beneiden sollte, gebe ich immer die besten Noten!

Oder so: witzige Vorstellung, Musiker, die Lieder über Plattenrezensensenten schreiben...

Zu verquer? Dann so: Mal eine Plattenrezension eines Musikers gelesen? Nein? Was mag dafür wohl der Grund sein... Doch? Und? Wie war sie?


2. Nummer zwei: Plattenrezensenten tun es, weil sie sich so gerne gedruckt sehen.

Yeah - wir sind alle soooo große Stars. Deswegen kennt auch jeder unsere Namen. Und will Autogramme von uns. Und (das Beste): hat uns gern! Wir werden ja so sehr geliebt.


3. Nummer drei: Plattenkritiken sind unnötig, durch Kritik sei noch keine Band besser geworden.

So ist es. Aber auch nicht schlechter. Oder? Wie war das mit Yes? Egal: Als sollten Plattenkritiken die Bands besser machen! Wenn das ihr Zweck wäre, müsste man sie nicht veröffentlichen, dann reichte ein Brief an die Band. Kann also nicht der Sinn der Sache sein. Was ist er aber dann? Offenbar richten sie sich an ein breiteres Publikum, nämlich: den Käufer. Oder besser: den potenziellen Käufer. Denn das würde dieser gerne bleiben, wenn es um Platten geht, die entweder mies sind oder die ihm nicht gefallen. Da ist es gut, wenn es jemanden gibt, jemanden vertrauenswürdigen natürlich, der ihm einen Tipp gibt. Umso besser dann, wenn dieser Tipp verlässlich ist, also ihm nicht die Entscheidung abnimmt (was im bloßen Glauben des Urteils eines Anderen resultieren würde), sondern sie ihm ermöglicht (was dem Rezensenten die nötigen musikalischen Kenntnisse, das Ringen um Objektivität und fundierte Argumente abfordert).

Mein Credo: Plattenkritiken sind nicht dazu da, den eigenen Neidkomplex auszuleben, sie sollen auch nicht die Musik oder die Künstler verbessern, sie haben den Zweck, Menschen bei der Kaufentscheidung zu helfen. Ob das ihr einziger Zweck sein sollte, lasse ich dahingestellt, zum Beispiel haben viele Rezensionen einen gewissen Eigenwert, umso mehr, als sie Teil der Unterhaltungsbranche sind - und diese Rolle auch übernehmen müssen. Aber solche Zwecke sind wohl eher zweitrangig.


"Schreib doch mal über die emotionale Seite von Musik" vs. ...

Nö. Denn ich sehe nicht ein, warum der Hauptzweck von Musik immer (nur) im Anregen von Emotionen bestehen sollte. Musik ist wie jede Kunstform ein Mittel der Kommunikation, und kommunizieren kann man alles Mögliche. Außerdem: Von wessen Emotionen sollte ich da schreiben? Von meinen? Die interessieren niemanden. Von denen des Lesers? Die kennt er selbst. Von denen des Künstlers? Die kenne ich nicht. Musik selbst hat keine Emotionen, sie kann sie lediglich auslösen. Dann empfindet der Hörer etwas, aber es bleiben seine Emotionen. Nicht die der Musik. Ein anderer Hörer hat andere Emotionen. Von welchen Emotionen könnte ich also schreiben?

Wenn wir also über Emotionen in der Musik reden, reden wir also in Wirklichkeit über uns selbst. Ich dagegen möchte aber über Musik reden.

Und dann: Bewerten würde ich Emotionen schon gar nicht! Denn Emotionalität ist kein objektives Charakteristikum, sie ist nicht mal intersubjektiv. Also: Was jemand beim Hören einer bestimmten Musik empfindet, kann dieser nur selbst herausfinden. So weit kommt's noch: Ein Leser, dem ich sagen würde, dass er ein bestimmtes Album so und nicht anders empfinden muss, würde sich doch (hoffentlich) von mir gegängelt fühlen! Ich weiß noch, dass ich mich als Junge unzulänglich gefühlt habe, weil ich "The Wall" nicht als düster empfunden habe und es auch nicht konnte, nachdem man mir gesagt hatte, es sei düster. Dumm, ja, aber wenn einem das wirklich jeder sagt und man es überall lesen kann, dann können einem schon Zweifel kommen. Also: Wir beschreiben die Musik, fühlen müsst Ihr selber, Ihr beurteilt, ob sie Euch gefällt, berührt oder nervt. Hören solltet Ihr auf uns nicht. Ihr allein entscheidet, was Ihr hört und was Euch gefällt!

Ich vermute ja, dass hinter dieser Aufforderung etwas ganz anderes steckt, als der Wunsch nach mehr Emotion auf den Babyblauen Seiten (und überhaupt! Wir lösen immerhin regelmäßig Ärger aus, oder?). Viele Proghörer haben nämlich eine stark von den Kunstauffassung des Sturm und Drang und der Romantik geprägte Vorstellung von Kunst und vom Künstlertum. Ich selbst bin, jedenfalls was meine Forderungen an den Künstler angeht, auch nicht ganz frei davon. Zentral ist dabei für viele die starke Betonung der emotionalen Seite von Kunst. Kunst soll dem tiefsten Inneren des Künstlers entspringen. Dieser wird gern als Genie gesehen, als Tondichter, weniger als Liedermacher, als einer, der zwanghaft aus seinen emotionalen Abgründen schafft. Solche Vorstellungen passen natürlich zu der stark von der Romantik bezogenen Thematik vieler klassischer Progalben, die sich häufig aufs Mittelalter rückbeziehen, auf romantisch verbrämte Science Fiction, oder Elemente von beidem in einer stark an die Fantasytradition (Tolkien) angelehnten Ästhetik verbinden. Ausstattungstücke sind dann oft Drachen, gotische Kirchenruinen, Mönche und vieles mehr. Ins Geistige gewandt geht es oft um Spiritualität, Religiosität oder Esoterik.
Zum Alltag im Musikbusiness passen diese Vorstellung aber nicht. Schaut man so auf den Progressive Rock, blendet man nämlich große Bereiche dieser Musik völlig aus, die mit einer der Romantik entlehnten Kunstauffassung nicht zu fassen sind: das Handwerk zum Beispiel. Oder seine politische Seite, die natürlich aus den späten Sechzigern stammt und teilweise extrem links ist, zumindest anfangs immer subversiv, teilweise sogar revolutionär war und sich in einer starken Rationalität und Selbstreflexion (etwa bei Henry Cow) ausdrücken konnte. Die starke Intertextualität des Progressive Rock, die ihn in die unterschiedlichsten Richtungen vernetzt sein läßt, und eben nicht nur (und nicht einmal hauptsächlich) in Richtung der Romantik, ist ein Beleg dafür, dass man das Phänomen Progressive Rock mit einer einseitigen Kunstanschauung in seiner Vielfalt nicht wird erfassen können.


... "Sei doch mal etwas objektiver"

Der erste, der mir diesen Vorwurf zu einer hoch bewerteten Platte macht, bekommt von mir ein Eis! Denn dieses Feedback bekomme ich ausschließlich dann, wenn ich niedrige Punktzahlen vergeben habe. Wie kommt das?

In diesem Zusammenhang ein paar Gedanken, die ich immer wieder mal mit Feedbackern diskutiere:

Jeder wird mir sofort bestätigen, daß es sehr viel mehr schlechte Musik gibt, als gute. Dies gilt auch - und man glaubt das weniger, als man sich eingestehen möchte, für den Progressive Rock. Nicht alles, was nicht im Radio läuft, ist gut. Und, wie gesagt, es gibt viel mehr schlechten Prog als guten. Interessanterweise hat man aber den Eindruck, daß unter den Platten, die uns gefallen, seltsamerweise kaum eine schlechte ist! Wieso ist das so?

Ich denke, das hat mit Geschmack und Qualität zu tun: Da gibt es nämlich einen wichtigen Unterschied - ich persönlich z. B. mag sehr viele Alben, die nicht besonders gut sind. Widersprüchlich? Nö, gar nicht. Denn andererseits wird ja jeder sofort zugeben, daß es einen Haufen guter Platten gibt, die ihm nichts sagen, vielleicht, weil ihm die Musik zu stressig ist, oder aus irgendwelchen anderen Gründen. Legen wir "The ConstruKction of Light" von King Crimson und, sagen wir, "American Life" von Madonna mal nebeneinander und vergleichen Rhythmus, Melodik etc. Um den Unterschied zu erkennen, muß man den persönlichen Geschmack gar nicht erst bemühen. Und es gibt Dinge, auch in der Kunst, die nicht abhängig vom jedermanns persönlichem Geschmack sind. Man kann z. B. hören, ob ein A ein A ist, ob ein Takt ein 5/4 ist, ob ein Musiker sich verspielt, oder ob die Band synchron ist. Man kann hören, ob es Jazz ist oder Klezmer oder Metal oder Folk. Man kann hören, ob es akustisch ist oder elektrisch. Live oder Studio und und und. Es gibt eine Fülle objektiver Kriterien! Die Qualität von Textzeilen wie "You may never come back from a nuclear attack" (aus Greg Lakes "Nuclear attack") und "every time I see you my heart starts beating boom boom boom" (aus seinem Song "I don't know why I still love you") ist nicht relativ zu irgendeinem persönlichen Wertesystem unterschiedlich zu beurteilen. Dinge können mißlingen.

Für Rezensionen bedeutet das, daß sie immer dann nachvollziehbar sind, wenn sie objektiv sind, also das Objekt, die Platte, beschreiben. Ist eine Rezension subjektiv, sagt sie etwas über das Subjekt, also den Rezensenten aus, und wer interessiert sich schon für den! Schließlich hat jeder seinen eigenen Geschmack. Und deshalb wäre es auch ziemlich überheblich, einer Platte einen hohen Punktwert zu geben, nur weil man sie mag! Dazu müsste man sich schon für reichlich unfehlbar halten.

Objektivität ist also weder ein absoluter Wert noch eine Fiktion, sondern ein Mittel zur Verständigung. Nur wenn wir objektive (also am Objekt orientierte) Aussagen von subjektiven (also am Subjekt orientierten) Aussagen trennen, ist eine Verständigung möglich, wie im täglichen Leben eben: Sachliches und Persönliches - beides hat seine Daseinsberechtigung - sollte man auseinanderhalten. Eine objektive Aussage kann darüber hinaus jeder - ein gewisses Wissen vorausgesetzt - überprüfen. Der Satz: "Die Platte ist gut" ist also objektiv, weil er eine Aussage über die Platte darstellt, der Satz "ich finde die Platte gut" ist subjektiv, weil er aussagt: der Rezensent ist einer, der diese Platte gut findet, und damit nichts anderes bedeutet als 'die Platte gefällt mir'. Und das heißt gar nichts, denn möglicherweise gefällt sie einem anderen ja vielleicht gar nicht. Jeder hat seinen eigenen Geschmack - aber auf einer Platte ist nun mal drauf, was auf einer Platte drauf ist, und das ist für jeden dasselbe. Und es ist auch dann noch drauf, wenn niemand die Platte hört. Relativ zum jeweiligen musikalischen Kenntnisstand müßte das also auch jeder von uns mehr oder weniger gleich beschreiben. Die Wirkung ist dann etwas ganz anderes. Ein Beispiel:

""Awaken" ist aus drei Teilen plus Intro und Outro aufgebaut, die Melodien basieren weitgehend auf einer dreitonigen Figur und ihren Umkehrungen. Quintenzirkel, Durtonarten und die Dreierfigur erzeugen eine stark positive Grundstimmung und die höhenbetonte Produktion verleiht dem Stück, wie dem gesamten Album eine festlich tönende Atmosphäre. Ich halte das Stück für ganz großartig, weil Yes damit den positiven Botschaften ihrer Texte (und, nebenbei, ihres Namens) mit am nächsten gekommen sind."

So könnte man sich eine dreistufige Argumentation vom Objektiven zum Subjektiven gut vorstellen. Vorausgesetzt, der Leser findet "Awaken" ganz furchtbar, müßten wir uns dann zumindest über Stufe eins (erster Satz) einig sein (das ist das, was auf der Platte eben drauf ist), bei Stufe zwei könnten wir über die Grundstimmung diskutieren, nicht aber über Produktion und Melodik, und bei Stufe drei (letzter Satz) wären wir vermutlich uneins.

Je mehr eine Rezension also beschreibt, umso objektiver ist sie, und zwar völlig unabhängig von der Wertung: yep, auch eine negativ wertende Rezension kann objektiv sein. Die Filterung durch die Persönlichkeit ist unvermeidlich, aber Objektivität haben die Menschen eben deshalb erfunden, damit man unterscheiden kann zwischen dem beschriebenen Objekt und dem Filter. Natürlich muß jeder Satz, den ein anderer nachvollziehen können soll, Begründungen enthalten.

Objektivität ist also kein zu erreichendes Ziel, sondern der Weg dorthin. Sie ist eine Methode. Und so verstanden, ist Objektivität selbstverständlich möglich. Denn es gibt natürlich jene Dinge, die für jeden Hörer, egal wo und wann er hört, egal, in welcher Stimmung er hört, immer vollkommen gleich sind. Wir können nicht darüber diskutieren, ob ein Ton ein A ist. Er ist entweder eines, oder nicht. In solchen Fragen müssen wir uns einig sein. Wir können nicht darüber diskutieren, ob ein Musiker sich verspielt hat oder nicht. Er hat sich entweder verspielt, oder nicht. Auch in dieser Frage müssen wir uns einig sein. Wir können nicht darüber diskutieren, ob eine Band synchron spielt oder nicht. Er ist entweder synchron, oder nicht. Noch eine Frage, in der wir uns einig sein müssen. Und solche Fragen gibt es noch viel mehr.

Es gibt also tatsächlich objektive Kriterien. Und an die halte ich mich. Denn alles andere findet im Hörer statt. Schönheit, Anspruch, Sperrigkeit, Schrägheit, Gewalt, Geilheit, Krässe, oder Lust, Wut, Liebe, Angst, Sex, Hoffnung sind Aspekte der Interpretation, und die ist das subjektive Element beim Musikhören. Musik ist nicht gewalttätig, sie schlägt niemanden zusammen. Ebensowenig ist sie lustvoll, schön, geil, cool oder super. Das interpretiert der Hörer in sie hinein. Es gehört doch zu unser aller Alltagserfahrungen, dass ein Song, den wir total geil finden, schon den nächsten vollkommen kalt lässt. Und das ist sogar von der Intention des Musikers relativ unabhängig: Denkt nur an die Leute, die "Seasons in the Sun" für ein fröhliches Sommerlied halten, oder zu "Luka" tanzen wollen. Aber damit zeigt sich auch: Interpretation - auch die Qualität (und damit die Relevanz) von Interpretation - ist abhängig vom Wissen des Interpretierenden. Und das ist der Grund, warum ich so viel lese ;-) Aber vor allem ist es der Grund dafür, warum ich beim Musikhören auf diese Unterschiede achte, zwischen subjektiv und objektiv, zwischen Sound und Gehalt, zwischem Geschmack und Qualität.

Wann also ist eine Rezension gut? Schwierige Frage. Sagen wir so: Ich selbst lese ja auch Rezensionen. Was mich daran am allerwenigsten interessiert, sind die Bewertungen. Die sind mir sogar vollkommen egal. Ein Stück weit müssen sie das sogar sein, weil sich die allerwenigsten Rezensenten in die Karten sehen lassen, in Bezug darauf, wie sie zu ihren Werturteilen kommen. Also ignoriere ich das und filtere die Beschreibung heraus. Je mehr Beschreibung dabei übrigbleibt, umso besser kann ich beurteilen, ob ich mir ein Album kaufen soll oder nicht. Wenn ich mir die Platte dann kaufe und mein Höreindruck sich mit der Beschreibung des Rezensenten deckt, dann war die Rezension gut.



Puh!

Also, ich persönlich höre in den letzten Jahren immer weniger nach Geschmack. Ich lausche einem ganzen Haufen Zeug, das mir gar nicht unbedingt gefällt (es muß ja nicht immer alles schön sein): Ruins, Doctor Nerve, Electrocution 250, Koenjihyakkei, solche Sachen. Bei der Beurteilung der Qualität von Musik dann sind in meinen Augen folgende Fragen wichtig (und ich schreibe das hier so ausführlich, weil es natürlich - in immer verschiedenen Kombinationen - auch in meine Rezensionen eingeht):
Welchem Genre/Subgenre ist die Musik zuzuordnen? Ist die Musik komplex oder eher simpel? Macht die Komplexität Sinn? Wichtig dabei: Ist dieser Eindruck eher produktionsbedingt oder sind die Kompositionen wirklich anspruchsvoll? Sind eventuelle Longtracks gut entwickelt oder einfach nur zusammengestückelt? Dominieren abwechslungsreiche oder krumme Rhythmen (5/8, 7/8, 11/8) und einfallsreiche Melodieführung? Oder ist alles relativ banal und schon (vielfach oder besser) dagewesen? Will die Band etwa wie irgendeine andere klingen, oder macht sie ein eigenständiges künstlerisches Statement? Ist die Qualität der Produktion professionell oder eher Marke Eigenbau? Wie ist die Komposition umgesetzt, gespielt? Von jedem einzelnen Musiker, aber auch von der Gruppe? Funktioniert das Zusammenspiel? Auch vier Vollprofis müssen nicht unbedingt eine funktionierende Band sein! Erreichen die Musiker ihr selbstgestecktes, eventuell sogar explizit formuliertes Ziel? Was ist mit dem Text? Ist er klug? Schlecht? Ein Schmarrn? Politisch? Religiös? Verständlich? Poetisch? Und dann ergibt sich sofort die Frage: Wie stimmen all diese Komponenten zusammen? Gibt es hie und da Übergewichte - etwa wenn ein hervorragender Text nicht zur banalen Musik passt, oder umgekehrt? Oder sind alle Teile schön ausgewogen (was dann auch wieder langweilig sein kann)? Und, nicht zuletzt: Verändert mich die Musik? Läßt sie mich anders zurück, als sie mich vorgefunden hat? Eröffnet sie eine neue Sichtweise auf Neues oder Altbekanntes?

All diese Kriterien liegen noch vor meinem persönlichen Geschmacksurteil - vielleicht mit Ausnahme der letzteren, die bereits einen Übergang markieren. Mein Geschmack ist aber eh' eher diffus und melodieorientiert - und das wäre mir dann doch ein bißchen zu einseitig. Sound interessiert mich dabei übrigens nur ganz am Rande. Es ist mir völlig wurscht, ob Streichquartett oder Metalband: laßt das Zeug, was derzeit in den Charts ist, von Rolf Zuckowski singen, und es werden perfekte Kinderlieder draus. Daß das keiner bemerkt (außer uns, natürlich), liegt nur daran, daß allgemein zuviel auf die Soundgestalt und zuwenig auf den Gehalt gehört wird. Aber natürlich kann man den gleichen Popsong nehmen, und ihn für Manowar, Madonna oder Zuckowski arrangieren, und er wird jedesmal authentisch und überzeugend klingen. Das geht aber eben nicht mit jeder Musik. Und die, bei der es nicht geht, finde ich interessant.

Wichtig ist für mich also vor allem die Frage: Verändert mich die Musik? Und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen ist sie ein guter Indikator für die eigene ästhetische Entwicklung: Bemerke ich, daß ich immer wieder zu ähnlichen Sachen greife, dann ist das vielleicht ein Kriterium dafür, daß ich nicht qualitätvoll genug höre: Denn wenn mich eine bestimmte Musik verändert, dann muß ich ja einen Schritt vorwärts machen, um wieder etwas zu finden, was mich weiter verändert, weil eine bestimmte Veränderung ja nicht wiederholbar ist. Ich brauche dann eine neue Musik mit einer anderen Qualität. So wird Musikhören zu einer persönlichen Entwicklung. Das bedeutet, und das ist die zweite Hinsicht: Vorsicht bei meinen älteren Rezensionen! ;-)

Alles in allem kann ich glaubich behaupten, daß ich Musik dann umso ernster nehmen kann (und das schließt humorige oder ironische Sachen ein), wenn man dahinter eine ernstgemeinte künstlerische Haltung spürt. Ein Musiker packt mich dann, wenn es ihm scheißegal ('tschuldigung, aber ich meine es nunmal gerade so) ist, ob ich mag, was er macht, weil er macht was er mag. Oder ob er Kohle verdient mit dem, was er tut. Das Ganze muß von einer künstlerischen Integrität zeugen, sonst finde ich es, naja, nicht unbedingt uninteressant, oder schlecht, das nun nicht, aber - das trifft es wohl am ehesten - belanglos.

Es war mir wichtig, diese grundlegenden Überlegungen mal loszuwerden. Hin und wieder kriegt man auf die eine oder andere Rezension hin Rückmeldungen - und ich freue mich über jede -, und oft entspinnt sich dann ein Gespräch, bzw. ein Gemail über genau diese Themen. Jetzt muß ich nicht immer wieder das gleiche schreiben... ;-)




An drei Dinge glaube ich ganz fest:

1. Daß jeder feststellen kann, ob es im Umkreis einer Brauerei nach Malz riecht - vorausgesetzt, er weiß, wie Malz riecht.

2. Daß die Mona Lisa auch dann noch ein großartiges Gemälde wäre, wenn sie im Keller hinge und jemand den Schlüssel weggeworfen hätte.

3. Daß es möglich ist, schlechte Platten zu machen.

Alles klar???



D. Mein schönstes Prog-Erlebnis waren die Begegnungen mit Steve Hackett (in einer Pizzeria, die Mittagspause (!) hatte) und Guildo Horn (an einer Tanke) am gleichen Tag. Hep Yadda! Das werd' ich so schnell nicht vergessen.

Mein - nicht mehr ganz so - aktueller Geheimtipp ist Hal Darling, ein amerikanischer Schlagzeuger, der zwei äußerst spannende Alben vorgelegt hat, die viel viel mehr Aufmerksamkeit verdienen, als ihnen gegönnt wird. "Darling" und "D2R" sind was für Leute, die auf ELPs "Toccata" oder auf Änglagard stehen.

Noch etwas weniger aktuell, aber leider immer noch genauso geheim ist die wunderbare Platte "Eros" von Dün, die fast so gut ist wie die gleichnamige Aktivität...




E. Zum Schluss noch etwas Werbung:

Ich rezensiere auf den BBS auch und gern Bücher, wer eine umfassende Bibliographie zum Progressive Rock sucht, kann gern mal auf meiner Website vorbeischauen:
www.progbibliography.de

Was? Progfans lesen nicht? Das ist doch wohl ein Gerücht! Tibor Kneif hat mal gesagt, die Musik von Gentle Giant könnte man ohne Musiktheorie überhaupt nicht verstehen, also: ran an die Bücher! Was? Über Musik schreiben ist wie über Architektur tanzen? Antiintellektuelle Propaganda! Warum sollte man nicht über Architektur tanzen! Außerdem gibt es Prog-Songs über Architektur, "Angkor Wat" von Yes zum Beispiel. Oder "Brutal Architecture" von den Rocket Scientists (ist das überhaupt noch Prog? Vermutlich nicht.). Und überhaupt: Wenn allein die Musik schon alles sagen würde, wären wir erstens alle der gleichen Meinung - und daß dem nicht so ist, dafür sind die Babyblauen Seiten das beste Beispiel - und zweitens bräuchten wir dann keine Musiker-Interviews, richtig? Es scheint also ein Kommunikationsbedürfnis über die Musik hinaus zu bestehen. Also: lesen! Aber Vorsicht: längerer Musikentzug kann ungeahnte Folgen haben!



Aktuelle Playlist


Pink Floyd - The early Years
King Crimson - On and off the Road
UK - Ultimate Collectors’ Edition box


Hier meine Top-Alben 2016 (in alphabetischer Reihenfolge):

Anderson/Stolt - Invention of Knowledge
An Endless Sporadic - Magic Machine
Animals As Leaders - The Madness of Many
A Sense of Gravity - Atrament
Axon-Neuron - Metamorphosis
Bent Knee - Say So
Car Bomb - Meta
Mike Keneally - Scambot 2
Vaults of Zin - Kadath
Watchtower - Concepts of Math: Book One
Obscura - Akróasis
Shamblemaths - Shamblemaths
SikTh - Opacities
John Zorn - 49 Acts of Unspeakable Depravity in the Abominable Life and Times of Gilles de Rais

All Time Top 10


Hier mach' ich gleich mal drei Listen - warum einfach, wenn's auch kompliziert geht. Also erstmal die Top 10 aus der ersten Reihe, die Inselalben:

Yes - Relayer
Gentle Giant - Octopus
King Crimson - The ConstruKction of Light
Jon Anderson - Olias of Sunhillow
Jethro Tull - A Passion Play
Refugee - Refugee
Magma - Mekanik Destruktiw Kommandöh
ELP - Tarkus
Isildurs Bane - MIND vol. 2
Platz 10: Italienischer Prog der 70er


So, und jetzt noch ein paar Platten "aus der zweiten Reihe", die ich nicht missen möchte, sozusagen meine Halbinselplatten (ohne besondere Reihenfolge):

Dün - Eros
Mirthrandir - For You The Old Woman
Yezda Urfa - Sacred Baboon
Cathedral - Stained Glass Stories
Hal Darling - D2R
Il Rovescio della Medaglia - Contaminazione
Greenslade - Greenslade
Gnidrolog - In spite of Harry's toenail
Banco del Mutuo Soccorso - Seguendo le Tracce
Isildurs Bane - Mind Vol. 2
Änglagard - Jedes Album
Doctor Nerve - Jedes Album
Miriodor - Jedes Album
Spock's Beard - V
Liquid Tension Experiment - Liquid Tension Experiment
Yugen - Labirinto d'acqua
Picchio Dal Pozzo - Abbiamo Tutti I Suoi Problemi
Kansas - Two for the Show


Viele BBS-Leser, die bei unserer Umfrage 2008 mitgemacht haben, wollten wissen, auf welche Prog-Subgenres wir stehen. Hier also meine Liste, angelehnt an unsere BBS-Stilkriterien:

Jazzrock/Fusion
Klassikrock/Adaptionen
Klassischer Prog
Moderne Klassik
Retroprog
RIO/Avant
Zappaeskes
Zeuhl

Oder kurz: Klassischer prog, Funprog a la Kansas/Spock's Beard und Abgefahrenes, am liebsten mit kreischenden Japanerinnen. Das Ganze gern auch improvisiert oder instrumental. Ausserdem stehe ich auf alternate oder early versions, weil einem das Einblick in die Entstehung der Stücke gibt - etwas, das der Künstler aus seinem Bild eines Songs ja nie ausblenden kann: So kann man seiner Sicht der Dinge etwas näherkommen.


Und hier kommen noch ein paar Non-Prog-Platten, die ich mag:

Khatchaturian - Suites
The James Bond Collection
Dimitri Schostakowitsch - Sonate für Violine, Cello und Klavier (Ma/Stern/Ax)
The complete musical work of Marcel Duchamp
Queen - Queen II, Innuendo
Huey Lewis and the News - Fore!, Small World
Boston - Walk on


Statistik

Lesestoff-Rezensionen:109
Glossar-Beiträge:4
 
Band-Bemerkungen:164
Album-Rezensionen:1016
Davon mit Wertung:916
Durchschnittswertung:9.76 (Alle Rezensenten: 9.87)

Wertungsverteilung


14%
Wertung 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 keine
Anzahl 11 16 15 22 26 42 58 67 96 132 141 133 107 32 18 100

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